Ein Pferd stand schon immer im Zentrum der Marke Hermès – schließlich begann das Pariser Haus als Sattlerei. Trotz des raschen Aufstiegs in exklusivste Sphären ist das Handwerk das Herz der Marke geblieben, und die equestrische Linie hat sie nie verlassen, mit charmanter Beharrlichkeit. Nun taucht sie in der Haute Horlogerie Hermès erneut auf, genauer gesagt, im Zifferblatt der komplizierten Hermès Arceau Cavalier en Formes.
Die Uhr sendet damit ein klares Signal der Bedeutung, die Hermès den Métiers d’Art beimisst – einem Feld, auf dem sich das Haus vom Leder-Mikromarketerie bis zur filigranen Cloisonné-Emailmalerei bewiesen hat. Bei den Watches & Wonders in diesem Jahr lag der Akzent zwar auf sportlichem Chic mit einer skelettierten Hermès H08, doch das Spektrum wurde zugleich erweitert um limitierte Kunstwerke für die betuchteren Kenner.

Haute Horlogerie Hermès
Kürzlich präsentierte die Schweizer Manufaktur das dekorative und zugleich architektonische Zifferblatt der Arceau Cavalier en Formes. Auf der geschwungenen Arceau-Gehäuseform als Leinwand steht eine gravierte Fassung aus Gelbgold inmitten kubistischer Farbblöcke von Gianpaolo Pagni, deren Reiterfigur sich scheinbar in Kreise und Quadrate auflöst. Der Künstler ließ sich von einer equestrischen Lithografie aus der Sammlung von Émile Hermès inspirieren, behielt jedoch nur das Pferd bei und komponierte die Reiterfigur als geometrisches Motiv neu.
Die gesamte Komposition schwebt über einem kunstvollen Tourbillon und erhält durch ein Minutenrepetitionswerk ihre Stimme. Das feine Räderwerk des Tourbillons konkurriert dabei mit dem Zusammenspiel aus handgravierten Edelmetallen und Miniaturmalerei – beide wiederum übertrumpft vom Schlag der Repetition.


Hermes Arceau Cavalier en Formes
Das handaufgezogene Kaliber H1924 sitzt in einem 43-mm-Weißgoldgehäuse, und Hermès wird nur sechs Exemplare fertigen, nicht eines mehr. Es ist die Art von Objekt, die man sich von Hermès noch vor nicht allzu langer Zeit kaum hätte vorstellen können – und genau diese Unwahrscheinlichkeit ist der Punkt.
Denn den größten Teil seiner Geschichte als Uhrenhersteller wurde Hermès eher als Haus verstanden, das feine Uhren in Auftrag gab, denn als eines, das sie selbst baute. Diese Lesart ist inzwischen überholt. In den vergangenen achtzehn Jahren hat Kreativdirektor Philippe Delhotal die Architektur einer echten Manufaktur realisiert – und mit ihr unsere Wahrnehmung der Marke verändert. Hierfür wurden Werkskompetenz, Gehäusefertigung und Zifferblattkunst ins Haus geholt. Dazu existiert das enorme Wissen der Lederateliers – es macht das große H einzigartig. Und es unterstreicht zugleich die enge Verwobenheit der Schweizer Uhrenmanufaktur mit dem französischen Modehaus.


Die Stationen von Hèrmes auf dem Weg zur Haute Horlogerie
Vor ein paar Wochen, im Gespräch mit Kreativdirektor Delhotal, konnte er mühelos jene Uhren benennen, die das Ansehen der Marke verändert haben. Die erste war Hèrmes Le Temps Suspendu im Jahr 2011. „Die Leute begannen, uns als Uhrmacher wahrzunehmen“, sagte er lächelnd, „mit einer Komplikation, die völlig unkonventionell ist. Denn, denkt man darüber nach, klingt es geradezu verrückt, die Zeit anzuhalten.“
Es folgte 2019 Hermès L’Heure de la Lune, eine Mondphase, aus ihrem gewohnten kleinen Fenster befreit und ins Zentrum des Zifferblatts gerückt – eine Uhr, die er noch heute selbst trägt. (Unseren Bericht über die Uhr finden Sie hier.)
Dann, 2021, kam die H08, und mit ihr eine ganz andere Art der Wahrnehmung.
Heute, mit einer Kollektion, die vom Verspielten bis zum ernsthaft Komplizierten reicht, konkurrieren Sportuhren wie die Hermès H08-Linie um die Aufmerksamkeit von Modebewussten wie von ernsthaften Sammlern gleichermaßen. Letztere Gruppe ist allerdings eine deutlich jüngere Ergänzung der Zielgruppe der Marke. Sie ist eine wachsende Käuferschicht, die dafür sorgt, dass Hermès Horloger auf der horologischen Rangleiter exponentiell nach oben klettert.
Eine Uhr wie die Cavalier en Formes, die Gravur, Miniaturmalerei und ein schlagendes Komplikationswerk übereinanderlegt, zeigt, wie das nicht mehr ferne Ende dieses Aufstiegs aussieht.



