Fans des alpinen Skisports kennen das Bild: Der Athlet steht im Starthaus, steckt seine Stöcke in den Schnee, spannt seine Muskeln an und schießt wie von einem Katapult geschossen auf die Piste. Dabei öffnet sich das Starttor und die Official Timekeeper gemessene Zeit beginnt zu laufen und das Drama beginnt. Jetzt muss die komplexe Zeitmessung im Wintersport funktionieren. Gerade jetzt während der Olympischen Spiele – dem Highlight der alpinen Athleten.
Wir kennen die Szenerie als Zuschauer an der Piste oder vor dem Fernsehen. Mit einem Auge beobachten wir den Lauf, mit dem anderen die laufende Zeit. Leuchtet die Zwischen- oder Zielzeit grün für unseren Favoriten, jubeln wir, bei Rot ist es eher ein Stöhnen.

Rot ist auch die Farbe des Starttors. Dieses Tor trägt unübersehbar das Logo des langjährigen Olympic Official Timekeepers, der Schweizer Uhrenmarke Omega, das auch immer wieder bei Zeiteinblendungen zu sehen ist. Omega tritt bei den Olympischen Spielen in Norditalien als Offizieller Zeitmesser im Wintersport auf. Diesen Titel nehmen oft reine Sponsoren für sich in Anspruch, die im Grunde bei einer Sportveranstaltung für die eigene Marke werben und bestenfalls noch das eine oder andere Sondermodell präsentieren.
Omega tut dies zwar auch, aber viel wichtiger – zumindest für die Athleten – ist ihre Funktion Zeitmessers als Dienstleister. Die Schweizer messen für jeden Athleten die Zeit auf die Tausendstel genau und sorgen so dafür, dass der oder die Bessere tatsächlich auch gewinnt. Das hat übrigens Tradition. Bereits bei den Olympischen Sommerspielen 1932 in Los Angeles stoppten Omega-Mitarbeiter die Wettkampfzeiten, damals noch elektronisch unterstützt mit hochpräzisen Handstoppuhren.


Elektronische Zeitmessung durch Swiss Timing
Heute geht es um Tausendstel. Da braucht es Elektronik. Die liefert die Firma Swiss Timing, die wie Omega zur Swatch Group gehört. Mehr Kompetenz in Sportzeitmessung findet man wohl sonst nirgendwo. Ob Skisport, alpin und nordisch, Leichtathletik, Bob- oder Autorennen – Swiss Timing chronometriert alles. Weshalb das Unternehmen die erste Wahl für das IOC ist. Omega schmückt sich hier keineswegs mit fremden Federn, sondern hat über Jahrzehnte gesammelte Erfahrung in Swiss Timing eingebracht, das in Corgémont im Berner Jura angesiedelt ist.
Nur eine Viertelstunde braucht man von dort nach St. Imier zum Stammhaus von Longines, ein weiteres Unternehmen der Swatch Group und ein weiteres wichtiges Teammitglied bei Swiss Timing. Longines hat schon im 19. Jahrhundert hochpräzise Stoppuhren für die Sportzeitmessung gebaut, ebenso wie erstklassige Chronographen. So gilt die Marke in der Einschätzung des Publikums als sportlich, weshalb sich Longines marketingmäßig und als Zeitnehmer im Reitsport und im alpinen Skisport engagiert – derzeit beim alpinen Ski-Weltcup, wofür man von der Fédération Internationale de Ski, kurz FIS, verpflichtet wurde.
Mehr über die Zeitmessung und die Uhren der Tour de France finden Sie hier auf Uhrenkosmos.


Ein hoher Aufwand
Sportzeitmessung bedingt einen enormen Zeit- und Materialaufwand. „Unser Equipment ist stoßgesichert in Kisten verpackt, die rund acht Kubikmeter Raum einnehmen und etwa 1,6 Tonnen wiegen“, erzählt uns Chef-Zeitmesser Pascal Rosier. Werde noch eine Videoanzeigetafel notwendig, sei es das Doppelte. Der 60-Jährige ist seit 1995 im Zeitmess-Geschäft und verantwortlich für die korrekte Zeitnahme beim Ski-Weltcup. Bevor das erste offizielle Training der Athleten startet, war seine Mannschaft schon aktiv. Rund zwei Tage braucht das zehnköpfige Zeitmessteam für die Installation und umfangreiche Tests der Anlage.

