„Im Kern ist MING eine selbstsüchtige Marke.“ Dieser Satz eröffnet den Über-uns-Bereich auf der Homepage von Ming Watches – und er sagt viel aus. Als der Fotograf und Uhrensammler Ming Thein die Marke 2017 gründete, war es aus dem Wunsch heraus, etwas anderes zu schaffen. Vielleicht als Reaktion auf den bereits anschwellenden Retro-Trend. Denn anders als die meisten Mikromarken jener Zeit ließ sich Ming vor allem von seiner Arbeit als Fotograf, Designer und Ingenieur inspirieren – und blickte stets nach vorn, nie zurück.
Von Anfang an waren Ming-Watches durch kompakte Gehäuse mit Tragekomfort und eine eigenständige Designsprache geprägt. Von den charakteristischen, ausgestellten Anstößen bis zum ergonomischen Gehäusedesign ohne überflüssiges Beiwerk: Theins Ethos verbindet konsequent durchdachte Funktionalität mit dem geschulten Blick eines Fotografen für Optik. Ming-Uhren wirken auf den ersten Blick minimalistisch – doch durch moderne Fertigungstechniken und ein spielerisches Experimentieren mit Zifferblattmaterialien sowie den Brechungseigenschaften von Licht gibt es viel zu entdecken.

Ming Thein
Im Gespräch mit Ming Thein selbst wird klar, dass der Start von Ming nicht immer ein Selbstläufer war. Doch das Wachstum ist enorm – mit einem produktiven Releasekalender und einem festen Kern loyaler Sammler. Dazu haben das aufkeimende Interesse an unabhängiger Uhrmacherei sowie die einzigartige uhrmacherische Handschrift die Marke einer jüngeren Käuferschicht zugänglich gemacht, die nach etwas Eigenständigem und Originalem sucht.

Ming 17.01
Aber wie fing alles an? Mit der 17.01. „Wir — die Mitgründer — hatten den Mut zur Hybris zu glauben, dass wir etwas auf den Markt bringen könnten, was wir in der Uhrenbranche vermissten“, erklärt Ming Thein. „Etwas Interessantes und gleichzeitig Erschwingliches. Es gab eine latente Frustration darüber, dass die Branche ein wenig… phantasielos war, während die Messlatte für ordentliche Qualität immer weiter in unerschwingliche Höhen stieg“.
„Persönlich wollte ich seit meinen Anfängen als Uhrenliebhaber — das muss inzwischen 15 Jahre her sein — immer eine eigene Uhr gestalten. Natürlich haben wir die Kosten, die Lieferzeiten und die Lücke zwischen unseren Qualitätsansprüchen und denen unserer Lieferanten massiv unterschätzt. Mit der Ming 17.01 haben wir so an jedem Exemplar Geld verloren, ohne die versteckten Kosten einer nachhaltigen Uhrenmarke überhaupt einzurechnen – also Aufbau der Kundenbeziehungen, Service, Marketing, Buchhaltung und so weiter.“

Erfahrung und Innovation
Im Gespräch mit Ming Thein wird deutlich, dass die Lernkurve steil war – und das nach eigener Aussage noch untertrieben:
„Es war eine senkrechte Felswand. Jedes Folgemodell war ein kompletter Neuanfang, der das bis dahin Gelernte widerspiegelte. Und auch wenn wir das heute nicht mehr so tun, kommen wir gerade auf der anderen Seite heraus – und erfinden noch immer das Rad neu, etwa mit Ming Polymesh und der Ming 29.06 Peep Show. Wir haben fast ein Dutzend Patente, die entweder bereits erteilt wurden oder sich in verschiedenen Antragsphasen befinden. Das erfüllt mich mit außerordentlichem Stolz, denn es gibt keine höhere Bestätigung, als zu hören: Das ist wirklich neu.“


Swiss made
Ming Thein und sein Team verfügen inzwischen über eine Schweizer Fertigungsbasis, eine deutlich erweiterte Kollektion sowie Preissegmente, die im oberen Bereich in das Terrain der Haute Horlogerie vordringen. Thein hat dennoch eine klare Vorstellung davon, welche Uhren Meilensteine für die Marke waren.
„Ich nenne ein paar bedeutende Uhren abseits der 17.01″, sagt Ming mit einem Lächeln. „Zunächst der 37.04 Monopusher-Chronograph. Ich liebe Chronographen und wollte für unser fünfjähriges Jubiläum etwas Besonderes schaffen – also kauften wir eine vorhandene Reserve ungenutzter THA-Kaliber und fertigten neue Brücken und Platinen in einem Design, das unserer Ästhetik näherkam.“ Das Zifferblatt zierte ein neues Guilloché-Muster, das Ming Thein selbst entworfen hatte – ausgeführt vom Schweizer Guilloché-Maestro Kari Voutilainen (Comblémine).
Damit wagte sich die Uhrenmarke Ming erstmals in Haute (sorry für den Ausdruck) Gefilde vor, darunter einige Versionen in Roségold (MINGs erstes Edelmetallstück) sowie in Tantalum (kennen Sie auch die Royal Oak mit Tantalum-Gehäuse?) – das erste Mal, dass die Marke dieses Metall verwendete. Ming Thein: „Dieses Stück war ein Meilenstein für uns, weil es direkte und indirekte Zusammenarbeit mit vielen unserer persönlichen Vorbilder aus der Branche vereinte – und es führte direkt zu dem, was unser bislang bedeutendstes Stück werden wird: eine Veröffentlichung zum zehnjährigen Jubiläum, zusammen mit einem Werk eines weiteren renommierten Independent-Labels, das nach dem Modell 37.04 von sich aus eine Zusammenarbeit vorschlug.“

