Günter Blümlein im Gespräch mit Gisbert Brunner aus 1994 anlässlich der Lancierung der ersten Uhrenkollektion von A. Lange & Söhne - Teil 2
Mechanik in Armbanduhren ist begreifbar, nicht anonym. Dem Takt der Unruh kann man sinnlich folgen.

Am frühen Morgen des 1. Oktober 2001 verstarb mit Günter Blümlein eine bedeutende Persönlichkeit der Uhrenindustrie. 1981 war der gebürtige Franke bei IWC zunächst als Berater eingestiegen. Danach ging es mit der Karriere kontinuierlich aufwärts. Auch Jaeger-LeCoultre verdankt ihm das Revival. Schließlich ist dem Diplom-Ingenieur ohne ursprüngliche Uhr-Erfahrungen ganz zweifellos zu verdanken, dass A. Lange & Söhne nach 50-jähriger Markt-Abstinenz wieder an die alte Größe knüpfen konnte. Seine Gedanken und Visionen schilderte Günter Blümlein 1994 in einem Interview.

Mechanik in Armbanduhren ist begreifbar, nicht anonym. Dem Takt der Unruh kann man sinnlich folgen.

Günter Blümlein präsentiert im Dredner Schloss die erste Neuzeit-Kollektion von A. Lange & Söhne

Gisbert Brunner: Wenn ich mir die Preise ihrer Armbanduhren anschaue, sie beginnen bei 13.900 Mark für die Arkade und reichen über 150.000 Mark für das Tourbillon hinaus, dürfte der Abnehmerkreis überschaubar bleiben. Die Lange 1 schlägt mit beachtlichen 27.000 Mark zu Buche. Wird Lange irgendwann auch etwas für breitere Bevölkerungsschichten unterhalb der Schallmauer von 10.000 Mark anbieten?

Günter Blümlein: Mit Blick in eine etwas entferntere Zukunft ist dies eines unserer erklärten Ziele. Gegenwärtig können wir es aber noch nicht in die uhrmacherische Praxis umsetzen. In Glashütte betreibt A. Lange & Söhne hochkarätige Uhrmacherei mit ausgesprochen hohen Fertigungskosten. Selbige gestatten derzeit nur die Einschalung der Werke in Edelmetallgehäuse, sprich Gold oder Platin.

 

Und wie sehen Sie Stahl als Gehäusematerial?

Stahl genießt momentan bekanntenmaßen eine steigende Rolle. Es gilt als chic, eine Stahl-Armbanduhr zu tragen. Durch Stahl werden die Endverbraucher-Preise auf ein niedrigeres Niveau gedrückt. Aber dieses Material mindert natürlich die Wertschöpfung. Freilich müssen auch wir uns anpassen. Wenn der Markt Stahl verlangt, muss er eben Stahl bekommen. Zumindest bei IWC und Jaeger-LeCoultre. Auf absehbare Zeit jedoch nicht bei A. Lange & Söhne.

Unsere neuen Lange-Uhren müssen klassisch und zu­rückhaltend auftreten, schlicht, nützlich und im Grunde genommen richtig Deutsch sein.

Günter Blümlein

Geschäftsführer, A. Lange & Söhne

Bei A. Lange & Söhne offerieren Sie ausschließlich mechanische Uhrwerke.

Ganz bewusst. Als Ferdinand Adolph Lange 1845 in Glashütte star­tete, leistete er bemerkenswerte Beiträge zur techni­schen Verbesserung der Präzisions-Taschenuhr. Er entwickelte und produzierte eine einzigartige Qualität. An diese Maxime knüpften wir. Der Anteil mechanischer Armband­uhren wächst aus pragmatischen wie emotionalen Gründen. Nur solche Uhren lassen sich vererben. Und das ist mit Blick auf das Investment in eine Lange der Neuzeit auch intendiert.

Mechanik ist begreifbar, nicht anonym. Im Gegensatz zum Schwing­quarz kann man dem Takt der Unruh sinnlich folgen. Weil die konventionell tickende Uhr aus nachvollziehbaren Gründen eine Zukunft hat, müssen wir die auch von Ferdinand Adolph Lange überlieferten Kenntnisse weiterentwickeln. Wenn ich darüber hinaus an die während der vergangenen 20 Jahre stark vernachlässigten Unruhspiralen denke, gibt es für A. Lange & Söhne viel zu tun. Schließlich ist die Decke bei mechani­schen Komplikationen und Innovationen noch lange nicht erreicht. Auch hier sehe ich für uns sehr viel Potenzial.

