Zu den prägenden Trends der Uhrenindustrie gehören das Thema Leichtbau und neue Materialien. Entsprechend steht neben Titan auch Carbon als Gehäusematerial im Fokus vieler Uhrenmarken. Dies gilt in besonderer Weise für in extremer Leichtbauweise realisierte Modelle. Besonders zu erwähnen wären natürlich die Uhren Ming LW.01 Automatic mit unglaublichen 11 Gramm sowie Richard Mille RM 27-05 Flying Tourbillon Rafael Nadal mit rund 13 Gramm.
Vorne mit dabei ist auch die ca. 33 Gramm leichte Blin C6.3 Carbon Uhr, die etwa 47 Gramm leichte Bulgari Octo Finissimo Minute Repeater Carbon, die Ulysse Nardin Air mit einem Gewicht von knapp 52 Gramm oder auch die Zenith Defy Classic Carbon mit ihrer Gewichtsangabe von 65 Gramm. Alles Uhren, die federleicht am Handgelenk liegen und den Träger vergessen lassen, dass er eine Uhr am Handgelenk trägt.


Entsprechend soll der Fokus dieses Artikels auf der im Frühjahr 2025 vorgestellten leichtgewichtigen Carbonuhr Blin C6.3 liegen. Bietet diese doch außergewöhnlichen Gehäuse-Leichtbau aus Karbon, der allerdings mit den Vorzügen eines in klassischer Weise konstruierten skelettierten Uhrwerks kombiniert wird. Zudem ist sie das Produkt der noch jungen deutschen Uhrenmarke Blin Carbon aus Hamburg, die ihr Leichtgewicht aus Carbon zu einem sehr nachvollziehbaren Preis anbietet.

Blin C6.3 Carbon
Dafür sorgt nicht zuletzt der Gehäusedurchmesser von 45 mm und eine angenehm flache Bauhöhe von lediglich 9,50 mm. Damit präsentiert sich die Blin C6.3 Carbon weniger als Experimentalmodell, sondern eher als zwar leichtgewichtige, aber ansonsten konventionelle Dresswatch von markanter Präsenz. Für die Zeitmessung zeichnet sich das Handaufzugskaliber C6-497 zuständig. Es basiert auf dem Kaliber ETA 6497-1 und arbeitet bei ruhigen 18.000 Halbschwingungen pro Stunde. Die dadurch verlängerte Gangreserve beträgt rund 46 Stunden.

Für den notwendigen Schutz des skelettierten und PVD-geschwärzten Werks sorgt von oben ein gehärtetes und entspiegeltes Saphirglas, während von unten ein geschlossener und verklebter Gehäuseboden ohne Schrauben aus Carbon bis zu einer Wasserdichtigkeit von etwa 3 bar, also rund 30 Meter Wassertiefe vor eindringender Nässe schützt. Damit bietet die Uhr einen guten Schutz vor Spritzwasser oder zufälliger Nässe, sollte aber nicht unbedingt zum Sprung vom 3-Meter-Turm ins kühle Nass verführen. Eine gute Einordung der echten Wasserdichtigkeit geben wir hier.

Die Kunst der Carbon-Gehäuseherstellung
Das stabile Fundament des Gehäuses der Blin C6.3 bildet ein Gewebe aus Kohlenstofffasern, wobei jedes Garnbündel 3000 Einzelfasern umfasst. Dabei werden die Fasern des Fasergarnbündels aus Gründen der Stabilität bereits im Vorfeld mit Epoxidharz „Prepreg“-imprägniert. Diese Vorimprägnierung verhindert einen eventuellen späteren Harzaustritt bei der Herstellung der einzelnen Lagen. Anschließend werden die Bündel in eine optisch ansprechende, gleichmäßige Gewebestruktur im 90-Grad-Winkel gebracht und mit Epoxidharz getränkt.
Der eigentliche Formgebungsprozess erfolgt anschließend im Thermo-Hochdruckverfahren, bei dem die vorbereiteten Lagen unter hohem Druck und Temperaturen von 120 bis 180 Grad verpresst werden. Während dieses „Backens“ härtet das Harz unter konstantem Druck aus und es entsteht ein extrem zugfester Carbon-Rohling.
Mehr über die Herstellung und Herstellungsarten von Uhrengehäusen aus Carbon erfahren Sie hier auf Uhrenkosmos.com.

CNC-Bearbeitung: Millimetergenauigkeit in Carbon
Ist der Rohling gebacken und langsam ausgehärtet, gilt es den Rohling in die gewünschte Form zu bringen. Hierfür durchläuft der Carbonblock eine hochpräzise CNC-Bearbeitung. Dabei fräsen diamantbeschichtete Hartmetall-Werkzeuge den Rohling in Form, wobei sie durch präzises Schneiden und Fräsen für saubere Schneidkanten sorgen. Großes Augenmerk gilt bei diesem Prozess dem Verhindern von Ausfransen der Kanten sowie etwaigen Ausbrüchen oder einer Delamination des Materials. Dies ist insofern von Bedeutung, als die Temperaturkontrolle des Fräse-Prozesses durch Kühlschmierstoffe vor einer Überhitzung und einer möglichen Destabilisierung des Karbongehäuses schützt.


Bohrungen
Anschließend werden die Bohrungen für Krone und Tubus, sowie die Aussparungen für das Saphirglas sowie die Dichtungen gesetzt. Die Toleranzgrenze für diese Arbeitsschritte, die im Übrigen auch den Abrieb des anschließenden Polierprozesses mit einkalkulieren muss, beträgt unglaubliche +/- 0,02-bis 0,05 mm, also selbst im ungünstigsten Fall lediglich 5 Hundertstel Millimeter. Nur so kann die notwendige Passform und Dichtheit des Gehäuses garantiert werden.
Sind alle Bohrungen gesetzt und alle Schleifvorgänge erledigt, erfolgt bei Blin – anders als bei der Mehrzahl der eingangs genannten Uhren – die Vorbereitung der Oberflächenbehandlung für die spätere Versiegelung der Gehäuse. Denn so steif und korrosionsbeständig ein Gehäuse aus Carbon sein mag, so empfindlich ist das Material gegenüber Kratzern und punktuellen Belastungen.


