Überfälliges Handeln
Schlichtweg überfällig ist dieser Schritt der COSC Schweizer Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres, über die Einführung der COSC Excellence Chronometer Prüfung. Schließlich entspricht das seit rund 60 Jahren angewandte Prüf-Prozedere schon lange nicht mehr den Ansprüchen an den technischen Fortschritt der Schweizer Uhrenindustrie. Beispielsweise geht das aus dem Faktum hervor, dass Rolex als größter COSC-Kunde deren Gangkontrolle nur noch zur Verwendung des rechtlich geschützten Begriffs Chronometer verwendet. Nach Rückkehr der zertifizierten Uhrwerke startet die Manufaktur ihr eigenes Check-Prozedere, welches die komplett fertiggestellte Uhr umfasst und deutlich strengere Präzisionsmaßstäbe anlegt als die COSC.
Mit Blick auf das Tolerierte können moderne Schnellschwinger, kontinuierlich optimierte Werkstoffe, längere Gangautonomie und deutlich evaluierte Regulierverfahren nur müde lächeln. Nicht minder gravierend ist der Sachverhalt zu werten, dass die Ergänzung der von der COSC geprüften Werke durch das endgültige Zifferblatt, die finalen Zeiger, den Rotor, die richtige Aufzugskrone sowie das Einschalen die im Zertifikat niedergelegten Daten sehr leicht zunichtemachen kann. Unter diesen einschränkenden Vorzeichen arbeitet Omega zusätzlich zur COSC bereits seit 2015 mit METAS.
Die 2014 definierten Kriterien des nicht minder unbestechlichen Schweizer Instituts für Metrologie beziehen sich auf die vom Hersteller deklarierte Wasserdichte der ganzen Uhr, deren Resistenz gegenüber Magnetfeldern und natürlich die Präzision. Während die COSC tägliche Abweichungen zwischen minus vier und plus sechs Sekunden toleriert, erlaubt METAS in sechs Lagen nur eine Spanne zwischen null und fünf Sekunden. Nicht ohne Grund kooperiert Tudor für einige besondere Modelle auch mit dieser Institution, muss die Werke für den amtlichen Titel Chronometer aber ebenfalls weiterhin zur zu Non-Profit-Organisation COSC schicken.

Konkurrenz Timelab
Zum 125. Jubiläum des 1886 erstmals zuerkannten Genfer Siegels, das ab 1994 keine Genauigkeitsprüfungen mehr verlangte, war der schon damals zu laschen COSC in Gestalt des so genannten Timelab ein kleiner, aber dennoch nicht zu unterschätzender Wettbewerber herangewachsen. In Genf beherbergt er auch das Chronometrische Observatorium mit mehr als zweihundertjährigen Geschichte. Letzteres agiert in Nachfolge jener Institution, welche von 1973 bis 2013 die Genfer Niederlassung der COSC repräsentierte.
Die Verwaltung obliegt einem 7-köpfigen Stiftungsrat, den der Genfer Staatsrat ernennt. Die Verwendung des offiziellen Titels Chronometer setzt natürlich eine entsprechende Autorisierung voraus, zuerkannt von der Schweizerischen Akkreditierungsstelle (SAS). Im Vergleich zur COSC, die jährlich weit mehr als eine Million Chronometer-Zertifizierungen vornimmt, handelt es sich beim Timelab (noch) um eine relativ exklusive Angelegenheit. Pro Jahr erhalten derzeit nur rund 5.000 Werke den begehrten Titel, weshalb auch kleine Einreicher wie unter anderem Ba111od willkommen sind.



COSC Excellence Chronometer
Längst kein Geheimnis mehr ist die Tatsache, dass die COSC nicht zuletzt auch wegen der an ihr und ihren niederschwelligen Standards geübten Kritik an einer Prüfung auf höherem Niveau gearbeitet hat. Deren schrittweise Einführung erfolgt pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum der 1976 publizierten ISO-Norm 3159, also jener technischen Grundlage, auf der die klassische Zertifizierung der 1973 ins Leben gerufenen COSC beruht. Mit den strengeren Maßstäben gehen die Namen Exzellenz-Chronometer oder Super-Chronometer einher.


