Heuer Chronographen
TAG Heuers Einstieg als Official Timekeeper der Formel 1 ist mehr als ein 100-Millionen-Dollar-Deal – es ist die Chance, an den Markenkern anzuknüpfen, den Jack W. Heuer in den 1960er und 70er Jahren schuf. Damals war die Verbindung von Heuer und Motorsport keine Marketingstrategie, sondern gelebte Leidenschaft. Jack W. Heuer kannte die Rennfahrer persönlich, und aus diesen echten Beziehungen entstanden Uhren, die nicht für den Motorsport designt wurden, sondern Heuer Chronographen wie Autavia, Carrera oder Monaco entstanden im direkten Austausch mit den Fahrern und Teams.

Bildband Heuer Chronographs
Genau diese goldene Ära beleuchtet Arno Michael Haslinger in seinem opulenten Bildband „Heuer Chronographs“. In den 1960er- und 1970er-Jahren war die Verbindung von Heuer und Motorsport keine dekorative Kulisse, sondern eine enge, meist persönliche Beziehung von Jack W. Heuer zu Rennfahrern und ihren Teams. Durch diese echte Präsenz verankerte er Modelle wie Autavia, Carrera, Monaco oder Monza tief in der Wahrnehmung der Uhrenliebhaber und Motorsportfans. Wer heute alte Rennsportfotos jener Zeit sieht oder die Bilder von Steve McQueen aus „Le Mans“ vor Augen hat, erkennt, wie selbstverständlich das Heuer-Logo damals in dieser Welt auftauchte. Wir haben mit Arno Michael Haslinger über sein Buch gesprochen.


Wolfgang Winter: Lieber Arno, warum schreibst du so gern über Heuer Chronographen – ausgerechnet in einer Zeit, in der der Markt immer noch stark von Rolex-Vintage-Uhren geprägt wird? Was ist bei Heuer zwischen 1962 und Mitte der 1970er so interessant und wichtig, dass du es in Buchform erzählen willst?
Arno Michael Haslinger: Mein Interesse für Uhren wurde vor mehr als 25 Jahren geweckt, als ich in der Automotive-Industrie als Marketeer arbeitete. Damals wurde in einer Präsentation ein Foto einer blauen Heuer Monaco gezeigt. Die avantgardistische Form, die Farbe und der Mut, als Uhrenhersteller ein Produkt auf den Markt zu bringen, das komplett gegen den Mainstream war – das hat mich sofort fasziniert. Ich wollte unbedingt mehr über dieses Unternehmen und seine Produkte erfahren.
Wenn man sich näher mit Heuer beschäftigt, wird schnell klar, dass die Geschichte der Uhrenmarke eng mit der Geschichte des Motorsports verknüpft ist. Viele der erfolgreichen Rennfahrer der 1970er-Jahre trugen eine Heuer am Handgelenk. Daraus resultiert bei Heuer eine Modellvielfalt, die direkt mit dem Motorsport der 1960er- und 1970er-Jahre verbunden ist. Ihre Namen leiten sich von berühmten Rennstrecken ab: Carrera (Panamericana), Monaco, Monza oder Jarama. Für mich ist die Modellreihe von Heuer die spannendste und bunteste dieser Zeit, und diese Faszination wollte ich mit meinem Buch auch anderen näherbringen.

