Carlo Crocco: Ein Mann, der Konventionen ignorierte
1976 war alles andere als die beste Zeit, um eine neue Schweizer Uhrenmarke zu gründen. Die Branche steckte Mitte der 1970er-Jahre wegen des großen Erfolgs der Quarzuhren in einer existenziellen Krise. Carlo Crocco, Spross einer Mailänder Uhrendynastie, ließ sich davon wenig beeindrucken. Mutig, wie er war, gründete er mit zarten 32 Jahren sein eigenes Unternehmen MDM Genève. Nur vier Jahre später präsentierte er auf der Basler Uhrenmesse 1980 eine Uhr, die mit vielen Konventionen der Branche brechen sollte.
Die Idee dahinter war ausgesprochen mutig. Crocco setzte auf ein Goldgehäuse, dessen Uhrglas zwölf gut sichtbare Schrauben auf der Lünette fixierten. Getragen wurde die Uhr nicht an einem Lederarmband, sondern an einem Armband aus Kautschuk – einem Material, das man bis dahin allenfalls von Taucheruhren und Autoreifen kannte – und das auch die beiden neuen Hublot Classic Fusion Tributo Modelle am Handgelenk hält.


Doch um Provokation um ihrer selbst willen ging es Crocco nicht. Drei Jahre tüftelte er allein an dem speziellen Kautschukband mit eingewebten Stahlfasern, das ältere Uhrenliebhaber dank des beigemischten, charakteristischen Vanilledufts noch heute in der Nase haben. Dazu kam das auffallende, an ein Bullauge (auf Französisch: Hublot) erinnernde Gehäuse mit seinen zwölf Schrauben. Diese hatten eine zusätzliche Funktion: Sie ersetzten die Stundenindizes und verhalfen der Hublot zu einem ausnehmend aufgeräumten Zifferblatt.
Das Aufsehen war groß – und geboren war eine Idee, die die Gestaltung moderner Uhren bis heute prägt. Das Revolutionäre daran war, dass Hublot Dinge kombinierte, die nach damaligem Verständnis nicht zusammengehörten.


Hublot Classic Fusion Tributo: Eine gelungene Rückkehr
Am 15. Oktober 2026, also 46 Jahre später, präsentierte Hublot in Mailand im Beisein des Firmengründers Carlo Crocco die neue Hublot Classic Fusion Tributo in Gelbgold und Weißgold. Beide Modelle orientieren sich eng am historischen Original. Die Gelbgoldversion trägt ein schwarz lackiertes Zifferblatt mit dezentem Anthrazit-Effekt und bei sechs Uhr das alte MDM-Logo, eine Schwungmasse aus Gelbgold ergänzt den historisierenden Auftritt. Und wie einst fixieren zwölf Schrauben die Lünette und das Gehäuse.
Die Weißgoldvariante wirkt mit schwarzem Onyx-Zifferblatt, schwarz beschichteten Schrauben und einer dunklen Wolfram-Schwungmasse noch eleganter und zurückhaltender. Beide Versionen besitzen ein 38 Millimeter großes, lediglich 9,5 Millimeter hohes Gehäuse.

Automatik-Kaliber HUB1711
Im Inneren arbeitet – anders als beim Quarz-Original einst – das automatische Kaliber HUB1711 mit 185 Komponenten, 28.800 Halbschwingungen und 60 Stunden Gangreserve. Durch den Saphirglasboden lassen sich die H-förmige Schwungmasse und das Zusammenspiel der Werkmechanik betrachten.
Getragen werden beide Uhren selbstverständlich an einem modernen schwarzen Kautschukarmband. Und mit 100 Meter Wasserdichtigkeit sind sie deutlich wasserdichter als einst.

Mit diesen zwei Modellen pflegt Hublot das eigene Erbe, und beide sind ausgesprochen sehr solide gemacht: elegant, angenehm proportioniert und dank des automatischen Werks technisch auf der Höhe der Zeit. Das gilt auch für den Preis der Hublot Classic Fusion Tributo Drei-Zeiger-Uhr mit Datum. Er liegt jeweils bei 30.200 Euro.

Viel Geschichte – und wenig Risiko
Und doch beschleichen einen beim Blick auf die beiden Uhren Zweifel. Zunächst ist die Idee nicht neu. Bereits 2020 und 2023 hat Hublot die ursprüngliche Classic Fusion wiederbelebt – damals mit sechs statt zwölf Schrauben. Und als Aha-Erlebnis kann man die erneute Umsetzung der historischen Uhr in der Version Classic Fusion Tributo auch nicht bezeichnen. Daran ändern weder das mechanische Werk noch das teure Gehäusematerial etwas.
Entsprechend stellt sich die entscheidende Frage: Wo bleibt der Hublot-Moment von früher? Was ist gegen den Strich gebürstet? Und wird mit diesen beiden Uhren auch nur an einer Stelle das Establishment herausgefordert, so wie es Crocco einst mit seinem Entwurf tat?
Dabei hat Hublot schon einmal bewiesen, dass es das eigene Erbe radikal weiterdenken kann. Unter Jean-Claude Biver, der die Marke ab 2004 führte, war Hublot ausnehmend innovativ: Mit der Hublot Big Bang und dem Leitmotiv „Art of Fusion“ verband man Gold mit Keramik, Karbon oder Kautschuk, ging überraschende Kooperationen ein und machte aus Croccos Grundidee von Hublot ein Erfolgsmodell.
Womit auch das Problem von heute beschrieben ist. Seit Jahren wird der Biver-Ansatz nur noch verlängert – aber ohne den innovativen Punch von einst.


