Comeback
Nach dem Lancement der selbst entwickelten Kaliberfamilie 400 Automatik im Jahr 2020 konnten Mechanik-Liebhaber den Eindruck gewinnen, dass Oris seine 2014 erstmals vorgestellten Handaufzugswerke zwischenzeitlich zu den Akten geschrieben habe. Dass dem nicht so ist, belegt die soeben präsentierte Oris Big Crown Calibre 113. Diese Armbanduhr verknüpft bewährte Mechanik und geschichtlichen Hintergrund mit jugendlicher Optik. Und dieser Mix dürfte auch wegen der hilfreichen Zusatzfunktionen auf reges Interesse bei Geschäftsleuten stoßen.

Von der Manufaktur zur Manufaktur
Bevor wir uns näher mit der neuen Armbanduhr aus Hölstein beschäftigen, sei ein knapper Blick zurück erlaubt. Bis 1970 zählte Oris unbestritten zur Spitzengruppe der internationalen Uhrenindustrie. In den Glanzzeiten entstanden jährlich bis zu 1,2 Millionen Uhren unterschiedlichen Typs. Überwiegend ausgestattet mit hauseigenen Handaufzugs- und Automatikwerken. Allesamt nutzten sie die simple, aber robuste und präzise Stiftankerhemmung. Der Hintergrund: Das Uhrenstatut von 1934 untersagte bis 1966 die Fertigung hochwertiger Ankerwerke. Erst danach erschien das Automatikkaliber 645 mit Schweizer Ankerhemmung.
Insgesamt brachte Oris es auf mehr als 270 eigene Kaliber. Nach einer Phase unter dem Dach der ASUAG und einem Management-Buy-out durch Dr. Rolf Portmann und Ulrich Herzog folgten 1988 ein neuer Markenauftritt sowie eine gestraffte Kollektion mit Fokus auf klassische Mechanik primär im Einstiegssegment. Zum anvisierten Preisgefüge passte Manufakturarbeit erst einmal nicht.

Das änderte sich mit Blick auf den 110. Markengeburtstag im Jahr 2014. Unter Leitung von Beat Fischli entwickelte Oris gemeinsam mit Schweizer Ingenieuren und dem Technicum Le Locle nach 35 Jahren Pause die Manufakturkaliber-Plattform 110. Gefertigt zusammen mit spezialisierten Partnern in der Schweiz, beeindruckte das 34 Millimeter große Handaufzugswerk vor allem durch seinen enormen Energiespeicher: Eine 1,80 Meter lange Zugfeder sorgt für mindestens zehn Tage Gangreserve.
Die patentierte, progressiv arbeitende Anzeige bei „3“ erinnert ans rechtzeitige Aufziehen. Zu Beginn bewegt sich der Zeiger langsam. Mit nachlassender Federkraft beschleunigt er passend zur abgestuften Skala. Die kleine Sekunde dreht bei „9“ und der Gangregler oszilliert mit drei Hertz. Insgesamt besteht dieser nicht mehr gefertigte Mikrokosmos aus 177 Bauteilen. Die sofort ausverkauften 110 Artelier-Modelle in Edelstahl mit 43-Millimeter-Sichtbodengehäuse kosteten 4.450 Euro. Parallel dazu legte Oris ebenso viele Exemplare in Rotgold auf – Stückpreis 11.900 Euro.
Im Vorfeld des 110-jährigen Jubiläums von Oris im Jahr 2014 haben wir beschlossen, Oris wieder einen Namen als Schöpfer von Uhrwerken zu verschaffen. Wir lieben Mechanik und obwohl wir jahrelang nur mechanische Uhren hergestellt hatten, besaßen wir zu diesem Zeitpunkt keine eigenen Uhrwerke mehr. Im 20. Jahrhundert hat Oris fast 300 Kaliber entwickelt und kann auf eine stolze Ingenieurstradition zurückblicken. Unser Ziel war es, diese wieder aufleben zu lassen, mit einem Uhrwerk, das den Erwartungen der heutigen Kundschaft entspricht. So entstand das Calibre 110 mit Handaufzug, das mit einer enormen Gangreserve von 10 Tagen und einer nichtlinearen Gangreserveanzeige aufwartet.

Familiensinn
Von echter Industrialisierung konnte man beim Kaliber 110 noch nicht sprechen. Eine solche ging mit dem ab September 2015 unlimitiert erhältlichen Nachfolger Calibre 111 einher, erkennbar am zusätzlichen Fensterdatum. 2016 folgte das Calibre 112. Für Vielreisende rotiert bei „12“ ein zweites, unabhängig verstellbares Zeigerpaar samt Tag-/Nachtindikation. Die kleine Sekunde findet sich aus Platzgründen zwischen „7“ und „8“.

