Stiller Uhrenriese am Genfer See
Das Hauptgebäude von Franck Muller Watchland wirkt nicht wie der Sitz eines Industriebetriebs. Der 1905 errichtete Landsitz Les Amandoliers liegt in Genthod über dem Genfer See, bei klarer Sicht mit dem Montblanc am Horizont.

Hinter der beinahe aristokratischen Kulisse gehen jedoch Konstrukteure, Ingenieure, Uhrmacher, Graveure, Polisseure, Edelsteinfasser und Spezialisten für Gehäuse, Zifferblätter sowie Metallarmbänder ihren vielfältigen Aufgaben nach. Rund 450 Menschen sind hier mit Blick auf die kostbar gemessene Zeit tätig.

Zunächst einmal überrascht den Besucher des imposanten Franck Muller Ausstellungsraums unter dem Dach eines der vielen Gebäude die Zahl der verfügbaren Referenzen. Das Angebot von rund 1.000 unterschiedlichen Armbanduhren ist in der luxuriösen Uhrenszene absolut einmalig und verblüfft jeden, der durch diese stilvollen Räumlichkeiten wandern darf.

Das Spektrum reicht von vergleichsweise schlichten Zwei- und Dreizeigeruhren über die „verrückte“ Crazy Hours bis zu Tourbillons, Minutenrepetitionen und der hinsichtlich ihrer Komplexität alles überragenden Franck Muller Aeternitas Mega.

Diese Breite demonstriert gestalterische und handwerkliche Stärke, kann aber auch als Schwäche gelten. Die Fülle erlaubt es, sehr unterschiedliche Märkte zu bedienen. Gleichzeitig erschwert sie jedoch eine klare öffentliche Wahrnehmung. Wer nur einzelne, besonders farbige oder diamantbesetzte Modelle kennt, neigt womöglich dazu, die uhrmacherische Substanz des Hauses Franck Muller zu unterschätzen.
Luxus sollte nicht vorhersehbar sein.
Franck Muller: Zwei Talente, eine Marke
Die Geschichte beginnt mit einem außergewöhnlich begabten Uhrmacher. Franck Muller schloss die Genfer Uhrmacherschule mit Auszeichnung ab und machte sich früh als Restaurator komplizierter historischer Uhren einen Namen. Gemeinsam mit Svend Andersen fertigte er u.a. Kadraturen mit einfachem Kalender und Mondphasenanzeigen. Außerdem arbeitete das Duo für die Sammlung von Patek Philippe.
Beim Zerlegen und Wiederaufbauen historischer Meisterwerke eignete sich der 1958 Geborene ein Wissen an, das keine Konstrukteursschule ersetzen kann. Aus der Restaurierung führte der Weg zur eigenen Uhr zwangsläufig über die Komplikation.

Bereits in den 1980er-Jahren brachte Muller das bei Armbanduhren zwar nur begrenzt wirksame, aber ausgesprochen gefällige Tourbillon auf die Zifferblattseite. Das war mehr als nur eine technische Entscheidung. Eine traditionell verborgene Konstruktion mutierte zum Bestandteil eines mechanischen Schauspiels.
Und genau darin liegt ein wichtiger Beitrag der Marke zur modernen Haute Horlogerie: Uhrmacherische Komplikationen sollten nicht nur funktionieren, sondern Emotionen auslösen. Chronographen, ewige Kalender, Weltzeitmechanismen, Repetitionen und Tourbillons erhielten bei Franck Muller eine Bühne aus gewölbten Gehäusen, expressiven Ziffern und kräftigen Farben.

1991 begegnete Franck Muller dem Gehäuse- und Edelsteinspezialisten Vartan Sirmakes. Ersterer besaß die uhrmacherische Vorstellungskraft, Letztgenannter unternehmerisches Gespür, Fertigungswissen sowie die unbedingte Bereitschaft, viel Kapital in Maschinen, Gebäude und Menschen zu investieren.
Aus der anfangs Technowatch genannten Partnerschaft entstand das Franck Muller Watchland. Die Marke agierte fortan nicht mehr nur als das Atelier eines begnadeten Einzelkämpfers, sondern in zunehmendem Maß als vertikal integriertes Unternehmen. Maßgeblich zum rasch einsetzenden Erfolg trug eine Formensprache bei, welche sich nicht in technischen Datenblättern erklären musste.

