Wohlklingendes Unikat zum 75. Geburtstag
Viele Facetten besitzt die Genese von La Ravenale von Parmigiani Fleurier. Das eindrucksvolle Taschenuhr-Unikat entstand zu Ehren des 75. Geburtstags von Michel Parmigiani, den der Firmengründer am 2. Dezember 2025 feiern konnte. Zu dem Freudentag gratulieren wir an dieser Stelle nachträglich noch sehr herzlich. Mit dem Jubilar verknüpft sich untrennbar die Idee, historische Uhrwerke in neuen Kreationen weiterleben zu lassen. Das Leben und Wirken des 1950 geborenen Meister-Uhrmachers und -Restaurateurs hat der Uhrenkosmos in diesem Artikel detailliert nachgezeichnet.
Auch wenn sich das Unternehmen längst im Eigentum der Sandoz-Familienstiftung befindet und von Guido Terreni geleitet wird, hält es Michel Parmigiani weiterhin in den ihm zweifellos gebührenden Ehren.

Eher leise Protagonisten der Haute Horlogerie
Als begnadeter Restaurator kam Michel Parmigiani selbstredend mit dem Besten und Feinsten in Kontakt, was die eidgenössische Uhrenindustrie im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht hat. Dazu gehörten auch Kreationen zweier Kollegen namens Edouard Koehn. Wann und auf welche Weise das in den 1920er-Jahren angefertigte Basiskaliber für La Ravenale zu Parmigiani Fleurier fand, ist nicht bekannt. Letztendlich spielt das in diesem Zusammenhang auch keine Rolle. Maßgeblich ist die Tatsache, dass der deutschstämmige Uhrmacher einen fundamentalen Beitrag zum Jubiläums-Kunstwerk geleistet hat. Weil vermutlich die meisten unserer Leserinnen und Leser mit Edouard Koehn herzlich wenig anfangen können, hier ein kurzer Blick zurück.

Die Wiege von Eduard W.C. Köhn stand am 7. September 1839 im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Dort arbeitete der Vater als Hofuhrmacher. Ursprünglich hatte Karl Köhn den Beruf eines Kupferstechers erlernt. Bevor es sich die Uhrmacherei autodidaktisch aneignete, machte er sich einen Namen als Gravur-Spezialist für Karten und Wappen. Somit fiel beim Sohn der Apfel tatsächlich nicht weit vom Stamm. Im Alter von 20 Jahren zog es ging Eduard Köhn nach Genf, wo er das Handwerk an der renommierten Uhrmacherschule erlernte. 1861 heuerte er in der Rhônestadt bei Patek Philippe an, wo Edouard Koehn rasch durch überragende uhrmacherische Leistungen und sehr viel kaufmännisches Geschick auffiel.

Partner bei Patek Philippe
Nach dem Ausscheiden von Vincent Gostowski stieg er am 1. Februar 1876 zusammen mit Albert Cingria und Gabriel Marie zu einem nicht zeichnungsberechtigten Partner von Patek, Philippe & Cie. auf. Dort verantwortete Edouard Koehn maßgeblich das immens wichtige Nordamerika-Geschäft von Patek Philippe. Zu dessen Auf- und Ausbau reiste er häufig in die USA. Dort bekam er hautnah die Folgen der durch die Weltausstellung von Philadelphia ausgelöste Schweizer Uhrenkrise mit.
Im Zuge der universellen Stagnation des Geschäfts werden wir mehrere Verbesserungen in unserer Herstellungsweise vornehmen, damit wir, sobald eine Wiederbelebung eintritt, die besten Uhren zu Preisen verkaufen können, welche jeglicher Konkurrenz trotzen.
Selbständig ab 1891
Das Auslaufen des per Urkunde auf 15 Jahre befristeten Gesellschaftervertrags führte Ende Januar 1891 zum Ausscheiden von Edouard Koehn. Durch die Auszahlung seines Kontos in Höhe von 48.628 Schweizerfranken konnte er die vom schwedischen Uhrmacher Henri-Robert Ekegrèn (1823 – 1896) gegründete Firma übernehmen.

