1000 Stunden lang getestet
Typisch Jérôme Lambert möchte man beim Blick auf die soeben von Jaeger-LeCoultre in limitierter Auflage von 500 Exemplaren vorgestellte Jaeger-LeCoultre Master Control Classic ausrufen. Kenner der Geschichte und der Produkte des traditionsreichen Uhr-Unternehmens wissen, dass dieser klassische Zeitmesser erstmals vor 30 Jahren in die Kollektion fand. Ausgestattet mit schlichtem runden Stahlgehäuse, dem Automatikkaliber 889/1 und geliefert erst nach Bestehen des strengen hausinternen 1000-Stunden-Tests.


Anders als bei der COSC muss die fertige Uhr auf den Prüfstand. Und zwar abwechslungsweise in sechs Positionen bei verschiedenen Temperaturen, in Bewegung oder Ruhe, unter der Einwirkung gezielter Schläge und dem Einfluss wechselnder Magnetfelder, die weit über den allgemein gebräuchlichen Normen liegen. Damit muss jede Master Control in ihren ersten 41 Tagen ihres tickenden Lebens härtere Anforderungen über sich ergehen lassen, als sie später normalerweise am Handgelenk ausgesetzt ist. Als sichtbares Zeichen des Erfolgs trägt der Boden ein entsprechendes Siegel.

Jaeger-LeCoultre Master Control Classic
Das soeben vorgestellte Retromodell Control Classic übernimmt wesentliche Designelemente der früheren Referenz und überträgt sie auf ein 36-mm-Edelstahlgehäuse, welches nur geringfügig größer ausfällt als das Original und dem Druck des nassen Elements bis zu fünf Bar widersteht. Ins Auge stechen auch ein silberfarbenes Zifferblatt mit Sonnenschliff, ergänzt durch pfeilspitzenförmige Stundenindizes, Super-LumiNova-Leuchtpunkte und Dauphin-Leuchtzeiger.
Als farbiger Akzent tut sich eine gebläute Zentralsekunde hervor. Auch das braune Straußenlederarmband mit Dornschließe knüpft an die Vergangenheit. Uhrmacherisch setzt die Master Control Classic ferner auf das aktuelle Automatikkaliber 899 mit Fensterdatum. Durch gezielte Fortentwicklung des 889 kletterte die Gangautonomie beim 899 auf 70 Stunden.

An die 1990er-Jahre erinnert auch der massive Gehäuseboden. Das dort verewigte Emblem weist unmissverständlich auf den internen Prüf-Marathon hin, welche dieser Newcomer anstandslos zurückgelegt hat. Als unverbindlichen Preis ruft Jaeger-LeCoultre 8.900 Euro auf.


Alter und neuer CEO
Und damit kommen wir zu Jérôme Lambert, dem alten und neuen CEO der im abgeschiedenen Vallée de Joux beheimateten Manufaktur. Mit der 1992 vollzogenen Einführung des 1000-Stunden-Tests und der damit zusammenhängenden Master-Control-Linie hat der studierte Ökonom nichts zu tun. Seine Karriere bei Jaeger-LeCoultre startete 1996 unter der Ägide von Henri-John Belmont als Finanzcontroller. Drei Jahre später erfolgte die Ernennung zum Chief Financial Officer. Im Jahr 2002 nahm der 1969 Geborene als Markenverantwortlicher linksseitig im Cockpit Platz.

2009 agierte er ganz nebenbei auch noch als Vorsitzender der Geschäftsführung von A. Lange & Söhne. 2013 verabschiedete sich Jérôme Lambert für vier Jahre nach Hamburg zu Montblanc. Im April 2017 startete der Job als Leiter des operativen Geschäfts der Richemont-Gruppe. In dieser Funktion waren auch die zentralen und regionalen Dienstleistungen für alle Maisons mit Ausnahme der Schmuckhersteller und Uhrenspezialisten zu lenken.
Im November 2017 erweiterte Richemont den Verantwortungsbereich des inzwischen zum COO ernannten um die spezialisierten Uhrenmaisons. Der nächste Schritt in Lamberts Karriereleiter bestand in einer Beförderung zum Richemont-CEO. Das geschah im September 2018. Vor der Rückkehr zu Jaeger-LeCoultre als CEO im Frühjahr 2025 betätigte er sich ab Juni 2024 vorübergehend nochmals als COO von Richemont. Während der Jahre im Hauptquartier gab es keine Interviews. Als Markenchef sehen die Dinge wieder anders aus. Der Uhrenkosmos bekam Audienz und konnte ausführlich mit Jérôme Lambert sprechen.

