Zeit für die Zeit und Patek Philippe
Noch bis 18. Oktober 2026 ist die Patek Philippe Watch Art Grand Exhibition 2026 im architektonisch beeindruckenden CityOval, dem ehemaligen Palazzo delle Scintille, kostenlos für das Publikum geöffnet.

Nicht jeder kann oder will sich wie ich fünf Stunden Zeit nehmen, um eine Uhrenausstellung wie diese zu besuchen. Zwei Stunden sollte man aber dennoch einplanen, um in die Geschichte, Technik und Handwerkskunst der 1839 gegründeten Schweizer Familienmanufaktur einzutauchen. Langeweile kommt nämlich keine Sekunde auf. Und ich persönlich hatte während des Rundgangs nie das Gefühl, zu viel Zeit mitgebracht zu haben.

Nach ähnlichen Ausstellungen in München, London, New York, Singapur und Tokio ist Mailand nicht nur für mich die bislang umfassendste und zugleich auch faszinierendste. Nicht allein wegen ihrer beachtlichen Dimensionen, die alles Bisherige weit übertreffen, sondern vor allem wegen der inhaltlichen Tiefe. Archive, Uhrwerke und technische Erläuterungen, historische Exponate und Rare Handcrafts greifen hier ungewöhnlich schlüssig ineinander.


Patek Philippe Watch Art Grand Exhibition 2026: Die bisher größte Ausstellung ihrer Art
Schon der Ort vermittelt eine Vorstellung vom Aufwand. Unter der rund 30 Meter hohen Kuppel des vollständig restaurierten ehemaligen Palazzo delle Scintille erstreckt sich das Geschehen über gut 2.900 Quadratmeter. Mehr als 500 Zeitmesser und weitere Exponate verteilen sich auf unterschiedliche Themenbereiche. Das hat es bisher noch nie gegeben. Dabei sollte man die Veranstaltung nicht als reine Werbe-Präsentation einer aktuellen Uhrenkollektion missverstehen.

Natürlich sind im Gebäude auch die gegenwärtigen Modelle, die neuen Gondolo Ladies First sowie die eigens für den italienischen Markt geschaffenen limitierten Editionen zu sehen. Das Interessante liegt für mich aber tiefer: Patek Philippe erklärt eindrucksvoll, woher die Manufaktur kommt, wie ihre Uhren entstehen und wie sich technisches Denken über Generationen entwickelt hat.
Wer dem Rundgang folgt, bewegt sich damit nicht nur von Vitrine zu Vitrine. Man wandert durch fast zwei Jahrhunderte Unternehmens- und Uhrengeschichte.

Das Archiv als persönlicher Höhepunkt
Besonders viel Zeit verbrachte ich im Archivbereich. Er gehört für mich zu den stärksten Teilen der Mailänder Ausstellung und unterscheidet sie deutlich von den vorherigen Grand Exhibitions.
Erstmals hat Patek Philippe eine eigene Sektion gestaltet, welche sich ganz den Schätzen aus den historischen Unternehmensarchiven widmet. 39 Tafeln bilden dafür den Rahmen.

Was mich hier besonders beeindruckte, war die Art der Dokumentation. Patek Philippe zeigt nicht nur Briefe, Unterlagen, historische Abbildungen oder interne Dokumente. Artikel aus damaligen Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen ergänzen viele Ereignisse. Das verändert den Blick auf Geschichte. Man sieht nicht nur, wie Patek Philippe ein bestimmtes Ereignis aus heutiger Sicht einordnet, sondern erfährt zugleich, wie Zeitgenossen darüber berichteten. Eine technische Entwicklung steht neben ihrer damaligen medialen Wahrnehmung. Eine Uhr, ein Patent oder ein historisches Ereignis erhält damit einen zusätzlichen Kontext.

Gerade wenn man sich wie ich seit Jahrzehnten intensiv mit der Geschichte mechanischer Uhren beschäftigt, möchte man dort länger verweilen. Archive besitzen eine andere Aussagekraft als jede nachträglich formulierte Markenchronik. Sie dokumentieren, was zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich geschah und wie die Uhrenwelt darüber sprach. Für mich retrospektiv ein echtes Mailänder Highlight.