Hermès Métier d‘Art
Die Hinwendung zu den Métiers d’Art lässt sich von Philippe Delhotal auf den Tag genau datieren. 2016 betrat er die Werkstatt mit zwei Zeichnungen und einer Aufgabe im Gepäck: Er wollte Leder im Zifferblatt sehen, passend zu einem Haus, das auf Leder gebaut ist. Das unerwartete Ergebnis war Marketerie – eine Technik, entlehnt aus Möbelbau und Strohflechterei, nun in einem Uhrenzifferblatt umgesetzt.
Die Hèrmes Arceau Cavales debütierte 2017, und ein Jahr später gewann die Hèrmes Robe du Soir mit ihrem Ledermosaik den GPHG-Preis für künstlerisches Handwerk. Alles wurde im eigenen Haus entwickelt und gefertigt, ein Punkt, auf den er mit sichtlichem Stolz zurückkommt. Das dekorative Zifferblatt der Cavalier en Formes, graviert und handbemalt auf und unter Saphirglas, ist der direkte Nachfahre jenes Auftrags.

Trend
Interessant ist, wie bewusst Hermès diversifiziert hat. Die klassische Kollektion löste ein Problem, das die dekorative Arbeit nicht lösen konnte: Hermès hatte schlicht keine Sportuhr und kaum Präsenz unter männlichen Käufern. Die H08 wurde gebaut, um das zu ändern – konzipiert, wie Delhotal es formuliert, „um ein maskulineres Segment zu erreichen und in dieser Branche wirklich eine Rolle für männliche Kunden zu spielen.“
Dabei verweigerte er sich der in der Branche üblichen Redimensionierung für Frauen, lehnte es ab, dieses Modell einfach zu verkleinern und mit Diamanten zu behängen, und entwickelte stattdessen mit der Hermès Cut eine eigenständige Linie.
Bei einer Preview in Tokio Ende 2023 griffen die Männer im Raum dann nach einer Uhr, die er – eigentlich Frauen im Sinn – entworfen hatte, und legten sie sich direkt ans Handgelenk. Sehr zur Überraschung Delhotals, aber es war auch eine Bestätigung des wachsenden Trends zu kleineren, eleganteren Uhren am männlichen Handgelenk.

Hermès Vision der Haute Horlogerie
Diese Uhren brachten Hermès ein jüngeres, breiteres Publikum, gleichermaßen angezogen vom erschwinglichen Preis wie von der offensichtlichen Verspieltheit des Designs. Die Cavalier en Formes steht am entgegengesetzten Pol. Sie ist selten und leise virtuos, und die Distanz zwischen beiden Polen markiert genau die Spannweite, die Hermès heute abdeckt. Was sie verbindet, ist die Weigerung, die Uhr nur als Instrument zu begreifen. Das Lift-Tourbillon etwa trägt bei sechs Uhr das „doppelte H“ des historischen Aufzugs im 24 Faubourg Saint-Honoré.
So wird die Zeit gemessen und dann leise und persönlich als Zeitmesser umgesetzt. Für ein Haus, das es wagt, die Stunden anzuhalten und einen Mond in der Zifferblattmitte zu verstecken, ist ein über einem Tourbillon galoppierendes Pferd deshalb kein Wagnis oder Bruch mit der Linie. Es ist die pure Vorstellung – zur Vollendung gebracht.

Hermès Arceau Cavalier en Formes
Datenblatt
| Komplikationen | Fliegendes Tourbillon („Lift-Tourbillon“) mit Doppel-H-Motiv, Minutenrepetition (Stunden, Viertelstunden, Minuten) |
| Gehäuseform | 43 mm, 18 Karat Weißgold |
| Glas | Saphirglas, beidseitig entspiegelt |
| Gehäuseboden | Verglaster Saphirboden |
| Wasserdichtigkeit | 3 bar, ca. 30 Meter |
| Bedienelement | Seitliche Auslösung der Minutenrepetition |
| Kaliber | Handaufzugs-Manufaktur-Kaliber H1924 |
| Werksdurchmesser | 30 mm |
| Werkshöhe | 6,1 mm |
| Frequenz | 21.600 Halbschwingungen/Std. (3 Hz) |
| Gangreserve | 90 Stunden |
| Veredelung | Dunkel rhodinierte Brücken mit Genfer Streifenschliff, polierte Fasen, schwarzpolierte Repetitionshämmer, Federhausbrücke in Form zweier Pferdeköpfe |
| Armband | Alligatorleder „Bleu Abysse“ |
| Schließe | Weißgold |
| Referenz | 408601WW00 |
| Preis | ca. 390.000 Euro / auf Nachfrage |
| Limitierung | 6 Exemplare weltweit |






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