Uhrenkosmos Kolumne: Tempus fugit oder über den Wert der Zeit

Tempus fugit: Über den Wert der Zeit!

Die Zeit eilt dahin. Dies wussten bereits die Lateiner. Und es ist heutzutage nicht besser geworden.

von | 29.05.2019

Tempus fugit – die Zeit fliegt

Obwohl er mir viele Jahre lang täglicher Schulbegleiter war, obwohl er mir nicht selten – in höchster Eile und Not und mit angstschweißfeuchter Hand heimlich unter der Schulbank aufgeschlagen – die Übersetzung und damit klausurtechnisch den Kragen gerettet hat, sind wir keine Freunde geworden: Noch heute schaudert’s mich innerlich, wenn ich den „Kleinen Stowasser“ zur Hand nehmen muss.
Dieses 1913 von Michael Petschenig verfasste lateinisch-deutsche Schulwörterbuch bleibt für Generationen minder motivierter Lateineleven das Symbol ihres Sprachversagens, bündelt es doch all jene Vokabeln, die zu erlernen sie nicht gewillt oder imstande waren.

Nolens volens also heute wieder der Griff zu diesem Ungeliebten, um verbliebenes Halb- besser noch Viertel-Restwissen zu kompensieren: Was verbirgt sich hinter dem Verb „fugere“? Und – die nächste grammatikalische Lücke – wie lautet die Verform für die 1. Person Singular im Indikativ? Petschenig, du pädagogischer Sadist, gegen Google hast Du keine Chance: Der Suchbegriff lautet „fugiō“.

Unter „fugiō“ nachschlagend, stoße ich (übrigens im Infinitiv!) auf die altbekannte, Verwirrung stiftende Vielzahl von Übersetzungsmöglichkeiten: „fliehen, entfliehen, sich auf und davonmachen, entkommen, sich fern halten, entlaufen, in die Verbannung gehen, enteilen, davoneilen, dem Blicke enteilen, zurückweichen“. Soweit, so irritierend.

Tempo

Wie aber soll das mit der Zeit zum „Tempus fugit“ zusammengehen? Kann sich die Zeit einfach auf und davon machen wie Eichendorfs Taugenichts, dem es neben seinen Mühlrädern zulangweilig wird und den es daher gen Italien zieht, wo die Pomeranzen blühen? Kann sich die Zeit ehrlos und feige vom Schlachtfeld davonmachen, weil sie’s nicht gar so süß findet, für die Heimat ins Gras zu beißen? Oder entfleucht sie gar wie ein aufmüpfiger Spartakus einem rechtmäßigen Besitzer? Und wieder steigen alte Lateinunterricht-Gefühle auf: Ich weiß es nicht.

Immerhin vermag mir in diesem Falle das Deutsche einen Fingerzeig zu geben. Einer gebräuchlichen Redensart nach sind wir in der Lage, die Zeit zu vertreiben. Aber auch hier bleiben Fragen: Wenn wir die Zeit vertreiben, dann wie? Warum? Von wo? und Wohin?

Ein zufälliger Blick auf die Uhr und weitere Schultraumata steigen hoch: „Zwei Minuten, dann ist Heftabgabe!“ Vermutlich liegt die Wahrheit des „tempus fugit“ in einem unterschiedlichen Tempo begründet. Nicht umsonst unterschieden die klugen Griechen zwischen Chronos und Kairos.

Seit meiner letzten Lateinarbeit hat sich wenig daran geändert: Nicht die flüchtige Zeit enteilt, ich bin zu langsam. Kann ihr nicht folgen. Nicht nur die Lateinstunde, das ganze Leben saust in einer Geschwindigkeit an mir vorbei, dass ich kaum Schritt zu halten vermag. 

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