Dein Buch heißt „Heuer Chronographs“. Wie bist du inhaltlich herangegangen, wie hast du die Fülle an Heuer-Chronographen strukturiert? Es ist ja ein opulenter Bildband, aber die Vielzahl an Uhren hat dich sicher gezwungen, eine Struktur oder einen Leitfaden zu entwickeln. Was nicht einfach ist, bedenkt man die große Bandbreite der Heuer Chronographen-Modelle.
Wie du vielleicht weißt, ist dies mein zweites Buch – 17 Jahre nach dem ersten. Diesmal habe ich es um einige Modellreihen ergänzt, die mir im Laufe der Jahre als wichtig erschienen. Sammeln ist kein statischer, sondern ein dynamischer Prozess. Modelle wie Jarama, Kentucky oder Modena fanden im ersten Buch keinen Platz, weil ich ihnen damals wohl noch nicht die Beachtung geschenkt habe, die sie verdienen.
Für die Struktur des Buchs habe ich mich an den Modellreihen orientiert, die Heuer etabliert hatte. Das Heuer-Portfolio dieser Zeit ist durch Kataloge und Werbungen gut dokumentiert, und diese historischen Quellen waren mein Leitfaden. Mir war auch wichtig, diese Original-Werbung im Buch zu zeigen – immer in direkter Verbindung mit den entsprechenden Uhren. So wird die damalige Marketingstrategie und die enge Verknüpfung zum Motorsport sichtbar.
Zusätzlich habe ich nach Uhrwerken unterschieden, denn als leidenschaftlicher Chronographen-Sammler interessiert mich natürlich auch die technische Seite: Welche Kaliber kamen zum Einsatz? Wie entwickelten sich die mechanischen Lösungen im Laufe der Jahre, etc..

Jack W. Heuer ist eine lebende Legende. Denn er hat die heute natürlich erscheinende Kombination Motorsport – Uhr mit aufgebaut. Wo siehst du seine wichtigste Leistung: in den Entwürfen und der Umsetzung der Heuer Chronographen oder in der Konsequenz, mit der er Chronographen mit dem Motorsport verband und durch persönliche Beziehungen zu vielen Rennfahrern zum integralen Bestandteil des Sports machte?
Jack W. Heuer war ein Visionär und hatte „Marketing“ damals in den USA gelernt. Diese Disziplin steckte damals in Europa noch in den Kinderschuhen. Jack Heuer hat sein Erlerntes mit seiner Leidenschaft zum Motorsport und der Ausdauer, die er aus seiner aktiven Karriere im Schisport erlernt hatte, gebündelt.
Ich persönlich glaube, man kann diese beiden Faktoren nicht trennen. Es braucht ein gutes Produkt, um es erfolgreich vermarkten zu können. Sein Erfolg beruhte auch auf seiner Authentizität – seinem echten Interesse am Produkt, an den Fahrern und seinem Mut neue Wege zu gehen. Im Fall von Joe Siffert, ein Schweizer Porsche-Händler und Rennfahrer, schaffte Jack Heuer es, als erste Uhrenmarke einen Rennfahrer direkt zu sponsern. Es war eine Art „Tauschhandel“ – er kaufte einen Porsche 911 und Siffert trug dafür ein HEUER Logo auf seinem Overall. So wurde Heuer der erste „non-automotiv“ Uhrensponsor im Rennsport.

Wolfgang Winter: Wir hatten am Telefon über das ideale Aufmacherphoto für dieses Interview gesprochen. Und du meintest, dass fast alles mit der Heuer Autavia begann. Was macht eine Autavia so besonders? Und welche Logik ergibt sich für dich aus der historischen Modell-Entwicklung von Autavia zu Carrera zu Monaco und schließlich Monza? Falls es die überhaupt gibt.
Arno Michael Haslinger: Die Autavia ist der erste Chronograph im Heuer-Portfolio, der seinen Modellnamen prominent über dem Heuer-Logo auf dem Zifferblatt trägt – vorher waren die Uhren schlicht als „Heuer Chronograph“ bezeichnet. Darüber hinaus ist sie das einzige Modell, das während der gesamten Ära von Jack W. Heuer an der Spitze des Unternehmens durchgängig im Portfolio zu finden war.
Eine stringente Logik in der historischen Modell-Entwicklung von Autavia zu Carrera zu Monaco zu Monza gibt es nicht. Vielmehr sind es konkrete Ereignisse und Begegnungen, die zu diesen neuen Modellen führten:
Pedro Rodriguez erzählt Jack W. Heuer von einem legendären Rennen namens „Carrera Panamericana“, und Jack Heuer findet den Namen „Carrera“ so gutklingend, dass er sein nächstes Modell danach benennt.
Der Gehäusehersteller Piquerez stellt Jack W. Heuer seine neueste Entwicklung vor – ein eckiges wasserdichtes Gehäuse. Daraus entsteht die Heuer Monaco.
Nachdem Niki Lauda 1975 in Monza Weltmeister wurde, entwickelte Heuer die Monza – basierend auf dem Carrera-Gehäuse, aber als eigenständige Hommage an diesen Triumph.
Jack Heuer folgte keiner starren Produktlogik, sondern reagierte intuitiv auf Ereignisse, Begegnungen und Inspirationen. Genau das macht das Portfolio so lebendig und dynamisch.