Ein weiteres herausragendes Modell von Ming Thein war das Nische-in-der-Nische-Projekt 21.01 P21 – eine Uhr, die als Black-Box-Projekt ohne jegliche Vorinformation an die Käufer verkauft wurde. „Oder, anders gesagt, ohne dass wir wussten, ob meine Konzeptstudie überhaupt umsetzbar war“, fügt Ming hinzu.
„Glücklicherweise war sie es – und das mit nur 0,5 mm Höhenzuwachs für die nötigen Toleranzen. Es ist wahrscheinlich das einzige Stück, das vollständig intakt von der verrückten Idee bis zum fertigen Produkt überlebt hat. Vom 50 Jahre alten Frédéric-Piguet-Kaliber 21 (erneut von uns überarbeitet, mit skelettierten Titanbrücken und Titanplatinen) über das verschmolzene Borosilikat-Zifferblatt bis hin zum Tantalgehäuse meines guten Freundes Joshua Shapiro. Diese Uhr war ein Stück Sturheit und Überzeugung.“

Ming Watch
Dabei weiß Gründer Ming Thein genau, was der Markt verlangt. Das erste vollständig in seiner neuen Schweizer Anlage entwickelte und gefertigte Stück war die zugängliche 37.02 Minimalist. Ich gebe zu: Diese Uhr ist Teil meiner persönlichen Sammlung. Mit ihrem reduzierten Ansatz und dem schlanken 38-mm-Gehäuse verbindet sie mühelose Tragefreude – getragen vom hauseigenen FKM-Kautschukband – mit einer formellen Vielseitigkeit, die auch zum Anzug passt. Tatsächlich lässt sie mich ganze Reihen anderer Uhren glatt vergessen.
„Die 37.02 Minimalist ist mein Versuch, die Marke auf ihre wesentlichsten Elemente zu destillieren“, so Thein. „Sie ist sofort als eine unserer Uhren erkennbar, war die erste, die unser hauseigenes Polar White Super-LumiNova mit Weißemission nutzte, und lässt sich zu jeder Gelegenheit tragen. Das Saphirzifferblatt ist lebendig und dynamisch – trotz seiner klaren Grafik. Die Gehäusearchitektur wurde außerdem auf eine Drucktiefe von 260 Metern getestet. Sie hält also praktisch allem stand, was man einer Uhr im Alltag zumuten kann. Wenn wir nur eine einzige Uhr haben dürften – das wäre sie.“

Ming Watch Designsprache
Materialität und Leichtigkeit sind feste Größen in Theins Designbriefings, ablesbar etwa an seiner Vorliebe für Titan und zukunftsweisende Fertigungsmethoden.
„Wir haben gerade alle Kundenbestellungen der Ming LW.01 ausgeliefert. Sie ist nach unserem Dafürhalten die leichteste mechanische Uhr der Welt: 8,8 Gramm für die manuelle Version, 10,8 Gramm für das Automatikmodell. Das ist leichter als zwei Blatt A4-Papier. Und sie besteht dabei nicht aus exotischen Materialien – es ist nach wie vor Metall, mit einem (modifizierten) konventionellen Kaliber. Der eigentliche Durchbruch lag in Konstruktion und Engineering – ich glaube kaum, dass je eine andere Uhr während ihrer Entwicklung auf Finite-Elemente-Simulation angewiesen war.“


Ming verrät außerdem, dass es einen finalen Meilenstein geben wird, der erst zum zehnjährigen Jubiläum der Marke im Jahr 2027 das Licht der Welt erblickt.
„Das Jubiläum selbst wird eine ganze Reihe von Stücken umfassen, die uns auf ein neues Niveau heben“, so Ming. „Dieses besondere Stück wird außergewöhnlich sein: Es wird eine Bi-Material-Fusion aufweisen, die es so in keiner Branche je gab; ein Material, das noch nie in der Uhrmacherei verwendet wurde – gefertigt vom besten Gehäusemacher der Branche – ein Werk eines bekannten Unabhängigen, das wir noch einen Schritt weitergedacht haben. Und natürlich mit einer Komplikation. Als jemand, der inzwischen wohl über tausend Uhren entworfen hat – mit einer Verwerfungsquote von zehn zu eins — bin ich bereits sehr gespannt und aufgeregt, wenn ich an diese Uhr denke.“
Zum Abschluss des Interviews beantwortet Ming Thein meine erste Frage zu Beginn noch einmal. „Sie haben gefragt, was mich antreibt? Es ist die Frage, was wir als Nächstes tun können.“ Für mich fasst dieses knappe Zitat den kreativen Geist eines Mannes zusammen, der mit laserscharfem Fokus daran arbeitet, unsere Sicht auf moderne Armbanduhren zu verändern.
Ein weiteres, ausnehmend spannendes Independent Label ist Kari Voutilainen. Hier erfahren Sie mehr über den Uhrmacher und seine Modelle.







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