Drei Armbanduhr-Ikonen von Heuer, Corum und Chronoswiss
Armbanduhren-Klassiker – Teil 4

Bei der Suche nach wahren Uhren-Klassikern hilft ein Blick auf jenes Geburtsdatum. Nicht ohne Grund behaupten sich Uhren-Modelle wie der Heuer „Carrera“, Corum „Golden Bridge“ oder der „Regulator“ von Chronoswiss über Jahrzehnte hinweg am Markt.

Armbanduhren-Klassiker – Teil 4

Uhrenklassiker von Carrera bis Regulateur

Die „Carrera“ von Heuer (*1963)

Genau genommen beginnt die Geschichte der 1963 lancierten „Carrera“ Armbanduhr in den frühen 1960-er Jahren. Als Chef des gleichnamigen Familienunternehmens wusste Jack W. Heuer sehr genau Bescheid über die überragende Rolle des Gehäuse- und Zifferblattdesigns. Später übliche Mammut-Schalen standen nicht zur Debatte, vielmehr galten 36 Millimeter Durchmesser als Standard. Diese Dimensionen orientierten sich an den Ausmaßen der verfügbaren und verbauten Uhrwerke. Mit Blick auf die überaus wichtige Ablesbarkeit tendierte der Patron der Uhrenmanufaktur zu einem reduziert gestalteten, andererseits aber möglichst großen Zifferblatt. Zu Steigerung der Wasserdichtigkeit wölbte sich überdies über der Vorderseite ein armiertes Plexiglas. Selbiges verfügte über einen metallenen Spannring. Seine schräge, dem Zifferblatt zugewandte Fläche blieb bis dahin ungenutzt.Und genau hier gelang ihm ein echter Kunstgriff.

Der Name kommt in Sebring

Jack W. Heuer erkannte die Möglichkeiten. Kurzerhand ließ er diesen Platz mit der wichtigen Skala für die Sekunden und ihre Fünftel-Bruchteile bedrucken. Lohn der Kreativität: ein Plus von fast zwei Millimetern. Etwas tiefer gesetzte Nebenzifferblätter für Permanentsekunde und Totalisatoren bescherten dem Zifferblatt überdies eine bemerkenswerte Dreidimensionalität. Bei der Suche nach einem treffenden Namen für das bis dahin Einmalige kam dem ambitionierten Jung-Unternehmer wiederum der Genosse Zufall zu Hilfe.

Die überraschende Idee kam aus der USA, wo sich Heuer um die offizielle Zeitnahme der berühmten „12 Stunden von Sebring“ kümmerte. Ricardo Rodriguez, einer der Fahrer, berichtete dabei mehrfach begeistert von der Carrera Panamericana. Für Jack W. Heuer war das die Initialzündung. Nach seiner Rückkehr in die Alte Welt ergänzte er Zifferblatt des puristisch gestylten Newcomers um das Wort „Carrera“.

Thema con variazioni

Die Weltpremiere erfolgte gleich in mehreren Ausführungen. Verzicht auf Überfrachtung des Zifferblatts durch Zusatzskalen wie z.B. Tachy- und Telemeter, Pulsmesser, Dezimalteilung kennzeichnete die ikonographische „Carrera 12“. Ihr damaliger Ladenpreis: 311 Deutsche Mark. Nachdem Sichtböden noch kein Thema waren, blühte das sorgfältig feinbearbeitete Handaufzugskaliber Valjoux 72 im Verbogenen.
1965 brachte dann die „Carrera 45 Dato“. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand handelt es sich hierbei um den weltweit ersten Chronographen mit Monofenster-Datum bei der „9“. Der Tribut bestand im Verzicht auf die Permanentsekunde. Und weitere „Carrera“-Innovationen von Jack W. Heuer sollten folgten.

Comeback bei TAG Heuer

Das Jahr 1996, aus Heuer war inzwischen TAG Heuer geworden, brachte das Comeback dieses Kult-Chronographen. Nachdem es das Kaliber Valjoux 72 nicht mehr gab, diente das klassische, damals noch frei verkäufliche Handaufzugskaliber 1873 des Spezialisten Nouvelle Lémania zum Bewahren und Stoppen der weiterhin kostbaren Zeit.