Unter Koehns Ägide existierten am Firmensitz an der Genfer Place du Port 2 nahe dem Domizil von Patek Philippe nebeneinander zwei Markennamen:
H.R. Ekegren – er wurde weiterhin für besonders herausragende und in kleinen Stückzahlen hergestellten Uhren, insbesondere Taschenuhren, verwendet.
Ed. Koehn – die Signatur fand sich auf den meisten Zeitmessern, darunter hochfeine Taschenuhren mit Komplikationen sowie Chronographen ohne und mit Schleppzeiger und Repetitionsschlagwerken. Dazu sehr flache, elegant gestaltete Werke.

Zudem lieferte Koehn verschiedene Kaliber als „ébauches de luxe“ an namhafte Häuser wie beispielsweise Tiffany & Co. in New York. Dieser Name war dann auf den Zifferblättern zu lesen. Am Werk stand teilweise Koehn.

Vom Vater zum Sohn
Nach dem Tod am 18. Oktober 1908 führte der am 12. September 1867 geborene und ebenfalls zum Uhrmacher ausgebildete Sohn Edouard J. Koehn das Unternehmen fort. Auch seine Philosophie zielte auf die Herstellung hochwertiger und komplizierter Zeitmesser. Daher sind die Uhrwerke oftmals kaum von jenen seines Vaters zu unterscheiden: gleiche Signatur Ed. Koehn, gleiche Brücken- und Klobenarchitektur sowie Feinbearbeitung auf ähnlich hohem Niveau. Wie beim Vater bestand ein wichtiger Teil des Geschäfts in der Herstellung von Private-Label-Produkten mit anderen Signaturen. Viele Koehn-Taschenuhren lassen sich beim Blick aufs Zifferblatt daher nicht zuordnen.
Die durch den New Yorker Börsenkrach von 1929 ausgelöste Weltwirtschaftskrise, die gegen null tendierende Nachfrage nach Luxus-Taschenuhren und die Trendwende zu Armbanduhr bewirkten wohl 1933 das Ende von Koehn und Ekegrèn. Damit erging es der Firma wie vielen anderen hochwertigen Mitbewerbern in dieser ökonomisch extrem schwierigen Zeit.


La Ravenale
Damit rückt nun La Ravenale, ein einzigartiges Stück Zeitmesskunst ins Rampenlicht. Wie kaum ein anderes aktuelles Projekt verbindet diese Taschenuhr Restaurationskunst, gegenwärtiges Uhrmacherhandwerk sowie zeitgenössisches Design. Der Name La Ravenale geht zurück auf die Ravenala madagascariensis, besser bekannt als Traveller’s Palm oder die aus Madagaskar stammende Palme der Reisenden. Ihre fächerförmig angeordneten Blätter folgen Proportionen, die dem Goldenen Schnitt sehr nahekommen. Jenes ausgewogene mathematische Verhältnis, das Michel Parmigiani seit jeher fasziniert. Kein Wunder also, dass es seine Entwürfe prägt.

Bei La Ravenale erfolgt die Übertragung der natürlichen Geometrie in eine gefällige uhrmacherische Sprache: Palmblatt-Motive finden sich als Gravur auf den Brücken des Uhrwerks, auf dem Zifferblatt und auf dem 18-karätigen Lépine-Weißgoldgehäuse mit 51,8 Millimetern Durchmesser und rund 13 Millimetern Höhe. Die Rückseite trägt eine opulente Stein-Marqueterie aus Opal und Jade. Ihr verschachteltes Muster nimmt das Palmenmotiv auf, spielt jedoch gleichzeitig auch mit Licht und Farbe. Dabei erinnert das irisierende Opal an Himmel und Wasser, während das ruhigere Grün der Jade Kontrast und Tiefe schafft.

