Ein Hype zur rechten Zeit
Die von Audemars Piguet und Swatch vorgestellte Royal Pop hat eingeschlagen wie eine Bombe. Zwei Wochen nach dem Launch ist es mit etwas Abstand an der Zeit, den Blick auf diese Kooperation und ihre Hintergründe zu lenken. Sie steht auch im Zeichen einer Hängepartie, welche die Schweizer Uhrenindustrie gegenwärtig durchleidet – die Schweizer Uhrenexporte Januar bis März 2026 zeigen dies deutlich.
Von einer veritablen Krise kann man freilich noch nicht sprechen. Dafür sind renommierte Marken weiterhin zu profitabel, die Erzeugnisse der besten Häuser zu begehrt und die Spitzenprodukte zu knapp. Aber nach dem Boom der Corona-Jahre 2021 bis 2023 erlebt die Branche eine schmerzhafte Normalisierung. Die hohe Nachfrage hat Preise, Produktionspläne und Erwartungen aufgebläht. Inzwischen zeigt sich immer deutlicher, wer echte Macht im Markt besitzt, Kunden durch glaubwürdige Zeitmesser überzeugt und weiterhin Preise setzen kann.

Nüchterne Zahlen sprechen die klarste Sprache. 2025 sanken die Schweizer Uhrenexporte zum zweiten Mal in Folge, um 1,7 Prozent auf 25,6 Milliarden Franken. Noch schmerzhafter entwickelte sich die Stückzahl: minus 4,8 Prozent auf 14,6 Millionen Uhren. China verlor 12,1 Prozent, Hongkong 6,5 Prozent, Japan 5,8 Prozent. Europa stagnierte, Deutschland lag 6,8 Prozent im Minus. Gleichzeitig beeinträchtigen der weiterhin starke Schweizer Franken, ein hoher Goldpreis, kriegerische Handlungen sowie geopolitische Unsicherheit das Geschäft.
Darüber können auch die 1,4 Prozent Plus bei den Schweizer Uhrenexporten Januar bis März 2026 nicht hinwegtäuschen. Im März gingen die eidgenössischen Ausfuhren nämlich um ein Prozent zurück. Die wahren Folgen des Kriegs im Nahen Osten sind da noch gar nicht richtig eingepreist. Wahrscheinlich werden sie aus der Anfang Juni veröffentlichten Exportstatistik für den Monat April hervorgehen.


Schweizer Uhrenexporte Jan bis März 2026: Die Mitte wird dünner
Ganz generell schwächeln gegenwärtig nicht nur einzelne Marken. Das System der klassischen Armbanduhr hat an Breite verloren. Nicht zuletzt wegen wirtschaftlicher Probleme, die inzwischen u.a. wegen hoher Spritpreise auch die USA erreichen, konzentriert sich die Nachfrage stärker auf das weit oben angesiedelte Segment: große Namen, bekannte Ikonen, funkelnde Schmuckuhren und begrenzte Zuteilung.
In der Mitte wird es dagegen zunehmend eng. Genau dort tummeln sich viele Modelle, die in den vergangenen Jahren preislich ohne klar erkennbaren Wertzuwachs bei Produkt, Werk, Service oder Begehrlichkeit zulegten. Zuerst fällt das den Konzessionären auf. Früher oder später merken es potenzielle Kunden. Zum Schluss zeigt es sich in der Bilanz.


Seine Jahresbilanz für das am 31. März abgelaufene Geschäftsjahr 2025/2026 hat Richemont kürzlich vorgelegt. Dank Cartier, Van Cleef & Arpels und den übrigen Schmuckmaisons steht der Luxuskonzern grundsätzlich solide da. Diese Sparte wuchs um 8 Prozent, währungsbereinigt sogar um 14 Prozent. Die operative Marge lag bei 30,5 Prozent. Cartier & Co. finanzieren also demonstrativ nach außen getragene Gelassenheit.

Weniger erbaulich sieht es indes bei den spezialisierten Uhrenmarken aus. Diese meldeten erneut ein Minus von vier Prozent zu aktuellen Wechselkursen. Währungsbereinigt gab es hingegen ein Plus von einem Prozent. Doch die operative Marge von 3,4 Prozent gibt zu denken. Für Luxusuhren ist das nämlich herzlich wenig.