Jérôme Lambert im Gespräch
Rückkehr zu Jaeger-LeCoultre
Gisbert Brunner: Als ich im Frühjahr 2025 hörte, dass du als Chef zurückkommst zu Jaeger-LeCoultre, sagte ich spontan: Etwas Besseres kann der großen alten Manufaktur nicht passieren.
Jerome Lambert: Danke. Du bist sehr nett. Aber wirklich?
Du kennst mich lange genug. Ich spreche immer sehr offen. Kein Honig um den Mund. Als du gegangen bist, ist bei Jaeger-LeCoultre etwas verloren gegangen.
Gewiss meine Haare. (Gelächter)
Du bist viel zu bescheiden. Lass uns über deine Rückkehr reden und die Gründe dafür. Mir ist bewusst, dass vieles vertraulich und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Also erzähl uns bitte ganz einfach das, was nach draußen darf
Ich kann sagen, es gibt einen Grund, den man in seinem Gehirn hat, wenn man eine Wahl trifft. Und es gibt Dinge, von denen man hinterher weiß, warum man sie getan hat. So zum Beispiel 2013, als Thomas Lindemann, der Personaldirektor von Richemont in diesem Raum, wo wir gerade miteinander sprechen, die Frage an mich richtete, ob ich mir vorstellen, nach Hamburg zu Montblanc zu gehen.

Wie ging es bei dieser Frage?
Montblanc war für mich mehr eine Schreibgeräte- als eine Uhrenmarke. Immerhin gab es Uhren mit dieser Signatur erst seit 1997. 2013 war ich zehn Jahre lang als CEO bei Jaeger-LeCoultre. Für mich als Newcomer eine lange Geschichte in der Uhrenindustrie. Also dachte ich, dass es gut sein könnte, wenn jemand anders die Geschicke der Maison im Vallée de Joux lenkt. Zu lange ein und dieselbe Führungsperson an der Spitze hätte Jaeger-LeCoultre möglicherweise schaden können.
Findest du es grundsätzlich schlecht, wenn man zu lange mit einer Maison zusammen ist?
Das kann ich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Was ich aber weiß, ist, dass der Punkt der Zentrizität extrem wichtig war. Eine Manufaktur vom Alpha und Omega zu kennen, kann für diese zunächst einmal ganz großartig sein. Aber nach einer Weile kann es sich tendenziell als kompromissorientierter, weniger effektiv, usw. erweisen. Retrospektiv denke ich, kurz gesagt, dass zu diesem Zeitpunkt gut für Jaeger-LeCoultre war, einen anderen CEO zu bekommen.
Hast du deine Entscheidung später bereut?
Nein, ich habe es niemals bereut. Mich hatte ohnehin eine Art Sorge beseelt, dass ich der von mir geleiteten Maison meinen persönlichen Stempel im Laufe der Jahre zu stark aufdrücken könnte. Zu dieser Zeit musste ich das, was mir für Jaeger-LeCoultre vorschwebte, mit der Geschichte, der Philosophie und den Werten der Maison immer wieder in m, was die Maison war, regelmäßig in Einklang bringen. Meine Visionen sollten und durften nicht zu stark dominieren. Aus diesen Gründen habe ich mich über die Montblanc-Offerte schon sehr gefreut. Sie bedeutete für mich eine wichtige, neue Herausforderung.

