Time on Show
Schöne Erlebnisse lassen sich selten wiederholen. Das liegt am Erinnerungsfilter, aber auch daran, dass wir Vergangenes gern als Orte und Ereignisse abspeichern und damit nebenbei die Rolle der beteiligten Menschen marginalisieren. So erlebt, als ich letztes Jahr kurz entschlossen nach Miami flog, um eine Veranstaltung des US-Uhrenverbandes IWJG und die Antiquitätenmesse im Convention Center zu besuchen.
Früher war es schön, dem strengen New Yorker Winter zu entkommen und mit den Kollegen aus LatAm den Kick-off des Jahres in South Beach zu begehen. Das Party-Hauptquartier war damals Madonnas Delano, also ging ich diesmal direkt nebenan ins National. Schnelle faktenfreie Entscheidung, denn statt der Party lief die Kernsanierung, deren Fortschritte sich aus dem Liegestuhl gut verfolgen ließen. Die Kollegen von damals feiern heute vermutlich mit ihren Enkeln. Außer ein paar vertrauten Gesichtern waren die Uhren-Events auch mäßig, beim IWJG hauptsächlich Jäger automatischer NOS-Daytonas und bei der Antiquitätenmesse optimierte Sicherheit im Design der Uhrenabteilung beim Kaufhof.
Ähnlich hatte ich es auch für die „Retromobile“ in Paris befürchtet, die dieses Jahr zum zweiten Mal Gastgeber der „Time on Show“ war. Die erste Ausgabe war letztes Jahr ein gelungenes Trostpflaster für den verrissenen Florida-Trip. Es war aber nicht klar, ob die Uhren bei der Automesse damals ein Erfolg waren, zumal sich nicht alle Aussteller wieder angemeldet hatten.

Trotzdem war schon die Bahnfahrt stellenweise unterhaltsam, weil ja zeitgleich in Paris die Fashion Week stattfand. Vor Ort spuckte der Metroautomat nicht die gewohnten schmalen Streifen für den Stempelschlitz, sondern Magnetkarten aus. Die konnten dem Drehkreuz zu den Gleisen aber leider keine Reaktion abringen. Nach einem kurzen „here we go“ erkannte ich, ich war nicht allein betroffen. Die Servicekraft im Glaskasten sah es auch, bewegte sich aber nicht. Also stellte ich mich eine Viertelstunde an. Das dann folgende, unbeteiligt-freundliche „vraiment désolé“ der tiefentspannten Bahnangestellten brachte mich zurück in Paris-Stimmung.

Die gute Laune hielt auch auf dem Messegelände an, denn dieses Jahr war nicht alles in einer Halle, sondern auf drei übereinander angeordneten Flächen ausgestellt. Dadurch war es übersichtlicher. Trotzdem musste ich mich fokussieren, um nicht ins automotive Geschehen abzudriften. Ich hatte mir vorgenommen, mit den Uhren anzufangen, weil ich insgesamt nur vier Stunden hatte. Die Disziplin hat sich ausgezahlt. Fast zweieinhalb Stunden verbrachte ich an nur elf unterschiedlichen Uhrenständen.

Die Uhrenkollektion der Time on Show 2026 musste sich nicht vor der Oldtimer-Sammlung verstecken. Ich habe mir Ende letzten Jahres viele Gedanken über die Marktentwicklung gemacht und hatte mir unter anderem vorgenommen, auch dazu mehr zu erfahren. Die einfache, aber bittere Schlussfolgerung ist, dass mehr „High-Net-Worth Individuals“ auch zu mehr Inflation bei schönen und knappen Dingen führen.
Im Grunde wurde in Paris von allen Kategorien das Beste vom Besten geboten. Bei der leider eingestellten Nautilus 5711 in Stahl konnte man zwischen dem moosgrünen Zifferblatt der Serie letzten Produktionsjahres und dem blauen Blatt wählen, beide Uhren original verpackt und unbenutzt. Die neue 5811 aus Weißgold fehlte genauso wenig wie eine 2025er Daytona 126518LN mit türkisem Zifferblatt.

Im Dezember hatte ich über die Versteigerung der bislang teuersten F.P. Journe berichtet, eine Uhr, die die Zeit mit den automatisierten Fingern einer Hand anzeigt. Damals wurde bekannt, dass eine Handvoll ähnlicher Exemplare für die besten Kunden produziert wurde. Auf der Time on Show war eine davon zu haben.
Aber auch bei Vintage-Uhren wurde mit einer goldenen Referenz 6264 Paul Newman mit Lemon Dial und Tiffany-Aufdruck der Vogel abgeschossen. Wahrscheinlich kam der Oldschool-Diplomkaufmann aus mir heraus, als ich fragte, ob bei so viel Kapitalbindung nicht auch einmal Bedenken kommen. Die überzeugend klingende Antwort war, dass sich die Siebensteller am besten drehen würden!