Tonneau- und Rechteckgehäuse, die Cintrée Curvex, gestreckte Art-déco-Ziffern und kräftige Farben bescherten auch aus einigen Metern Entfernung einen hohen Wiedererkennungswert. In den 1990er-Jahren war so etwas keineswegs selbstverständlich. Komplizierte Uhren auf höchstem Niveau traten primär mit höflicher Zurückhaltung auf. Franck Muller hingegen verband traditionsreiche Mechanik mit einer fast barocken Lust am Auftritt. Dass eine ältere Cintrée Curvex heute keineswegs altmodisch wirkt, spricht für die Qualität dieses Designs.
Ich glaube, der gesamte internationale Trend einer vertikal integrierten Produktion, das, was die ganze Welt heute jagt, entspringt der Vision und den Reisen meines Vaters Vartan.
Der Architekt des Watchlands
Die Wiege von Vartan Sirmakes stand 1956 in Istanbul. 1974 kam der Spross einer armenischen Juwelierfamilie nach Genf. Nach der Ausbildung zum Edelsteinfasser eröffnete er eine eigene Werkstatt, welche für bedeutende Namen der Branche arbeitete. Später wandte sich Vartan Sirmakes der anspruchsvollen Gehäusefertigung zu. Formen mit konvexen, konkaven und mehrfach gekrümmten Flächen verlangten nicht nur nach ganz besonderen Maschinen, sondern auch nach einem tiefen Verständnis für Metall, Toleranzen und Politur. Diese Erfahrung eignete sich vorzüglich als industrielles Fundament der Marke Franck Muller.

Übrigens ist Vartan Sirmakes kein Unternehmer, der sich auf eine Branche beschränkt. Zu seinen Interessen gehören neben Uhren auch Banken und Projekte in Armenien, Fußball, Immobilien, Wein und die Gastronomie mit mehreren namhaften Genfer Restaurants. 2021 erwarb die Gruppe das eindrucksvolle Château d’Allaman mit seinem Weinberg. Vorzüglich für Veranstaltungen aller Art eignet sich die 32 Hektar große Domaine du Grand Malagny in Genthod.

Auf den ersten Blick wirkt diese Vielfalt weit entfernt von Uhrwerken. Tatsächlich folgt sie derselben Logik: Statt der Verwaltung von finanziellen Investments entwickelt Vartan Sirmakes besondere Orte und Produkte.

Franck Muller Watchland
Wichtigstes Projekt war, ist und bleibt zweifellos das Watchland. Wie konsequent Vartan Sirmakes auf eigene Strukturen setzt, zeigt dessen Ausbau. Seine Baufirma errichtete die neuen Manufakturgebäude, während sich der eigene Schreinereibetrieb um die Innenausstattung kümmerte. Auf diese Weise entstand rund um die Signatur Franck Muller eine völlig unabhängige industrielle Struktur. Konzerndenken ist hier verpönt.

Franck lieferte die uhrmacherische Kreativität, Vartan die unternehmerische Vision und die Fähigkeit, daraus eine Manufaktur zu formen.
Familienunternehmen in der nächsten Generation
Aktuell prägt die Familie Sirmakes das operative Geschehen rund um die Uhr. Lori Sirmakes steht seit Oktober 2025 dem Verwaltungsrat vor. Die Juristin wuchs ebenso wie ihre Brüder praktisch im Watchland auf. An Wochenenden spielten die Kinder im Garten, während der Vater arbeitete. Einen automatischen Eintritt ins Familienunternehmen gab es trotzdem nicht. Die Mutter bestand auf Ausbildung, eigener Leistung und finanzieller Unabhängigkeit.

Lori Sirmakes beschreibt die Führung nicht als Monarchie, sondern nach dem Vorbild des Schweizer Bundesrats. Die drei Geschwister beraten gemeinsam; die sichtbare Leitung soll rotieren. Das klingt idealistisch, ist aber als Gegenmodell zur einsamen Macht eines einzelnen Patriarchen vollkommen nachvollziehbar. Vartan Sirmakes bleibt als Ratgeber präsent, während der Nachwuchs über Einkauf, Produktion und Gestaltung entscheidet.
Den operativen Gegenpol bildet CEO Nicholas Rudaz. Er kam 2007 aus der Luxushotellerie zur Marke und kennt die Wirkung von Service, Aufmerksamkeit und persönlicher Ansprache.