Jetzt aber bist du zurück am ehemaligen Arbeitsplatz
Als wir letztes Jahr die Diskussion über meine Rückkehr zu Jaeger-LeCoultre führten, geschah dies in einem anderen Kontext. Ich hatte sieben Jahre in der Richemont Konzernzentrale hinter mit. Es war mir große Ehre und Vergnügen zugleich, Richemont während der Covid-Zeit zu lenken. An dieser Stelle bitte ich um Verständnis. Dass ich in diesem Zusammenhang nicht alle Geschichten erzählen kann, denn sie sind vertraulich.
Deshalb nur so viel: Jede Woche passierte damals etwas anderes. Folglich war jede der rund 250 als Richemont-CEO eine Übung für sich. Mir schwebte vor, wieder näher zu sein an der Uhrenentwicklung, der Fertigung, dem Vertrieb, der strategischen Planung, kurzum am strategischen Tun.
Das bedingte sicher viele Diskussionen
Wir dachten intensiv über die Zukunft der Organisation nach. Ich sagte zu unserem Chairman und zu Nicolas Bos, meinem designierten Nachfolger: Okay, ich habe alles gegeben und getan, was im übergreifenden Bereich möglich war. In Anbetracht der schwieriger werdenden Situation brauchen Jaeger-LeCoultre und die anderen spezialisierten Uhrenmarken mehr als nur übergeordnete Führung und Unterstützung. Also könnte es sinnvoll sein, wieder dorthin zu gehen, wo etwas passieren kann, aber auch passieren muss.
Kurzum: Ich bewerbe ich um die Rückkehr zu Jaeger-LeCoultre. Ich kenne und liebe diese Maison. Die Position des CEO war ohnehin vakant. Die Uhrenindustrie war gerade die einfachste und das machte die Rückkehr umso spannender.


Die Faszination ist zurück
Genauso kenne ich Jérôme Lambert seit unserer ersten Begegnung kurz nach dem ersten Amtsantritt als CEO von Jaeger-LeCoultre und den vielen Treffen danach.
Die Faszination ist zurück für mich. Wenn du hierherkommst, wenn du das Tal siehst, wenn du am Abend mit Gästen dinierst, wenn du Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begegnest, mit ganz unterschiedlichen Menschen über neue Produkte diskutierst. Die vergangenen zehn Tage war ich unter anderem in Hongkong, Macao, Shanghai, Seoul. Jedes Mal, wenn ich Menschen getroffen und hautnah erlebt habe, wie sie unsere Uhren lieben, wenn ich mit ihnen diskutierte, was ihnen daran gefällt und was sie dafür begeistert, dann wusste ich, dass meine Rückkehr zu Jaeger-LeCoultre die absolut richtige Entscheidung war. Voilà!
Das klingt absolut authentisch und überzeugend, Jérôme
Sollte ich jemals an der Richtigkeit dieses Schritts zweifeln, muss ich nur ins Vallée de Joux fahren und die Schönheit dieses Tals erleben. Es ist ein echtes Privileg, direkt an der Spitze eines engagierten Teams zu stehen, das im Rahmen seiner Möglichkeiten eigenständig entscheiden kann, was es für die Maison und ihre Klientel tut, das stets sein Bestes gibt. Jeden Tag heißt es beschließen, ob du nach links, rechts oder geradeaus gehen willst.
Für mich persönlich ist es unglaublich. Ich schätze und genieße die Freiheit, welche die Position eines Marken-CEO eröffnet. Aber natürlich bis ich mir auch der Verantwortung für die Maison und ihre Mitarbeitenden immer bewusst. Es ist die Integrität, das gemeinsame Ziehen an einem Strang, das alles möglich macht.

Hat sich was geändert während der rund zehnjährigen Abwesenheit?
Darf ich es so sagen? Zehn Jahre später ist alles sogar noch möglicher als zuvor. Und ich werde die Türen wieder öffnen, denn das ist einfach super. Diese Chancen machen Entscheidungen leicht.
Wenn ich so zuhöre, spüre ich immer mehr, dass du sehr glücklich bist
Ja, auf jeden Fall.


Frischer Wind
Ich habe vernommen, dass sich alle in diesem Haus riesig über Ihre Rückkehr gefreut haben. Ich erinnere mich an die Aussage, dass nun bei Jaeger-LeCoultre eine neue Zukunft beginne.
Es hat also nicht aufgehört.
Nein. Ich sage dir was. Als du zu Jaeger-LeCoultre kamst, brachtest du eine beispiellose Dynamik mit, unglaublich viele Innovationen in Bezug auf Uhrwerke, Mechanik, Designs etc. Ich erinnere beispielsweise nur an das Gyrotourbillon, an die Reverso à Tryptique, an die Duométre
Genug des Lobes! Es waren die Techniker und Uhrmacher, sie haben es aus der Taufe gehoben und dann haben wir es gemeinsam gut entwickelt.


