Parmigiani Fleurier gehörte nicht zu den lautesten Marken der Watches and Wonders 2026 und steht eher für Quiet Luxury. Umso bemerkenswerter war es, wie oft die Manufaktur in diesem Jahr unter Kennern genannt wurde. Der Grund heißt Tonda PF Chronographe Mystérieux: ein Chronograph, der im Ruhezustand wie eine elegante Drei-Zeiger-Uhr wirkt und seine Stoppfunktion erst auf Knopfdruck freigibt. Damit setzt Parmigiani Fleurier CEO Guido Terreni eine Linie fort, die mit der Tonda PF GMT Rattrapante und der Minute Rattrapante begann: Funktionen werden nicht dauerhaft gezeigt, sondern nur dann sichtbar, wenn sie gebraucht werden.
Für Uhrenkosmos führte Gisbert L. Brunner mit Guido Terreni ein langes Gespräch über diese Neuheit, über die technische Idee dahinter und über das 30-jährige Bestehen der Marke. Ebenso ging es um das wichtige uhrmacherische Erbe des Gründers Michel Parmigiani, dessen Wissen und Knowhow die Manufaktur auch heute noch prägen.
Das interessante Gespräch mit Parmigiani Fleurier CEO Guido Terreni in voller Länge gibt es unter diesem Link auf dem Youtube Uhrenkosmos Kanal zu sehen.

Interview Guido Terreni mit Gisbert Brunner
Gisbert Brunner: Guido, wir haben eine Tradition – jedes Jahr führen wir ein Interview. Dieses Jahr sprechen wir über eine der schönsten und interessantesten mechanischen Neuheiten der Watches & Wonders 2026: den Mystery Chronographen. Ich kenne viele Chronographen, aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Eine verborgene Funktion – wirklich erstaunlich und technisch außerordentlich komplex. Können Sie uns die Geschichte dahinter erzählen?
Guido Terreni: Michel Parmigiani ist eine lebende Legende der Restaurierung. Er hat die Uhrmacherei stets als Quelle des Wissens gesehen – niemals als Käfig. Die Idee ist es, die Branche technisch, ästhetisch und in Bezug auf das Erlebnis voranzutreiben. Der Parmigiani Fleurier Tonda PF Mystery Chronograph ist der dritte Teil einer Trilogie: 2022 der GMT Rattrapante, dann 2023 der Minuten-Rattrapante mit drehbarer Tauchlünette, und jetzt der Chronograph – die größte Herausforderung von allen. (Eine genaue Beschreibung der Uhr und ihrer Technik finden Sie hier auf Uhrenkosmos.com.)

Der Kerngedanke: Ich wollte eine schöne, klare Uhr auf dem eleganten Tonda PF. Und wenn ich die Chronographenfunktion benötige, erwecke ich sie zum Leben. Es ist magisch – es gibt zwei Momente, in denen etwas geschieht, und es bringt jedem ein Lächeln ins Gesicht.
Brunner: Die Eleganz entsteht durch einen einzigen Drücker.
Terreni: Genau. Je weniger Knöpfe, desto besser. Der Drücker sitzt bei 8 Uhr – die ergonomischste Position. Von vorne sieht man zunächst eine schlichte Zwei- oder Dreizeiger-Uhr. Zum ersten Mal hat der Tonda PF einen zentralen Sekundenzeiger, der für den Chronographen notwendig ist. Einmal drücken: Drei Zeiger erscheinen. Es ist ein Flyback-Chronograph, der sofort startet. Gleichzeitig werden zwei verborgene Goldzeiger sichtbar, die die aktuelle Zeit anzeigen. Der Chronograph läuft nicht auf einem kleinen Hilfszifferblatt – er läuft im maximalen Maßstab über das gesamte Zifferblatt, bis zu 60 Minuten auf dem Minutenzeiger und bis zu 12 Stunden auf dem Stundenzeiger.
Ein zweites Mal drücken und der Chronograph hält an. Ein drittes Mal drücken und er verschwindet – die Goldzeiger sind verborgen, der Sekundenzeiger läuft weiter. Der Chronograph erscheint und verschwindet wie durch Zauberhand.

