Im Jahr 1969 überraschte Seiko mit einem innovativen Automatikchronographen
Seiko Chronographische Weltpremiere aus Japan

Vor 50 Jahre brachte das Seiko Automatikkaliber 6139B die weltweit erste Reibungskupplung für Chronographen.

Seiko Chronographische Weltpremiere aus Japan

Seikos Automatik-Chronograph war nicht nur der erste Rotor-aufgeladene Chronograph, sondern auch ein Uhrwerk, das Basis vieler weiterer Chronographenmodelle war

Die Konkurrenz aus Japan

„Aller guten Dinge sind drei“ pflegt ein altes Sprichwort zu sagen. Dies trifft auch auf das Wettrennen um den Bau des ersten Automatikchronographen zu.

Bereits Mitte der 1960-er Jahre suchten verschiedene Uhrenmarken dieses Rennen für sich zu gewinnen. Neben den Schweizer Konkurrenten Breitling, Heuer, Büren und Dubois-Dépraz auf der einen Seite und Zenith auf der anderen, kämpfte jedoch auch in Japan die Uhrenmarke Seiko mit den Herausforderungen dieses anspruchsvollen Projekts.
Der Ehrgeiz, das lange unbewältigte Problem endlich zu lösen, war in der Schweiz wie im Land der aufgehenden Sonne groß. Wann genau dann der Durchbruh erfolgte, ist schwer zu sagen. Unter den Projektnummern 6138 und 6139 erfolgte schließlich der Bau eines patentierten Automatikwerks mit integriertem Chronographen.

Auch die industrielle Fertigung ließ nicht lange auf sich warten. Und so startete nur zwei Jahre nach dem Startschuss für die Forschungs- und Entwicklungsarbeit die Produktion des Kalibers 6139B in Suwa, einer modernen Fabrik im japanischen Hinterland. Für den Selbstaufzug des Chronographen zeichnete ein Zentralrotor, für die Polarisierung der Rotorbewegungen und Energienachschub in beiden Drehrichtungen ein „Magic Lever“ verantwortlich.
Nach Vollaufzug lag die Gangautonomie bei beachtlichen rund 45 Stunden. Nicht zuletzt wegen dieser effizienten Automatik verzichtete Seiko auf die Möglichkeit, das Federhaus auch über die Krone zu spannen.

So funktioniert der “Magic Lever” Aufzug von Seiko. Er ermöglicht die beidseitige Nutzung der Rotorenergie.

https://www.youtube.com/watch?v=eN0uNhS3Vrg

Tradition und Innovation

Zu den Merkmalen dieses Automatik-Chronographen gehörten eine klassische Schaltradsteuerung, 30-Minuten-Zähler und eine Art Kupplung, welche in der Schweiz erst knapp zwanzig Jahre später zum Maß der zeitschreibenden Dinge geriet.
Räder und Schwingtrieb sucht man bei diesem Kaliber 6139 vergebens. Stattdessen setzte Seiko ganz zukunftsweisend auf eine vertikale Reibungskupplung. Selbige zeichnet sich nämlich durch deutlich geringeren Energiekonsum aus. Überdies entfällt der mit Zahnrad-Lösungen beinahe zwangsläufig einhergehende Startsprung des zentralen Chronographenzeigers.

Bei diesem japanischen innovativen Chronographen-Newcomer oszillierte die Unruh mit drei Hertz oder stündlich 21.600 Halbschwingungen. Somit stoppte das Uhrwerk auf die Sechstelsekunde genau. Schließlich verfügte der mechanische Mikrokosmos auch noch über Datums- und Wochentagsindikation mit Kronen-Schnellschaltung für beide Anzeigen. Letztgenannte lieferte Seiko mit Blick auf den Export gleich zweisprachig mit. Nach erstmaligem Einstellen entweder in Japanisch oder Englisch übersprang der Mechanismus fortan elegant die unerwünschte Sprache.
Bei einem Durchmesser von 27,4 Millimetern baute das Uhrwerk 6,65 Millimeter hoch. Ein sehr ziviler Wert.

Erste Exemplare des „Seiko 5 Speed Timer“ gelangten ab Mai 1969 zum Fachhandel. Der Verkauf startete im Juni 1969. Ein Jahr später, also 1970 folgte die Ausführung mit zusätzlichem 12-Stunden-Zähler, 6138 genannt. Gegenüber der Version 6138A zeichnet sich das 6138B durch eine modifizierte Schnellschaltung der kalendarischen Anzeigen aus.
Man mag es drehen und wenden wie man will, aber Seiko gebührt wohl die Siegerurkunde der Entwicklung eines Automatik-Chronographen in punkto Serienreife und Markteinführung.
Eine weitere Ehre wurde den Japanern ebenfalls zuteil: 1973/1974 begleitete einer dieser Zeit-Stopper den Astronauten Willam Reid Pogue auf seine Skylab-4-Mission. Damit handelt es sich auch um den ersten Automatik-Chronographen im Weltall.

Hinsichtlich der Produktionsdauer lässt Seiko folgendes verlauten: „Die Fertigung der Kaliber 6138 und 6139 währte bis zur Mitte der 1970-er Jahre.“ Andere Quellen sagen, dass die Produktion der Uhrwerke gegen 1979 endete. Aber dies ist nicht wirklich von Belang. 

Chronographische Neuzeit

Im Jahr 2009 blickte Seiko mit dem neue Kaliber 8R28 auf vierzig Jahre Erfahrung beim Bau von Automatikchronographen zurück. Zu seinen Merkmalen gehören weiterhin die klassische Schaltradsteuerung der zeitschreibenden Funktionen sowie eine vertikale Friktionskupplung. Weiter in Gebrauch ist auch heute noch der Rotor-Selbstaufzug mit Magic Lever.
Voll aufgewunden bewirkt die hauseigene Spron 510 Zugfeder eine Gangautonomie von mehr als 45 Stunden. Im Fall des Falles kann man das Werk auch von Hand aufziehen. Tribut an die Gegenwart ist die vier Hertz Unruhfrequenz, welche nun Achtelsekunden-Stoppungen erlaubt. Die Totalisatoren erfassen dabei Zeitintervalle von bis zu zwölf Stunden. Zu den Neuerungen des 28 Millimeter großen und 7,2 Millimeter hohen Kalibers mit 34 Steinen und springender Datumsanzeige gehört überdies eine 3-Punkt-Herzhebelnullstellung. Alles in allem braucht das Kaliber 8R29 zum Bau eines Uhrwerks  292 Komponenten.

 Kurzer Nachsatz

Interessanterweise misst die japanische Traditionsmanufaktur Ihren technisch durchaus wegweisenden Kalibern 6138 und 6139 selbst recht wenig Bedeutung zu. Diesen Sachverhalt unterstreicht eine umfassende, 2003 publizierte Firmenbiographie. Zum Inhalt gehört auch eine Tabelle mit den wichtigsten Meilensteinen in der Geschichte seit 1892. Dort verknüpft sich das Jahr 1969 zwar mit dem Debüt der „Astron“ als weltweit erster Quarz-Armbanduhr. Völlig unerwähnt bleibt hingegen der obenbeschriebene erste japanische Chronograph mit Selbstaufzug.
Woraus sich schließen lässt, dass die Uhren im Fernen Osten traditionsgemäß ein wenig anders gehen.

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