Ehre, wem Ehre gebührt. Für mich erlebte Jaeger-LeCoultre unter Jérôme Lambert in vielerlei Hinsicht eine Art Renaissance. Dein Wirken hat die große alte Maison in den Köpfen vieler Menschen verankert. Deine weitere Karriere geschah also nicht ohne Grund. Bei Montblanc brachtest du ebenfalls einen Kulturwechsel. Denk nur an den ewigen Kalender für rund 10.000 Euro. Das war doch ein Hammer damals. Nicht zu vergessen die großartige Géosphère. Also bitte das Licht nicht unter den Scheffel stellen.
(Lacht) Exakt waren es 10.500 Euro beim ewigen Kalender.
Wie auch immer. Ich bin nicht fertig. Bei A. Lange & Söhne brachtest du mit dem neuen Jahreskalender ebenfalls frischen Wind in altehrwürdige Gemäuer.
Ich erinnere mich gut. Danke für den Hinweis. Alles das habe ich nicht erfunden. Aber damals sagte ich, dass wir diese Produkte für die jeweiligen Marken ganz einfach brauchen. Und die Entscheidungen stellten sich retrospektiv als richtig heraus.


Das, was bei A. Lange & Söhne heute als Odysseus hochbegehrt ist, hatte glaube ich schon Günter Blümlein angedacht. Aber von Jaeger-LeCoultre kommend, hast du womöglich den Namen mitgebracht. Schließlich gab es den dort schon einmal.
(Lacht) Den Namen Odysseus habe ich zumindest genannt. Aber nur hinter vorgehaltener Hand. Und richtig: Die Linie Odysseus habe ich nicht initiiert. Mich kann man nur mit der Namensgebung in Verbindung bringen. Die Saat für diese Uhr hatte schon Günter Blümlein ausgebracht. Aber das Produkt selbst, so wie wir es heute kennen, ist Wilhelm Schmid und Tony de Haas zu verdanken. Übrigens stecht Günter Blümlein gedanklich auch schon hinter dem markanten A. Lange & Söhne Zeitwerk. Das wird heute gerne übersehen.

Erfahrungsschatz
Reden wir wieder über Jaeger-LeCoultre
Es gibt viele Parallelen zu Montblanc und A. Lange & Söhne. Seit ich wieder hier bin und unmittelbar mit den Kolleginnen und Kollegen interagiere, merkte ich, dass wirklich sehr vieles, wenn nicht gar alles möglich ist. Als ich angefangen habe, gab es noch kein Firmenmuseum. Nun haben wir es. Die Galerie sowie unser gut sortiertes und geordnetes Archiv sind extrem hilfreich bei dem, was wir tun und vorhaben. Selbst bei völlig neuen und noch nie realisierten Projekten ist der Blick in die Geschichte ausgesprochen hilfreich.
Es ist wie ein roter Faden, der einen am Weg hält. Und, das sage ich voller Stolz, selbst bei anscheinend völlig Neuem, das wir jede Woche oder jeden Monat neu anpacken, entdecken wir irgendwelche Bezüge zur Vergangenheit. Auch wenn es sich nur um Details handelt.
Nicht ohne Grund war Jaeger-LeCoultre in den 1930er-Jahren eine der weltweit mächtigsten Marken und Manufakturen war. Was hier oben im Vallée de Joux erfunden und entwickelt wurde, ist einfach beispiellos. Das gilt einmal für technische Entwicklungen, Komplikationen wie Chronographen, ewige Kalendarien oder Repetitionen, um wegen der Kürze unserer Zeit nur drei Beispiele zu nennen.
Zum anderen reden wir von visionären Designs wie asymmetrische Uhren. Wir können alles nachforschen, die Geschichte lebt und beflügelt unsere Zukunft immer in irgendeiner Weise. Völlig authentisch kann Jaeger-LeCoultre aus dem Vollen schöpfen. Das bereichert die Arbeit hier und macht sie ungemein spannend. Unser Museum und unsere Archive zeigen nicht nur, was Uhrmacherei damals war, sondern auch, was sie heute ist.
Da fällt mir doch glatt das Saphirglas für Uhren ein …
Du sagst es. Ist das also Erfindungsreichtum? Vieles von dem, was heute in der Maison passiert, ist tief in deren DNA verankert. Mehr als jemals zuvor verstehen wir heutzutage die großartige Vergangenheit. Die Energie, mit der wir Projekte anpacken und realisieren, ziehen wir auch aus den Wurzeln der Manufaktur. Für mich ist es aber auch höchst erstaunlich, wie sich einerseits die Maison selbst und zum anderen auch die Bewohner samt ihren Fähigkeiten im Laufe der Jahre weiterentwickelt haben. Vielleicht war das während meiner Abwesenheit weniger sichtbar. Aber es ist sicher, dass Jaeger-LeCoultre während der zurückliegenden 13 Jahre sogar gewachsen ist.
Wenn ich sehe, was die Maison heute unter anderem in Bezug auf Komplikationen, die Produktqualität oder das Design leistet, kann ich nur den Hut ziehen. Das ist mehr als damals. Auch hier bin ich sehr privilegiert. Und ich sage das nicht, um politisch korrekt zu sein. Ich bin sehr privilegiert, dass das Team nicht nur so gut ist, wie ich es zuletzt kannte, sondern dass es sich sogar weiterentwickelt hat. Neu hinzugekommene Mitarbeiter haben das, was wir ohnehin schon sehr gut konnten, noch weiter verbessert.

