Certified Pre-Owned
Zum Wochenende haben wir uns wieder auf den einschlägigen Seiten der Anbieter von gebrauchten Uhren umgesehen. Denn mitunter gibt es im Certified-Pre-Owned-Angebot Namen und Referenzen, die aus der unglaublichen Fülle an Angeboten herausragen. Für solche Leser, die nach speziellen Stücken suchen und ihre Sammlung erweitern wollen. Und solche, die sich von besonderen Uhren inspirieren lassen. Beide werden bei der Audemars Piguet Jules Audemars Ref. 26153PT Chronometer fündig.
Denn mit einem Platingehäuse von 46 mm und einer Gangreserve von gut 90 Stunden ragt der AP Jules Audemars Chronometer aus der Menge heraus – und verlangt förmlich danach, einen genauen Blick auf die Technik zu werfen. Insbesondere dann, wenn die Uhr diesen Blick auf die Technik freigibt. Allerdings ist diese Uhr nicht gerade ein Spontankauf. Im CPO-Angebot von Bucherer steht ein Preis von 89.900 Euro. Was viel Geld ist, gleichzeitig aber nur einen Teil dessen darstellt, der für die Audemars Piguet Ref. 26153PT aufgerufen wurde. Denn vor 15 Jahren, im Jahr 2011, kostete sie laut AP-Preisliste 350.000 US-Dollar. Was erst recht nach Erläuterung verlangt.
Beginnen wir mit dem Preis. Der entsteht durch Angebot und Nachfrage. Während jedoch Modelle wie die Audemars Piguet Royal Oak mit und ohne Tourbillon viele Fans haben, ist ein Jules Audemars Chronometer eher was für Kenner und verlangt nach dem Verständnis der angebotenen Technik und ihrer besonderen Hemmung. Denn was da in einem stattlichen 46-Millimeter-Platingehäuse steckt, ist weder eine optisch auffallende Komplikation, noch wurden möglichst viele Anzeigen auf ein Zifferblatt gepackt.
Genau genommen besitzt die Uhr nicht einmal eine klassische Komplikation. Audemars Piguet beschäftigte sich vielmehr mit der grundsätzlicheren Frage, wie man die Hemmung einer mechanischen Uhr besser machen kann – und präsentierte mit der Jules-Audemars-Referenz eine ungewöhnliche Lösung.

Audemars Piguet Ref. 26153PT.OO.D028CR.01
Vorgestellt wurde die Uhr 2009 auf der Genfer Uhrenmesse SIHH, zu einer Zeit, in der Audemars Piguet seine handwerkliche Qualität und uhrmacherischen Fähigkeiten viel deutlicher zeigen wollte. Die nach Firmengründer Jules Louis Audemars benannte Kollektion stand dabei für die klassische Haute Horlogerie des Hauses. Die Ref. 26153PT war allerdings keineswegs konservativ, sondern suchte nach einer innovativen technischen Lösung. Mit so viel Erfolg, dass AP für seine Jules Audemars mit besonderer Hemmung beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève 2009 einen Preis erhielt – was angesichts der heutigen Royal-Oak-Dominanz bei AP kaum vorstellbar ist.
Jules-Audemars-Kaliber 2908 Im Inneren arbeitet das Handaufzugskaliber AP 2908 mit 33 Lagersteinen. Das Werk misst fast 40 Millimeter im Durchmesser, was einen Teil der beachtlichen Gehäusegröße erklärt. Es hat dadurch Raum für zwei parallel geschaltete Federhäuser, die für rund 90 Stunden Gangautonomie sorgen. Die Unruh schwingt bei einer ungewöhnlich hohen Frequenz von 43.200 Halbschwingungen pro Stunde oder 6 Hertz. Was im Vergleich zu einem modernen Automatikwerk mit seinen 28.800 A/h beziehungsweise 4 Hertz ein deutliches Plus an Frequenz bedeutet und damit in aller Regel ein Plus an Genauigkeit bedeutet. Allerdings verlangt eine höhere Frequenz nach einer höheren Energie und stellt auch höhere Anforderungen an Hemmung und Schmierung. Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte dieser Audemars Piguet.