2017 gesellte sich bei Oris jenes 113 dazu, welches die neue Big Crown Calibre 113 mit zeitbewahrendem Leben erfüllt. Bei diesem Uhrwerk rückte Oris ein vollständiges Kalendarium ins Blickfeld. Seine Besonderheit bestand und besteht in einem zentral angeordneten Zeiger zur Indikation der Monate und Kalenderwochen. Obwohl vor allem Geschäftsleute die letztgenannte Information sehr schätzen und als hilfreich empfinden, findet sie sich bei Armbanduhren erstaunlich selten.


Vollkalender aus Hölstein
Formal knüpft die Uhr an Tradiertes namens Big Crown, 1938 als Fliegeruhr mit überdimensionierter Krone gedacht, setzte Oris auf gute Ablesbarkeit und ein zentrales Zeigerdatum. Die aktuelle Ausführung übersetzt diesen historischen Hintergrund in die Gegenwart. 43 Millimeter misst das klassisch runde Edelstahlgehäuse mit 13,5 Millimetern Gesamthöhe. Vorder- und rückseitig findet sich Saphirglas. Das über dem Zifferblatt und den Zeigern ist beidseitig gewölbt und innen entspiegelt. Bis zu fünf bar reicht die Wasserdichte der mit einer Schraubkrone ausgestatteten Schale. Das dreireihige Stahlband verjüngt sich hin zu der von Oris selbst entwickelten Faltschließe.
Ganz bewusst bricht das Zifferblatt mit der nostalgischen Zurückhaltung vieler Pilotenuhren. Mintgrün bildet die Fläche. In Pink präsentieren sich die kreisrunden Felder, vor denen helle Zeiger zur Indikation von Sekunden und Gangreserve drehen. Dieser Farbmix wird vermutlich polarisieren, und das soll er wohl auch. Er verleiht der Uhr eine Gegenwärtigkeit, welche sie von unauffälligen Tool-Watches trennt und sie ins urbane Umfeld verschiebt: weniger Cockpit, mehr Studio und Meetingraum. Nachleuchtende Super-LumiNova erleichtert das Ablesen bei Dunkelheit.

Zehn Tage am Stück
Der manuell aufzuziehende Zeit-Motor in Gestalt des Calibre 113 speichert Energie für 240 Stunden, also ganze zehn Tage. Angesichts dessen ist die nichtlineare Gangreserveanzeige bei „3“ mehr als ein Gimmick. In der Praxis erhöht sie die Planbarkeit. Und genau das ist wichtig bei einer Uhr, die lange läuft, aber eben nicht automatisch nachlädt.
Die übrigen Anzeigen folgen einer Logik, die man als Geschäftskalender bezeichnen kann: Stunden- und Minutenzeiger aus der Mitte, dazu – ebenfalls zentral – ein Zeiger für die Kalenderwochen kombiniert mit den zugehörigen Monaten. Wer in Arbeitsabläufen denkt, die stark mit ISO-Wochen operieren, also Projektpläne, Produktionszyklen, Lieferketten im Auge haben muss, findet hier eine direkte Referenz. Die Wochentage erscheinen in einem Fenster bei „12“, das Datum lässt sich bei „6“ ablesen. Korrektoren dienen dem Einstellen von Datum, Wochentag und Kalenderwoche.


Als Gesamtkunstwerk betrachtet ist die Big Crown Calibre 113 keine Armbanduhr, welche man en passant entschlüsselt, sondern sie versteht sich als ein Instrument, das nach intensiver Beschäftigung mit seinen äußeren und inneren Werten sowie der Funktionalität erlangt.

Als unverbindliche Preisempfehlung nennt Oris 6.350 Euro. Fürs Geld gibt es auch eine fünfjährige Garantie, sofern man seinen Einkauf bei der Manufaktur registriert. Die Entscheidung, dem Handaufzug ein Comeback zu verleihen, passt zu Oris. Der regelmäßige energiespendende Griff zur Krone ist nämlich kein überkommenes Ritual. Vielmehr bindet regelmäßige Kontaktaufnahme Uhr und Träger noch intensiver aneinander.
Noch mehr interessante Oris-Uhren finden Sie hier auf Uhrenkosmos






0 Kommentare