Gespräch mit Patek Philippe im Jahr 2026

Thierry Stern im Interview: „Ich sehe mich als Hüter von Patek Philippe“

Der Patek-Philippe-Präsident spricht über Tradition, Wachstum und die Zukunft der Manufaktur

von | 22.10.2026

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Hüter des Familienunternehmens

Im Rahmen der Mailänder Watch Art Grand Exhibition stand Thierry Stern aus zeitlichen Gründen nur für Gruppeninterviews zur Verfügung. Die deutschen Teilnehmer konnten jeweils eine Frage formulieren. Auf diese Weise entstand ein breit gefächertes Gespräch über die Rolle des Patek-Philippe-Präsidenten als Hüter des Familienunternehmens, über Tradition und Innovation, begrenztes Wachstum, internationale Märkte, seltene Handwerkskünste und die Frage, wie eine Luxusmarke heute glaubwürdig kommuniziert.

 

Patek Philippe Watch Art Grand Exhibition Milano 2026

Patek Philippe Watch Art Grand Exhibition Milano 2026

Thierry Stern im Interview

Uhrenkosmos: Erinnern Sie sich daran, wann Ihnen zum ersten Mal bewusst wurde, was Ihre Familie beruflich macht?

Thierry Stern: Ich erinnere mich, dass ich etwa sechs Jahre alt war und im Büro meines Vaters saß. Wie viele Kinder öffnete ich gern Schubladen. In einer fand ich Uhren. Ich weiß noch, wie sehr mich das faszinierte. Wahrscheinlich verstand ich damals zum ersten Mal, dass mein Vater etwas Besonderes tat. Ich wusste, dass ich dasselbe machen wollte. Ich war sehr jung, aber dieser Gedanke blieb.

thierry-stern-im interview-2026 über Patek Philippe, Tradition und die Bedeutung eines über Generationen gehenden Familienunternehmens

Drei Generationen für Patek Philippe: Henry (Mitte), Philippe (oben) und Thierry Stern

Sehen Sie sich vor allem als kreativen Kopf, als Unternehmensführer oder als Hüter der Familientradition?

Ich sehe mich als Hüter. Meine Aufgabe ist es, das zu bewahren, was wir aufgebaut haben, mein Bestes für Patek Philippe zu geben und dem Unternehmen zu ermöglichen, sich auf die richtige Weise weiterzuentwickeln.

 

Henry, Philippe und Thierry Stern (2)

Hineinwachsen ins Familienunternehmen: Henry (Mitte), Philippe (rechts) und Thierry Stern

Balance zwischen Tradition und Innovation

Wie finden Sie die richtige Balance zwischen Tradition und Innovation?

Es gibt kein Buch, das einem erklärt, wie man das macht, und auch keine Schule, in der man die Antwort lernt. Es kommt auf die Erfahrung an. Man muss zuhören, beobachten und sich Zeit nehmen, das Unternehmen zu verstehen. In einem Familienunternehmen hat man die Möglichkeit, unmittelbar von den Menschen zu lernen, die vor einem da waren. Trotzdem dauert es Jahre. Ich glaube, man braucht mindestens zehn Jahre, um eine Marke so gut zu verstehen, dass man die richtigen Entscheidungen treffen kann.

Wenn ich über ein neues Design nachdenke, überlege ich bereits, wie es in die Kollektion passen könnte. Ergänzt es die Kollektion sinnvoll? Könnte daraus eine größere Modellfamilie entstehen? Ein gutes Design ist erst der Anfang. Es braucht auch eine übergeordnete Strategie. Deshalb ist das Produktteam so wichtig. Es kennt die Uhren und hilft uns, darüber nachzudenken, wie sich ein Entwurf in die gesamte Kollektion einfügt. Kreative Ideen müssen in einen größeren Plan passen.

 

Gestaltet von Thierry Stern: Patek Philippe Aquanaut, Referenz 5060A, 1997

Gestaltet von Thierry Stern: Patek Philippe Aquanaut, Referenz 5060A, 1997

Eine internationale Kundschaft

Patek Philippe hat viele neue Kunden in unterschiedlichen Teilen der Welt gewonnen. Haben deren Erwartungen die Art verändert, wie Sie Uhren entwerfen?

Ich entwerfe keine Kollektion für ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Region. Ich möchte keine Uhren speziell für einen einzelnen Markt schaffen, denn dadurch könnte die Kollektion auseinanderfallen. Meine Aufgabe besteht darin, Uhren zu gestalten, die Menschen überall auf der Welt ansprechen können.
Natürlich verschiebt sich das Verhältnis zwischen den Märkten im Laufe der Zeit. Asien macht heute einen deutlich größeren Teil unseres Geschäfts aus als früher, während Europa einen kleineren Anteil erreicht. Das müssen wir berücksichtigen. Zugleich wollen wir unsere Kunden in Europa und den Vereinigten Staaten weiterhin bedienen und unsere Präsenz in Asien ausbauen.