Gentleman-Chronographen
Wer mich kennt, weiß, dass meine Leidenschaft „Gentleman-Chronographen“ sind, wie man sie früher beim Pferderennen oder beim Polo sah (so stelle ich es mir zumindest vor …). Auf jeden Fall wurde ich nicht enttäuscht. Mitte der 1940er Jahre endete die Ära der Rolex „Oyster-Chronographen“ im Calatrava-Gehäuse, und die Tonneau-Referenz 4500 löste das Modell 3525 ab.
In Paris wurde eine 3525 angeboten, die erst 1951 verkauft wurde und ein einzigartiges „Transitional“-Zifferblatt mit Designelementen aus den 1950er Jahren trägt. Marken- und Modellname sind jetzt in drei Linien angeordnet. Die aufgesetzte Krone und die Indizes waren damals normalerweise für goldene Uhren reserviert und geben einen eleganten, wertvollen Look. Die Uhr kommt mit originalen Dokumenten und interessanter Herkunft. Der Gehäusedeckel ist mit dem Namen der seinerzeitigen Affäre von Schauspielerin, Sängerin, Model und Socialite Libby Holman graviert.

Auch bei Pre-Daytonas gab es Außerordentliches zu bewundern. Ich hatte in meinem Artikel zu den Ergebnissen der Genfer Herbstauktionen die „Prince of Darkness“-Modell 6238 beschrieben, die es in drei Zifferblattvarianten gibt: bedruckt matt, galvanisiert matt oder galvanisiert glänzend. Galvanisiert ist natürlich wertvoller als bedruckt, und von den glänzenden Blättern sind bisher erst drei bis vier ans Licht gekommen.
Bei der „Time on Show“ stand eine zum Verkauf, die ich noch nicht kannte. Dann hatte ich noch von der goldenen Version der Referenz 6238 mit Zifferblatt von Stern Frères in reduzierter Grafik geschwärmt, von der bisher auch nicht viel mehr als vielleicht zehn Stück aufgetaucht sind. Auch so eine Uhr, sogar mit dem begehrten „Underline“ auf dem Blatt und passender Seriennummer, wurde im Investment-Grade angeboten.

Time on Show auf der Retromobile
Für mich hatte die Uhrenliebe immer auch den Reiz, dass man schon für tausend Euro interessante Stücke finden konnte – allerdings nicht bei der Time on Show. Trotzdem hat es für ambitionierte Sammler attraktive Chancen gegeben. Die sympathischen und gut informierten Händler „Vintage Times Collective“ aus Amsterdam hatten ebenfalls eine Auswahl an „Gentleman-Chronographen“ dabei.
Movado bot ab den 1950er Jahren wasserfeste Chronographen an, deren Gehäuse von Taubert Frères in Genf kamen und eigene Uhrwerke mit Schaltrad in Modulbauweise besaßen. Taubert Frères entstand einst aus dem Atelier Borgel, wo in den 1920er Jahren die ersten verschraubten Gehäuse überhaupt gebaut wurden. Taubert lieferte auch die Gehäuse für den legendären Patek Philippe Chronographen 1463 „Tasti Tondi“. Leider sind die Movados meist nur 34 Millimeter groß. Sind sie aber in einem schönen Zustand, dann sind sie trotzdem werthaltig. Es standen zwei zur Auswahl, von denen einer mit einem komplett sauberen off-white Zifferblatt im grainée Finish kam. Ihre Ausstrahlung ließ die kleinen Abmessungen der Uhr sofort vergessen.
In derselben Vitrine gab es auch einen Breguet-Vintage-Chronographen in Gold und einen in Stahl. Breguet ist zwar für Flieger-Chronographen bekannt, Dress-Versionen sind dagegen selten. Es heißt, es wurden je 12 aus Stahl und Gold hergestellt. Mir waren bisher drei Stücke in Stahl bekannt und keines in Gold. Der angebotene Preis für die goldene Uhr lag deutlich unter den letzten Auktionsergebnissen der Stahluhren.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem unglaublich großen Angebot von Contemporaries, Youngtimern und Vintage-Uhren. Bleibt noch zu erwähnen, dass auch Custom-Rolex-Uhren nachgefragt zu sein scheinen. Für den Vintage-Enthusiasten ist es die erste Pflicht, auf Originalität zu achten. Umso mehr war ich überrascht von den vollen Preisen, die zuletzt „Asprey“-Modelle auf der Basis des aktuellen Rolex-Katalogs gezahlt wurden. Der Anbieter „Matt Spirit“ aus Turin geht aber noch viel weiter und bietet komplett neue Kreationen aus Teilen originaler Rolex-Uhren an, dem Vernehmen nach mit Erfolg! Uhren scheinen an der Seite von Autoausstellungen zu gehen. Richard Mille und Chopard waren ebenfalls mit separaten Ständen präsent.
Ich brauchte erst einmal eine kleine Espressopause mit „Gaufre“, bevor ich mich den Autos zuwenden konnte. Die Retromobile feierte dieses Jahr ihren 50. Geburtstag. Dazu gab es einige Sonderausstellungen, wie zum Beispiel zu den Gefährten von Schauspieler und Amateurrennfahrer Steve McQueen. Leider ging es dabei aber hauptsächlich um Triumph-Motorräder und weniger um Sportwagen. McQueen drehte 1969 den legendären Film „Le Mans“, wo er privat einen 911er und als Profi einen 917er fuhr. Jenseits der Leinwand fuhr er in seinem eigenen Porsche 908 Rennen und erreichte 1970 bei den 12 Stunden von Sebring, gemeinsam mit dem Berufsfahrer Steve Revson, den 2. Platz im Gesamtklassement und den 1. Platz in der Klasse bis 3 Liter Hubraum.

