Vom Großen zum Kleinen

Von den in dieser Serie schon ausgiebig erwähnten Großuhren mit Selbstschlage leiten sich auch die schon seit dem frühen 16. Jahrhundert bekannten Taschenuhren mit Selbstschlag ab. Zu dieser Gattung gehören auch Uhren mit Grande Sonnerie und Petite Sonnerie
Zunächst muss in diesem Zusammenhang allerdings zunächst der Name des Nürnberger Uhrmachers Peter Henlein fallen. Über ihn war im Anhang einer in Nürnberg erschienenen Weltbeschreibung aus dem Jahre 1511 folgendes zu lesen:

Täglich erfinden sie feinere Dinge. So bringt Peter Hele (gemeint ist Peter Henlein), ein noch junger Mann, Werke hervor, die selbst die gelehrtesten Mathematiker bewundern, denn aus ein wenig Eisen fertigt er mit vielen Rädern ausgestattete Uhren, die, wie man sie auch wenden mag, ohne irgendein Gewicht 40 Stunden zeigen und schlagen, selbst wenn sie im Busen oder Geldbeutel stecken.

Cosmographia Pomponii Melae

 Im Laufe der Jahrhunderte erfreute sich auch diese anspruchsvolle Mechanik permanenter Optimierung und Miniaturisierung. Die höchste uhrmacherische Schule verkörperte folglich die Kombination von Grande Sonnerie und Petite Sonnerie mit einer Minutenrepetition. Damit ausgestattete Taschenuhren lieferte verständlicher Weise nur die Crème de la Crème der Luxusmarken.

Grande Sonnerie

Die Grande Sonnerie, zu deutsch Großes Schlagwerk, lässt zur vollen Stunde die jeweilige Stundenzahl sowie um „Viertel nach …“, „halb …“ und „Viertel vor …“ die der danach verstrichenen vollen Viertelstunden selbsttätig wissen.

Bei der Petite Sonnerie, also dem Kleinen Schlagwerk, kennt man unterschiedliche Ausführungen. Manche Modelle tun nur die volle Stunde kund. Andere verkünden auch die Viertelstunden, allerdings ohne davor die Stunden zu schlagen.

Damit das ständige Ertönen der Zeit nicht lästig wird, lässt sich der Selbstschlag natürlich abstellen.  

Mit Hilfe des zumeist ebenfalls integrierten Repetitionsschlagwerks kann man die Zeit auf Wunsch minutengenau hören.

Im Gegensatz zu den vergleichsweise einfachen Uhren mit Repetitionsschlagwerk verlangen Exemplare mit Selbstschlag nach einem zusätzlichen Federhaus. Das Spannen der beiden Energiespeicher erfolgt durch Drehen der Krone in beiden Richtungen. Nach sanfter Betätigung eines Drückers lässt die im Federhaus gespeicherte Kraft das Schlagwerk ablaufen. 

Armbanduhren mit Grande und Petite Sonnerie

Zu den unangefochtenen Pionieren der Armbanduhr mit Grande Sonnerie und Petite Sonnerie und Minutenrepetition gehört zweifellos Philippe Dufour aus dem abgeschiedenen Vallée de Joux. Im Jahr 1992 erfüllte sich der kenntnisreiche Altmeister des Uhrenbaus einen Jugendtraum.

Erstmals in der Geschichte entstand während drei Jahren ein derartiges Uhrwerk zur Nutzung am Handgelenk. Nicht ohne Grund gestand eine international besetzte Jury dem in Rot-, Gelb- oder Weißgold erhältlichen Zeitmesser während der Basler Uhrenmesse eine Goldmedaille für die beste technische Realisation zu.
Von einem großen Taschenuhrwerk leitete sich das aus 393 Teilen komponierte Handaufzugs-Oeuvre mit sieben Millimetern Höhe und 32 Millimetern Durchmesser ab.

Es verfügt über zwei Federhäuser. Das für die Zeit zuständige Federhaus lässt die Unruh nach Vollaufzug 38 Stunden lang mit drei Hertz oszillieren. Die Gangautonomie des Schlagwerks beträgt 24 Stunden. Zwei Schieber links und rechts neben der Krone gestatten die Einstellung der Schlagwerksfunktionen. Der in die Krone integrierte Drücker löst die Minutenrepetition aus.

Bei rund 600.000 Schweizerfranken lag der damals ausgesprochen stolze Preis für diese klangvolle und in limitierter Edition hergestellte Armbanduhr.

Audemars Piguet folgt 1996

1996 lancierte Audemars Piguet die mit dem Handaufzugskaliber 2868 ausgestattete Grande Sonnerie Referenz 25750 in einer Auflage von insgesamt 101 Exemplaren. Der Premiere waren ebenfalls drei Jahre Entwicklungsarbeit vorangegangen. Mehr als tausend Zeichnungen entstanden für das aus 412 Komponenten assemblierte Handaufzugskaliber 2868 mit 28,6 Millimetern Durchmesser und 5,2 Millimeter Bauhöhe. Bei rund 48 Stunden liegt die Gangautonomie des mit 2,5 Hertz tickenden Uhrwerks. Das Schlagwerks-Federhaus liefert Energie für zehn Stunden Grande oder deren 32 Petite Sonnerie. Das Umschalten zwischen den drei verschiedenen Modi obliegt einem Schieber bei „2“. Ein Drücker bei „10“ löst die ebenfalls vorhandene Viertelstundenrepetition aus.

Insgesamt fertigte Audemars Piguet davon 101 Stück. In Gelbgold kostete diese Armbanduhr damals umgerechnet ca. 120.00 Euro. Die Platin-Version schlug mit umgerechnet ca. 127.000 Euro zu Buche.

Das für die Baselworld 2000 weiterentwickelte und aus 491 Teile bestehende Kaliber 2891 verfügt neben Grande und Petite Sonnerie auch über Minutenrepetition sowie eine Gangreserveanzeige für das Schlagwerk. Als Weltneuheit präsentierte sich der sogenannte Dynamograph, sprich eine Indikation für das optimale Drehmoment des Uhrwerks. Hier endete die Produktion nach 41 Exemplaren.

Aktuell offeriert Audemars Piguet die CODE 11.59 Grande Sonnerie Carillon Supersonnerie mit dem Handaufzugskaliber 2956.

A. Lange Soehne Grande Complication Schlagwerk unter Zifferblatt

Unter dem Zifferblatt der A. Lange & Söhne Grande Complication, Kaliber L190.2, sieht es so aus

Wer die Wahl hat – Uhrenmarken mit Grande Sonnerie 

Weitere Anbieter von Armbanduhren mit Grande und Petite Sonnerie sind A. Lange & Söhne, Bulgari, Francis-Paul Journe und die von ihm belieferte Manufaktur Piaget, Franck Muller, Greubel Forsey, Jaeger-LeCoultre, Vacheron Constantin und natürlich Patek Philippe.

Die neue Referenz 6301 der Genfer Familienmanufaktur Patek Philippe wird im Zentrum weiterer Betrachtungen zum Thema Grande und Petite Sonnerie stehen.

Falls doch noch ein, zwei Fragen zur Entwicklung der Uhren mit Schlagwerk bestehen – hier stellen wir die Geschichte der Repetition Uhren und ihre Funktionsweise vor – und welche große Bedeutung England dabei hatte.