Wir haben Boutiquen in verschiedenen Ländern der Region, darunter China, Indonesien und die Philippinen. Entscheidend ist, die Balance zu wahren und die Kollektion als Ganzes stimmig zu halten.

 

 

Patek Philippe Boutique Tokio

Patek Philippe Boutique Tokio

Ihr Vater soll einmal gesagt haben, eine Patek Philippe müsse überall stimmig wirken. Wie erleben Sie die italienischen Kunden und ihren heutigen Geschmack bei Uhren?

Italien ist für uns seit jeher ein wichtiger Markt. Italienische Kunden interessieren sich sehr für Uhren und haben zugleich ein ausgeprägtes Gespür für Stil. Sie interessieren sich für Mode und tragen schöne Uhren gern in unterschiedlichen Situationen. Mir fällt auf, dass Vintage-Uhren zunehmend wichtiger werden, besonders für jüngere Menschen. Sien erleben, dass ihre Eltern schöne Uhren sammeln und tragen, und entdecken nun selbst ältere Modelle. Manche tragen Uhren, die in ihrer Familie weitergegeben wurde.

Es macht ihnen Freude, Uhren miteinander zu vergleichen: „Diese gefällt mir, jene dir.“ Das ist eine neue Art des Wettbewerbs, und es ist interessant, das zu beobachten. Das wiedererwachte Interesse an Vintage-Uhren erinnert uns auch daran, dass Design eine Geschichte hat. Es regt uns an, wieder auf unsere Wurzeln und auf die Stile zu schauen, die Patek Philippe geprägt haben.

Die Tradition der Marke hat mich immer interessiert. Die Referenz 5098 zum Beispiel ist ein Gehäusedesign, das mir besonders gut gefällt. Es ist nicht immer einfach, einen früheren Entwurf wieder aufzugreifen, ohne ihn einfach zu kopieren. Die Herausforderung besteht darin, die Tradition zu achten und zugleich etwas zu schaffen, das heute überzeugt.

 

Patek Philippe Gondolo Referenz 5098 und Gondolo Armbanduhr 1920

Patek Philippe Gondolo Referenz 5098 und Gondolo Armbanduhr von 1920

Wachstum, Produktion und Zugang zu den Uhren

Die Zahl der Patek-Philippe-Kunden ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Wie bringen Sie dieses Wachstum mit den begrenzten Produktionsmöglichkeiten in Einklang?

Das ist eine schwierige Balance. Wir können die Produktion nicht unbegrenzt steigern, denn die Qualität muss immer an erster Stelle stehen. Je nach Modell können wir vielleicht um ein oder zwei Prozent pro Jahr wachsen, aber das ist kein festes Ziel. Vorrang hat immer die Qualität.

Wir arbeiten an der Kapazitätsgrenze. Die Herausforderung besteht darin, zu entscheiden, wie wir die Uhren zuteilen, die wir fertigen können. Dabei müssen wir sowohl an neue Kunden denken als auch an jene, die die Marke seit vielen Jahren unterstützen. Es ist leicht zu sagen, wir sollten mehr Uhren herstellen. Aber wir tragen Verantwortung: für die Qualität unserer Arbeit und dafür, unsere Kunden fair zu behandeln. Manchmal bedeutet das, dass ein langjähriger Kunde weniger Uhren erhält als früher, weil auch neue Menschen die Möglichkeit bekommen sollen, Patek Philippe zu entdecken. Wir können nicht jeden Wunsch erfüllen. Das müssen wir offen sagen und Entscheidungen treffen, die langfristig richtig für die Marke sind.

 

Patek Philippe Rundlaufprüfung Unruh

Gut Ding braucht Weile: Patek Philippe Atelier - Rundlaufprüfung einer Unruh

Handwerk bewahren und Nachwuchs gewinnen

Die seltenen Handwerkskünste von Patek Philippe beruhen auf seltenen Fertigkeiten und dem Können einzelner Handwerker. Wie lässt sich dieses Wissen für die Zukunft bewahren?

Mein Vater hat mir beigebracht: Wenn man eine Fertigkeit erhalten will, muss man dafür sorgen, dass die Menschen sie ausüben können. Wenn man keine Aufträge vergibt, kann eine solche Fertigkeit verschwinden. In manchen Bereichen arbeiten nur sehr kleine Teams. Sie fertigen vielleicht nur wenige Stücke im Jahr. Trotzdem müssen wir ihnen Arbeit geben. Nur so bleiben sie motiviert und können ihr Wissen weitergeben.

Zunächst muss man die Objekte fertigen. Dann muss man einen Weg finden, sie den Menschen nahezubringen. Auch wenn sich daraus nicht unmittelbar ein wirtschaftlicher Ertrag ergibt, halte ich es für wichtig, weiterzumachen. Die Handwerker müssen wissen, dass ihre Arbeit zählt und dass ihre Fertigkeiten eine Zukunft haben. Manchmal bedeutet das auch, kreative Risiken einzugehen. Wir müssen die Tradition achten, dürfen aber keine Angst vor neuen Ideen haben. Die Herausforderung besteht darin, die überlieferten Fertigkeiten mit einer zeitgemäßen Vorstellung zu verbinden.