Historisches Innenleben
Zu diesen herausragenden äußeren Werten gesellt sich ein hochfeines Innenleben von Ed. Koehn dessen Geburtsstunde irgendwann in den 1920er-Jahren schlug. Die Ausstattung mit einem aufwändigen Repetitionsschlagwerk, welches nach Betätigung des Schiebers die Stunden, Viertelstunden und Minuten akustisch darstellt, zeugt von höchster Uhrmacherkunst. Wie die Architektur dieses Innenlebens mit seinen drei geraden Kloben erkennen lässt, bezog Koehn das Rohwerk seinerzeit aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Vallée de Joux vom Spezialisten LeCoultre.

Gemäß der bewährten Produktphilosophie von Parmigiani Fleurier haben erfahrene Spezialisten die komplexe Mechanik im hauseigenen Restaurationsatelier zunächst vollständig zerlegt, überarbeitet und technisch wie optisch auf ein zeitgemäßes Niveau gebracht. Der historische Charakter blieb dabei unangetastet. Verschlissene Komponenten haben sie nachgefertigt sowie die Fasen und Anglierungen neu poliert. Die kunstvollen Palmblatt-Gravuren auf dem betagten Werk hat Parmigiani Fleurier dem Atelier Blandenier in Neuchâtel anvertraut.




Gehäuse, Zifferblatt, Zeiger und Kette
Bei Blandenier erhielten auch Zifferblatt und Gehäuse ihr Dekor. Dabei handelt es sich um eines der letzten Schweizer Ateliers, welches sich ausschließlich der handwerklichen Gravur für die höchste Uhrmacherkunst widmet. Dem Art Déco, also jener Epoche, in der das Uhrwerk entstand, huldigen die streng geometrischen Motive auf dem vorderseitigen Glasrand und dem rückseitigen Rahmen um die ausdruckstarke Stein-Marqueterie. Letztere entstand aus vielen, einzeln geschnittenen und polierten Opal- und Jade-Fragmenten.



Erstaunlich zurückhaltend zeigt sich die Parmigiani Fleurier La Ravenale auf ihrer Vorderseite. Mit den quadratischen Stundenindizes übernimmt das in Weißgold gearbeitete Zifferblatt grundlegende Designelemente der erfolgreichen Tonda PF-Kollektion. Zugunsten der Palmblatt-Gravuren übt sich die Manufaktur jedoch im Verzicht auf das klassische grain d’orge-Guilloché. Einer dünnen PVD-Beschichtung ist die besondere Farbtiefe jener Scheibe zu verdanken, vor der durchbrochene Deltazeiger die Stunden und Minuten darstellen. Bei „6“ dreht zudem eine kleine Sekunde.


Schließlich fertigte Laurent Jolliet die etwa 32 Zentimeter lange Weißgold-Kette. Einer der letzten traditionellen Schweizer Meister seines Fachs hat jedes einzelne Glied von Hand gezogen, gebogen, verlötet und poliert. Der Arbeitsaufwand lag bei rund 100 Stunden.


Dialog über die Zeit hinweg
Mit dieser Verbindung aus neuem Gehäuse und tiefgreifend restauriertem Kaliber zielt Parmigiani Fleurier erneut auf eine Art Dialog über die Zeit hinweg: Handwerker verschiedener Generationen beschäftigen sich mit demselben Objekt, zeitlich getrennt durch rund ein Jahrhundert, innig verbunden jedoch durch dieselbe Sprache herausragender Mechanik. Einen Preis für die La Ravenale erfahren Interessenten direkt bei Parmigiani Fleurier auf gezielte Anfrage.
Die Beschreibung einer weiteren, außergewöhnlichen Parmigiani Taschenuhr, der Parmigiani Fleurier Armoriale, finden Sie hier auf Uhrenkosmos.com.









Ein wirklich sehr spannender Artikel!