Drei Jahrzehnte Mühle-Glashütte am Handgelenk
30 Jahre Armbanduhrenfertigung liefern Mühle-Glashütte den Anlass zu einer aus mehreren Elementen bestehenden Rückschau. Alle Uhrwerke jener Mühle-Zeitmesser, welche die in diesem Jahr auf den Markt gelangen, erhalten daher einen exklusiven Sonderrotor. Er trägt die Aufschrift Drei Jahrzehnte Armbanduhren. Damit beschränkt sich der geschichtsträchtige Hinweis nicht nur auf eine einzelne Sonderedition. Vielmehr zeichnet er sämtlichen Neuheiten des Jahres aus.

Darüber hinaus rückt Mühle-Glashütte Monat für Monat einen früheren Zeitmesser ins Rampenlicht, welcher besondere Bedeutung für die Entwicklung der Kollektion besitzt. Im Juli 2026 fällt diese Rolle der Robert Mühle Mondphase aus dem Jahr 2019 zu. Bei dieser inzwischen selten gewordenen Armbanduhr handelt es sich nicht nur um ein historisches Schaustück. Einzelne Exemplare lassen sich tatsächlich auf persönliche Anfrage noch käuflich erwerben. Die Preise sind nicht bekannt. Was die verschiedenen Ausführungen vor sieben Jahren kosteten, lässt sich später nachlesen.

Drei Jahrzehnten Mühle-Armbanduhren widmet sich schließlich auch noch eine spezielle Publikation. Aus jedem der 30 Jahre wird sie mindestens ein bemerkenswertes Modell vorstellen. Weil es selten eine Regel ohne Ausnahme gibt, sticht hier das Jahr 1997 heraus, in dem Mühle-Glashütte keine neue Armbanduhr präsentierte. Den Höhepunkt der 2026er Jubiläumsaktivitäten bildet schließlich eine besondere Sonderedition auf Basis eines historischen Modells.

Präzises Messen seit 1869
Am Anfang der Familiengeschichte standen freilich keine Armbanduhren. Robert Mühle gründete 1869 in Glashütte eine feinmechanische Werkstatt. Deren Geschäftszweck bestand zunächst in der Entwicklung und Fertigung präziser Messinstrumente für die heimische Uhrenindustrie und die Glashütter Uhrmacherschule. Seine Söhne Paul, Alfred und Max Mühle erweiterten das Tätigkeitsfeld später um Auto-Borduhren, Tachometer und Drehzahlmesser. Zu den Kunden gehörten renommierte Hersteller wie BMW, DKW, Horch und Maybach.

Zwei Enteignungen, die Verstaatlichung des Familienbetriebs und seine Eingliederung in den VEB Glashütter Uhrenbetriebe unterbrachen zwar die unternehmerische Selbstständigkeit, nicht jedoch die Beschäftigung mit dem präzisen Messen.
Nach der deutschen Wiedervereinigung gründete Hans-Jürgen Mühle das Unternehmen im Jahr 1994 unter dem Namen Mühle-Glashütte GmbH nautische Instrumente und Feinmechanik neu. Zur ersten Mannschaft gehörten lediglich vier Personen. Marinechronometer, Schiffsuhren, Barometer, Hygrometer und komplexe Uhrenanlagen für Schiffe bildeten zunächst das wirtschaftliche Fundament

Von der Werft ans Handgelenk
Der Weg zur Armbanduhr begann 1995 mit der Anfrage einer Werft. Sie suchte einen gleichermaßen robusten wie wasserfesten Zeitmesser zur Ausrüstung eines Schiffs. Aus diesem zunächst namenlosen Zeitmesser entstand die an Herren adressierte Sporttaucher-Uhr. 1996 folgten mit ihr und der Marinefliegeruhr I die ersten frei verkäuflichen Mühle-Armbanduhren. Dieses Duo definierte wesentliche Merkmale der späteren Kollektion: klare, sofort erfassbare Zeitanzeige, robuste Gehäuse, zuverlässige Technik und sachliche Gestaltung ohne überflüssige Dekoration. Was zunächst als Ergänzung zu den nautischen Instrumenten gedacht war, entwickelte sich rasch zur tragenden Säule des Unternehmens. Mühle-Glashütte blieb der maritimen Herkunft dennoch eng verbunden.