Retromobile
Das schönste Auto aus der „goldenen Ära“ der Sportwagenrennen war für mich aber ein Ferrari 330P. Enzo Ferrari hatte den Wagen als Waffe gegen die Ford GTs entwickeln lassen, die ihm 1965 den Sportwagen-Weltmeistertitel abgejagt hatten. Das 12-Zylinder-Mittelmotorfahrzeug mit 450 PS bringt für mich das kurvenreiche 1960er-Design auf den Punkt. Der 246er Dino erinnert an diese Linien, ist aber ein Sechszylinder. Einen V12-Zylinder-Mittelmotor hat es in diesem Look für die Straße nie gegeben. Der erste serienmäßige Ferrari in der 12-Zylinder-Mittelmotor-Auslegung war 1973 der 365 GT4 BB mit Boxermotor. Er löste den 365 GT4 Daytona mit V12-Frontmotor ab.

Leider hatte Ferrari das Pech, es in Ferdinand Piëch mit einem kompromisslosen Menschen zu tun zu haben. Piëch schuf zusätzlich zum sehr erfolgreichen, aber auf drei Liter begrenzten Porsche 908 das 580 PS Prototyp Monster Porsche 917, um selbst Weltmeister zu werden. Auch der Nachfolger des 330P, den Siegfried Rauch als fairer Konkurrent von Steve McQueen im Film durch die Sarthe bewegt hatte kein besseres Schicksal. Die einzige Ehrenrettung des Ferrari 512 S gelang Mario Andretti, als er 1970 gemeinsam mit den Werksfahrern Merzario und Giunti den Gesamtsieg in Sebring schaffte; vor Steve McQueen in seinem Porsche 908.

Meistens ging das Duell zugunsten der 917er aus; in Sebring schaffte Motorsportlegende Mario Andretti die Ausnahme. Im Bild wird Pedro Rodriguez im Wyer Gulf Porsche 917 vom NART-Ferrari 512 S mit Sam Posey verfolgt. Andretti begann mit der Startnummer 19 und gewann auf dem Fahrzeug mit der 21 das Rennen (im Bild der zweite 512 S). Der Mexikaner Pedro Rodriguez, der Schweizer Jo Siffert, der Engländer Richard Attwood und der kürzlich verstorbene Hans Herrmann gingen als die wenigen Menschen in die Geschichte ein, die den 917er Porsche beherrschten. Der Gentleman Racer John Woolfe erwarb 1969 als erster Amateur einen 917er und verunglückte gleich in der ersten Runde der 24 Stunden von Le Mans des Jahres tödlich.
Erwähnenswert ist noch die Art-Car-Ausstellung mit jeder Menge kunstvoll dekorierter BMW-Sportwagen. Auf dem Weg nach draußen kam ich dann noch an einem „50 Ans de GTI“-Special vorbei, das mich dann allerdings eher an meine Abiturzeit erinnerte, sodass es mir nicht mehr so schwerfiel, den Heimweg anzutreten. Es war wieder ein gelungener Nachmittag in Paris. Wer keine sechsstelligen Beträge für Uhren ausgibt, ist auf der Time on Show trotzdem gut aufgehoben. Auch die reichen Händler sind Liebhaber und unterhalten sich gern, ohne gleich ein Geschäft zu erwarten. Die nächste Ausgabe findet nach dem Sommer in Bologna statt.






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