 

Patek Philippe Rare Handcrafts Cinquecento orange

Patek Philippe Rare Handcrafts 2026 - Mit dem Fiat Cinquecento unterwegs in Italien

Wie gewinnen und halten Sie junge Menschen für diese hoch spezialisierten Bereiche?

Schon heute kommen junge Menschen zu uns, die diese Handwerke erlernen möchten. Sie arbeiten an der Seite erfahrener Meister, und das ist entscheidend. Diese Arbeit kann man nicht allein aus einem Buch lernen. Es hilft auch, das Handwerk mit den persönlichen Interessen des Einzelnen zu verbinden. Wenn jemand Vögel liebt, könnte man ihn zum Beispiel bitten, einen Vogel zu gestalten. So entsteht ein persönlicher Bezug zur Arbeit und ein Anreiz, die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Diese Abteilungen machen nur einen kleinen Teil unseres Geschäfts aus. Wenn wir sie schließen würden, hätte das keinen großen Einfluss auf die Gesamtbilanz des Unternehmens. Aber ich würde sie niemals aufgeben. Ich unterstütze sie aus Leidenschaft und aus Respekt vor den Fähigkeiten, die dort gepflegt werden. Sie gehören zu unserer Identität.

Entscheidend sind auch die Menschen, die diese Arbeit leiten. Ein Meister muss die Standards wahren und die richtigen Arbeitsweisen weitergeben. Dabei geht es nicht nur um technische Fertigkeiten, sondern auch darum, zu verstehen, was die Marke von einem fertigen Stück erwartet.

 

Patek Philippe Rare Handcrafts Marqueterie

Patek Philippe Rare Handcrafts - Aussägen winziger Holzteile für ein Marqueterie-Zifferblatt

Geschichte vermitteln, sichtbar bleiben

Was funktioniert bei Patek Philippe heute besonders gut, und wo sehen Sie Raum für Verbesserungen?

Wenn ich die Produktionsstätten besuche, glaube ich nicht, dass wir bei der Qualität noch viel verbessern können. Was wir verbessern können, ist die Kommunikation mit unseren Kunden – vor allem, wenn es um die Geschichte der Marke und die Besonderheiten von Patek Philippe geht.

Viele Menschen kennen den Namen. Vielleicht haben sie eine Anzeige oder einen Film gesehen. Aber sie wissen nicht unbedingt, warum sich Patek Philippe seinen Ruf verdient hat und was die Marke zur Geschichte der Uhrmacherei beigetragen hat. Ich glaube, wir müssen klarer vermitteln, wer wir sind und was wir erreicht haben. Deshalb erneuern wir unser Museum und stärken die Art, wie wir seine Geschichte erzählen. Wir haben jemanden mit neuen Ideen damit betraut, das Museum zu leiten. Ich glaube, er kann dazu beitragen, unsere Geschichte lebendiger und zugänglicher zu präsentieren.

Zudem entwickeln wir neue Möglichkeiten, die Ausstellungen zum Leben zu erwecken. Bei einigen Uhren können Besucher künftig interaktiv erfahren, wie sie funktionieren. Wir haben außergewöhnliche Uhren und Objekte zu zeigen. Ihre Geschichten müssen verständlich und spannend vermittelt werden. So können wir eine stärkere Verbindung zur Vergangenheit und damit auch zur Zukunft schaffen.

 

Patek Philippe Museum Genf

Highlight in Genf: das Firmenmuseum von Patek Philippe

Von Luxusmarken wird erwartet, dass sie durch neue Produkte, Kooperationen, Veranstaltungen und soziale Medien ständig präsent sind. Wie viel Stille kann sich Patek Philippe leisten?

Wir sollten regelmäßig kommunizieren, aber niemals nur um der Sichtbarkeit willen. Was wir sagen, muss der Wahrheit entsprechen. Ich möchte, dass wir die Marke vorstellen und zeigen, was wir tatsächlich tun, nicht eine Fantasiewelt bewerben. Manche Marken verkaufen Träume. Doch irgendwann holt einen die Wirklichkeit ein, vor allem wenn Kunden die Preise sehen und fragen, was dahintersteht.

Patek Philippe stellt Uhren her. Wir investieren viel in ihre Entwicklung und Produktion, und das müssen wir nachvollziehbar erklären. Kommunikation sollte den Menschen die Arbeit und den Wert der Uhren näherbringen. Sie sollte keine Versprechen machen, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Mehr Artikel zu Patek Philippe finden Sie im Patek Philippe Markenkosmos hier auf Uhrenkosmos.com. 

Einen interessanten Videopodcast von Peter Wiederholt mit Gisbert Brunner über die Geschichte der Patek Philippe Nautilus finden Sie hingegen hier unter diesem Link.

 

 

Thierry Stern und Sohn Adrien in Mailand im Vorfeld des Thierry Stern Interviews

Thierry Stern und sein Sohn Adrien, der gerade in die Firma hineinwächst

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