Wer verstehen möchte, warum Parmigiani Fleurier etwas anders tickt als andere Uhrenmarken, sollte weniger auf marketing-gesättigte Markenbeschreibungen und mehr auf die Biografie ihres Gründers schauen. Denn Michel Parmigiani war Restaurator, bevor er 1996 seine eigene Uhrenmanufaktur gründete. Allerdings kein Restaurator gewöhnlicher Taschen- oder Armbanduhren, sondern ein weltweit angesehener Spezialist für einige der anspruchsvollsten historischen Uhren, Automaten und mechanischen Kunstobjekte überhaupt.
Genau dieser Seite des Unternehmens widmet Parmigiani Fleurier zum 30-jährigen Bestehen die Ausstellung Parmigiani Fleurier Mechanical Wonders in Tokio. Vom 19. bis 24. September 2026 werden in der 21_21 DESIGN SIGHT GALLERY 3 historische Meisterwerke der Maurice Sandoz Collection gemeinsam mit aktuellen Kreationen der Manufaktur gezeigt. Jedes dieser historisch bedeutsamen Objekte wird von der Fondation Édouard et Maurice Sandoz bewahrt und wurde von Michel Parmigiani beziehungsweise dem Restaurierungsatelier der Manufaktur restauriert.



Michel Parmigianis eigentliche Uhrmacherschule
Um die Komplexität dieser Arbeiten zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass für viele dieser mechanischen Kunstwerke keine vollständigen Zeichnungen oder technischen Anleitungen mehr zur Verfügung standen. Um sie wieder zum Laufen zu bringen, musste Michel Parmigiani ihre Konstruktion in einer Art Reverse Engineering entschlüsseln: von der sichtbaren Funktion oder Komplikation über das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten bis hin zur ursprünglichen konstruktiven Idee. Erst wenn die Konstruktion verstanden war, konnten beschädigte Teile restauriert oder – wo unumgänglich – fehlende Komponenten originalgetreu rekonstruiert werden.
Dabei stellen sich Fragen, die ein tiefes Verständnis mechanischer Uhrwerke verlangen: Wie wird die Energie übertragen? Wie reagieren Bauteile auf Belastungen? Wie und wo entstehen Klang und Bewegung? Und wie erreicht eine Konstruktion die notwendige mechanische Balance?
Gerade bei komplexen Automaten und komplizierten historischen Uhrwerken gibt es dafür häufig keine erhaltene Anleitung. Der Restaurator muss nachvollziehen, welche Lösung ein Uhrmacher vor vielleicht 200 Jahren gewählt hat – und vor allem, warum er sie gewählt hat.
Diese Art des technischen Denkens prägt Michel Parmigiani bis heute. Restaurierung, Konstruktion und Innovation sind für Parmigiani Fleurier deshalb keine voneinander getrennten Disziplinen. Das bei der Beschäftigung mit historischen Mechanismen erworbene Wissen fließt vielmehr in die Entwicklung neuer Kaliber und Komplikationen ein.
Bildrechte aller 6 gezeigten Ausstellungsstücke: © FEMS Pully Photo Renaud Sterchi / Parmigiani Fleurier



Parmigiani Fleurier Mechanical Wonders: Von Raupen, Fröschen und einer raffinierten Parfumflasche
Wie spektakulär solch historische Stücke und ihre komplexe Mechanik sein können, zeigt bereits eine Sektor-Anzeigeuhr von Perrin Frères aus dem frühen 19. Jahrhundert. Die Stunden erscheinen einzeln in Emailkartuschen, die Minuten auf einer gebogenen Sektorskala. Hinzu kommen zwei getrennte Räderwerke sowie eine Viertelrepetition auf zwei Tonfedern. Anzeige, Gehäuse und Mechanik wurden dabei als Einheit gedacht – und das vor rund 200 Jahren.
Noch anschaulicher wird die Sache bei einer lediglich 76,5 Millimeter langen goldenen Raupe. Elf miteinander verbundene Segmente werden durch ein Räderwerk so bewegt, dass tatsächlich der Eindruck einer kriechenden Raupe entsteht. Das gerade einmal 20 Gramm schwere Objekt wird Henry Maillardet oder Piguet & Capt zugeschrieben.
Und dann wäre da noch der Automaten-Frosch. Sein Mechanismus lässt das Tier nicht nur vorwärtskriechen, sondern auch quaken. Sechs unterschiedlich schwere Hämmer erzeugen den Laut, Nocken und gezahnte Räder koordinieren dazu Beine und Körper. Selbst die Pausen zwischen den einzelnen Lauten werden mechanisch berücksichtigt. Man kann also durchaus sagen: Dieser Frosch besitzt mehr mechanische Funktionen als so manche moderne Armbanduhr.
Ein weiteres Glanzstück ist eine 190 Millimeter hohe Parfumflasche mit Uhr, Automat und Carillon. Fünf Hämmer schlagen fünf Glocken und spielen zwei Melodien. Parallel dazu setzt die Mechanik eine kleine Szenerie in Bewegung: Eine Spinnerin arbeitet an ihrem Rad, ein Hund beugt sich zum Wasser, ein gedrehter Kristallstab erzeugt die Illusion eines fließenden Brunnens. Uhr, Musikautomat und mechanisches Theater in einem – Langeweile war offensichtlich auch im frühen 19. Jahrhundert keine Option.



