Unser Markenkosmos zum Uhrenhersteller

Hermès

Hermès gehört zu den ungewöhnlichsten Akteuren der heutigen Uhrenindustrie. Das 1837 gegründete Pariser Haus stammt weder aus Genf noch aus dem Schweizer Jura, sondern aus der Welt von Sätteln, Zaumzeug und hochwertiger Lederverarbeitung. Heute besitzt das weiterhin von der Gründerfamilie kontrollierte Unternehmen jedoch einen weitgehend vertikal integrierten Uhrenbereich in der Schweiz, eigene Kaliberkapazitäten und bemerkenswerte mechanische Komplikationen.

Dabei hat Hermès seinen ursprünglichen Zugang zur Uhr nie ganz aufgegeben: Nicht die Mechanik allein steht im Vordergrund, sondern die Gestaltung des gesamten Objekts. Gehäuse, Typografie, Zifferblatt, Lederband und mitunter sogar die Art, wie Zeit angezeigt wird, spielen eine ebenso große Rolle.

Von der Lederbearbeitung zur eigenen Uhrenmarke

Die Verbindung zur Uhrmacherei reicht weit zurück. Bereits 1912 fertigte Hermès für Jacqueline Hermès eine Lederhalterung, mit der sich eine Taschenuhr am Handgelenk tragen ließ. Später arbeitete das Haus mit renommierten Herstellern wie Jaeger-LeCoultre, Universal Genève oder Vacheron Constantin zusammen.

Die eigentliche Basis des heutigen Uhrenbereichs entstand 1978, als Jean-Louis Dumas in Biel die La Montre Hermès S.A. gründete. Im selben Jahr erschien mit der Hermès Arceau eine der bis heute wichtigsten Kollektionen.

Entworfen wurde sie von Henri d’Origny. Ihre asymmetrischen Bandanstöße erinnern an Steigbügel, die geneigten Ziffern vermitteln Bewegung. Schon hier zeigt sich ein typischer Hermès-Ansatz: Die Herkunft aus der Reiterei wird zitiert, ohne daraus ein nostalgisches Motiv zu machen.

Hermès Cape Cod und Heure H

1991 folgte die Cape Cod, ebenfalls von Henri d’Origny. Ihre Form basiert auf dem historischen Chaîne-d’Ancre-Motiv von Hermès. Später wurde insbesondere das doppelt um das Handgelenk gelegte Double-Tour-Lederband zu einem charakteristischen Merkmal.

1996 kam die von Philippe Mouquet entworfene Heure H hinzu. Ihr Gehäuse bildet den Buchstaben H. Beide Modelle zeigen, wie konsequent Hermès Design und Markenidentität auf die Uhr überträgt.

Der entscheidende Schritt: Vaucher Manufacture

Für eine dauerhafte Positionierung in der gehobenen Uhrmacherei reichte gutes Design allein jedoch nicht aus. Der entscheidende Schritt erfolgte 2006: La Montre Hermès erwarb 25 Prozent an der Vaucher Manufacture Fleurier.

Damit erhielt Hermès langfristigen Zugang zu hochwertigen mechanischen Werken und eigener Entwicklungskompetenz. Kaliber wie H1837, H1912 oder H1950 werden speziell für Hermès gefertigt, wobei die industrielle Basis eng mit Vaucher verbunden ist.

2012 erschienen die automatischen Kaliber H1837 und H1912. Das H1837 entwickelte sich zu einem zentralen Werk der Marke und kommt unter anderem in Arceau- und H08-Modellen zum Einsatz. Das kleinere H1912 findet sich beispielsweise in der Hermès Cut.

Eigene Zifferblätter und Gehäuse

Parallel baute Hermès die eigene Fertigung deutlich aus. 2012 übernahm das Unternehmen den Zifferblatthersteller Natéber, 2013 folgte der Gehäusehersteller Joseph Erard.

Heute fertigt Hermès Gehäuse und Zifferblätter weitgehend selbst, montiert seine Uhren in eigenen Schweizer Strukturen und produziert auch die Armbänder innerhalb der eigenen Organisation. Damit hat sich Hermès weit von jener Situation entfernt, in der ein Modehaus lediglich ein fremdes Uhrwerk in ein eigenes Gehäuse setzte.

