Die Kunst des Flachen
Ultraflache Bauweise mechanischer Uhrwerke ist bei Vacheron Constantin nichts grundsätzlich Neues. In der mehr als 250-jährigen Geschichte des Genfer Traditionsunternehmens läutet das während der Watches and Wonders 2026 zusammen mit der Vacheron Constantin Overseas Ultra-Thin vorgestellte Automatikkaliber 2550 wegen der Entwicklung und Fertigung unter eigenem Dach jedoch eine neue Epoche ein.

Zur Einordnung dieser Leistung lohnt deshalb zunächst der Blick zurück: Bei der Entwicklung flacher Kaliber im 18. und 19. Jahrhundert spielten Göttin Mode und ihr volatiles Naturell eine wichtige Rolle. Eng anliegende Gewänder verlangten nach möglichst wenig auftragenden Taschenuhren. Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte die Branche im Zuge wechselnder Kleidermode auf den Reiz des Flachen

1903 startete der mit Vacheron Constantin eng verbundene Rohwerkefabrikant LeCoultre die Entwicklungsarbeiten zum neuen Handaufzugskaliber 145. Mit seinen lediglich 1,38 Millimetern Bauhöhe schrieb der Superlativ ab 1907 unter dem Spitznamen Rasierklinge Geschichte. Von 1931 bis 1938 fertigte Vacheron Constantin unter Verwendung des 17-linigen Kalibers Typ 5/12 minimalistisch dünne Taschenuhren. Das LeCoultre-Ébauche baute lediglich 0,94 Millimeter hoch. Samt Zifferblatt und Zeiger dürften es 1,1 Millimeter gewesen sein.

LeCoultre, S.A.P.I.C. und Kaliber 1003
1938, als die Produktion dieses tickenden Superlativs endete, war ein Schicksalsjahr für Vacheron & Constantin. Schleppende Zahlungseingänge und ausgeschöpfte Bankkredite setzten das Unternehmen finanziell schwer unter Druck. Aus dem zunächst naheliegenden Gedanken, in Italien auch Jaeger-LeCoultre zu vertreten, entwickelten sich Verhandlungen, in denen die wirtschaftlichen Probleme offen zur Sprache kamen. Im September 1938 trat Vacheron & Constantin unter Wahrung seiner eigenen Identität der Gruppe S.A.P.I.C. bei, zu der unter anderem Jaeger-LeCoultre in Le Sentier, die Vertriebsorganisation in Lausanne sowie Ed. Jaeger in Paris gehörten.
Fortan stammten die in Genf finissierten Rohwerke aus dem Vallée de Joux. Charles Constantin, Nachfahre des Firmengründers empfand die Unterzeichnung des Vertrags zwar mit Melancholie, sah darin aber zugleich die Rettung einer Firma, deren lange und bewegte Tradition das Haus Jaeger-LeCoultre angemessen respektierte.


Aus dieser Liaison erwuchsen wichtige technische Leistungen, darunter 1955 das nur 1,64 Millimeter hohe Handaufzugskaliber 1003 für ultraflache Armbanduhren.

Von 1120 bis 1170
1967 startete in Genf das Kapitel ultraflache Automatik-Armbanduhr. Als Basis für das Kaliber 1120 diente wiederum eine exklusive LeCoultre-Entwicklung namens 920. Zentralrotor und nur 2,45 Millimeter Höhe: Das hatte es in der mechanischen Uhrmacherei bis dahin noch nicht gegeben. Die zentral angeordnete und gelagerte Schwungmasse mit 21-karätigem Goldsegment dreht unüberhörbar auf vier peripher angeordneten Rubinrollen. Der Gangregler mit frei schwingender Flachspirale vollzog stündlich eher ungewöhnliche 19.800 Halbschwingungen. Neben Vacheron Constantin verwendeten auch Audemars Piguet als 2120 und Patek Philippe dieses Uhrwerk. Die Variante mit Fensterdatum baute 3,15 Millimeter hoch und nannte sich 1121, 2121 bzw. 28-255.

Nochmals deutlich flacher, aber auch extrem problembehaftet trat bei Vacheron Constantin das Automatikkaliber 1170 in Erscheinung. Piaget verbaute diese automatische Lassale-Konstruktion unter der Bezeichnung 25P. Der Stammbaum reicht zurück bis ins Jahr 1976, als Jean Lassale mit dem Handaufzugskaliber 1200 und der Automatikversion 2000 mechanische Superlative auf den Markt brachte.
Um 1,2 beziehungsweise 2,08 Millimeter Bauhöhe zu erreichen, musste die zweiseitige Zahnrad-Lagerung zwischen Platine und Brücke einer „fliegenden“ Alternative mit insgesamt 18 Miniatur-Kugellagern von Tavescap in Tavannes weichen. Konventionell ging es lediglich bei Anker und Unruh zu. Nicht nur wegen der geringen Bauhöhe bereitete das Uhrwerk seinem Erfinder jede Menge Probleme. 1983, nach dem Konkurs der Firma Bouchet-Lassale, erwarb Piaget die Restbestände des Kalibers. Auch die Rechte an der Konstruktion gelangten in die Hände des damaligen Lémania-Teilhabers Yves Piaget.

Trotz massiver Investitionen in die Weiterentwicklung änderte sich wenig an den Schwächen, welche genau dort lagen, wo die Faszination begann: Geringe Toleranzreserven, hohe Empfindlichkeit gegen Stoß, Verzug und Verschmutzung sowie extrem kostspieliger Service machten das in der insgesamt nur fünf Millimeter flachen Vacheron Constantin Les Essentielles Patrimony Ultra-Thin Automatique, Referenz 34170, verbaute 1170 zu einem zwar bewundernswerten, aber problematischen mechanischen Statement.

