Haute Horlogerie in München
Höchste Uhrmacherkunst im landläufigen Wortsinn wird bei der im Jahr 1974 erstmals veranstalteten Münchner Schmuck- und Uhrenmesser Inhorgenta traditionsgemäß nicht sonderlich großgeschrieben. Von Ausnahmen abgesehen, welche die Regel wie immer bestätigen, gehören zu den Ausstellenden keine der ganz oben angesiedelten Luxusmarken. Höchste Uhrmacherkunst, wie sie zum Beispiel A. Lange & Söhne, Audemars Piguet, Patek Philippe oder Vacheron Constantin pflegen, war und ist in München nicht vertreten. Das hängt auch damit zusammen, dass die genannten und andere Protagonisten dieses durchaus elitären Segments wegen ihres relativ überschaubaren Vertriebsnetzes keine Konzessionäre erreichen oder neue Händler gewinnen wollen. Und die machen neben Presse und anderen akkreditierten Fachbesuchern das Gros des Publikums in den Münchner Messehallen aus.
In diesem Sinn ist es sehr erfreulich, dass die Inhorgenta und die 2005 von Audemars Piguet, Girard-Perregaux und der Richemont Gruppe ins Leben gerufene FHH Stiftung für hochwertige Uhrmacherei eine Partnerschaft verkündet haben. Die Zusammenarbeit Fondation Haute Horlogerie x Inhorgenta ist in die Zukunft gerichtet und reicht über das hinaus, was während der Inhorgenta im Februar 2025 als erstes Leuchtturmprojekt in München begonnen wurde.


Angesichts der gegenwärtig bekanntlich angespannten Marktsituation, des gleichwohl ungebrochenen anhaltenden Interesses passionierter Uhrenfreaks an der Haute Horlogerie und der Bedeutung des Uhrmacherhandwerks ganz allgemein, bedeutet die nun angekündigte Partnerschaft Inhorgenta x FHH eine dringend gebotene Möglichkeit zur Bündelung von Expertise, Handwerkskunst und Kreativität unter einem Dach.
Dass sich die Inhorgenta in diesem Zusammenhang in den Kreis der Mitglieder der gemeinnützen Schweizer Uhrenstiftung eingereiht hat, unterstreicht die länderübergreifende Bedeutung zusätzlich.

Association interprofessionnelle de la Haute Horlogerie
Wahrscheinlich nur sehr wenigen Leserinnen und Lesern des Uhrenkosmos dürfte übrigens bekannt sein, dass die FHH eine Vorgängerin besitzt. Gemeint ist die Association interprofessionnelle de la Haute Horlogerie. Diese Institution, hinter deren Gründung die zu 70 Prozent in Richemont-Besitz befindliche Groupe Vendôme mit der wichtigsten Marke Cartier stand, hatte sich die Zusammenführung der Interessen von Luxus-Uhrenmarken, Agenten und Importeuren und dem Fachhandel zum Ziel gesetzt. In damals ebenfalls marktwirtschaftlich schwierigen Zeiten verlangte anhaltender Erfolg beinahe zwingend nach vertrauensvoller Kooperation.
Das stärkere Ziehen an einem Strang hatte sich der 1992 gestartete Cercle Interprofessionnel de la Haute Horlogerie auf seine Fahnen geschrieben. Zu diesem exklusiven Kreis, dessen Arbeit auf einem Kodex der Hohen Uhrmacherkunst basierte, fanden damals nur bedeutsame Uhrenmarken und ihre Vertriebsorgane Zutritt. Die Verpflichtung zu Qualität und Kundendienst galt als eine der obersten Maximen. Vom Entwurf bis zur Fertigstellung einer Uhr, vom Verkauf über die Kommunikation, Präsentation bis hin zum regelmäßigen Service stellte die Kundenzufriedenheit die oberste Prämisse dar.
Die Mitglieder, darunter zu Anfang die drei Vendôme-Marken Baume & Mercier, Cartier und Piaget, mussten das gesamte Spektrum der mechanischen und elektronischen Uhrmacherkunst beherrschen, den Vertrieb über qualifizierte Einzelhändler voll im Griff haben und einen herausragenden Service sicherstellen.

