Tudor und seine Geschichte: Die Produktion der Werke (V)
Ein Besuch der Tudor Werke-Produktion in Genf

Tudor produziert seine Armbanduhren in Genf. Und zwar in einem Teil der imposanten Rolex Gebäude. Uhrenkosmos war vor Ort und berichtet, wie Tudor-Armbanduhren entstehen

Ein Besuch der Tudor Werke-Produktion in Genf

Eingang zum Rolex Gebäude in Genf

Tudor im 21 Jahrhundert

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts durchlebte Tudor eine Phase des Umbruchs. Diese Veränderungen äußerten sich auch in einer teils recht eigenwillig anmutenden Modellpolitik. Die auf gestalterischem Gebiet zunehmende Loslösung von Rolex bewirkte zwar einerseits eine vielfältige Gestaltung der Modelle, andererseits gab es innerhalb der Kollektionen aber auch Modelle von verhaltenem Erfolg.

Nachhaltig erfolgreiche Klassiker im Uhrendesign sehen, wie das aktuelle Produktspektrum beweist, einfach anders aus.

Andererseits erfolgten schon zaghafte Schritte vom Etablisseur, also einem reinen Uhrenfertigsteller in Richtung Manufaktur. Während der Baselworld 2001 debütierte etwa das speziell für Damenuhren entwickelte Automatikkaliber T 8000Princematic” mit beidseitig wirkendem Rotoraufzug. Die Planungen sahen eine Verwendung ab November 2002 in der kleinen Tudor „Hydronaut“-Modellen  vor.

Im Jahr 2004 sollten dann eigentlich die größeren “Princematic“-Kaliber T 8008 (kleine Sekunde) und T 8050 (Zentralsekunde, siehe oben) für Herrenuhren an den Start gehen. Allerdings genügten die exklusiven Kreationen nicht den hohen Genfer Qualitätsstandards. Deshalb stoppte das Management diese Aktivitäten. Bis auf weiteres setzte Tudor wieder auf zugekaufte Uhrwerke für die bewährten „Oyster“-Schalen.

Erfolgreicher Relaunch

Daraufhin erfolgte im Jahr 2012 bei Tudor ein fulminanter Relaunch. Die Rückbesinnung auf überlieferte Werte und Tugenden sowie eine klare, auf den Linien „Pelagos“ und „Black Bay“ (siehe links) basierende Modellinitiative brachten große Verkaufserfolge und schufen das Image einer dynamischen Aufsteigermarke. Dieser bemerkenswerte Erfolg beruht nicht zuletzt auch auf einer konsequenten Rückbesinnung.

Diese Pflege der positiven Markenelemente und der überlieferten Werte kombiniert mit klaren Zukunftsvisionen hat der klassisch-sportiven „Tudor Black Bay“-Linie innerhalb weniger Jahre die Rolle des unangefochtenen Markenleaders beschert.

Der zweite, nun jedoch ausgesprochen erfolgreiche Anlauf in die anspruchsvolle Welt einer eigenen Manufaktur startete jedoch erst im Jahr 2015. Es war das neu konstruierte, selbst gefertigte und offiziell auf seine Ganggenauigkeit zertifizierte Automatikkaliber MT5621, das zunächst in der „North Flag“-Linie seinen Einstand hatte.
Der Rotor des 33,8 mm großen und 6,5 mm hohen Kalibers spannt die Zugfeder in beiden Drehrichtungen.

Nach Vollaufzug stehen dem Tudor Kaliber immerhin rund 70 Stunden Gangautonomie zur Verfügung. Unter einer stabilen Brücke vollziehen die exklusive Glucydur-Unruh mit variablem Trägheitsmoment und die amagnetische Silizium-Unruhspirale stündlich 28.800 Halbschwingungen. Ein Unruhstopp gestattet sekundengenaues Einstellen der Uhrzeit.
Mit von der Partie sind ferner ein Fensterdatum sowie eine Indikation der aktuell verbleibenden Gangreserve. Letztere fehlt beim ansonsten völlig gleichen Kaliber MT5612, welches u.a. in der Tudor „Pelagos“ zu finden ist. Absolut puristisch, das heißt ohne Datums- und Gangreserveanzeige agiert schließlich das ab 2016 in den neuen Tudor Black Bay-Modellen vorgestellte Uhrwerk MT5601.