Kaliber statt kompletter Uhren
Danach führt der Rundgang tiefer in die Technik. Und auch hier hat Patek Philippe deutlich mehr aufgebaut als eine konventionelle Schau fertiger Uhren. Ein eigener Manufakturbereich beschäftigt sich mit den Produktionsschritten der Komponenten. In rotierenden Vitrinen sind 53 Uhrwerke zu sehen, weitere 64 Kaliber lassen sich in einer interaktiven Werkpräsentation an Monitoren studieren. Hinzu kommen Forschung und Entwicklung, Advanced Research, Superkomplikationen sowie der Bereich Master of Sound.


Auch diese konzentrierte Zusammenstellung mechanischer Kleinodien hat mir ausgesprochen gut gefallen. Nimmt man einem Zeitmesser Gehäuse, Zifferblatt und Zeiger, bleibt der tickende Mikrokosmos übrig. Genau dann lässt sich erkennen, wie Konstrukteure unterschiedliche Aufgaben gelöst haben und wie sich Konzepte über Jahrzehnte weiterentwickelten.

Patek Philippe belässt es erfreulicherweise nicht beim Betrachten. Uhrmacher und Ingenieure erläutern Kaliber und führen Funktionen vor. Die Darstellung der Produktionsabläufe und technischen Zusammenhänge erfolgt so, dass auch Besucher folgen können, welche sich nicht täglich mit Schalträdern, Repetitionsmechanismen oder ewigen Kalendern beschäftigen. Für Kenner und Freaks gibt es dennoch genügend Details, welche man eingehend studieren möchte.



Museumsstücke auf Reisen
Ein weiterer Abschnitt führt ins Patek-Philippe-Museum. Für die Ausstellung sind insgesamt 84 kostspielige Exponate aus Genf nach Mailand gereist. Dazu gehören 35 Stücke aus der antiken Sammlung sowie 49 bedeutende Zeitmesser aus der illustren und visionären Geschichte des 1839 gegründeten Unternehmens, das sich seit 1932 im Eigentum der Familie Stern befindet.

Nicht fehlen darf natürlich die weltweit erste Armbanduhr mit ewigem Kalender aus dem Jahr 1925, eine Weltzeit-Armbanduhr Referenz 1415 HU von 1948 sowie eine Taschenuhr mit Minutenrepetition und 30 Stunden Gangautonomie aus dem Jahr 1918, die einst dem legendären Automobilfabrikanten James Ward Packard gehörte.

Im Bereich Historical Owners wiederum begegnet man Uhren mit berühmter Provenienz, beispielsweise einer Anhängeuhr, die Queen Victoria anlässlich der Great Exhibition 1851 in London erhielt.
Keinesfalls sollte man an solchen bedeutsamen Exponaten zu schnell vorbeigehen. Sie demonstrieren, dass Uhrmacherei immer auch Kulturgeschichte ist. Feine Technik, subtile Gestaltung, gesellschaftliches Umfeld und die Menschen, welche solche Kunstwerke besaßen, gehören schlichtweg zusammen.

Rare Handcrafts aus nächster Nähe
Noch unmittelbarer gehen die Dinge im Salon der sogenannten Rare Handcrafts über die Bühne. Miniaturmalerei auf Email, Cloisonné-Email, Handgravur, Holzmarqueterie, Guillochierung und Edelsteinfassung gehören zu jenen traditionellen Fertigkeiten, welche Patek Philippe auf Initiative des im Juni 2026 verstorbenen Ehrenpräsidenten Philippe Stern bis heute hingebungsvoll pflegt.
Für Mailand entstanden 25 besondere Kreationen, darunter Armband- und Taschenuhren, Tischuhren und Dom-Penduletten. Inhaltlich beziehen sie sich auf Italien, seine Landschaften, Städte, Kunst und handwerklichen Traditionen.