Besonders konsequent verkörpert der 2002 vorgestellte S.A.R. Rescue-Timer diese Haltung. Seine Entwicklung basierte auf neun Monate dauernden Gesprächen mit den Vormännern der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Bei der Gestaltung ging es nicht um modische Effekte, sondern um konkrete Anforderungen aus dem Einsatzalltag auf Nord- und Ostsee. Das vier Millimeter starke Saphirglas, die bis 100 bar druckfeste Gehäusekonstruktion und die bei „4“ angeordnete Krone folgen diesem funktionalen Ansatz. Letztere kann sich beim Abwinkeln der Hand nicht störend in den Handrücken bohren. Seit 2002 befinden sich zahlreiche Exemplare auf den Seenotrettungskreuzern im Dauereinsatz und damit zugleich in einem permanenten Praxistest. Rückmeldungen der Besatzungen fließen bei Bedarf in die Weiterentwicklung ein.
Neben den nautischen und sportlichen Modellen generierte Mühle auch eine klassischere Facette. Die Teutonia-Linie steht für traditionelle Eleganz, ohne die markentypische Klarheit aufzugeben. Dazu gesellten sich im Lauf der Jahre unter anderem die Familien 29er, Terrasport, Sea-Timer, Lunova und Panova.

Eine Krise als technischer Wendepunkt
Besagte drei Jahrzehnte verliefen keineswegs ohne Rückschläge. Eine juristische Auseinandersetzung um die notwendige Wertschöpfung für die Herkunftsbezeichnung Glashütte und die damit verbundenen finanziellen Rückstellungen führten 2007 zur Insolvenz wegen drohender Überschuldung. Aber Thilo Mühle führte den Geschäftsbetrieb unverdrossen weiter. Bereits im März 2008 endete das Verfahren. Die einschneidende Erfahrung beschleunigte den Ausbau der eigenen Fertigung. Platinen, Brücken, Kloben und Rotoren entstehen zunehmend im eigenen Haus. Auch zugekaufte Schweizer Basiswerke erfahren im Müglitztal tiefgreifende technische und gestalterische Überarbeitung und Aufwertung

Zum charakteristischen Merkmal avancierte die patentierte Spechthalsregulierung. Im Unterschied zum bekannten Schwanenhals fixiert sie den Rückerzeiger nicht nur in horizontaler, sondern auch in vertikaler Richtung. Stöße sollen dadurch die einmal gefundene Position und damit die Reglage nicht beeinträchtigen. Diese konstruktive Lösung passt zu Uhren, welche teilweise erheblichen Belastungen standhalten müssen.
Für die Regulierung mechanischer Werke hat sich Mühle ebenfalls eine eigene Norm auferlegt. Sie erfolgt in sechs Lagen so, dass die Uhren innerhalb von 24 Stunden ausschließlich vorgehen, höchstens jedoch acht Sekunden.

Aufbruch zur eigenen Manufaktur
Seit 2011 dokumentieren eigene Kaliber den gewachsenen Manufakturanspruch. Den Anfang machte das selbst konstruierte Handaufzugswerk MU 9411. Einen nochmals größeren Schritt vollzog Mühle-Glashütte 2014 mit der Manufakturlinie R. Mühle & Sohn. Ihr Name erinnert an Robert Mühle und damit an den Gründer des Familienunternehmens. In ihrer Werktechnik orientieren sich die zum damaligen Doppeljubiläum vorgestellten Handaufzugskaliber RMK 01 und RMK 02 logischerweise an den Prinzipien klassischer Glashütter Uhrmacherei.


Zu den Merkmalen gehörten eine Dreifünftelplatine, drei verschraubte Goldchatons, das Glashütter Langlochgesperr, ein separater Kloben zur Lagerung des Ankerrads sowie ein von Hand gravierter Unruhkloben. Bei der Feinregulierung blieb Mühle der eigenen Spechthals-Konstruktion treu.
Das 36,6 Millimeter große Kaliber RMK 01 erhielt zudem eine Auf/Ab-Anzeige. Der retrograde Mechanismus besteht aus 25 Komponenten und gibt Auskunft über die verbliebene Gangautonomie. Nach vollständigem Aufzug stehen 56 Stunden zur Verfügung. Die Bezeichnungen „Auf“ und „Ab“ an den Enden der rund 300 Grad umfassenden Skala greifen eine traditionelle Glashütter Form der Gangreserveanzeige auf. In Stahl kostete die Robert Mühle Auf/Ab 6.900 Euro, in Gold 16.000 Euro. Mit 4.500 Euro schlug die Robert Mühle Kleine Sekunde zu Buche.