Die Autavia Diver 100 wirkt in deinem Buch mit Motorsport-Touch wie ein Grenzgänger. Taucher-Lesbarkeit, kräftige Zeiger, dazu Chronographenfunktion. Worin liegt der Reiz solcher Hybride – und weshalb war die Uhr trotzdem wichtig für die Entwicklung der Marke?
Du hast völlig recht, die Diver 100 hat keinen Bezug zum Motorsport und dennoch war es mir wichtig dieses Modell zu zeigen, um auf die Taucheruhrengeschichte von HEUER, für die dieses Modell wichtig ist und noch in der Ära Jack W. Heuer auf den Markt kam, hinzuweisen.
Das erste Tauchermodel von HEUER war die Autavia Compression (S 76/77), gezeigt ab 1972 in den Katalogen. Der Trend zu Taucheruhren ging aber erst ab Mitte der 1970er Jahre los – Filme wie der „Weiße Hai“ haben diesen beflügelt. 1979 lancierte HEUER sehr erfolgreich eine 3-Zeiger-Taucheruhr. Die Diver 100 kam 1982 als limited Edition auf den Markt und teilt sich das damalige Werbeprospekt mit einer Skipper. Beide Uhren sind für das heutige TAG Heuer Produktportfolio wichtig, sind doch Taucheruhren eine Säule der Marke.

Ungewöhnlich ist auch der Heuer Calculator mit Handaufzug und nur in geringer Stückzahl produziert. Die Uhr ist zwar keine Sammler-Ikone wie Monaco oder Carrera. Aber macht genau das den Heuer Calculator so interessant?
Aus meiner Sicht ist der HEUER Calculator an sich eine spannende Uhr – egal in welcher Uhrwerksvariante. Die Größe und die Tatsache, dass man tatsächlich eine Vielzahl von Rechenoperationen mit ihr durchführen kann, ist besonders. Jack W. Heuer hatte mir in einem Gespräch erzählt, dass die Uhr gemeinsam mit der ETH in Zürich entwickelt wurde, zu der er als Absolvent immer einen guten Draht hatte.
Die hier gezeigte blaue Handaufzugsvariante ist aus zwei Gründen besonders selten. Erstens wurden ab Mitte der 70er Jahre kaum mehr Handaufzugsuhrwerke verbaut und zweitens haben von diesen wenigen gebauten kaum welche überlebt.

Fast schon ein Sonderfall ist die Heuer Camaro in 18k Gold. Ist das eine Uhr für spezialisierte Sammler oder ist sie noch massentauglich? Überhaupt, scheint Heuer eher kein allzu großer Freund von Edelmetall gewesen zu sein. Oder lag das am gnadenlosen Preisdruck?
Die HEUER Camaro als solche ist nicht massentauglich und schon gar nicht die 18K Gold Variante. Ausgestattet mit einem neuartigen kissenförmigen Gehäuse wurde die HEUER Camaro konzipiert, um am amerikanischen Markt Fuß zu fassen. In den damaligen Katalogen ist sie mit Stahlgehäuse oder vergoldetem Gehäuse zu finden, nicht jedoch als 18K Variante. Daher ist anzunehmen, dass die 18K Gold Variante nur auf Bestellung produziert wurde und die Stückzahl eher gering ist und somit für spezialisierte Sammler. Genaue Aufzeichnungen darüber gibt es leider nicht.
HEUER als Marke war für Sportuhren bekannt und für diese Zwecke ist Gold ein zu weiches Material. Daher sind 18K Gold Modelle nicht häufig zu finden, wurden diese Uhren ja auch tatsächlich getragen und benutzt. Ob der Preisdruck eine Rolle dabei gespielt hat? Ja, wahrscheinlich auch, aber sicher untergeordnet der Praktikabilität des Materials Gold für Sportuhren.