Neben der Diskussion von Grundsatzfragen hatten die Mitglieder ein umfangreiches und zum Teil auch reichlich delikates Arbeitspensum zu bewältigen. Es ging darum, die Mechanismen, Spezifika und Perspektiven des stark aufstrebenden asiatischen Uhrenmarkts vor Ort zu erforschen.


Vor allem bei den markenbewussten Japanern standen die traditionsreichen Schweizer Uhrenfabrikanten und ihre Nobelprodukte hoch im Kurs. Aufgrund des differenzierten und vielschichtigen Vertriebssystems lagen die Preise allerdings deutlich über den europäischen. Diese Tatsache und liberale Importgesetze hatten sich als hervorragender Nährboden für parallele Märkte erwiesen. Im Klartext bedeutete dies, dass es u.a. in Tokio und Osaka neben den offiziellen Konzessionären eine ganze Reihe sogenannter „Grauer Händler“ gab.
Besonders gut vertreten war schon damals Rolex. Sehr hoch im Kurs stand der stählerne Daytona-Chronograph mit dem Zenith-basierten Automatikkaliber 4030. Wartelisten waren in Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz schon damals sind an der Tagesordnung. In Fernost konnte man sein Exemplar gegen Aufgeld sofort mitnehmen. Auch die stählerne Pasha C von Cartier, welche im alten Europa wegen Lieferschwierigkeiten selten in den Fenstern lag, fand sich in Fernost «prêt à porter”.

Bei vielen anderen Uhrenmodellen lautete die Devise hingegen Discount. Und das im Allgemeinen nicht zu knapp. Hauptsache weg. Von Offiziellen im Land der aufgehenden Sonne wurden die Inoffiziellen nicht mit der begehrten Ware beliefert. Stattdessen decken sich die Parallel-Einkäufer u.a. bei Konzessionären in Europa, Hongkong oder Singapur ein. Folglich drehten sich die Vorträge und Diskussionen innerhalb des Association interprofessionnelle de la Haute Horlogerie auch um Möglichkeiten, die sprudelnden Quellen des Graumarkts nachhaltig zu schließen.

Fondation Haute Horlogerie x Inhorgenta München: Miteinander in die Zukunft
Nach diesem Ausflug in die Haute-Horlogerie-Vergangenheit, die ich vor Ort hautnah miterleben durfte, wieder zur Zusammenarbeit FHH x Inhorgenta. Die inzwischen auch in Europa und den USA allgegenwärtigen Graumarktaktivitäten spielen hier logischerweise keine Rolle. Vielmehr wollen beiden Beteiligten für die Besucherinnen und Besucher der Münchner Messe ein Forum schaffen, welche das Feingefühl für erlesene Handwerkskunst und die kulturelle Bedeutung der Haute Horlogerie in ins Zentrum rückt.
Gemeinsam gestalten wir eine Zukunft, die Handwerkskunst, Kreativität und die kulturelle Relevanz der feinen Uhrmacherei in den Mittelpunkt rückt. Die Resonanz auf unsere Zusammenarbeit im Jahr 2025 war überwältigend – und 2026 wollen wir dieses Erlebnis auf ein neues Niveau heben

Diese Partnerschaft spiegelt unsere Überzeugung wider, dass die Haute Horlogerie ein lebendiges kulturelles Erbe ist, das es zu teilen gilt. Durch die Zusammenarbeit mit der Inhorgenta stärken wir unsere Mission, die emotionale Tiefe, den künstlerischen Anspruch und die zeitgenössische Relevanz der Haute Horlogerie sichtbar zu machen – und sie einem breiteren, vielfältigen Publikum näherzubringen.
Weil das alles absolut überzeugend und zukunftsweisen klingt, wäre es sinnvoll, wenn die Inhorgenta ihre Türen mindestens an einem Tag für Uhren-Aficionados außerhalb des angestammten Besucherkreises öffnen würde. Als zeitweises B2C-Ereignis könnte die Messe für zahlreiche Aussteller und auch für die lobenswerten sowie gewiss hoch informativen Haute-Horlogerie-Aktivitäten nochmals deutlich an Attraktivität gewinnen.








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