Vive la discrétion

Auf den ersten Blick macht die neue Patek Philippe Grande Sonnerie Referenz 6301P am Handgelenk nicht sonderlich viel her. Doch spätestens nach dem Betätigen des in die Krone eingelassenen Drückers geraten Anwesende in Entzücken und fasziniertes Stauen. Dann nämlich offenbart die gestalterisch extrem reduzierte Platin-Armbanduhr ihre  klangvolle akustischen Dimension. Und zwar tut sie die aktuelle Zeit minutengenau kund.

Die Grande Sonnerie in der Vorstellung durch Patek

Grande Sonnerie Zeitanzeige

Die akustische Zeitanzeige erfolgt dergestalt: Zuerst die Zahl der Stunden mit tiefem Klang. Anschließend repräsentiert eine dreifache Tonfolge die Viertel­stunden. Und für jede der nach der letzten vollen Viertelstunde vergangenen Minuten ist danach noch ein hoher Ton zu hören.
Besonders aufgepasst heißt es um 12 Uhr 59. Auf zwölf tiefe Töne folgen drei Dreifach-Schläge und anschließend nochmals 14 hohe Laute. Macht summa summarum 29 Schläge, welche 20 bis 25 Sekunden konzentrierten Zuhörens beanspruchen.

Schlagwerksuhren von Patek Philippe

Erste Taschenuhren mit Repetitionsschlagwerk stellte Patek, Czapek & Cie,. bereits 1839, also kurz nach der Firmengründung fertig. Das Rohwerk stammte von Audemars. 1845 entstand zudem eine erste Taschenuhr mit Minutenrepetition.

Noch im gleichen Jahr erfolgte die Herstellung einer Taschenuhr mit Grande und Petite Sonnerie. 1846 nahm diese der italienische Kardinal Pallavicini in Empfang.

Im Laufe der Jahrzehnte realisierte das Genfer Familienunternehmen ganz unterschiedliche Schlagwerks-Taschenuhren. Bei den meisten davon bewegen sich zwei Hämmer gegen zwei Tonfedern. Klangvoller tritt ein Trio in Erscheinung. Die akustische Spitze verkörpert der Westminsterschlag. Für ihn brauchte es insgesamt fünf tönende Paare.

Zeitenklang vom Handgelenk

Mit der Erfindung des elektrischen Lichts gegen Ende des 19. Jahrhunderts verloren Repetitionsuhren und ihre akustische Zeitanzeige eigentlich ihre Existenzberechtigung. Gleichwohl präsentierte Patek Philippe 1915 eine erste, in diesem Fall 27,1 Millimeter kleine Armbanduhr mit Repetitionsschlagwerk. Trendgerecht für Mrs. D. O. Wickham, eine anspruchsvolle Frau, welche die Zeit auf fünf Minuten genau hören konnte.

Anschließend waren die diskreten, aber höchst klangvollen Zeitmesser fürs Handgelenk aus der Produktpalette nicht mehr wegzudenken. Ausgestattet mit kissen- oder tonneauförmigem, quadratischem, rechteckigem oder natürlich auch rundem Gehäuse. Die meisten Rohwerke steuerte der erfahrene Tüftler Victorin Piguet aus dem Vallée de Joux bei.

Zum 150. Markengeburtstag im Jahr 1989 debütierte das Patek Philippe Kaliber R 27 PS mit Mikrorotor als erstes hauseigenes Repetitions-Kaliber für Armbanduhren in der Referenz 3979.  

Höchste Armband-Komplikation zum 175. Geburtstag

Obwohl Patek Philippe viele uhrmacherische Pionierleistungen vorweisen kann, ließ eine Patek Philippe Grande und Petite Sonnerie sowie Minutenrepetition bis 2014 auf sich warten. In besagtem Jahr zelebrierten Philippe und Thierry Stern das 175. Firmenjubiläum mit der doppelseitigen Patek Philippe Grandmaster Chime, Referenz 5175. Sie und die 2016 vorgestellte Schwester 6300G sind bis heute die kompliziertesten Armbanduhren in der breit gefächerten Patek Philippe-Kollektion.