Das ist in der Tat fantastisch. Welche persönliche Quintessenz lässt sich daraus auch für die Erfahrungen in den anderen Wirkungsstätten ziehen?
Jaeger-LeCoultre, Montblanc und A. Lange & Söhne eint, dass es sich um echte Uhrenmanufakturen handelt. Wenn ich zurückblicke, scheint es mir so, dass sich ganz unterschiedliche Fotos betrachte. Ein Foto davon, ein Foto von jenem und dann nochmals ein Foto von etwas ganz anderem. Aber ich entdecke kein Kontinuum. Du siehst ein Foto davon, ein Foto von jenem, ein Foto von jenem.
Lass mich das Gyrotourbillon als Beispiel nehmen. Beim Vorstellen im Kreis von Einzelhändlern und Presse empfanden wir, dass etwas sehr Starkes entstanden ist. Ähnliches empfinde ich beim Debüt unserer Master Compressor Extreme Lab im Firmenmuseum. Du warst ja dabei. Damals handelte es sich um eine konkurrenzlose Uhr. In Hongkong traf ich später einen Kunden, der die Uhr tatsächlich am Handgelenk trug.
Bei A. Lange & Söhne war es die Entdeckung einer deutschen Maison, Lange ist sehr inspirierend, wenn es um ihre Kultur der Exzellenz geht. Und bei Montblanc war es ein 360-Grad-Erlebnis. Sprich Uhren, Schreibgeräte, Leder. Ich musste eine andere Kultur lernen, eine deutsche Arbeitskultur. Ich musste Haus und Handwerk verstehen, die riesige Größe des eigenen Einzelhandels. Dazu entdeckte ich Minerva. Wenn man diese Fotos nebeneinander betrachtet, erkennt man schnell die Unterschiede. Denn wenn du dann die anderen siehst, dann kennst du deinen Unterschied.

Dieser Erfahrungsschatz ist wirklich einzigartig.
Jetzt muss ich noch sagen, was mein größtes Privileg in all diesen Jahren war. Oft sehe ich ein Bild in zwei Zusammenhängen. Als ich erstmals zu Jaeger-LeCoultre kam, und sich sage es ganz bewusst, mit der Intensität dieser Worte, war es Liebe auf den ersten Blick. An einem Freitag unkonventionell um 6:30 Uhr morgens war ich zu einem Interview mit dem damaligen CEO Henry-John Belmont geladen. Danach gingen wir in die Entwicklungsabteilung, wo man gerade an der Reverso Gran‘Sport arbeitete. Das war zugegebenermaßen später kein durchschlagender Erfolg der Marke. Man zeigte mir auch das Produkt.
Anschließend kam ich zurück zu meiner Frau. Und ich sagte zu ihr: Ich weiß nicht warum, aber es ist etwas ganz Besonderes dort. Ich habe noch nie Menschen gesehen, die so intensiv mit ihrem Gehirn und ihrem Körper für eine Maison leben. Es ist etwas, was über Leidenschaft hinausgeht. Die Maison lebt in ihnen. Deshalb muss ich dort auch arbeiten. Wenn man dann andere Maisons erlebt, die in dem, was sie tun, ebenfalls unglaublich sind, und zurückkommt wie ich, weiß man umso besser, warum Jaeger-LeCoultre so anders und einzigartig in der Uhrenwelt ist.