Von Louis-Elisée Piguet zum Carillon Tourbillon
Wie aus Restaurierung moderne Uhrmacherei wird, zeigt die Ausstellung mit der La Rose Carrée besonders schön. In ihrem Inneren arbeitet ein Grande-Sonnerie- und Minutenrepetitionswerk von Louis-Elisée Piguet aus der Zeit zwischen etwa 1898 und 1904. Michel Parmigiani erwarb das Kaliber Ende der 1990er-Jahre. Zum 25-jährigen Markenjubiläum wurde es restauriert und in eine völlig neu geschaffene 64-Millimeter-Taschenuhr aus Weißgold mit Gravuren und transluzidem Grand-Feu-Email integriert. Wir hatten die Uhr hier auf Uhrenkosmos.com bereits vorgestellt.
Noch unmittelbarer wird dieser Wissenstransfer beim Carillon Tourbillon 2026. Ausgangspunkt war eine historische Perrin-Frères-Taschenuhr aus der Sandoz Collection, die in den Parmigiani-Ateliers bereits im Jahr 2000 restauriert wurde. Besonders deren ungewöhnlich geschwungene Tonfedern lieferten Erkenntnisse über Resonanz, Energieübertragung und Klang.
Das neue Handaufzugskaliber PF950 besteht aus 456 Komponenten. Es kombiniert eine Vier-Tonfedern-Minutenrepetition mit einem 60-Sekunden-Tourbillon und mindestens zehn Tagen Gangreserve. Zwei Federhäuser versorgen das eigentliche Uhrwerk, ein drittes liefert die Energie ausschließlich für das Schlagwerk. Gefertigt werden lediglich fünf Exemplare.
Damit zeigt die Ausstellung Parmigiani Fleurier Mechanical Wonders ziemlich genau, was die technische DNA von Parmigiani Fleurier ausmacht. Michel Parmigiani hat komplizierte Uhrmacherei nicht nur konstruiert, sondern über Jahrzehnte auseinandergenommen, analysiert und wieder zum Leben erweckt. Das ist eine Form von Kompetenz, die sich schwer in einem Werbeslogan unterbringen lässt. In einer Ausstellung funktioniert sie deutlich besser

Parmigiani Fleurier Mechanical Wonders – die wichtigsten Informationen
- Ausstellung: Mechanical Wonders
- Anlass: 30 Jahre Parmigiani Fleurier
- Zeitraum: 19. bis 24. September 2026
- Ort: 21_21 DESIGN SIGHT GALLERY 3, Tokio, Japan
- Schwerpunkt: Historische mechanische Meisterwerke der Maurice Sandoz Collection und zeitgenössische Kreationen von Parmigiani Fleurier
- Historische Exponate: überwiegend frühes 19. Jahrhundert, darunter Taschenuhren, Automaten und mechanische Kunstobjekte
- Besondere Stücke: Perrin Frères Sector Display Watch, Ethiopian Gold Caterpillar, Automaton Frog, Parfumflasche mit Uhr, Automat und Carillon, Singing Bird Cane Handle, La Rose Carrée sowie der Carillon Tourbillon 2026
- Sammlung: Fondation Édouard et Maurice Sandoz
- Besonderheit: Die historischen Stücke sind nur selten öffentlich zugänglich; die Ausstellung ist erstmals in dieser Form in Japan zu sehen.
Ausstellungsstücke Mechanical Wonders
Daten und Informationen
SEKTOR-ANZEIGEUHR VON PERRIN FRÈRES
Herkunft: Schweiz
Hersteller: Perrin Frères
Zeit: frühes 19. Jahrhundert
Gesamtmaße: H. 82 mm; Ø 60 mm; T. 15 mm
Maße des Uhrwerks: Ø 55,3 mm; T. 8,5 mm
Gewicht: 113 g
ÄTHIOPISCHE GOLDRAUPE
Herkunft: Schweiz oder England
Hersteller: Henry Maillardet, London, zugeschrieben, oder Piguet & Capt, Genf
Zeit: frühes 19. Jahrhundert
Gesamtmaße: L. 76,5 mm; Ø max. 15 mm
Gewicht: 20 g
Provenienz: Berry Ltd, London; vermutlich aus der ehemaligen Sammlung Bernard Franck
AUTOMATON-FROSCH
Herkunft: Schweiz
Hersteller: Unbekannt
Zeit: frühes 19. Jahrhundert
Gesamtmaße: L. 60 mm; B. 50 mm; T. 19 mm
Maße des Mechanismus: L. 60 mm; B. 29 mm; T. 15 mm
Gewicht: 58 g
PARFUMFLAKON MIT UHR, AUTOMATON UND SPIELWERK
Herkunft: Schweiz und England
Hersteller: Rémond, Lamy & Cie, Goldschmiedearbeiten; John Rich, Mechanismus
Zeit: frühes 19. Jahrhundert
Gesamtmaße: H. 190 mm; B. 66 mm; T. 43 mm
Gewicht: 408 g
Provenienz: Berry Ltd, London
SINGENDER VOGEL – STOCKGRIFF
Herkunft: Schweiz
Hersteller: Gebrüder Rochat, Mechanismus; Goldschmied unbekannt
Zeit: frühes 19. Jahrhundert
Gesamtmaße: H. 61 mm; Ø max. 38,7 mm; Ø min. 31 mm
Maße des Mechanismus: H. 41 mm; Ø 36 mm
Gewicht: 164 g
Provenienz: Berry Ltd, London
JACQUEMART-UHR UND AUTOMATON-SZENE: MOSES, DER AUF DEN FELSEN SCHLÄGT
Herkunft: Schweiz
Hersteller: Unbekannt
Zeit: frühes 19. Jahrhundert
Gesamtmaße: H. 95,5 mm; Ø 67 mm; T. 24 mm
Maße des Uhrwerks: Ø 60 mm
Gewicht: 220 g






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