Carlo Crocco als verpasste Chance
Da Crocco offenbar ein gutes Verhältnis zu Hublot hat und sogar persönlich vor Ort war, hätte man durchaus auf die Idee kommen können, gemeinsam mit ihm an einer Hublot 2.0 zu arbeiten. Mit neuen Gestaltungselementen, einem neuen Gehäuse oder einem ungewöhnlichen Zifferblatt, das zeigt, dass die revolutionäre Idee von Hublot fortlebt.
Vielleicht wäre manches gescheitert. Ebenso hätte man den einen oder anderen Fan zum Widerspruch herausgefordert. Doch genau dieses Wagnis gehörte einst zur DNA der Marke. Stattdessen präsentierte man eine zwar einwandfrei gemachte, aber eben nur aufgewärmte Version, ohne Risiko und ohne Verve – und verschenkte das Momentum, das Croccos Rückkehr geboten hätte.

Wenn aus Revolution wieder Umsatz werden muss
Wobei nicht verschwiegen werden sollte, dass es auch sachliche Argumente gibt, die verstehen lassen, warum Hublot den sicheren Weg wählte. Denn bei der Marke stehen inzwischen ganz andere Fragen im Vordergrund. Nach Schätzungen von Morgan Stanley und LuxeConsult sank der Jahresumsatz zwischen 2022 und 2025 von rund 744 auf 460 Millionen Schweizer Franken. Auch die Stückzahlen sollen sich laut Marktkennern teilweise halbiert haben. Entsprechend nachvollziehbar ist es, dass man sich die Chance auf einen „sicheren“ Umsatz nicht entgehen lassen wollte.
Jedoch lebt gerade Hublot davon, nicht die Asche der Vergangenheit zu bewachen, sondern das Feuer der Innovation weiterzutragen. Also mit neuen Modellen aufhorchen zu lassen, mit Uhren zu provozieren oder mit Design-Ideen zu überraschen, die Uhrenfans zeigen, dass die Marke lebendiger denn je ist. Stattdessen gab es in Mailand mit der Hublot Classic Fusion Tributo zwei hübsche Uhren zu sehen, es wurden keine Fehler gemacht und die Social-Media-Kanäle wurden kräftig geflutet.
Es wäre spannend zu wissen, was Crocco an Hublots Stelle getan hätte. Denn er dürfte noch wissen, dass seine Hublot Uhr kein Erfolg wurde, weil sie die Vergangenheit anbetete, sondern weil sie die Gegenwart mit dem Blick weit in die Zukunft provozierte.

Hublot Clasic Fusion Tributo
Datenblatt
| Merkmal | Classic Fusion Tributo Gelbgold | Classic Fusion Tributo Weißgold |
| Referenz | 262.VX.1130.RX.MDM | 262.WX.6870.RX.MDM |
| Gehäuse | 18 Karat Gelbgold, poliert und satiniert | 18 Karat Weißgold, poliert |
| Durchmesser | 38 mm | 38 mm |
| Bauhöhe | 9,5 mm | 9,5 mm |
| Lünette | Gelbgold, zwölf H-förmige Titanschrauben | Weißgold, zwölf schwarz beschichtete Titanschrauben |
| Glas | Entspiegeltes Saphirglas | Entspiegeltes Saphirglas |
| Gehäuseboden | Saphirglas-Sichtboden | Saphirglas-Sichtboden |
| Wasserdichtheit | 10 bar (100 m) | 10 bar (100 m) |
| Zifferblatt | Mattschwarz lackiert, MDM-Logo | Schwarzer Onyx |
| Uhrwerk | Automatik, Kaliber HUB1711 | Automatik, Kaliber HUB1711 |
| Kaliberbasis | Zenith Elite 670 | Zenith Elite 670 |
| Funktionen | Stunden, Minuten, Zentralsekunde, Datum | Stunden, Minuten, Zentralsekunde, Datum |
| Frequenz | 28.800 A/h (4 Hz) | 28.800 A/h (4 Hz) |
| Bauteile | 185 | 185 |
| Gangreserve | Ca. 50 Stunden* | Ca. 50 Stunden* |
| Schwungmasse | Gelbgold, H-förmig | Schwarzes Wolfram, H-förmig |
| Armband | Schwarzer Kautschuk | Schwarzer Kautschuk |
| Schließe | Faltschließe aus Gelbgold, beschichtetem Edelstahl und Titan | Faltschließe aus Weißgold, beschichtetem Edelstahl und Titan |
| Limitierung | Nicht limitiert | Nicht limitiert |
| Preis | 30.200 Euro | 30.200 Euro |







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