Das Handaufzugswerk vom Kaliber GS AL 36-750 QIS FUS IRM zeichnet sich durch zwanzig Zusatzfunktionen aus:

1. Grande Sonnerie (Großes Schlagwerk mit Selbstschlag

2. Petite Sonnerie (Kleines Schlagwerk mit Selbstschlag)

3. Minutenrepetition

4. Schlagwerkmodus-Indikation (Silence/Grande Sonnerie/Petite Sonnerie)

5. Alarm mit Zeitschlag

6. Datumsrepetition

7. Gangreserveanzeige des Gehwerks

8. Gangreserveanzeige des Schlagwerks

9. Schlagwerk-Isolationsanzeig

10. Zweite Zonenzeitt

11. Tag-/Nacht-Anzeige zur zweiten Zonenzeit

12. ewiger Kalender mit springenden Indikationen

13. Wochentagsanzeige

14. Monatsanzeige

15. Datumsanzeige (auf beiden Zifferblättern)

16. Schaltjahrzyklus

17. vierstellige Jahresanzeige

18. 24-Stundenanzeige mit Minutenzeige

19. Mondphasenanzeige

20. Kronenpositionsanzeige (RAH)

Alles zusammen bedingte selbstverständlich einen gewaltigen Aufwand. Für die Entwicklung, Fertigung und Montage der ersten Grandmaster Chime wendete Patek Philippe summa summarum mehr als 100.000 Arbeitsstunden auf. Davon entfielen 60.000 Stunden auf die 1.366 Komponenten des Uhrwerks. Inklusive der 214 Einzelteile für jedes der Drehgehäuse ergeben sich für jede Uhr summa summarum 1.580 Bauteile. Preise von rund 2,3 Millionen Euro für die längst ausverkaufte Referenz 5175 und 2,35 Millionen für die Weißgold-Referenz 6300G erscheinen deshalb keineswegs aus der Luft gegriffen.

Patek Philippe Grande Sonnerie

So viel muss man für die neue Patek Philippe Referenz 6301P nicht auf den Tisch des Hauses Patek oder eines seiner Konzessionäre blättern. Rund 1,25 Millionen Schweizerfranken oder der zum jeweiligen Tageskurs umgerechnete Eurobetrag werden für die kleine Schwester der Grandes Complications mit Wendegehäuse und zwei Zifferblättern fällig. Sofern man überhaupt ein Exemplar bekommt. Die letzte Entscheidung über eine Belieferung trifft Präsident Thierry Stern nach Vorlage einer Art Bewerbung sowie ganzen Reihe von Informationen über den Interessenten.

Patek Philipppe Thierry Stern

Präsident Thierry Stern entscheidet, ob Bewerber eine der komplizierten Uhren von Patek Philippe bekommen. Auf diese Weise sollen spekulative Käufe verhindert werden.

Dabei spielt seine Seriosität eine ebenso große Rolle wie die Zahlungsfähigkeit. Auf diese Weise will Patek Philippe verhindern, dass die Objekte nur zwecks rascher Geldvermehrung erworben werden. In Auktionen bringen die Referenzen 5175R und 6300G nämlich deutlich mehr als den offiziellen Publikumspreis.
Zwei mit je einem Exemplar bedachte Kunden, die in jüngerer Zeit gegen den Codex verstoßen und ihren Erwerb kurzerhand in fremde Hände gegeben haben, wanderten denn auch auf eine Schwarze Liste. Künftig werden sie sich vergeblich um eine ultrakomplizierte Patek Philippe bemühen. Für besagte umgerechnet rund 1,2 Millionen Euro gibt es in Gestalt der neuen Patek Philippe Referenz 63100P eine zurückhaltend auftretende Armbanduhr mit dezent wirkendem Platingehäuse.

Puristisches Klangwunder

Nur auf den zweiten oder gar dritten Blick erschließt sich die mechanische Komplexität dieser Grande Sonnerie. Neben den Zeigern für Stunden, Minuten und Sekunden bewegen sich vor dem schwarzen Email-Zifferblatt noch zwei für die verbleibende Gangreserve. Der Zeiger bei „9“ lässt wissen, wie es um die maximal 72 Stunden betragende Gangautonomie des Handaufzugskalibers GS 36-750 PS IRM mit zwei seriell geschalteten Doppelfederhäusern steht.

Das bei „3“ angeordnete Zeiger-Pendant gilt dem komplexen Schlagwerk, bestehend aus Grande Sonnerie und Petite Sonnerie sowie Minutenrepetition.

Für die akustische Anzeige der ersten Patek Philippe Armbanduhr mit (fast) allen dieser klingenden Komplikationen sorgen drei Hämmer und ebenso viele Tonfedern. Wie schon bei den Referenzen 5175R und 6300G schlägt die Grande Sonnerie selbsttätig zu jeder vollen Stunde die Anzahl Stunden und zu jeder Viertelstunden die Anzahl Stunden und Viertelstunden. Im Gegensatz dazu lässt die Petite Sonnerie selbsttätig die Anzahl der vollen Stunden und zu den Viertelstunden lediglich die Zahl der Viertelstunden erklingen.

Dank 24 Stunden Gangautonomie sind die Schlagwerks-Funktionen einen ganzen Tag lang gewährleistet. Der Tradition folgend, spannt die Krone durch Hin- und Herdrehen gleichzeitig beide Federhäuser. Jenes für das Schlagwerk versorgt auch die Minutenrepetition mit Energie. Sie ertönt nach Betätigung des in die Krone integrierten Drückers. Logischer Weise beeinflusst die Häufigkeit der Repetitionsauslösung die Gangautonomie des Schlagwerks. Summa summarum ermöglichen die Kraftreserven innerhalb der genannte Zeitspanne 1.056 Schläge.