Hoffnung statt Ertrag
Härter traf es die Swatch Group. Ihr Umsatz 2025 lag bei 6,28 Milliarden Schweizer Franken, minus 5,9 Prozent zu aktuellen Wechselkursen. Der operative Gewinn brach von 304 auf 135 Millionen Franken ein, die operative Marge sank von 4,5 auf 2,1 Prozent. Der Reingewinn schrumpfte von 219 auf 25 Millionen Franken. Eine Nettomarge von 0,4 Prozent ist für einen Konzern mit Omega, Longines, Tissot, Breguet, Blancpain, Glashütte Original, Hamilton, Mido, Certina und Swatch kein Betriebsunfall, sondern ein deutliches Warnsignal.


Am 22. Mai 2026 notierte die Inhaberaktie Swatch Group I nicht zuletzt auch wegen Royal Pop bei 199,70 Franken. Die 52-Wochen-Spanne reichte von 127,05 bis 213,80 Franken. Der Kurs erzählt nicht nur die Geschichte des Gewinneinbruchs, sondern bereits auch die Erwartung einer anhaltenden Erholung. Aber genau darin liegt auch beträchtliches Risiko. Der Markt bezahlt momentan mehr Hoffnung als Ertrag.

Kleiner Gegenstand, große Wirkung
Am Ertrag sollte es beim jüngsten Coup von Audemars Piguet und Swatch nicht mangeln. Die Herstellung dieser Plastik-Taschenuhr mit maschinell fabriziertem Handaufzugswerk dürfte grob geschätzt bei 30 Schweizer Franken und damit deutlich unter dem Publikumspreis von rund 400 Franken liegen. Davon profitiert natürlich auch Audemars Piguet. CEO Ilaria Resta ließ jedoch schon wissen, dass die generierten Einnahmen gespendet und zur Förderung des uhrmacherischen Nachwuchses verwendet werden sollen.

Auch anderweitig ziehen beide Seiten Nutzen aus dem Projekt. Royal Pop erzeugt Schlagzeilen, Social-Media-Druck und Frequenz. Insgesamt geht es einerseits um Hype, Popkultur, Warteschlangen, Reseller und Generationenmarketing, zum anderen eher hintergründig aber auch um Governance-Fragen bei der Swatch Group sowie um die strategische Verwundbarkeit einer Luxusmarke, deren Identität womöglich stärker denn je an einer Ikone hängt: der Royal Oak.

Warum Audemars Piguet?
Was hat Audemars Piguet zu diesem Miteinander bewogen? Reines Umsatzstreben scheidet aus. Ilaria Resta spricht von Zugang, Nachwuchsförderung, Liebe zur mechanischen Uhrmacherei und Schutz des Savoir-faire. Kommunikativ ist das geschickt, weil sich junge Leute vermehrt Smartwatches zuwenden. Durch den seit etwa 2012 von François Bennahmias angeheizten Royal-Oak-Rummel und die Konzentration auf eigene AP Boutiquen und AP Houses hat sich die Marke dem Vernehmen nach von angestammter und potenzieller Klientel entfernt. Mangelnde Wertschätzung und Zugänglichkeit lassen Kritik lauter werden. Dem musste Resta begegnen.

Für Swatch verlangten MoonSwatch und Bioceramic Scuba Fifty Fathoms nach Fortsetzung. Die regulären Swatch-Kollektionen zählen mangels überzeugender Antwort auf die Smartwatch-Welt nicht zu den großen Zugpferden. Von diesem Manko lenken Kooperationsuhren wie jetzt die Audemars Piguet x Swatch Royal Pop wirksam ab. (Wir haben die Modelle hier bereits vorgestellt.)

Kooperation quo vadis?
Nach Omega und Blancpain, wo mit der Fifty Fathoms zumindest ein legendäres Modell existiert, wurde es beim Blick in die gruppeninterne Zukunft allerdings schwierig. Zur Swatch Group gehört auch Breguet, und dort feierte man 2025 das 250. Jubiläum. Ganz abgesehen davon, dass die altehrwürdige Marke den Anschluss an High-End-Mitbewerber wie A. Lange & Söhne, Audemars Piguet, Patek Philippe oder Vacheron Constantin verloren hat, fehlt in der Kollektion eine Armbanduhr mit auch nur annähernd ikonographischem Charakter.

