Fortschritt ist, wie das Wort bereits beschreibt, ein stetes Voranschreiten auf dem Weg zur Verbesserung. Besonders ausgeprägt ist der Gedanke einer permanenten Verbesserung im japanischen Denken des Kaizen, 改善, das sich aus den japanischen Wörtern „Kai“ (Veränderung) und „Zen“ (zum Besseren) zusammensetzt.
Bekannt wurde das Kaizen-Prinzip weltweit durch die japanische Automobilindustrie, allen voran durch Toyota. Dort trug die systematische Anwendung von Kaizen entscheidend zur weltweiten Qualitätsführerschaft und Effizienz bei und wurde zum Vorbild für zahlreiche andere Branchen. Auch die japanische Uhrenindustrie wird von diesem Gedanken einer stetigen Verbesserung bis heute geprägt.
Ein gutes Beispiel für diese Unternehmensphilosophie ist Seiko und das im April 2025 lancierte Modell der Grand Seiko SLGB003 Evolution 9 Spring Drive UFA. Denn natürlich könnte man es bei der Feststellung belassen, dass Grand Seiko mit dem Spring Drive UFA Kaliber 9RB2 außerordentliches geleistet hat, in dem es eine Uhr mit mechanischem Werk zu einer maximalen Abweichung von +/- 20 Sekunden im Jahr weiterentwickelt hat.


Um diesen Wert richtig einzuschätzen, sollte man sich vor Augen halten, dass weit verbreitete mechanische Automatikkaliber wie das ETA 2824-2 oder sein praktisch baugleiches Pendant Sellita Kaliber SW200 selbst in der Qualitätsstufe Top- oder Chronometerausführung am Tag eine durchschnittliche Abweichung von ca. -4 bis +6 Sekunden pro Tag aufweisen. Ein Wert, der die Uhrenwerke nach erfolgter Prüfung immerhin zum Führen eines COSC-Zertifikats berechtigen würde. Umso mehr erstaunt die dank des Spring Drive Kalibers erreichte Präzision der Grand Seiko Evolution 9 Spring Drive UFA SLGB003.

Grand Seiko VFA und UFA Kaliber
In welch Zeiträumen sich Entwicklungen abspielen, wird klar, wenn man einen Blick in die Vergangenheit wirft. Denn bereits im Jahr 1969 bewies Seiko mit der Einführung der sogenannten „VFA“-Modelle (Very Fine Adjusted), dass ungeachtet der damaligen umfangreichen Arbeiten im Zuge der Lancierung der revolutionären Seiko Quartz Astron 35SQ, die am 25. Dezember 1969 lanciert wurde, auch mechanische Werke von außergewöhnlicher Ganggenauigkeit gefertigt werden können. So erreichten die damaligen VFA-Modelle eine monatliche Gangabweichung von lediglich maximal +/- 1 Minute und setzten damit Maßstäbe.
Besonders das im Suwa Seikosha Werk, der Herstellungsstätte, in dem im Jahr 1960 das erste Grand Seiko Modell 3180 hergestellt wurde, produzierte Spitzenmodell Grand Seiko 6186-8000 VFA mit Tages- und Datumsanzeige galt als eine der präzisesten Uhren ihrer Zeit und konnte in puncto Genauigkeit mit den Spitzenprodukten der Schweizer Uhrenindustrie problemlos mithalten. Ein weiteres begehrtes Modell ist die Grand Seiko 4580-7010 VFA, ausgestattet mit dem hochdekorierten 45GS-Uhrwerk, das seinerzeit ebenfalls die strengsten Genauigkeitsvorgaben erfüllte.
Wir hatten über die 220 bekannten Grand Seiko Observatorium VFA Modelle bereits auf Uhrenkosmos geschrieben. Diese historischen Modelle genießen heute Kultstatus und erzielen bei Auktionen und auf dem Sammlermarkt Preise, die abhängig vom Zustand, Originalität und Zubehör teilweise deutlich über 10.000 Euro liegen.