Grundsätzlich bleibt die die Mission als gleichermaßen neutrale wie unabhängige Hüterin der Ganggenauigkeit ausschließlich Schweizer Uhren unverändert. Kernpunkt der Neuerung ist eine Reduktion des Toleranzspektrums auf maximal sechs Sekunden täglich. Zusätzlich müssen zertifizierte Uhren künftig eine Magnetfeldresistenz von bis zu 200 Gauß ohne Präzisionsverlust nachweisen und die vom Hersteller erklärte Gangautonomie unter realistischen Bedingungen bestätigen. Somit verschiebt sich der Fokus weg vom reinen Werkecheck hin zu einer umfassenden Leistungsbewertung der kompletten Uhr.
In diesem Sinne folgt auf die 15-tägige, nach sieben Kriterien der ISO-Norm vorgenommenen Genauigkeitsprüfung des Uhrwerks eine zweite Zertifizierungsphase, welche sich über fünf Tage für die anschließend komplett fertiggestellte Uhr erstreckt. Dabei simuliert ein robotisches System typische Bewegungen am Handgelenk. Die Feststellung der Präzision erfolgt also unter halb-dynamischen Bedingungen. Bestanden haben Zeitmesser, deren durchschnittliche tägliche Gangabweichungen sich zwischen minus zwei und plus vier Sekunden bewegen. Im Zuge des Verfahrens wirken Magnetfelder ein. Mit von der Partie ist, wie gesagt, schließlich auch eine Kontrolle der deklarierten Gangautonomie.

Strategische Bedeutung für die Branche
Durch den höheren Anspruch fällt die bisher geübte Praxis samt deren Standards keinesfalls weg. Zwingende Basis ist und bleibt das Swiss Made. Die nächste Stufe in der Leistungshierarchie repräsentiert die bisher geübte Chronometerprüfung allein des Uhrwerks. Sozusagen als Sahnehäubchen gesellt sich künftig der Exzellenz- Chronometer als besonders herausforderndes Qualitätsmerkmal hinzu. Somit erhalten Uhrenmarken fortan eine zusätzliche Möglichkeit, sich in Sachen Ganggenauigkeit und Zertifizierung zu unterscheiden und der COSC als Partner trotzdem treuzubleiben.

Schritt für Schritt ab 2026
Laut COSC hat die technische und praktische Umsetzung der neuen Standards bereits begonnen. Seit Anfang 2026 geht eine sukzessive Modernisierung und Anpassung der Prüflabore über die Bühne. Erste Pilotversuche sind für März geplant. Im April während der Watches and Wonders erfolgt die offizielle Vorstellung dieser Zertifizierung. Schließlich soll der operative Start im Oktober erfolgen. Folglich können erste Armbanduhren mit dem neuen Status noch vor Jahresende an die Handgelenke finden.
Spätestens jetzt stellt sich die Frage, wie viele Schweizer Uhrenfabrikanten den technischen sowie finanziellen Mehraufwand in Kauf nehmen und die entstehenden Kosten vermutlich in die Publikumspreise kalkulieren werden. Im Gegenzug gilt es zu eruieren, ob das Plus an Zertifizierung und Prestige die nötige Akzeptanz und Resonanz findet.
Bei der klassischen COSC-Prüfung war und ist das durchaus der Fall. Mit bislang rund 55 Millionen zertifizierten Werken zählt die COSC zu den einflussreichsten Institutionen der Schweizer Uhrenindustrie. Nach Angaben der Organisation tragen rund 40 Prozent aller exportierten Uhren eidgenössischer Provenienz ein offizielles Chronometerzertifikat.

Im Zeichen von Evolution
Unter all diesen Vorzeichen markiert die Einführung des Exzellenz-Chronometers mehr als nur eine technisch gebotene Anpassung. Sie kann als Hinweis geltem, überlieferte Genauigkeitsstandards im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation beständig fortentwickeln zu müssen. Nun also bleibt abzuwarten, ob sich der neue Chronometer-Level langfristig als Branchenmaßstab etablieren wird.
Und da hege ich persönlich durchaus gewisse Bedenken. Primus Rolex wird definitiv nicht auf eine niedrigere Ebene herabsteigen und seine eigene Zertifizierung von Chronometern der Superlative mit maximaler täglicher Gangabweichung zwischen minus und plus zwei Sekunden definitiv beibehalten.

Den Genfern reicht also das bisherige COSC-Verfahren zur Erlangung des klangvollen Titels. Zu bezweifeln wage ich auch, ob die Genfer Manufaktur eine einzige Armband weniger verkauft, wenn am Zifferblatt statt Superlative Chronometer ganz einfach Certified to Rolex Standards stehen würde. Als signifikantes Beispiel können Patek Philippe und sein Abschied vom Poinçon de Genève im Jahr 2009 dienen.

Die damals gescholtene Einführung des eigenen PP-Siegels initiierte einen Paradigmenwechsel in Sachen ganzheitliche Zertifizierung: Weg von reiner Werks-Dekoration hin zu umfassender Bewertung der gesamten Uhr einschließlich ihrer Ganggenauigkeit. Ganz nach dem Motto: Qualität = Präzision + Verarbeitung + Service über Generationen. Viel wird deswegen von Breitling, einer weiteren wichtigen Größe im eidgenössischen Chronometer-Szenario abhängen. Sollte CEO Georges Kern im Exzellenz-Prädikat einen wie auch immer gearteten Nutzen sehen, stünde einer Partnerschaft auf höherem Prüf- und Genauigkeitsniveau vermutlich nichts im Wege.







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