Die Hemmung der Audemars Piguet Jules Audemars Chronometer
Bei der heute dominierenden Schweizer Ankerhemmung gelangt die Energie des Räderwerks über Anker und Paletten zur Unruh. Dabei entstehen Gleitreibung und ein entsprechender Energieverlust. Zudem verlangt die Schweizer Ankerhemmung nach Schmiermittel. Die 2006 erstmals öffentlich vorgestellte Audemars-Piguet-Hemmung orientiert sich hingegen an einer Konstruktion des französischen Uhrmachers Robert Robin aus dem Jahr 1791. Bei ihr wird der Impuls weitgehend direkt vom Hemmungsrad auf die Unruh übertragen. Der Anker übernimmt dabei die kontrollierte Freigabe des Hemmungsrads. Damit wird die Gleitbewegung an den Kontaktflächen drastisch reduziert. Als Folge davon kommt es zu einer Verringerung der Reibung und des Energieverlusts.
Audemars Piguet konnte deshalb die entsprechenden Kontaktflächen der Hemmung sogar ohne Schmierstoffe betreiben, was eine wichtige Voraussetzung dafür war, die Frequenz auf 6 Hertz zu erhöhen. Als Nebeneffekt der Konstruktionsweise steigt die Langzeitstabilität der Hemmung und die Ganggenauigkeit verbessert sich. Allerdings war die ursprüngliche Robin-Hemmung sehr stoßempfindlich. Audemars Piguet ergänzte deshalb einen Sicherheitsmechanismus, der unbeabsichtigtes Auslösen beziehungsweise ein Überspringen verhindern soll.
Frontal neben dem kleinen Zifferblatt sichtbar sind die zwei flachen, übereinander angebrachten Spiralfedern, die um 180 Grad gegeneinander versetzt platziert sind. Die Konstruktion des Kalibers 2908 soll Fehler der Spiralen gegenseitig kompensieren und insbesondere das Gangverhalten in vertikalen Positionen verbessern. Es handelt sich allerdings noch nicht um die spätere AP-Doppelunruh, bei der tatsächlich zwei Unruhreifen auf einer gemeinsamen Achse arbeiten. Diese Technik führte Audemars Piguet erst 2016 ein.


Platin und eine Weißgoldplatine mit Guillochierung
Entsprechend ungewöhnlich ist die Gestaltung der Audemars Piguet Ref. 26153PT. So zeigt sich das kleine klassische Zifferblatt nur im oberen Bereich. Das aufwendige weiße Emailzifferblatt bietet dabei klassische schwarze römische Ziffern und gebläute Zeiger. Durch den Wegfall des größeren Teils des Zifferblatts zeigen sich so die Federhäuser, Räder, Brücken und die Unruh.
Allerdings bleibt dem offen gebauten Uhrwerk die Unruh und Unübersichtlichkeit eines skelettierten Uhrwerks erspart. Stattdessen fällt der Blick auf die Grundplatine aus Weißgold und ihr aufwendiges, handgearbeitetes Guillochémuster.
Auch sonst ist der Aufwand sehr hoch. Polierte Fasen, satinierte Flächen, anglierte Innenwinkel und sorgfältig bearbeitete Federhausräder machen das Kaliber 2908 zu einem echten Stück der Haute Horlogerie. Gefertigt wurde es einst beim Audemars-Piguet-Spezialisten Renaud & Papi in Le Locle, worauf bei genauem Hinsehen das kleine APRP-Signet am Werk verweist.


Einschätzung und Gesamteindruck
Möchte man die Audemars Piguet Jules Audemars Chronometer Uhr einordnen, wird klar, dass die Uhr mit ihrem schweren 46-mm-Platingehäuse bei 12,7 Millimeter Bauhöhe keine Uhr ist, die unbemerkt unter der Hemdenmanschette verschwindet. Ebenso ist die Wasserdichtigkeit von lediglich 20 Metern weit von einer sportiven Stahluhr entfernt. Wofür auch das blaue Alligatorlederband mit Platin-Faltschließe spricht. Stattdessen ist die Audemars Piguet Referenz 26153PT eine Uhr für Uhrenliebhaber, die Freude an feiner Technik und außergewöhnlicher, aufwendiger Gestaltung haben und Seltenheit als Vorzug sehen – denn AP fertigte jeweils nur 15 bis 20 Uhren pro Jahr – was wiederum den hohen Verkaufspreis erklärt. Überdies ist die Uhr nicht mehr im aktuellen Angebot von AP zu finden.
Nachdem sich heute ein Großteil des Audemars-Piguet-Angebots in der Wahrnehmung von AP um Royal Oak und Royal Oak Offshore dreht, ist es zudem nicht erstaunlich, dass der Jules Audemars Chronometer Ref. 26153PT etwas unter dem Radar läuft. Entsprechend erklärt sich auch der hohe Abschlag auf den einstigen Verkaufspreis, der sich bei verschiedenen Auktionen auf vergleichbarem Niveau eingependelt hat.
Aber Fortuna ist unberechenbar und Trends wechseln. Entsprechend besteht durchaus die Chance, um nicht zu sagen die Hoffnung, dass ausgesuchte, technisch anspruchsvolle Stücke wie das vorliegende AP-Modell im Bucher CPO-Angebot in Zukunft wieder höher bewertet werden. Denn seien wir ehrlich: Eigentlich hat man sich an skelettierten Werken und sinnbefreiten Tourbillons doch mehr als sattgesehen.







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