Spring Drive
Gleichwohl wäre ungeachtet der heute deutlich besseren technischen Möglichkeiten der Metallbearbeitung und Oberflächenbehandlungen eine Präzision von +/- 20 Sekunden mit einer klassischen Hemmung bestehend aus Anker, Ankerrad und Unruh im Jahr kaum möglich.
Die hierfür notwendige sprunghafte Verbesserung der Präzision brachte im Jahr 1999 die Einführung der Spring Drive-Technologie. Dabei wird ein mechanisches Uhrwerk mit einem elektronisch gesteuerten Regulierorgan, dem sogenannten Tri-Synchro Regulator, kombiniert. An diesen Quantensprung eines mit mechanischer Energie versorgten elektronischen, also quarzbasierten Gangreglers knüpft Grand Seiko im Jahr 2025 mit der neuesten Generation der Spring Drive-Technologie an.


UFA Ultra Fine Accuracy Kaliber 9RB2
So erreicht im Modell Grand Seiko SLGB003 das optimierte UFA Kaliber 9RB2 eine bisher unerreichte jährliche Gangabweichung von lediglich ±20 Sekunden. Das technische Herzstück der SLGB003 ist das innovative überarbeitete Regulierorgan, das über einen quarzgesteuerten Regler mit Thermokompensation eine verbesserte Ganggenauigkeit erzielt.
Hierfür wurde die jeweils ideale Frequenz des Quarzoszillators bei unterschiedlichen Temperaturen ermittelt. Die dabei gewonnenen Daten flossen anschließend in die Entwicklung eines neuen, energiesparenden Mikrochips, der die Temperaturschwankungen ausgleicht.

Eine weitere Verbesserung ergibt sich beim Kaliber 9RB2 in der dreimonatigen Ruhephase nach der Herstellung des Quarzes, bevor dieser in den Quarzoszillator eingebaut wird. Durch den natürlichen Abbau etwaiger winziger Spannungen im Quarzkristall trägt diese „Reifephase“ des Quarzes zur präziseren Feinjustierung des Quarzoszillators bei.
Sowohl der Quarzoszillator als auch der Sensor sind dabei vakuumversiegelt und eliminieren durch den Schutz vor Feuchtigkeit, statischer Elektrizität und Lichteinflüssen etwaige störende Umwelteinflüsse. Zusätzlich verfügt das Uhrwerk erstmals in der Spring Drive-Geschichte über eine von außen zugängliche Regulierungsschraube, die es ermöglicht, etwaige Abweichungen im Rahmen eines Serviceprozesses manuell zu feinkalibrieren.

Mit einem Durchmesser von 30 Millimetern und einer Bauhöhe von 5,02 Millimetern bleibt das Kaliber 9RB2 dabei kompakter als das bekannte Kaliber 9R65 und liefert gleichwohl eine gute Gangreserve von rund 72 Stunden. Diese kann durch die Gangreserveanzeige auf der Rückseite der Uhr abgelesen werden.
Dabei gibt das Saphirglas des Gehäusebodens auch den Blick auf den skelettierten Rotor und die in gewohnt hochwertiger Grand Seiko-Art aufbereitete Oberflächen mit matten Platinen und Brücken und polierten Fasen sowie auf die sichtbaren Lagersteine frei. Allerdings sind konstruktionsbedingt nur einige der insgesamt 34 Lagersteinen sichtbar.

Grand Seiko SLGB003
Verpackt ist das High-Tech-Manufakturkaliber in einem 37 Millimeter großen und 11,4 Millimeter hohen Gehäuse aus sogenanntem High-Intensity Titanium, einer Grand Seiko-eigenen Titanlegierung, die einem klassischen Titangehäuse der Güteklasse 5 vergleichbar ist.
Das Gehäusedesign folgt den bekannten Gestaltungsmerkmalen der Grand Seiko Evolution 9-Kollektion, das sich immer noch am einstigen, im Jahr 1967 erstmals präsentierten Grand Seiko Design orientiert und mit seinem Mix aus polierten und gebürsteten Elementen für einen spannenden Auftritt der Uhr am Handgelenk sorgt. Dabei sorgt die Zaratsu-Politur dafür, dass das bereits in seiner Grundlegierung etwas hellerere Titan bei Grand Seiko eine helle, makellos spiegelnde Oberfläche und scharfe Lichtkanten aufweist.