Aktuell ist der zeitschreibende Klassiker unter anderem mit 43 mm großem, bis zehn bar wasserdichtem Stahlgehäuse zu haben. Sein Name „Carrera Calibre 16“. Dieses Automatikwerk mit Stoppfunktion, 30-Minuten- und 12-Stunden-Zähler ist genau zehn Jahre älter als die Ur-Carrera. 1973 debütierte es als Valjoux 7750.

Der Preis der TAG Heuer Carrera Calibre 16 liegt bei rund 4.400 Euro.

„Golden Bridge“ von Corum (*1980)

Wann genau im Jahr 1977 Vincent Calabrese bei Corum vorsprach, weiß selbst in La Chaux-de-Fonds niemand mehr ganz genau. Mit freundlicher Empfehlung von André Curtit, dem damaligen Direktor des am gleichen Ort beheimateten Internationalen Uhrenmuseums, wollte der junge Uhrmacher den Mitgliedern der Familie Bannwart etwas Neuartiges präsentieren. Das wirklich Überraschend seines Entwurfs – er hatte beim mitgebrachten Uhrwerk den Rädersatz in einer Linie angeordnet.

Gut Ding braucht Weile

Obwohl das Ganze technisch noch nicht ganz ausgereift war, kaufte Corum die Idee an. Schnell hatten die Techniker das darin schlummernde Potenzial erkannt. Aber die Verwendung des Stabwerks in einer Armbanduhr erforderte faktisch eine Neukonstruktion. Diese delikate und aufwendige Arbeit übernahm Serge Steudler, der technische Direktor höchstpersönlich.
Der Prototyp war deutlich zu groß. Ferner mussten Handaufzug und Zeigerstellung bei täglicher Nutzung auch einwandfrei funktionieren würden. Das bedeutete noch erheblichen Aufwand.  1979 waren der Job dann erledigt und das Stadium der Serienreife erreicht. Zur Produktion des 30 Millimeter langen Kalibers mit drei übereinanderliegenden goldenen Brücken hatte Corum auch eigene Maschinen entwickelt. Aus dieser sehr spezifischen Bauweise resultierte schließlich auch der Name: „Golden Bridge“.

Viele Stunden für ein Uhrwerk

Alleine die Herstellung des Rohwerks mit Hilfe traditioneller Fertigungsmethoden erforderte nicht weniger als 85 Arbeitsgänge. Daher konnte Corum pro Jahr nicht mehr als zwei Serien à 100 lediglich Exemplare auflegen. Jede davon nahm zwei volle Monate in Anspruch. Weitere 55 Arbeitsstunden benötigten die bestens qualifizierten Uhrmacher der Uhrenmanufaktur zur ausschließlich manuellen Fertigstellung von zehn „Golden‑Bridge„‑Werken.

Anschließend fanden sie ihren gebührend prominenten Platz in möglichst transparenten Gehäusen. Damit sich die Mikromechanik im richtigen Licht präsentieren konnte, befand sich das Zifferblatt sogar unter dem Werk. Die Krönung schuf indessen Jean‑Claude Schwab, der junge künstlerische Direktor. Zusammen mit der Seitz S.A. entwickelte er ein facettiertes Saphirglas‑Gehäuse.

Zum Dank für die Vermittlung konnte André Curtit am 25. September 1980 eine „Golden Bridge“ mit der Nummer 001 für sein Museum entgegennehmen. Noch im gleichen Jahr startete Corum mit der Belieferung des Fachhandels. Ganz nebenbei durfte sich das Familienunternehmen fortan Manufaktur nennen.

Im Laufe von beinahe 40 Jahren ist die „Golden Bridge“ nicht zuletzt auch wegen vielfältiger Variationen zu einem Lead-Produkt der Marke und zu einem echten Armbanduhren-Klassiker avanciert.