 Schlag nach Wahl

Selbstverständlich können der glückliche Besitzer und vielleicht auch die eine oder andere Besitzerin wählen, was ihre Armbanduhr selbsttätig verkünden soll. Dazu besitzt die Patek Philippe Referenz 6301P zwischen den unteren Bandanstößen einen kleinen Schieber. Seine drei Positionen aktivieren Grande Sonnerie, Petite Sonnerie oder Ruhe. Im letztgenanntem Fall bewerkstelligt eine patentierte Baugruppe, Isolator genannt, die komplette Abkoppelung der Sonnerie von der zeitbewahrenden Mechanik. Auf diese Weise reduziert Patek Philippe den Energieverbrauch.
Durch Betätigung des in die Krone eingelassenen Drückers lässt sich die Minutenrepetition jederzeit auslösen. Übrigens steigert der aufwändige Viertelstundenschlag durch drei Hämmer auf drei Tonfedern den Kraftaufwand um rund 50 Prozent. 

Sprünge im Sekundentakt

Bei aller mechanischen Komplexität konnte man das Fortschreiten der Sekunden beim Kaliber GS AL 36-750 QIS FUS IRM nicht beobachten. Die doppelseitigen Referenzen 5175 und 6300G besaßen nämlich keinen Sekundenzeiger. Dieses konstruktiv bedingte Manko haben die Entwickler der neuen Patek Philippe Grande Sonnerie aus der Welt geschafft.
Bei der „6“ dreht ein kleiner Sekundenzeiger seine Runden. Und das nicht schleichend, sondern in akkuraten Sprüngen, welche dem Takt von secunda diminutive pars entsprechen. So etwas gab es in einer Armbanduhr mit Großem Schlagwerk bislang noch nicht. Im Fall der Referenz 6301P trägt es zur Steigerung des Unterstatement bei. Beiläufiges Hinschauen lässt Uneingeweihte nämlich glauben, dass es sich um eine Quarzuhr handelt. In überlieferten Konstruktionen zählen Hebelfedern die aus der Unruhfrequenz resultierenden Sekunden-Bruchteile. Nach Erreichen der nötigen Anzahl bewegt sich der Zeiger um eine Position vorwärts.

Patek Philippe hingegen verwendet Zahnräder sowie eine Auslösewippe. Letztere gibt die Spring-Mechanik nach jeweils sieben Unruh-Halbschwingungen frei. Dieses neuartige System führt zu einem effizienteren Umgang mit der im Doppelfederhaus gespeicherten Energie. 

Augen- und Ohrenweide

Der Blick durch den Sichtboden offenbart logischer Weise nur einen sehr kleinen Teil der insgesamt 703 Komponenten des neuen Handaufzugswerks. Die insgesamt vier Federhäuser verbergen sich unter einer großen Brücke.

Als Besonderheit bei Patek Philippe kann die Verwendung einer Unruhbrücke anstatt eines nur einseitig gelagerten Klobens gelten. Stündlich außergewöhnliche 25.200 Halbschwingungen vollziehen die Gyromax-Unruh und die zugehörige Spiromax-Unruhspirale aus thermisch stabilisiertem Silizium. Und das nach Vollaufzug rund 72 Stunden lang.

Daneben steuert ein geräuschlos agierender Fliehkraftregler den Ablauf des Schlagwerks. Dessen drei Hämmer und die zugehörigen Tonfedern sind durch den großzügig bemessenen Saphirboden der 44,8 Millimeter messenden Platinschale ebenfalls deutlich zu sehen.

Wer die Schönheit des 37 mm großen, 7,5 mm hoch bauenden und allen Anforderungen des Patek Philippe-Siegels entsprechenden Kalibers GS 36-750 PS IRM für sich behalten möchte, verschließt das Gehäuse mit dem im Lieferumfang enthaltenen massiven Boden.

Das nasse Element mag dieser Zeitmesser mit Krokoband und Platin-Faltschließe übrigens gar nicht. Nur Staub und Feuchtigkeit bleiben außen vor.

Bevor er das Haus in Richtung Kunde verlässt, fällt Thierry Stern das letzte klangliche Urteil. Missfallen dem erfahrenen Präsidenten die abgegebenen Töne, muss definitiv nachgebessert werden. Kompromisse duldet der Chef bei keiner einzigen Schlagwerksuhr von Patek Philippe.

Thierry Stern prueft den Klang der Patek Philippe Referenz 6301P

Thierry Stern höchstpersönlich prüft den Klang der Patek Philippe Grande Sonnerie, Referenz 6301P