Aus der früheren Branche, die Nicholas Rudaz wie seine eigene Westentasche kennt, übernimmt er einen einfachen Maßstab: Das Produkt allein reicht nicht. Verkaufsraum, Beratung, Reaktionszeit und Kundendienst müssen demselben Anspruch folgen wie die Uhr. Deshalb betrachtet er eigene Boutiquen nicht als möglichst große Schaufenster an teuren Adressen. Sie sollen Veranstaltungen, persönliche Beziehungen und eine Gemeinschaft rund um die Marke schaffen. Rund 25 Geschäfte betreibt Franck Muller überwiegend gemeinsam mit lokalen Partnern. Diese kennen, so die Überzeugung des CEO, die kulturellen Vorlieben ihrer Märkte besser als eine Zentrale in Genthod.
Es ist unsere verdammte Pflicht und Verantwortung, das Erreichte zu schützen.
Fertigungstiefe ohne Etikettenschwindel
Heutzutage verwendet die Uhrenbranche den Terminus Manufaktur überaus großzügig. Im Watchland dagegen lässt er sich ausgesprochen konkret fassen. Gehäuse, Zifferblätter, Leder- und Metallarmbänder entstehen, wie der Besuch zeigte, vollständig in der Gruppe. Hinzu gesellen sich Werkteile, eigene Kaliber mit automatischem und manuellem Aufzug sowie modulare oder integrierte Komplikationen.
Es versteht sich von selbst, dass Finissage, Montage, Regulierung, Gravur, Edelsteinfassung und der immens wichtige Kundendienst unter dem eigenen Dach geschehen. Die Produktion verteilt sich auf Genthod, Meyrin sowie Le Locle und Les Bois im Westschweizer Jura.

Gehäuse sind für Franck Muller eine Kernkompetenz, keine zugekaufte Hülle. Die Cintrée Curvex ist in drei Dimensionen gewölbt und muss sich trotz ihrer komplexen Form wasserdicht, tragbar und reproduzierbar herstellen lassen. Für aktuelle Karbongehäuse verarbeitet Franck Muller 150 in massiven Blöcken verdichtete Lagen dieses anspruchsvollen Werkstoffs. Das Material ist leicht und widerstandsfähig, beim Fräsen aber herausfordernd. Sechs bis acht Gehäuse pro Tag und streckenweise rund 50 Prozent Ausschuss verdeutlichen, weshalb eine derartige Fertigung nicht beliebig skalierbar ist.


Auch beim Zifferblatt wird die oft zitierte Handarbeit sichtbar. Rohlinge werden gestanzt, geprägt, galvanisiert, lackiert, bedruckt und je nach Ausführung guillochiert, mit Appliken oder Edelsteinen versehen. Hundert Gramm Flüssiggold für die Galvanik kosten rund 13.000 Franken. Im Watchland reichen sie gerade einmal für drei bis vier Monate. 15 hoch spezialisierte Kräfte verbinden Baguette-, Brillant- und selbst entwickelte Formsteine mit Gehäusen, Zifferblättern und sogar den Werkbrücken. Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt, denn die Familienmitglieder lehnen gestalterische Beschränkungen aus innerster Überzeugung ab.


Die Armbänder folgen derselben Logik. Kreation, Entwicklung und Fertigung geschehen unter eigener Kontrolle. Dadurch lassen sich Übergänge zwischen Gehäuse und Band so gestalten, dass die Wölbung am Handgelenk nicht abrupt endet. Natürlich entstehen stets Reserven in hinreichender Zahl.
Individuelle Kundenwünsche sind für Franck Muller keine Last, sondern pures Vergnügen. Nahezu alles lässt sich machen, wenn die Auftraggeber das nötige Maß an Geduld mitbringen.

Bei aller Kompetenz auf unterschiedlichsten Gebieten gehört Zaubern nicht dazu. Die Zeit toleriert auch im Watchland nicht, was ohne sie geschaffen wurde. Derartige vertikale Integration ist allerdings kein Selbstzweck. Sie verkürzt Wege. Ein Entwurf muss nicht erst durch eine Kette externer Lieferanten.
Rudaz formuliert den Vorteil prägnant: Unabhängigkeit erlaube es, Ja zu sagen, während andere zunächst um Erlaubnis fragen müssten. Das zeigt sich besonders bei kleinen länderspezifischen Serien und Einzelanfertigungen. Rund 20 Prozent der Produktion entfallen auf limitierte, regional angepasste oder personalisierte Ausführungen. Und das ist erstaunlich viel.