Aktuell macht die augenfällige „Golden Bridge Stream“ von sich reden. Ihr massivgoldenes Stabwerk verfügt über einen linearen Selbstaufzug. Logischer Weise erinnern die flankierenden Strukturen in Rot an die Golden Gate Bridge in San Francisco.

Der Preis der extravaganten Corum Golden Bridge liegt bei etwa 66.000 Euro.

 Der „Regulateur“ von Chronoswiss (*1988)

Heutzutage erfolgt das möglichst genaue Regulieren mechanischer Armbanduhren mit Hilfe elektronisch gesteuerter Zeitwaagen. Deutlich mühsamer gestaltete sich die Arbeit der Regleure teilweise noch bis in die 1960er-Jahre. Sie verglichen den Sekundenzeiger des fertigzustellenden Uhrwerks mit dem einer präzisen Pendeluhr. Derartige Regulatoren prägten auch den beruflichen Werdegang des Chronoswiss-Gründers Gerd-Rüdiger Lang. Daher huldigte seine erste komplett eigenständig entwickelte Armbanduhr jenen langsam tickenden Instrumenten, bei denen mittig nur der Minutenzeiger rotierte. Der besseren Ablesbarkeit wegen drehten die Zeiger für Stunden und Sekunden dezentral ihre Runden. Genau diese Art der Zeitanzeige war dem „Regulateur“ zu Eigen. Womit freilich mit dazu gesagt sein sollte, dass es sich um eine Weltpremiere fürs Handgelenk handelte. Den so genannten „Regulator“-Look gab es auch schon früher. Dass sich daraus jedoch ein Uhren-Klassiker entwickeln würde, hat zunächst kaum jemand gedacht

Die Andersartigkeit der 1988 lancierten Armbanduhr begann jedoch beim 19-teiligen Gehäuse mit 38 mm Durchmesser und Sichtboden. Sie setzte sich fort im 1984 eingestellten Handaufzugskaliber Unitas 6376. Schweizer Spezialisten modifizierten und finissierten Rest-Exemplare im Auftrag des Münchner Start-up. Der Katalog von 1988 zeigte vier limitierte Modelle. Mit 960 Deutschen Mark oder umgerechnet weniger als 500 Euro schlug die Edelstahl-Version zu Buche. Kein Wunder, dass sie rasch ausverkauft war. Daneben stand eine Kombination aus Edelstahl und Gold zur Verfügung. Die preisliche Krönung verkörperte ein massives 18-karätiges Goldgehäuse. Darüber hinaus wartete Chronoswiss erstmals mit einer Bronzeschale auf.

Regulateur mit Selbstaufzug

1991 endete die Ära des von Sammlern sehr gesuchten Ur-„Régulateur“. Als Alternative hatte Chronoswiss bereits 1990 den „Regulateur Automatique“ entwickelt. Im 38-mm-Stahlgehäuse tickte das exklusive, auf einem alten Enicar-Kaliber basierende C.122. Daraus entwickelten das Unternehmen im Laufe der Jahre in schöner Regelmäßigkeit limitierte Versionen und ließ die Zahl der Regulateur Freunde anwachsen.

In die Fußstapfen der Originale trat bei dem mittlerweile in Luzern ansässigen Unternehmen unter der Ägide von Eva-Maria und Oliver Ebstein der stählerne „Sirius Manufaktur Regulator“ mit nunmehr 40 Millimetern Durchmesser und massivem Silberzifferblatt. Geblieben ist das Automatikkaliber C.122.

5.700 Euro.

Wer mehr über Armbanduhren-Klassiker erfahren möchte, klickt hier, hier und dazu auch noch hier

 

Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

Trackbacks/Pingbacks

  1. Armbanduhren-Klassiker von Porsche-Design und Bulgari - Teil 5 - […] Armbanduhren-Klassiker Teil 4. […]

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


CAPTCHA-Bild
Bild neu laden

Illus

Beliebteste

ABONNIEREN SIE JETZT UNSEREN NEWSLETTER

Aktuelle Glossarbeiträge