Entwicklung der Tonda PF Chronographe Mystérieux
Brunner: Was waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung dieses Kalibers?
Terreni: Zunächst die Speicherung der Zeigerposition: Wie merkt sich das Werk, wohin die Zeiger zurückkehren müssen? Das war außerordentlich schwierig. Man benötigt außerdem drei Kupplungen – eine vertikale und zwei horizontale – für die drei Räder, die der Chronograph in Eingriff bringen muss, sowie zwei Rattrapante-Funktionen für den Verbergemechanismus. Und all das auf einer einzigen koaxialen Achse mit fünf übereinander gestapelten Zeigern.
Die Vorgaben waren klar: 40 mm Durchmesser, anfangs 12 mm Höhe. Nach zwei Jahren Entwicklung bat das Team um einen weiteren Millimeter – also 13 mm, aber nicht mehr. Das Kaliber ist 6,8 mm dick, mit 100 Metern Wasserdichtigkeit und 60 Stunden Gangreserve bei 4 Hz. Das Werk hat 362 Komponenten – zum Vergleich: Das GMT-Modul hatte 215 Komponenten, der Minuten-Rattrapante 271 Komponenten.
Brunner: Der Preis: 41.700 Euro – bemerkenswert attraktiv für eine echte Hochkomplikation.
Terreni: Das war Teil des Briefings. Ich hatte kein Interesse daran, diese Entwicklung für eine Handvoll Sammler zu betreiben, die die Uhr wegschließen würden. Wer relevant sein will, muss Kunden ansprechen, die die Uhr auch tatsächlich tragen. Die Preise in der Branche sind in vielen Fällen irrational geworden – sie sind ein Indikator für Hype. Wir bedienen Kenner, die den wahren Wert einer Uhr einschätzen können.
Brunner: Sie haben zwei Versionen gemacht: Stahl mit Platin und eine reine Platinedition.
Terreni: Wir schätzen Platin aus zwei Gründen: Es ist ein natürliches Material – keine Beschichtung, keine Legierung. Wenn man es poliert, arbeitet man mit dem Metall selbst. Und es ist das prestigeträchtigste Material der Natur – nicht aufdringlich, sondern edel. Sehr Parmigiani like. Zur Feier der Trilogie gibt es eine limitierte Platinedition von je 30 Stück, die sich nur in ihrer jeweiligen Komplikation unterscheiden



Guido Terreni zu Parmigiani Fleurier Vergangenheit und Zukunft
Gisbert Brunner: 30 Jahre Parmigiani – was waren die wichtigsten Meilensteine?
Guido Terreni: Michel gründete die Marke am Ende der Quarzkrise mit dem Ziel, die mechanische Uhrmacherei zu bewahren und weiterzuentwickeln. Der erste Parmigiani Bugatti war ein Meilenstein – Technik als Design. Dann änderte sich die Welt: Sie wurde weniger formal, größer, extravaganter. Das lag nicht in Parmigianis DNA. Die Marke verlor ihren Halt. Mit dem Relaunch 2021 war meine Aufgabe, zur Seele der Marke zurückzukehren – zeitgemäß im Stil, aber zutiefst Parmigiani.
Brunner: Was sagt der Eigentümer, die Familie Sandoz?
Terreni: Sie haben klar entschieden, die Marke weiterzuentwickeln und zu behalten. Das wurde am 25. Juni letzten Jahres formalisiert. Jetzt können wir uns ohne Ablenkung darauf konzentrieren, voranzukommen.
Brunner: Zur Marktlage: der Krieg im Nahen Osten, der starke Franken, Gold bei 120 Franken pro Gramm – wie kommt Parmigiani damit zurecht?
Terreni: Die Welt befindet sich leider in keinem guten Zustand. Was mich am meisten besorgt, ist der menschliche Faktor – all jene, die in dieser Region leben und leiden. Wir sind alle betroffen. Aber in Zeiten der Unsicherheit muss man Markendisziplin bewahren und klar bleiben, wofür man steht. Die USA entwickeln sich sehr gut, und der Asiatische Raum mit China zeigt seit letztem September einen positiven Abverkaufstrend. Die Situation variiert wirklich von Markt zu Markt.


Gisbert Brunner: Die Jubiläumskollektion besteht aus 30 limitierten Stücken: Toric Petite Seconde Morning Blue, Toric Ewiger Kalender Bright Peony und Toric Schleppzeiger-Chronograph Agave Blue
Guido Terreni: Das Jubiläumsstück, die Toric Petite Seconde, verfügt über ein handgraviertes Guilloché auf dem Gehäuseboden – inspiriert von einer Taschenuhr, die Michel in seinen frühen Jahren restauriert hat. Das Zifferblatt zeigt ein Martelage-Finish: eine Hammertechnik, bei der die Goldoberfläche von Hand bearbeitet wird, sodass sie das Licht auf eine weiche, lebendige Weise reflektiert. Der Toric ewiger Kalender in Roségold kommt in einem warmen Pfingstrosenton. Und der Schleppzeiger-Chronograph feiert sein eigenes 20-jähriges Jubiläum – mit einem skelettiertem Goldwerk, doppeltem Schaltrad und 5 Hz.
Brunner: Die Preise?
Terreni: Die Toric Petite Seconde kostet 84.700 Euro, bzw. 75.000 Schweizer Franken. Der Toric ewige Kalender kostet 127.500 Euro, bzw. 113.000 Schweizer Franken und der Schleppzeiger-Chronograph kostet 178.300 Euro oder 158.000 Schweizer Franken.
Brunner: Ok. Vielleicht noch eine andere Frage. Wie sieht es 2026 mit Jubiläumsfeiern aus. Ist etwas geplant?
Terreni: Es beginnt hier in Genf, geht weiter am 29. Mai – dem Tag, an dem Michel die Marke vor 30 Jahren im Beau-Rivage in Lausanne vorstellte – und endet am 2. Dezember, an Michels Geburtstag, mit einem ganz besonderen Moment.
Brunner: Wie geht es Michel Parmigiani überhaupt?
Terreni: Es geht ihm gut. Er war auch drei Tage hier, und wir haben uns ausgetauscht. Er ist in guter Verfassung und sehr stolz auf das, was wir tun.
Brunner: Guido, herzlichen Dank. Alles Gute, gute Verkäufe – und ein gutes Jahr.
Terreni: Danke. Vielen herzlichen Dank.









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