Uhr-Zeiten im Wandel
Nach diesen Schilderungen kann ich das bestens nachvollziehen
In diesem Zusammenhang möchte ich gerne aber noch eine andere Geschichte erzählen. Wenn man wieder hierherkommt, scheint es erst einmal so, als würde man eine gewisse Zeit lang im selben Fluss schwimmen. Aber zum zweiten Mal im selben Fluss zu schwimmen ist ganz anders als beim ersten Mal. Dein Geist ist nicht mehr derselbe. Auch deine Entscheidung, schwimmen zu gehen, ist anders. Und dann ist das Wasser im Fluss auch nicht mehr dasselbe. Das, in dem du zuerst geschwommen bist, ist längst woanders hingeflossen. Es ist also eine völlig andere Funktion und Übung. Und genau deswegen macht es so viel Spaß. Denn wenn es nur Wiederholung des Ersten wäre, wäre es ganz schrecklich.
Ich würde sagen, nicht nur die Maison hat sich verändert, sondern auch die ganz allgemeine Situation der Uhrenindustrie. Momentan ist es alles andere als einfach. Hast du eine Idee, wie man die Probleme lösen kann?
Klar doch. Wenn nicht, würde ich auch nicht hier sitzen.
Der chinesische Markt hat sich stark verändert. Hohe amerikanische Importzölle brachten viel durcheinander. Niemand weiß, was kommen wird. Was kannst oder möchtest du hierzu sagen?
Jedes Mal, wenn sich die Dinge ändern, ist das mit einem Neuanfang gleichzusetzen. Man weiß also nie genau, was am Ende dabei herauskommt. Und Sie brauchen viel Einfühlungsvermögen, um die Probleme anzugehen. Auch wenn es Ähnlichkeiten mit dem gibt, was man beispielsweise 2008 gesehen hat, ist es doch radikal anders. Aber ich weiß, wie Jaeger-LeCoultre funktioniert, was die Maison zu leisten imstande ist und welche Möglichkeiten es gibt, weinen Weg zu finden.
Das bedeutet nun nicht, dass es nun einfach ist und wir sicher einen Weg aus dieser gegenwärtigen Situation finden werden. Es handelt sich um eine besondere Herausforderung. Es ist nicht eine einzelne Person, welche die Probleme löst, sondern das Team. Aber zumindest weiß ich, was die Mannschaft zu leisten imstande ist.
Du bist bekannt als perfekter Teamplayer
Ich treibe viel Sport. Ich gehe Bergsteigen, laufe Marathons etc. Das ist anspruchsvoll und ein enormer Aufwand. Aber davon bekommt man ein Körpergedächtnis. Du trainierst natürlich mit deinen Beinen, aber auch mit deinem Gehirn. Und jeder Teil deines Körpers hat die Erinnerung an die damit verknüpfte Anstrengung. Also, das weiß ich über mich. Und ich weiß, wozu die Maison imstande ist. Und wenn du sagst, okay, noch einen Schritt, dann habe ich eine gute Vorstellung davon, ob wir das tun können oder nicht.
Wie nah kannst du an die Klippe kommen? Wie hoch ist das Risiko, das du mit allem, was du tun willst, eingehen kannst? Diese Erfahrung hilft mir. Vielleicht ist es nicht so effizient, weil die Welt anders ist? Ob das, was wir jetzt bei Jaeger-LeCoultre tun werden, mehr oder weniger erfolgreich ist, werden wir sehen. Aber zumindest denke ich, dass ich in der Lage bin, mich den Dingen anzunähern, und einen Lösungsansatz zu entwickeln.