Hermès Slim d’Hermès: Uhrmacherei mit Anspruch

Einen wichtigen Schritt markierte 2015 die Slim d’Hermès. Die betont flache Dresswatch wurde unter der Leitung von Philippe Delhotal entwickelt. Auffällig ist die eigens von dem Grafikdesigner Philippe Apeloig entworfene Typografie.

Im Inneren arbeitet das flache automatische Kaliber H1950 mit Mikrorotor, das auf einer Konstruktion von Vaucher basiert. Die Kollektion zeigte zugleich, dass Hermès inzwischen auch klassische Komplikationen beherrscht.

Die Slim d’Hermès Quantième Perpétuel kombiniert das H1950 mit ewigem Kalender, Mondphase und zweiter Zeitzone und gewann 2015 beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève den Preis für die beste Kalenderuhr.

Die etwas andere Haute Horlogerie

Besonders interessant wird Hermès dort, wo das Unternehmen nicht einfach klassische Schweizer Komplikationen wiederholt.

Ein gutes Beispiel ist die Arceau Le Temps Suspendu von 2011. Auf Knopfdruck verlassen Stunden- und Minutenzeiger ihre normale Zeitanzeige und springen in eine scheinbar beliebige Position. Das Werk läuft weiter. Beim erneuten Betätigen kehren die Zeiger zur korrekten Zeit zurück.

Entwickelt wurde die Mechanik gemeinsam mit Jean-Marc Wiederrecht und Agenhor. Die Uhr gewann 2011 beim GPHG den Preis für die beste Herrenuhr.

Ähnlich ungewöhnlich ist die Arceau L’Heure de la Lune von 2019. Zwei Anzeigen für Zeit und Datum kreisen über zwei feststehenden Monden und zeigen gleichzeitig die Mondphasen der nördlichen und südlichen Hemisphäre. Das Komplikationsmodul entstand mit Jean-François Mojon und Chronode.

Solche Modelle erklären die Position von Hermès besser als ein klassisches Tourbillon. Komplikationen dienen hier weniger der Demonstration maximaler technischer Komplexität als dem spielerischen Umgang mit Zeit.

Hermès H08: die sportliche Hermès

2021 kam mit der Hermès H08 eine deutlich sportlichere Kollektion hinzu. Ihr Gehäuse bewegt sich geometrisch zwischen Kreis, Quadrat und Kissenform. Titan, Keramik und Kautschuk unterstreichen die moderne Ausrichtung.

Als Antrieb dient in vielen Varianten das automatische H1837. Mit der H08 dringt Hermès stärker in jenes Segment moderner sportlicher Luxusuhren vor, das traditionell von klassischen Schweizer Marken geprägt wird.

Hermès Cut

Seit 2024 ergänzt die Hermès Cut das Programm. Auch hier steht die Geometrie im Mittelpunkt. Das 36 Millimeter große Gehäuse kombiniert runde Grundformen mit scharf definierten Flächen und einer ungewöhnlich bei etwa 1:30 Uhr positionierten Krone.

Angetrieben wird die mechanische Uhr vom automatischen Kaliber H1912. Stahl, Stahl-Gold-Kombinationen und farbige Kautschukbänder unterstreichen die sportlich-elegante Positionierung.

Apple Watch Hermès

Bemerkenswert technologieoffen zeigt sich Hermès auch außerhalb der Mechanik. Seit 2015 kooperiert die Maison mit Apple bei der Apple Watch Hermès. Die Modelle verbinden Apple-Technologie mit eigens gestalteten Hermès-Zifferblättern und -Armbändern.

Damit verfolgt Hermès eine andere Strategie als viele traditionelle Schweizer Luxusmarken. Mechanische Haute Horlogerie und Smartwatch werden nicht als Gegensätze behandelt, sondern als unterschiedliche Ausdrucksformen derselben Marke.

Ein ungewöhnlicher Uhrenhersteller

Die Uhrensparte ist im Vergleich zu Lederwaren und Mode zwar weiterhin ein kleiner Teil des Gesamtkonzerns, hat sich aber in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark weiterentwickelt.

Arceau, Cape Cod und Heure H stehen für die Designgeschichte. Slim d’Hermès, H08 und Cut markieren die jüngere Entwicklung. Die Beteiligung an Vaucher Manufacture Fleurier, eigene Gehäuse- und Zifferblattfertigung sowie Komplikationen wie Le Temps Suspendu und L’Heure de la Lune liefern dazu die uhrmacherische Substanz.

Weitere Informationen und Modelle finden Sie auf der Seite des Herstellers. 

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