Das sportlich-elegante Modell Marine agiert in einem stark besetzten Konkurrenzumfeld nur unter ferner liefen. Mit dem Type XX-Chronographen lassen sich auch keine Blumentöpfe gewinnen. Die formal außergewöhnliche Reine de Naples wendet sich vor allem an weibliche Kundschaft. Das Risiko, mit einer Breguet x Swatch kolossal Schiffbruch zu erleiden, konnte Swatch Group-CEO Nick Hayek also fast nicht eingehen. Es hätte Breguet und dem ganzen Kooperationsgedanken immens schaden können.

Essentielle Abhängigkeit
An dieser Stelle gelangen Audemars Piguet und Ilaria Resta ins Spiel. Die neue CEO trat ihr Amt unter hohem Erwartungsdruck an. Schließlich hatte der mit allen Wassern gewaschene François Bennahmias den Umsatz auf geschätzte 2,3 Milliarden Franken Jahresumsatz katapultiert und AP nach gängigen Branchenschätzungen durch Konsolidierung der Groß- und Einzelhandelsmargen im Ranking der Schweizer Marken knapp hinter Omega und vor Patek Philippe geschoben. Der Tatsache, dass extremer Handlungsbedarf besteht, war sich Frau Resta also vollauf bewusst. Ihre Erfahrung im Umgang mit Zahlen und Produkten führte ihr ferner die riesige Abhängigkeit der weiterhin mehrheitlich im Besitz der Gründerfamilien befindlichen Firma von einem einzigen Uhrenmodell vor Augen. Dabei dominiert die klassische Royal Oak.
In den Jahren 2007 bis 2010 hatten wir mehr Royal Oak Offshores verkauft. Dann kam das Jahr 2012 mit dem 40. Jahrestag der Royal Oak. Von da an lag die Royal Oak vorne. Seither verkaufen wir mehr Royal Oaks als Royal Oak Offshores. Das Verhältnis ist 60 zu 40 Prozent.
Bereits seit 1972 sind Audemars Piguet und Royal Oak nahezu Synonyme. Die von Gérald Genta gestaltete und von Georges Golay auf den Markt gebrachte Ikone trug AP durch Quarzkrise und schwierige Marktphasen, prägte den wirtschaftlichen Aufstieg und steht bis heute für den größten Teil des Umsatzes. François Bennahmias bezifferte ihren Anteil 2023 zeitweise auf mehr als 90 Prozent; selbst die angestrebte Reduzierung auf 80 Prozent gelang trotz Code 11.59 nicht.
Damit bleibt AP strukturell extrem abhängig von der Royal Oak. Für Ilaria Resta ist deren Begehrlichkeit folglich existenziell: Gerät diese 54 Jahre alte Linie ernsthaft unter Druck, wackelt nicht nur APs Umsatzmotor, sondern auch der Wert der Marke.

Kleine Spirale als Brücke
Als möglicher Türöffner für Royal Pop bietet sich die 2018 vorgestellte Nivachron-Unruhspirale an, entwickelt von Audemars Piguet und der Swatch-Group-Tochter Nivarox-FAR. Sie pulsiert sowohl in Royal-Oak-Modellen als auch in den Sistem51-Kalibern der Royal Pop. Diese technische Kooperation dürfte über Jahre Vertrauen, Kontakte und strategische Nähe geschaffen haben. So gesehen könnte Nivachron eine kleine, sehr elastische Brücke zwischen zwei uhrmacherisch sehr unterschiedlichen Welten gebildet haben.

So erklärt sich, weshalb Royal Pop weit mehr ist als ein lauter Swatch-Drop. Die Kooperation berührt die strategischen Schwächen der Swatch Group ebenso wie den empfindlichsten Nerv von Audemars Piguet: die Royal Oak. Im zweiten Teil, nach der Analyse der Schweizer Uhrenexporte Januar bis März 2026, wird es deshalb mehr um Mechanik, Distribution, Sekundärmarkt und die Frage gehen, wer von dieser experimentellen Kooperation tatsächlich profitiert.
Weitere Modelle mit 100% AP finden Sie in unserem Audemars Piguet Markenkosmos








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