Keramische Oberflächenveredelung
Aus diesem Grund versieht Blin seine C6.3 Carbongehäuse, ähnlich der Herstellung von Porzellan und Feinkeramik, mit einer innovativen Keramik-artigen, Silizium-basierten Versiegelung. Hierfür wird auf die Karbonoberflächen eine Liquid-Ceramic-Schicht aufgetragen, die zu einer glasharten Oberfläche aushärtet. Ein Härtungsvorgang, wie er auch im Automobilbau bei siliziumbasierten Speziallacken bekannt ist. Allerdings erfolgt die Kratzer und Mikro-Abrieb resistente Oberflächenhärtung durch einen Speziallack ohne Farbpartikel. Schließlich soll das charakteristische, Webstuhl-artige Carbon-Muster vollständig erhalten bleiben.
Welch enormen Unterschied die Oberflächenbehandlung durch die Liquid-Ceramic-Schicht ausmacht, zeigen die unterschiedlichen Härteunterschiede. So erreicht ein klassisches ungehärtete Carbongehäue ohne keramische Versiegelung in der Regel eine Härte von unter 100 Vickers. Zum Vergleich – eine Uhr mit ungehärtetem Edelstahlgehäuse hat eine Härte von circa 200 Vickers. Im Vergleich kommt das Gehäuse einer Blin C6.3 Carbon nach erfolgter Versiegelung laut Blin auf eine Härte von über HV 900, was bedeutet, dass die Blin Carbonuhren den bei klassischen Carbonuhren gefürchteten Abrieb der Gehäusekanten und Grate vermeidet.

Sind alle Arbeiten am Gehäuse erledigt, kommt es zum Moment der Wahrheit – der rigorosen Prüfung eines jeden Blin Carbon Gehäuses auf fehlerlose Herstellung, Einhaltung der exakten Maße sowie einem perfekten Oberflächenbild mit gleichmäßigem 3K-Gewebe. Ohne dass Blin hier konkrete Angaben macht, weiß man aus vergleichbaren Herstellungsprozessen, dass bei der Herstellung von Carbongehäusen zwischen 10 und 30 Prozent der Gehäuse der Qualitätsprüfung zum Opfer fallen.

Skelettiertes Kaliber C6-497: Komplexität trifft Leichtbau
Eher im klassischen Sinne der Uhrmacherei geht es hingegen beim Werk C6-497 zu. Dabei handelt es sich um ein modifiziertes ETA 6497-1 Kaliber. Dieses durchläuft für die Verwendung der Blin C6.3 zunächst eine aufwendige Skelettierung des Werks. Hierfür werden Brücken, Platinen und Schrauben reduziert, bzw. optisch hervorgehoben, ohne dass Lagersteine, Zapfenlager und Zahnradspiele durch den Materialabtrag destabilisiert werden. Anschließend erfolgt die Veredelung der Flächen und Kanten.
Sind diese Vorarbeiten erfolgt, kommt es zum kritischen Punkt der Herstellung der Uhr – dem millimetergenauen Einbau des skelettierten Werks ins Gehäuse. Dabei muss nicht nur die Position der Kronenwelle präzise stimmen, auch alle anderen Komponenten müssen exakt an die vorgesehene Stelle kommen, damit Uhrglas, Gehäuse und der verklebte Boden in Verbindung mit den angebrachten Dichtungen für die notwendige Funktionalität, Stabilität wie Wasserdichtigkeit sorgen.


Carbon-Dornschließe
Eher auf die Spitze treibt es Blin mit der Schließe der C6.3, entsteht doch auch diese vollständig aus Carbon. Dies ist zwar aus Gründen der Gewichtsreduktion verständlich, doch stellt die Struktur einer Karbonschließe Ingenieure vor eine technisch anspruchsvolle Aufgabe. Dafür sorgen nicht nur die Ausmaße der kleinen Bauteile, sondern auch die notwendige Ausrichtung der Faserstruktur, damit diese Kerbspannungen und punktuelle Belastungen beim Tragen der Uhr aushalten. Ein Umstand, der auch dem Träger einer C6.3 Uhr nicht unbekannt sein sollte und nach einer gewissen Sorgfalt des Trägers verlangt.

BLIN Carbon C6.3
Wer nun das Modell C6.3 Carbon sein Eigen nennen möchte, muss nicht blind kaufen, sondern kann sich bei ausgesuchten Händlern vorher ein Bild der Uhr machen. Wer direkt zum Punkt kommt, kann natürlich auch direkt bei Blin im Onlinestore bestellen. Wie auch immer – hier wie dort erwartet den Uhrenliebhaber eine ausgesprochen markante Uhr, deren kaum spürbares Gewicht für ein ganz neues Tragegefühl steht.
Der Preis der Carbonuhr beträgt 8.900 Euro. Im Preis enthalten ist zum einen ein braunes Lederband aus Alligator-Leder, zum anderen ein schwarzes Armband aus Alcantara-Gewebe. Angesichts des fair kalkulierten Preises dürfte es vielen Uhrenliebhabern nicht schwerfallen, sich für eines der leichten Zeitmesser-Modelle zu entscheiden – eine Leichtigkeit, die Blin gedanklich wie technisch von Anfang an im Sinn hatte.








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