Unser Markenkosmos zum Uhrenhersteller
Audemars Piguet
Audemars Piguet zählt zu den bedeutendsten Schweizer Manufakturen der Haute Horlogerie. Das Unternehmen wurde 1875 von Jules Louis Audemars und Edward Auguste Piguet in Le Brassus im Vallée de Joux gegründet. 1881 formalisierten die beiden Uhrmacher ihre Zusammenarbeit unter dem Namen Audemars Piguet & Cie. Während Jules Louis Audemars vor allem für die technische Seite und die Entwicklung komplizierter Uhrwerke stand, kümmerte sich Edward Auguste Piguet verstärkt um kaufmännische Fragen und den Aufbau internationaler Kundenbeziehungen. Aus dem kleinen Atelier entwickelte sich eine weltweit bekannte Luxusuhrenmarke, deren Stammsitz bis heute in Le Brassus liegt.
Eine Besonderheit ist die bis heute bewahrte Unabhängigkeit. Audemars Piguet befindet sich weiterhin im Besitz der Nachfahren seiner Gründerfamilien und gilt als älteste Uhrenmanufaktur, die ohne Unterbrechung von den Familien ihrer Gründer kontrolliert wird. Vertreter der vierten Generation sind weiterhin im Verwaltungsrat aktiv. Die operative Leitung liegt seit 2024 bei Ilaria Resta. Das Unternehmen beschäftigt inzwischen annähernd 3.000 Menschen weltweit, davon rund 1.800 im Vallée de Joux. Trotz dieser Größe versteht sich Audemars Piguet als unabhängige Familienmanufaktur, die ihre Entscheidungen nicht an kurzfristigen Vorgaben eines börsennotierten Konzerns ausrichten muss.
Von Beginn an konzentrierte sich Audemars Piguet auf komplizierte mechanische Uhren. Bereits seit 1882 gehören Grandes Complications zum Programm. Eine solche Uhr kombiniert traditionell einen ewigen Kalender, einen Schleppzeigerchronographen und eine Minutenrepetition. 1892 entstand gemeinsam mit Louis Brandt & Frère, der späteren Omega, eine der ersten Armbanduhren mit Minutenrepetition. Zu den herausragenden historischen Arbeiten zählt außerdem die 1899 vollendete Taschenuhr „Universelle“. Ihr aus 1.168 Teilen bestehendes Werk umfasst 21 Funktionen und gehörte zu den kompliziertesten Uhren ihrer Epoche.
Auch bei Kalenderuhren spielte die Manufaktur eine wichtige Rolle. 1955 entstand in einer Serie von nur neun Exemplaren die erste Armbanduhr mit ewigem Kalender und sichtbarer Schaltjahresanzeige. Während der Quarzkrise setzte Audemars Piguet erneut auf anspruchsvolle Mechanik. Das 1978 vorgestellte, lediglich 3,95 Millimeter hohe Automatikkaliber 2120/2800 ermöglichte besonders flache Uhren mit ewigem Kalender. Diese Modelle trugen dazu bei, das Interesse an traditionellen Komplikationen in einer Zeit wiederzubeleben, in der viele Schweizer Hersteller auf Quarzwerke umstellten oder ganz vom Markt verschwanden.
Die berühmteste Uhr der Marke ist jedoch die Royal Oak. Audemars Piguet präsentierte sie am 15. April 1972 auf der Basler Uhrenmesse. Ihr Entwurf stammte von Gérald Genta, der die ungewöhnliche Luxussportuhr nach Vorgaben des damaligen Firmenchefs Georges Golay innerhalb einer Nacht skizzierte. Das 39 Millimeter große Stahlgehäuse besaß eine achteckige Lünette mit acht sichtbaren Sechskantschrauben, ein integriertes Metallband und ein guillochiertes „Petite Tapisserie“-Zifferblatt. Im Inneren arbeitete das besonders flache Automatikkaliber 2121. Die aufwendig von Hand bearbeitete Stahluhr kostete bei ihrer Einführung 3.300 Schweizer Franken und damit mehr als zahlreiche damalige Golduhren.
Entgegen einer häufig wiederholten Legende war die erste Royal Oak nicht über Jahre hinweg unverkäuflich. Die historischen Unterlagen von Audemars Piguet belegen, dass bereits 1973 mehr als 500 Exemplare ausgeliefert wurden und die Produktionszahlen anschließend weiter stiegen. Dennoch polarisierte die Verbindung aus Haute Horlogerie, sichtbarer Konstruktion und industriell wirkendem Stahlgehäuse erheblich. Die Royal Oak begründete eine neue Kategorie luxuriöser Sportuhren aus Stahl und wurde zum Vorbild für zahlreiche spätere Modelle anderer Hersteller. Zugleich entwickelte sie sich zum zentralen Design- und Umsatzträger von Audemars Piguet.