Das Zifferblatt macht gut 80 Prozent des ersten Eindrucks von einer Uhr aus.
50 Prozent eigene Werke
Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Nicht jede Franck Muller besitzt ein vollständig eigenes Kaliber. Der aktuelle Mix liegt ungefähr bei 50 Prozent Manufakturwerken und 50 Prozent zugekauften Uhrwerken. Die Tendenz entwickelt sich jedoch zugunsten eigener Konstruktionen. Schon jetzt entstehen sämtliche Formkaliber im eigenen Haus.
Ein Zukunftsaspekt besteht darin, verstärkt auch eigene Dreizeigerwerke für das obere Uhrensegment selbst zu entwickeln und danach mit hohem Qualitätsanspruch zu fertigen. Diese Arbeitsteilung ist kein Makel, solange sie auch für die Käufer transparent bleibt und das verwendete Werk zum Produkt passt.
Traditionsgemäß lebt die Schweizer Uhrenindustrie von spezialisierten Zulieferern. Entscheidend ist, wo eigene Kompetenz einen Unterschied schafft. Bei Franck Muller liegt die Kompetenz vor allem in Formwerken, springenden Anzeigen, retrograden Mechanismen, Tourbillons und der Kombination mehrerer Komplikationen. Die Regulierung erfolgt in sechs Positionen. Ein Tourbillon kann einen Uhrmacher eine ganze Woche lang beschäftigen. Kommt eine Uhr später zum Service zurück, soll sie möglichst wieder zu jenem Uhrmacher gelangen, der sie einst fertiggestellt hat.

Wie leistungsfähig diese Organisation sein kann, bewies ein Auftrag des Sultans von Oman. Im September 2019 bestellte er mehr als 700 Uhren, darunter zwölf Aeternitas. Nach seinem Tod im Januar 2020 bestätigte die Regierung den Auftrag. Dann kam die Pandemie. Watchland holte pensionierte Uhrmacher zurück und schulte sie für die Aeternitas nach. Trotz aller Widrigkeiten erfolgte die Lieferung absolut termingerecht.

Wissen ist in unserer Industrie der entscheidende Schlüssel.
Haute Horlogerie darf hier Spektakel sein
Der Beiname Master of Complications wäre hohl, gäbe es nur bunte Zifferblätter. Die technische Bilanz von Franck Muller ist jedoch erheblich. Die 2004 präsentierte Revolution 3 brachte ein dreiachsiges Tourbillon ans Handgelenk.
Beim Franck Muller Giga Tourbillon misst das Drehgestell 20 Millimeter. Vier Federhäuser ermöglichen neun Tage Gangautonomie. Das schnellste Tourbillon absolviert eine Umdrehung in fünf Sekunden.

Beim Franck Muller Grand Central Tourbillon sitzt das Drehgestell in der Mitte des Uhrwerks und damit im Zentrum der Zeigerachsen und des visuellen Geschehens.

Über allem steht die Aeternitas Mega. Ihre 36 Komplikationen verteilen sich auf 1.483 Komponenten. Diese ultrakomplizierte Armbanduhr bietet unter anderem Tourbillon, wirklich ewigen Kalender, Schleppzeiger-Chronograph, Minutenrepetition sowie Grande und Petite Sonnerie. Solche Zahlen allein garantieren natürlich noch kein gutes Produkt. Aber sie belegen eine konstruktive und handwerkliche Fähigkeit, welche heutzutage nur sehr wenige Uhrenhersteller besitzen.
Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, Komplexität anschaulich zu machen. Franck Muller versteckt das wie auch immer geartete Tourbillon nicht, sondern rückt es in den Mittelpunkt der Gestaltung. Die jüngsten Modelle führen diese Linie fort.

Der Master Jumper Skeleton zeigt Stunden, Minuten und Datum über fünf springende Scheiben. Die Vanguard Aero Revolution 3 Skeleton legt das dreiachsige Tourbillon offen. Eine neue Cintrée Curvex kombiniert Crazy Hours, Minutenrepetition und Tourbillon. Die Round Triple Mystery stellt Stunden, Minuten und Sekunden mit drei scheinbar schwebenden Scheiben dar. Mechanik und Inszenierung verkörpern hier keine Gegensätze, sondern die seit Jahren erfolgreiche Philosophie des Umgangs mit der flüchtigen Zeit.