Noch spannender als die fertigen Resultate fand ich jedoch die Möglichkeit, den verschiedenen Handwerkern über die Schulter zu blicken. Erst aus unmittelbarer Nähe begreift man die Dimensionen ihres Schaffens. Ein Motiv, das auf Fotografien groß und detailreich erscheint, entsteht in Wirklichkeit auf wenigen Quadratzentimetern. Einschlägig erfahrene Meister ihres Fachs führen Werkzeuge unter dem Mikroskop.

Erfahrene Meister ihres Fachs versehen kleinste Flächen mit Farbe oder fügen zuvor mit einer speziellen Laubsäge herausgeschnittene Holzteilchen zu einem Bild zusammen. Nach dem Erlebnis vor Ort betrachtet man das fertige Zifferblatt anders. Genau darin liegt für mich einmal mehr die Stärke dieser Ausstellung: Sie zeigt nicht nur das Resultat, sondern vor allem auch den langen, zeitaufwändigen Weg dorthin.

Mailand und die Uhren für Italien
Dass Patek Philippe für seine siebte Grand Exhibition Mailand gewählt hat, passt. Italien gehört seit langer Zeit zu den wichtigen Märkten der Genfer Manufaktur. Entsprechend präsent ist das Gastgeberland in der Ausstellung. Nicht weniger als sieben limitierte Editionen entstanden eigens für den italienischen Markt.

Dazu gehören verschiedene Calatrava-Modelle, eine Aquanaut, zwei Weltzeit-Minutenrepetitionen mit Mailänder Stadtansichten in Cloisonné-Email und vor allem die neue Referenz 5978P-010. Diese Grande Complication verkörpert eine Synthese aus Handaufzugschronograph und augenblicklich schaltendem ewigen Kalender. Die Kalenderanzeigen wechseln innerhalb von 30 Millisekunden.

Einstand gab schließlich auch die feminine Gondolo Ladies First. Nach der erfolgreichen Linie Twenty-4 handelt es sich abermals um eine speziell für Frauen gestaltete Armbanduhr. Der Uhrenkosmos wird später noch eigens über die Geschichte der Damenarmbanduhr im Hause Patek Philippe und dieses neue Modell berichten.

Zwei Stunden wären gut
Nach meinen fünf Stunden in der Ausstellung hätte es noch viele weitere Details zu sehen und zu entdecken gegeben. Vielleicht ist diese abschließende Erkenntnis das beste Kompliment, welches ich der aktuell laufenden Watch Art Grand Exhibition machen kann.
Natürlich handelt es sich um eine Leistungsschau von Patek Philippe. Aber diese funktioniert besonders gut, wenn man sie nicht nur als Ansammlung kostbarer Uhren betrachtet. Das in Mailand Gezeigte erzählt von Menschen, die Uhren konstruieren und fertigen, von technischen Problemen und ihren Lösungen, von überlieferten Handwerkskünsten und von einer Unternehmensgeschichte, die sich anhand originaler Quellen höchst anschaulich nachvollziehen lässt.
Im Vergleich mit den früheren Grand Exhibitions, welche ich mit Ausnahme der in Dubai alle sehen und erleben konnte, empfand ich Mailand als etwas ganz Besonderes. Vor allem die sorgfältig kuratierte Archivsektion und die konzentrierte Präsentation der Uhrwerke verleihen zusätzliche Tiefe.
Wer sich ernsthaft für mechanische Uhrmacherei interessiert und in den kommenden Tagen nach Mailand reisen kann, sollte diese außergewöhnliche Gelegenheit nutzen. Noch bis einschließlich 18. Oktober ist die Patek Philippe Watch Art Grand Exhibition Milan 2026 im Stadtteil CityLife geöffnet. Der Eintritt ist wie immer kostenlos.
Und wer die Reise mit etwas Abstand von der Uhrmacherei verbinden möchte, findet in Mailand ohnehin genügend weitere Gründe für einen Aufenthalt: Architektonisch, kulturell und nicht zuletzt kulinarisch hat diese norditalienische Stadt ausgesprochen viel zu bieten.






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