1993 übertrug der Designer Emmanuel Gueit die Royal-Oak-Idee in eine deutlich massivere Form. Die erste Royal Oak Offshore maß 42 Millimeter und war mehr als 14 Millimeter hoch – zu einer Zeit, als Herrenuhren meist einen Durchmesser von etwa 36 Millimetern besaßen. Das Modell mit Chronograph, sichtbaren Dichtungen und ausgeprägtem Flankenschutz erhielt deshalb den Spitznamen „The Beast“. Die Offshore war zunächst ebenso umstritten wie die ursprüngliche Royal Oak, erwies sich aber als wegweisend für den späteren Trend zu großen, sportlichen Luxusuhren. Hinzu kamen neue Materialien wie Titan, Keramik, Kautschuk und geschmiedetes Karbon.
Die experimentelle Royal Oak Concept treibt diese technische und gestalterische Entwicklung weiter. In ihr erprobt Audemars Piguet moderne Werkarchitekturen, leichte Materialien und komplizierte Funktionen wie Tourbillons, Schleppzeigerchronographen, GMT-Anzeigen oder Schlagwerke. Ein wichtiger Entwicklungsschwerpunkt ist die Supersonnerie-Technik. Dabei werden die Tonerzeugung und Resonanz einer Minutenrepetition so konstruiert, dass ein lauterer, klarerer und harmonischerer Klang entsteht. Die 2015 vorgestellte Versuchsuhr RD#1 war das Ergebnis einer achtjährigen Entwicklungsarbeit, an der unter anderem die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne beteiligt war.
Mit Code 11.59 by Audemars Piguet führte die Manufaktur 2019 erstmals seit vielen Jahren eine vollständig neue Hauptkollektion ein. Von vorn wirken die Modelle klassisch rund, in der Seitenansicht zeigt sich jedoch ein komplex aufgebautes Gehäuse mit achteckigem Mittelteil, offenen Bandanstößen und stark gewölbtem Saphirglas. Die Kollektion startete mit mehreren neu entwickelten Manufakturkalibern, darunter einem integrierten Automatikchronographen. Nach anfänglicher Kritik an den vergleichsweise zurückhaltenden Zifferblättern wurde die Linie gestalterisch und technisch kontinuierlich ausgebaut. Heute umfasst sie neben Automatikuhren und Chronographen auch Tourbillons, ewige Kalender, Minutenrepetitionen, Grande-Sonnerie-Modelle und die wandernde Stundenanzeige Starwheel.
Den technischen Höhepunkt der Code-11.59-Familie bildet die 2023 vorgestellte Universelle RD#4. Ihr Werk besteht aus 1.140 Komponenten und bietet 40 Funktionen, darunter 23 Komplikationen. Dazu gehören eine Grande Sonnerie, eine Minutenrepetition mit Supersonnerie-Technik, ein ewiger Kalender, ein Schleppzeigerchronograph und ein fliegendes Tourbillon. Trotz der komplexen Mechanik wurde besonderer Wert auf eine vergleichsweise einfache Bedienung gelegt. Die Universelle knüpft damit bewusst an die gleichnamige Taschenuhr von 1899 an und zeigt den anhaltenden Anspruch der Manufaktur, traditionelle Komplikationen technisch weiterzuentwickeln.
Zum aktuellen Programm gehören die Royal Oak, die Royal Oak Offshore, die Royal Oak Concept, Code 11.59 sowie die historisch inspirierte Reihe [RE]Master. In der Kollektion finden sich einfache Automatikuhren ebenso wie Chronographen, offene Werke, Tourbillons, ewige Kalender und hochkomplexe Schlagwerke. Audemars Piguet arbeitet mit Edelstahl und Edelmetallen, aber auch mit Titan, verschiedenfarbiger Keramik, Karbonwerkstoffen und Bulk Metallic Glass. Charakteristisch ist die aufwendige Oberflächenbearbeitung mit abwechselnd satinierten, polierten und anglierte Flächen. Besonders bei den Gehäusen und integrierten Armbändern der Royal Oak ist diese Finissage ein wesentlicher Teil der gestalterischen Wirkung.
Audemars Piguet verkauft seine Uhren zunehmend über eigene Boutiquen und sogenannte AP Houses. Diese verbinden Verkauf, Markenvermittlung und Veranstaltungen in einer wohnlicheren Umgebung. Aufgrund der geringen Produktionszahlen und der hohen Nachfrage sind insbesondere die begehrten Royal-Oak-Modelle nur eingeschränkt verfügbar. Die starke Abhängigkeit von dieser einen Modellfamilie bleibt zugleich Stärke und Herausforderung der Marke. Code 11.59 soll das Angebot verbreitern, ohne die gestalterische und wirtschaftliche Bedeutung der Royal Oak infrage zu stellen.
Heute steht Audemars Piguet für die Verbindung aus unabhängiger Familienführung, historischer Komplikationskompetenz und bewusst polarisierendem Design. Die Manufaktur hat nicht nur zahlreiche technisch anspruchsvolle Uhrwerke hervorgebracht, sondern mit der Royal Oak auch eine der einflussreichsten Armbanduhren des 20. Jahrhunderts geschaffen. Gerade der Wechsel zwischen traditioneller Uhrmacherei aus dem Vallée de Joux und experimentellen Gehäusen, Materialien und Anzeigen prägt die Identität der Marke – von den frühen Grandes Complications über die Royal Oak bis zur Universelle RD#4. Alle Modelle sind auch im Audemars Piguet Museum in Le Brassus zu sehen.
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