Neu, ultraflach und eigenständig
Vor diesem Hintergrund spielt das während sieben Jahren entwickelte Kaliber 2550 eine ganz besondere Rolle. Mit Blick auf die Genese ultraflacher Selbstaufzugswerke kann das 30,6 Millimeter große und 2,4 Millimeter flach bauende Manufaktur-Oeuvre in der Tat als Rekordleistung gelten. Möglich macht sie unter anderem ein Mikrorotor aus massivem Platin. Analog etwa zu Patek Philippes Kaliber 240, zum Chopard L.U.C 96.xx, Bulgari BVL 138, Parmigiani PF703 oder Piaget 1200 haben die Konstrukteure das energiespendende Bauteil mit 15,5 Millimetern Durchmesser direkt in die Werksebene integriert.


Das hohe spezifische Gewicht des hierfür genutzten Werkstoffs sowie die Wirksamkeit in beiden Drehrichtungen sorgen für hohe Effizienz beim Spannen der koaxial angeordneten, „fliegend“ gelagerten und seriell geschalteten Energiespeicher. Zur Reduzierung der Bauhöhe rotieren zwei Zahnräder des ausgeklügelten Getriebes um winzige Kugellager. Rund 80 Stunden Gangautonomie sorgen dafür, dass ein Wochenende im Tresor den noblen Zeitmesser nicht zum Stillstand bringt. Die Unruh mit variabler Trägheit vollzieht stündlich 21.600 Halbschwingungen, was einer Frequenz von drei Hertz entspricht.


Für ein Exemplar des 2550 benötigen die Uhrmacher bei Vacheron Constantin insgesamt 153 Komponenten. Sorgsame Finissage ist dabei Ehrensache.

Frederique Constant Overseas Ultra-Thin – nur 7,35 Millimeter am Handgelenk
Hinsichtlich des schützenden Gehäuses hätte Vacheron Constantin logischerweise verschiedene Möglichkeiten gehabt. Am Ende bekam die sportlich-elegante Linie Overseas (die ganze Geschichte der Uhr gibt es hier zu lesen) den Zuschlag. Die Les Historiques 222, aus deren Geist sich die Overseas 1996 entwickelte, hätte dem 2550 aber ebenso gut zu Gesicht gestanden. Als wichtiges Gestaltungselement griff und greift die Lünette das als Logo genutzte Malteserkreuz auf. 2005 zum 250-jährigen Firmenjubiläum erfolgte eine behutsame Evolution.

Und 2016 debütierte die gründlich überarbeitete aktuelle Generation mit deutlich manschettenschonenderem Glasrand. Ohne Werkzeug lassen sich drei serienmäßig mitgelieferte Armbänder nach Belieben gegeneinander austauschen. Behutsames Ziehen verlängert das Gliederband um zweimal vier Millimeter. Letzteres zeichnet auch die Overseas Self-Winding Ultra-Thin aus.
Erstmals in der Geschichte dieser Uhrenlinie bestehen die 39,5 Millimeter messende und bis fünf bar wasserdichte Sichtbodenschale sowie das Metallband aus Platin, legiert mit fünf Prozent Kupfer und Gallium. Thermische Härtung bewirkt eine mehr als doppelt so hohe Widerstandsfähigkeit gegen Kratzer und Stöße.

Für die Faltschließe findet aus technischen Gründen jedoch 18-karätiges Weißgold Verwendung. Zu den ebenfalls mitgelieferten Bändern aus Kautschuk und Alligatorleder gehört eine selbst tauschbare Platin-Dornschließe.

Den vielversprechenden Modellnamen rechtfertigt die Tatsache, dass die mit dem Genfer Siegel ausgezeichnete und mit lachsfarbenem Sonnenschliff-Zifferblatt sowie Zeigern für Stunden und Minuten ausgestattete Vacheron Constantin Overseas Self-Winding Ultra-Thin am Handgelenk gerade einmal 7,35 Millimeter aufträgt.

Erhältlich sind die summa summarum 255 einzeln nummerierten Exemplare nur in den eigenen Vacheron Constantin Boutiquen zum Preis von 117.000 Euro.

Vacheron Constantin Overseas Ultra-Thin
| Technische Daten | |
| Modell | Overseas Self-Winding Ultra-Thin |
| Referenz | 2500V/220P-H028 |
| Gehäuse | Platin 950, 39,5 Millimeter Durchmesser, 7,35 Millimeter Höhe |
| Wasserdichtheit | 5 bar, Sichtboden mit Saphirglas |
| Kaliber | Manufakturkaliber 2550, automatischer Aufzug mit Platin-Mikrorotor |
| Werkdurchmesser | 30,6 Millimeter |
| Werkhöhe | 2,4 Millimeter |
| Gangautonomie | rund 80 Stunden |
| Frequenz | 3 Hertz, 21.600 Halbschwingungen pro Stunde |
| Komponenten | 153 |
| Lagersteine | 25 |
| Anzeigen | Stunden und Minuten |
| Zifferblatt | lachsfarben lackiert, Sonnenschliff-Zentrum, samtig finissierte Minuterie |
| Armband | integriertes Platinband, zusätzlich Kautschuk- und Alligatorlederband |
| Zertifizierung | Genfer Siegel |
| Limitierung | 255 einzeln nummerierte Exemplare |
| Preis Deutschland | 117.000 Euro |








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