Wir haben den Mut, ein bisschen verrückter, farbenfroher und lauter zu sein.
Modelllinien im Fokus
Das Rückgrat der Kollektion ist und bleibt die Cintrée Curvex. Ihr tonnenförmiges, in mehreren Ebenen gebogenes Gehäuse und die großen, eigenwillig gezeichneten Ziffern sind die stärksten Erkennungszeichen der Marke. Die Curvex CX entwickelt diese Form weiter: Das Saphirglas reicht bis ans Armband, wodurch das Zifferblatt größer und offener wirkt. Hier finden sowohl schlichte Mechanik als auch das Grand Central Tourbillon ihren Platz.
Sportlicher und zeitgenössischer tritt die Vanguard auf. Integrierte Bänder, markante Appliken, Carbon, Saphir, Edelmetalle und unterschiedlichste Komplikationen machen sie zur großen Plattform der Gegenwart. Kleinere Dimensionen mit 41 und 43 Millimetern reagieren auf den Trend zu tragbareren Proportionen.

Die Vanguard Ocean Drive speziell für den deutschen Markt zeigt zugleich, wie regional Franck Muller denkt und handelt: Nach nur 15 Exemplaren endete die Produktion des Modells mit Karbonschale.
Als geistreichste Visitenkarte tritt die Crazy Hours in Erscheinung. Ihre Ziffern stehen scheinbar ungeordnet am Zifferblatt. Der Stundenzeiger springt nach jeder vollen Stunde zur nächsten korrekten Zahl. Die komplizierte Mechanik erzeugt keinen akademischen Ernst, sondern Humor und Gesprächsstoff.

Long Island bündelt Art déco und ein rechteckiges Gehäuse. Round bedient die klassische Seite des Hauses. Aeternitas, Revolution, Giga Tourbillon und Grand Central Tourbillon markieren die ganz weit oben angesiedelte Spitze.
Natürlich sind diese Familien preislich deutlich voneinander abgegrenzt. Je nach Markt beginnt das Angebot von Franck Muller im mittleren vierstelligen Bereich. Große Komplikationen und individuell mit Steinen besetzte Einzelstücke können deutlich mehr als eine Million Schweizer Franken kosten. Eine derart weite Spanne funktioniert allerdings nur, wenn über alle Stufen dieselben Gestaltungsmerkmale erkennbar bleiben. Gleichwohl birgt sie das Risiko, dass verschiedene Aspekte unter demselben Namen um Aufmerksamkeit konkurrieren.

Beim Blick in die illustre und überaus breit gefächerte Kollektion wundert es nicht, dass Frauen rund die Hälfte der Kundschaft ausmachen. In diesem Zusammenhang betont CEO Nicholas Rudaz, dass Franck Muller Damenuhren nicht als verkleinerte und mit Diamanten aufgewertete Herrenuhren versteht. Von Anbeginn denkt das Unternehmen Linien wie Galet, Heart, Infinity sowie kleinere Curvex- und Vanguard-Ausführungen als eigenständige Kreationen.
Gleichzeitig nutzt Franck Muller Kooperationen mit Künstlern und Popkultur. Über Jisbar, Hello Kitty oder Barbie können Puristen die Nase rümpfen. Aber die Spannweite zwischen solchen Editionen und einer klar gezeichneten Minutenrepetition ist Teil der bewährten Markenidentität.
Ich spüre, dass Sammler unsere Unabhängigkeit immer mehr schätzen, weil sie nach Authentizität suchen.
Die Position von Franck Muller im aktuellen Uhrenmarkt
Nach dem Besuch in Genthod lautet die Antwort: Franck Muller befindet sich in einer stärkeren Position, als es die öffentliche Wahrnehmung der Marke vermuten lässt. Aber die Lage ist mittlerweile auch schwächer als in den glanzvollsten Jahren um die Jahrtausendwende. Damals gehörte Franck Muller zu den sichtbarsten unabhängigen Uhrenmarken. Offizielle Zahlen gelangen nicht an die Öffentlichkeit. Geschätzt dürfte die Jahresproduktion bei 40.000 Armbanduhren liegen.
Unübersehbar ist jedoch, dass die Marke nicht vom Spekulationsboom getragen wird. Das ist ganz im Sinne von Nicholas Rudaz, der sich wünscht, dass mechanische Zeitmesser getragen, verkratzt und mit Erinnerungen verbunden werden, statt im Safe auf steigende Preise zu warten. Diese Auffassung ist sympathisch und realistisch zugleich.
Regional besitzt Franck Muller weiterhin bemerkenswerte Kraft. Japan war früh ein Schlüsselmarkt und ist bis heute eng mit Franck Muller verbunden, weil die dortigen Uhrenliebhaber die speziellen Werte erkennen und schätzen. Asien insgesamt, der Mittlere Osten und Teile Lateinamerikas reagieren stark auf Farbe, Individualisierung und limitierte Editionen.