Betrachten Sie die erste Neuzeit-Kollektion von A. Lange & Söhne als Hommage an eine großartige, wenn auch lange zurück liegende Vergangenheit?

Definitiv nicht. Die 1994er Armbanduhren von A. Lange & Söhne und alle kommenden Modelle sind alles andere als Epigonen uhrmacherischer Legenden. Nehmen Sie unser Großdatum in der der „Ar­kade, der „Lange 1“ und der „Saxonia“. Da kann man nur von hilfreicher Innovation oder auch mechani­scher Sensation sprechen. Gleiches gilt für die Konstruktion unserer Kaliber. Es ist nicht unsere Absicht, nur tradierte Handwerkskunst zu ze­lebrieren oder am Wett­lauf um die komplizierte­ste Uhr teilnehmen. Eines unserer Ziele heißt uhrmacherische Schönheit und handwerkliche Perfektion. Auf der anderen Seite sind Innovationen und differenzierendes Design wichtige Kenngrößen für uns. Unsere neuen Lange-Uhren müssen klassisch und zu­rückhaltend auftreten, schlicht, nützlich und im Grunde genommen richtig Deutsch sein. Gleichzeitig haben wir mit der Optik aber auch einen hohen Wiedererkennungswert geschaffen. Parvenüs gibt es in der Szene genug. Genau das passt aber nicht zu Lange.

Wie sieht es mit dem Vertrieb Ihrer luxuriösen deutschen Zeitmesser aus?

Der ist sehr exklusiv. Und das wird auch so bleiben. Unsere Armbanduhren gibt es nur in den bedeu­tendsten Fachgeschäften. Mittelfristig sehe ich etwa 80 bis 100 Verkaufspunkte rund um den Globus. Sie haben eben schon die Zahl von 2000 Uhren erwähnt. Hierzu möchte ich betonen, dass es sich nicht um eine künstliche Selbstbeschränkung handelt. Sie resultiert beinahe zwangsläufig der hand­werklichen Arbeitsweise und der Struktur unserer Glashütter Manufaktur.

Sie sprachen von wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Sehen Sie am Horizont eine neuerliche Uhrenkrise?

Nicht unbedingt. Zum Beispiel beim Top-Segment, in dem A. Lange & Söhne angesiedelt ist, schätze ich jährlich weltweit eine Größenordnung von 60 bis 70.000 verkaufbarer Uhren mit einem finanziellen Ex-Factory-Volumen von 600 bis 700 Millionen Mark. Das Kundenpotential ist echt vorhanden, Geld auch. Und die Leute sind bereit, ihr Geld auszugeben, wenn sie dafür, wie jetzt bei Lange einen reellen Gegenwert bekommen.

In der gegenwärtigen Situation sollte sich die Branche unbedingt in Selbstbeschränkung üben. Wenn der Markt mit bestimmten Modellen überflutet wird, wenn Marken, die noch nie komplizierte Uhren gefertigt haben, plötzlich Tourbillons offerieren, mindert das den Wert und die Begehrlichkeit. Dann liegt die Ware wie Blei in den Fenstern. Seltenheit und nicht unmittelbare Verfügbarkeit steigern den Reiz und das Verlangen. Das stabilisiert die Preise. Beispiele dafür gibt es genug. Also Reduktion der Produktion, auch wenn die Kapazitäten vorübergehend einmal nicht ausgeschöpft sind.

In der gegenwärtigen Situation sollte sich die Branche unbedingt in Selbstbeschränkung üben. Wenn der Markt mit bestimmten Modellen überflutet wird, wenn Marken, die noch nie komplizierte Uhren gefertigt haben, plötzlich Tourbillons offerieren, mindert das den Wert und die Begehrlichkeit.

Günter Blümlein

Geschäftsführer, A. Lange & Söhne

Der erste Teil dieses Interviews mit Günter Blümlein findet sich hier

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