2016 folgte mit dem RMK 03 das hauseigene Zeigerdatum. Für ein Handaufzugswerk benötigten die Handwerker insgesamt 180 Bauteile. In Stahl rief Mühle dafür 7.500 Euro auf. Die Manufakturlinie entwickelte sich damit nicht durch den Zukauf fertiger Komplikationen, sondern durch schrittweise unter dem eigenen Dach konstruierte und hergestellte Module weiter.

Robert Mühle Mondphase als Schlussstein
Ihren Höhepunkt und zugleich ihre Vollendung fand die Uhrenlinie R. Mühle & Sohn 2019 in der Robert Mühle Mondphase. Das Modell verbindet drei hauseigene Mühle-Konstruktionen: die Auf/Ab-Anzeige von 2014, das Zeigerdatum von 2016 und die neue Mondphasenindikation.

Das hierfür entwickelte Handaufzugskaliber RMK 04 besteht aus 202 Komponenten, darunter 36 funktionale Steine. Mit drei Hertz oszilliert die Unruh. Nach manuellem Vollaufzug stehen 56 Stunden Gangautonomie zur Verfügung. Ein Sekundenstopp ermöglicht das genaue Einstellen der Uhrzeit. Datum und Mondphase lassen sich über separate Drücker korrigieren.

Von Innovation und Präzisionsdenken zeugt die konstruktive Ausführung der Mondphasenanzeige. Nicht der bleiche Erdtrabant bewegt sich vor einem unveränderlichen Himmelsausschnitt. Stattdessen wandern zwei kreisrunde, den Sternenhimmel tragende Schattenscheiben über das Mondbild. Das aus 22 Teilen bestehende Modul arbeitet so präzise, dass sie erst nach 122 Jahren eine manuelle Korrektur um einen Tag bedingt.

Schutz für das Kaliber RMK 04 bietet ein 42 Millimeter großes Gehäuse. Die Edition umfasste 25 Exemplare in Platin mit blauem Zifferblatt (25.000 Euro), ebenso viele in Rotgold (18.500 Euro) und 100 Stück in Edelstahl mit blauen Zeigern zu 8.500 Euro. Macht zusammen 150 Exemplare. Sichtboden ist in jedem Fall Ehrensache, ebenso ein aufwendig gestaltetes Etui.


Kontinuität in sechster Generation
Heute führt Thilo Mühle das Unternehmen in fünfter Generation. Seit 2024 unterstützt ihn die nächste Generation auf Geschäftsleitungsebene. Tochter Fanny verantwortet Vertrieb und Kundenbetreuung, Sohn Dustin leitet die Fertigung und die Manufaktur.
Drei Jahrzehnte Mühle-Armbanduhren erzählen damit mehr als die Geschichte einer Kollektion. Sie dokumentieren den Weg vom nautischen Spezialisten zu einer unabhängigen Glashütter Uhrenmanufaktur. Trotz aller Erweiterungen blieb das grundlegende Selbstverständnis unverändert: Eine Mühle-Uhr soll präzise, robust, zuverlässig und auf den ersten Blick ablesbar sein.

Die Robert Mühle Mondphase demonstriert, dass diese funktionale Haltung anspruchsvoller Manufakturmechanik keineswegs entgegensteht. Vielmehr verbindet sie die Welt des präzisen Messens, mit der 1869 alles begann, mit mechanischer Feinuhrmacherei der Gegenwart. Mehr zur Mühle-Glashütte-Geschichte gibt es direkt beim Hersteller.








Es ist bemerkenswert was die Familie Mühle aus eigener Kraft hier geschaffen. Dabei ist man unabhängig geblieben. Kein Konzern redet da rein. Man hört aber aufmerksam auf die Wünsche der Kunden, das ist gut so.