Neue oder erneuerte Standorte in Hongkong, Jakarta und Frankfurt sowie rund 25 Boutiquen belegen eine internationale Präsenz, welche in Mitteleuropa gegenwärtig leider noch unterschätzt wird. Die eigene World Presentation of Haute Horlogerie, kurz WPHH, bietet neben den großen Genfer Messen eine unabhängige Bühne.
Folglich ist eine der größten Aufgaben im Bereich der Kommunikation angesiedelt. Nach Auffassung von Nicholas Rudaz wissen selbst Fachhändler und Branchenkenner wenig von der ungemein hohen Fertigungstiefe bei Franck Muller.

Diese sprachliche Zurückhaltung war selbst verordnet. Aber inzwischen haben Familie und Management die Bedeutung einer offeneren Beziehung zum internationalen Publikum erkannt. Zusätzlich verwässern kann die technische Botschaft das extreme Quantum an Referenzen. Weniger Modellvarianten, klarere Familien und eine offensivere Erklärung der Manufakturleistung würden die Wahrnehmung aller Wahrscheinlichkeit nach schärfen. Der an Marken und Modellen überreiche Markt benötigt nicht noch mehr Fabrikate. Vielmehr braucht er Gründe, sich an die bedeutenden unter ihnen zu erinnern.
Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass Franck Muller sich immer wieder selbst neu erfindet, ohne dabei zu vergessen, wer wir eigentlich sind.
Uhrenkosmos-Fazit
Franck Muller gehört nicht zur traditionellen Dreifaltigkeit der Haute Horlogerie aus Patek Philippe, Audemars Piguet und Vacheron Constantin und will es definitiv auch nicht. Bedeutung und Werte der Marke liegen anderswo. In einer Zeit, als komplizierte Uhren meist konservativ auftraten, brachte Franck Muller Farbe, Größe, Form und spielerische Anzeigen in die Haute Horlogerie.

Die Marke machte Mechanik sichtbar und folgte der Maxime, dass ein Tourbillon zugleich Präzisionsinstrument, Kunsthandwerk und Theater sein kann. Damit bereitete Franck Muller den Boden für eine Generation unabhängiger Marken, die technische Extreme mit einem unverwechselbaren Auftritt verbinden.

Das Watchland verleiht dieser Idee Substanz. Ein Unternehmen, das Gehäuse, Zifferblätter, Armbänder, eigene Kaliber und große Komplikationen beherrscht, gehört auf jeden Fall zur Haute Horlogerie – unabhängig davon, ob jede Dreizeigeruhr ein Manufakturwerk besitzt. Entscheidend sind die eigenen Spitzenleistungen, die technische und handwerkliche Kontrolle sowie der Wille, uhrmacherisch Komplexes auch in mehr oder weniger großer Serie herzustellen.
Unter diesen Vorzeichen ist Franck Muller aktuell weder das bloße Erbe eines genialen Uhrmachers noch ein nostalgiebetontes Projekt. Vielmehr handelt es sich um ein Familienunternehmen im Generationswechsel, geführt von Menschen, welche ihre Unabhängigkeit verteidigen und zugleich neu erklären müssen, weshalb die Marke relevant ist.

Die Antwort auf die oben gestellte Frage liegt in Genthod und im Jura offen auf den Werkbänken: Mehr Kompetenz, mehr Fertigung, mehr ernsthafte Uhrmacherei und mehr Tiefgang, als die ins Auge stechende Optik mancher Modelle auf den ersten Blick verrät. Franck Muller besitzt jede Menge Potenzial, das es gezielt und kundenorientiert auszuschöpfen gilt. Und Franck Muller befindet sich auf dem richtigen Weg dorthin.
Wachstum ohne Identität ist kein Erfolg.







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