Wolfgang Winter: Carrera ist eine der tragenden Säulen bei Heuer-Vintage-Uhren. Was macht die Uhr aus, was verhalf ihr zu Ruhm: die Ablesbarkeit, das Gehäuse, die Zifferblattarchitektur – oder der Motorsport-Mythos Carrera Panamericana?
Arno Michael Haslinger: Die HEUER Carrera hat vom Anfang bis zum Ende eine spannende und schlüssige Entwicklung. Die Ablesbarkeit und das Gehäuse machen die Carrera in allen Varianten zu einem brauchbaren und tragbaren täglichen Begleiter – Eigenschaften, die mit Sicherheit Teil ihres Erfolgs sind.
Mit der Einführung der Automatikversion 1969 wurde eine Variation an bunten und auffälligen Zifferblättern auf den Markt gebracht, die das Interesse an Carreras verstärkte. Und ganz sicher hat der Motorsport-Mythos der Carrera Panamericana dem Absatz der Carreras nicht geschadet. Für mich vollkommen zu Recht eine der tragenden Säulen der Heuer-Vintage-Uhren.

Mit der Carrera Calendar wird sichtbar, dass Heuer nicht nur Toolwatch und Motorsport sein sollte, sondern auch Alltag und Massentauglichkeit konnte. Wie ordnest du diese Modelle aus heutiger Sicht ein?
Die Carrera mit Kalendar wird im Katalog als Carrera 12 dato bezeichnet und ist sicherlich die komplizierteste HEUER Carrera. Die Bezeichnung Carrera am Zifferblatt entfällt aufgrund von Platzmangel. Die im Buch gezeigte Carrera mit schwarzem Pandazifferblatt ist meine Lieblingsvariante. Aus meiner Sicht eine spannende und sammelwürdige Uhr, die preislich im Vergleich zu anderen sehr moderat ist. Ein Modell, das bis jetzt noch unter dem Radar ist.

Das Modell Heuer 1158 CHN steht heute wiederum für Motorsport und Status. Warum war dies für Heuer im Umfeld der Rennfahrer von Bedeutung? Und erkläre uns doch an diesem Beispiel, worauf man vor einem Kauf zu achten hat. War dies mit ein Grund, warum du dieses Buch geschrieben hast?
Die Idee hinter den 1158 CHN Modellen war, jedem Ferrari Fahrer eine persönliche Wertschätzung des Hauses HEUER zu überreichen, denn Jack W. Heuer hatte als Sponsor und Zeitnehmer eine persönliche Beziehung zu diesem Rennstall und den Fahrern.
Abgesehen davon, dass jeder Sammler in erster Linie das sammeln sollte, was ihm große Freude beim Betrachten und Tragen bereitet, sollte beim Gehäuse darauf geachtet werden, dass es unpoliert und mit Originalschliff ist.
Die Motivation zu diesem Buch kommt aus meiner eigenen Sammelleidenschaft und Detailverliebtheit, kombiniert mit dem Bedürfnis mein gesammeltes Wissen und Ergebnisse meiner Recherchen mit Gleichgesinnten zu teilen. Ich hoffe, es ist mir gelungen.
Da brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Das Buch ist großartig und für Uhrenliebhaber – wie solche, die es noch werden wollen – eine Freude es durchzublättern und in die damalige Welt einzutauchen!

Heuer Chronographen
Das Buch „Heuer Chronographs“ erscheint im Callwey Verlag und ist im Buchhandel oder den verschiedenen Online-Bookstores erhältlich. Der Bildband in Deutsch und Englisch hat einen Umfang von 328 Seiten, bietet rund 400 Farbfotos und kostet 78,00 Euro.






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