Blick nach vorne
Das weckt tatsächlich Vertrauen und den Mut, optimistisch in die Zukunft zu blicken
Es ist gleichermaßen philosophisch wie existenziell. Du bist frei, aber Entscheidungen müssen getroffen werden. Wenn der Markt superschnell wächst, Rentabilität gegeben ist, Exzellenz verfängt, ist alles einfach, alles gut. Dann gibt es im Grunde genommen keine heiklen Entscheidungen zu treffen. Super schwierig Entscheidungen zu treffen ist es dann, wenn man viel verlieren kann. Wenn sich die Dinge stündlich oder alle zwei Wochen ändern, dann erwartet man von dir das Treffen von Entscheidungen.
Für Strategie und Kreativität braucht man also ein Umfeld, in dem man einfallsreich agieren kann. Wenn Sie ihr Team dazu bringen wollen, sein Bestes zu geben, ist das an sich kein völlig schlechter Kontext, Ich sage bewusst nicht völlig schlecht, denn wenn man schwierige Entscheidungen treffen muss, aber zum Beispiel weniger Ressourcen zur Verfügung hat, verengt das die Handlungsspielräume deutlich. Dann muss man sich verstärkt auf das Wesentliche konzentrieren.
Die Preise für eine Reverso Classic in Edelstahl beginnen jetzt bei rund 8.000 Euro. Könnte es sein, dass das potenzielle Kunden beispielsweise im preissensiblen Deutschland vom Kauf abhält?
Ich glaube immer an Werte. Am Ende des Tages ist die Werthaltigkeit von Produkten unsere Herausforderung. Unsere Quadryptique mit Grande Sonnerie bietet für 1,5 Millionen hohe innere Werte und ein erstaunliches oder sogar großartiges Preis-Leistungs-Verhältnis. Das tun wir. Wir stellen pro Jahr zwei davon her, und keine 3000. Mein Credo ist also, dass es für jedes Produkt einen richtigen Wert gibt. Und wir müssen auch künftig in der Lage sein, dranzubleiben und diesen Wert zu erbringen.

Kann Jaeger-LeCoultre die Verluste auf dem chinesischen Markt mit den Zuwächsen in den USA kompensieren? Kann die Marke mit hohen US-Zöllen leben?
Das ist es nicht, Gisbert. Es geht nicht so sehr darum, dass wir vorhersagen können, ob sich dies oder das kompensieren lässt oder auch nicht. Ich weiß, dass die Welt heute nach neuen Lösungen sucht. Und es lassen sich immer wieder neue Lösungen finden. Ich glaube, dass der beste Schlüssel zur Lösung mannigfacher Probleme die Kreativität der jeweiligen Maison ist. Und mit dem, was ich von Jaeger-LeCoultre und den heutigen Talenten weiß, bin ich sehr zuversichtlich, dass sich viele Türen öffnen lassen. Voilà! Es ist eine sehr symbolische Art, diese Frage zu beantworten.
Du sprichst von offenen Türen. Jaeger-LeCoultre betreibt selbst oder mit Franchise-Partnern viele Monobrand-Boutiquen. Wirst du daneben mit dem klassischen Mehrmarken-Fachhandel weitermachen, oder die eigenen Aktivitäten steigern?
Wir haben 60 Boutiquen. Und wir arbeiten mit 550 Mehrmarkengeschäften zusammen. Das empfinde ich als sehr ausgewogen. Die Maison war in den letzten zehn Jahren sehr gut darin, ihren eigenen Einzelhandel zu entwickeln. Er hat jetzt eine gute Größe erreicht. Aber in dieser nicht unbedingt leichten Phase bauen wir den Vertrieb nicht weiter aus. Natürlich öffnen wir da und dort neue Türen, aber im Gegenzug schließen wir auch welche.
In diesem Gleichgewichts-Netzwerk möchte ich allen Kanälen die gleichen Möglichkeiten bieten. Bei Bitten um eine Konzession sage ich nein, wenn es nicht passt. Aber ich lasse auch Türen offen, die eigentlich geschlossen werden müssten, weil die Partnerschaft schon mehr als 40 Jahre währt. Erfolge basieren auf Kontinuität und Partnerschaft.
Absolut. Du gehst also in zwei Richtungen.
Grundsätzlich ja, aber in bestimmten Gebieten beispielsweise in den USA ist als drittes Standbein auch der E-Commerce als Ergänzung zum klassischen Einzelhandel wichtig. Um es abschließend zu sagen: Der Multibrand-Kanal ist Chance und Stärke für Maisons wie Jaeger-LeCoultre. Und darauf wollen wir weiter bauen.
Das ist fantastisch. Besten Dank Jérôme für die Zeit. Und viel Erfolg bei einem riesigen Berg bevorstehender Aufgaben.
Weitere Jaeger-LeCoultre Modelle finden Sie in unserem JLC Markenkosmos hier auf Uhrenkosmos.








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