Datentransfer in der Zeitnehmung
Die muss übrigens nicht jedes Mal von Grund auf installiert werden. Unter jeder von der FIS für den Weltcup freigegebenen Strecke liegen Strom- und Datenkabel – oft mehrere 100 Kilometer lang. Diese Infrastruktur liefert der Veranstalter. Dass Strom über Leitungen transportiert werden muss, ist klar. Aber Daten?
„Mit Kabelsystemen zu arbeiten, hört sich in Zeiten, wo Daten meist wireless übertragen werden, nach archaischer Technik an“, räumt Rosier ein und ergänzt: „Wir können uns bei der Zeitmessung nicht darauf verlassen, dass an jedem Ort GSM und Wi-Fi permanent und stabil verfügbar sind.“ Funkgeräte und Funktelefone verbreiten im Skigebiet schon einen enormen Wellensalat, dazu kommt auch noch die schwierige Topographie und die rasch wechselnden Witterungseinflüsse im Hochgebirge. Da sei eine zuverlässige Datenübertragung nicht gewährleistet.

Um die Zeitnehmung konsequent abzusichern, sind alle Messpositionen doppelt mit Kabeln versorgt. Das komplette System vom Starttor über die Zwischenzeiten bis zur Lichtschranke im Ziel ist redundant angelegt. Stellt der Zeitmess-Computer Unregelmäßigkeiten in der Datenübertragung fest, schaltet er automatisch auf das Ersatzsystem um.
Pascal Rosier zieht einen Vergleich: „Es ist ein bisschen wie in der Luftfahrt. Wir trainieren die Crews, wir entwickeln Checklisten, die wir vor und während jedes Rennens abarbeiten. Im Normalfall läuft auch bei uns vieles automatisiert und im Zeitmessraum geht es entspannt zu. Bei einem Zwischenfall muss aber jedes Teammitglied genau wissen, was es zu tun hat.“

Official Timekeeper Olympia
Davor steht aber die Entwicklung der kompletten Anlage, will man sich wie Omega, Longines oder Tissot etwa als offizieller Zeitmesser bei Großveranstaltungen wie Weltmeisterschaften, Tour de France oder Olympischen Spielen agieren. Das umfasst sowohl Soft- und Hardware, wie der Schweizer betont: „Wir nutzen keine handelsüblichen Lichtschranken, sondern Eigenentwicklungen, die mit Infrarot arbeiten.“
Dies gilt auch für die Olympischen Winterspiele, wo Nebel und Schneefall in den Bergen immer zu erwarten sind und kein Problem darstellen dürfen. An manchen kritischen Stellen müssen die Zeitnehmer aus Sicherheitsgründen ihre Lichtschranken hinter den Fangzäunen aufstellen und mit dem Lichtstrahl gut 100 Meter überbrücken.


Transponder
Zu den jüngeren Entwicklungen zählen zwei Transponder, die mit unterschiedlichen Ansätzen für die Speed-Events und technische Wettbewerbe entwickelt wurden. 2017 wurde ein Kästchen im Format eines Mini-Mobiltelefons entwickelt, das bei Abfahrtsrennen und Super-G-Läufen die Zuschauer über aktuelle Geschwindigkeiten und Sprunglängen informiert. Das Gerät, das hinten am Schaft des Skistiefels befestigt wird, enthält unter anderem einen Gyrosensor und ein Doppler-Radar. Die ermittelten Daten werden über Ultrahochfrequenz-Funksignale an Antennen am Streckenrand übertragen und ebenfalls über Kabel in die Zeitmess-Zentrale übertragen.
In der vergangenen Saison legten die Schweizer nach und lieferten einen kleineren Transponder für die Slalom-Rennen, der nun eine Zwischenzeitmessung von Tor zu Tor ermöglicht – und die meist wechselnd rot und grün leuchtenden Streckengrafiken am Rande des Fernsehbildes. Die intelligenten Transponder strahlen auf den Pisten von Cortina d’Ampezzo und Bormio im Omega-Rot.


Wobei sich die Farbe schnell ändern kann. Dann nach den olympischen Wettspielen mit dem Olympic Official Timekeeper Omega, ist vor dem Weltcupfinale, mit dem Offiziellen Zeitnehmer des Skiweltcups Longines – bei dem die Transponder bald wieder in Longines Blau strahlen werden. Dann zeigt nicht nur ein blaues Starttor, wer nun für diese Zeitnahme verantwortlich zeichnet, sondern auch die blaue, sogenannte Startuhr.
Diese ist neben dem Starthaus installiert und informiert über die aktuelle Tageszeit, denn jeder Sportler hat eine feste Startzeit zugewiesen. Außerdem gibt die Startuhr den Countdown für jeden Starter, wenn es wieder heißt: drei, zwei, eins, los!









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