Trotz verschraubtem Gehäuseboden mit Sichtfenster, Box-Saphirglas und einer Wasserdichtigkeit von 100 Metern wirkt das Gehäuse mit seinen 11,4 mm am Handgelenk ausnehmend attraktiv, ohne die Uhr über Gebühr in den Vordergrund zu heben. Gleiches gilt auch für das silberblaue Zifferblatt, dessen Struktur das frostbedeckte Geäst der winterlichen Wälder rund um das Shinshu Watch Studio in den japanischen Kirigamine Bergen nachempfinden soll.
Diese Region, östlich des Produktionsstandorts gelegen, verwandelt sich in den langen Wintermonaten in eine stille, von Eis und Reif überzogene Landschaft und gab dem „Ice Forest“ Zifferblatt mit seiner je nach Lichteinfall zwischen silbrig-kühl und bläulich wechselnder Zifferblattfarbe seinen Namen.
Für die notwendige Ablesbarkeit der Uhrzeit sorgen aufgesetzte, facettierte Stundenindizes und die markanten, diamantgeschliffenen Zeiger, bzw. der gebläute zentrale Sekundenzeiger der Uhr. Komplettiert wird das Zifferblatt durch ein gerahmtes Datumsfenster bei drei Uhr und das ebenfalls applizierte Grand Seiko-Logo. Die Zeiger und Indizes werden ebenfalls mit einer Zaratsu-Politur versehen. Um ihre Wirkung zu verstärken, verzichtet Grand Seiko sogar auf eine Ausstattung des Zifferblatts und Zeiger mit Leuchtmasse.


Grand Seiko SLGB003
Am Handgelenk gehalten wird die Grand Seiko SLGB003 von einem Metallarmband aus Titan. Dabei bietet die Faltschließe aus Titan mit Sicherheitsdrücker, endlich, so war zu hören, auch die Möglichkeit einer Mikroverstellung ein, was es ermöglicht, die Länge des Armbands unkompliziert in drei Schritten um bis zu 6 Millimeter zu weiten.
Erhältlich ist die Grand Seiko SLGB003 in Titan ab sofort im autorisierten Fachhandeln und in den weltweiten Grand Seiko Boutiquen als Teil der permanenten Kollektion. Der Preis liegt bei unverbindlichen 12.000 Euro.


Grand Seiko SLGB001
Noch mehr Luxus bei gleich hoher exzellenter Präzision bietet jede der weltweit auf 80 Exemplare limitierten Platin-Varianten der Referenz SLGB001 zum Preis von 42.000 Euro. Sie ist am deutlich höheren Gehäusegewicht sowie dem intensiv gefärbten, hellblauen Zifferblatt erkennbar.
Anders als das Modell SLGB003 verfügt die Platinversion jedoch über keine verschraubte Krone, bzw. erhält der Kunde statt eines Metallarmbands ein Alligator Lederband mit Faltschließe aus Platin und Weißgold. Trotzdem wird die Wasserdichtigkeit mit 100 Metern angegeben.
Eine weitere Einschränkung gibt es in der Distribution, denn die Exemplare der Grand Seiko SLGB001 sind lediglich in den offiziellen Grand Seiko Boutiquen erhältlich. Was aber angesichts des hohen Kaufpreises und der kleinen Limitierung für echte Uhrenliebhaber keinen unverhältnismäßig hohen Aufwand darstellen sollte.

Grand Seiko SLGB003 oder SLGB001
Welche der beiden neuen Grand Seiko Modelle nun Ihren eigenen Vorlieben am nächsten kommt, bleibt selbstverständlich eine Frage des persönlichen Geschmacks – ebenso wie der finanziellen Möglichkeiten. Für Sammler und Puristen, die Wert auf Alltagstauglichkeit, geringes Gewicht und technisches Understatement legen, bietet das Titanmodell SLGB003 den idealen Einstieg in die neueste Generation ultrapräziser Spring Drive-Uhren.
Wer hingegen die seltene Kombination aus Platingehäuse, limitiertem Charakter und traditioneller Handwerkskunst bevorzugt, wird in der Grand Seiko SLGB001 eine konsequente Weiterentwicklung finden. Beide Modelle unterstreichen eindrucksvoll, dass selbst eine bekannte, scheinbar ausentwickelte Technik durch gezielte Detailarbeit und die technologische Evolution weiter verbessert werden kann – ganz im Sinne der stetigen Verbesserung der Präzision bei Grand Seiko und der japanischen Philosophie des Kaizen.






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