Das Funktionenspektrum des MT5652 muss sich hinter demjenigen der RolexGMT-Master II“ nicht verstecken. Beim Überschreiten von Zeitzonengrenzen lassen sich sein 12-Stunden-Zeiger und das Fensterdatum ganz einfach vor- oder rückwärts stellen. Ein zusätzlicher roter 24-Stunden-Zeiger bewahrt stoisch die Heimat- oder Referenzzeit. Auf diese Weise lassen sich Anrufe zum falschen Moment vermeiden. 

Bleibt das vergleichsweise kleine Rotorkaliber MT5402. Bei 4,99 mm Bauhöhe beträgt der Durchmesser lediglich nur 26 mm. Gleichwohl speichert das Federhaus Energie für 70 Stunden Gangautonomie.

Besuch bei Tudor

Die Armbanduhren von Tudor entstehen im Genfer Stadtteil Acacias. Und dort ganz konkret im weitläufigen, von Wasser umflossenen Rolex-Gebäudekomplex. Auf etwa zweieinhalb Etagen gehen neben Administration, Kommunikation, Marketing und Vertrieb auch Forschung und Entwicklung, Assemblage, Genauigkeits- und Zuverlässigkeitsprüfung sowie zahlreiche Kontrollprozesse über die Bühne. Die dafür zuständigen rund 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen ausnahmslos auf der Gehaltsliste von Rolex. Auf diese Weise gibt es keine sozialen Unterschiede zwischen den Beschäftigten. Dank gleicher Atelier-Ausstattung, Arbeitsabläufe und Qualitätsstandards können sie bei Bedarf problemlos zwischen Tudor und Rolex wechseln.

Im Gegensatz zur „grünen“ Mutter produziert die „schwarz-rote“ Tochter jedoch nicht auf Lager, sondern ausschließlich Vorbestelltes. Ausgefeilte Rolex-Logistik gewährleistet kurzfristigen Komponenten-Nachschub bis hin zu den komplett assemblierten Uhrwerken.

Tudor Kaliber 5402, Montage des Kugellagerrotors

Tudor Kaliber 5402, Regulierung durch Veränderung der Unruhträgkeit

Zugekaufte Exemplare wie das 2824, und daraus macht Tudor keinen Hehl, stammen derzeit noch von der Eta. Mit deren Kalibern stattet Tudor gegenwärtig etwa die Hälfte seiner jährlich schätzungsweise 250.000 Armbanduhren aus.

Das Automatikkaliber MT5813 mit Schaltrad-Chronograph (siehe rechts) liefert Breitling fixfertig montiert, reguliert und COSC-zertifiziert zu. Im Gegenzug verkauft Tudor das modifizierte, als B20 verbaute MT5612. Der Rest der Palette von MT5402 bis MT5652 entstammt eigener Produktion. Nicht zuletzt auch wegen der durchaus aggressiven Preispolitik verzeichnet der Manufaktur-Anteil ein kontinuierliches Wachstum.

Das nötige Kaliberspektrum verantwortet die derzeit noch in Genf ansässige und vom ehemaligen Breitling-COO Jean-Paul Girardin (siehe links) geleitete Kenissi SA. An ihr hält Chanel eine 20-prozentige Beteiligung. Der Deal verschafft den Franzosen Zugriff auf das mittelgroße, von Tudor MT5402 genannte Automatikkaliber. Weil Mehrheitsaktionär Rolex mit größter Zurückhaltung kommuniziert, ist über den neuen Werkefabrikanten noch nicht mehr zu erfahren. Deutlich sichtbare Fortschritte zeigen sich bei der Errichtung eines neuen Fabrikationsgebäudes. 

Das nahe Le Locle  getätigte Investment weist zweifellos auf die zunehmende Bedeutung von Tudor hin. Erste Uhrwerke sollen im westschweizer Jurabogen vermutlich 2021 entstehen.

Terminierung und Kontrolle in Genf

In Genf agieren mehrere autonome Teams auf der Basis des so genannten 5-S-Systems. Zu den jeweils bis zu zwölf Monteuren der verschiedenen Armbanduhren gehört stets auch ein voll ausgebildeter Uhrmacher. Übrigens richtet sich die Zahl der Arbeitsgruppen nach der aktuellen Auftragslage.

Einschalen eines Uhrwerks

Montage Zifferblatt bei Tudor in Genf

Anders als bei Rolex, wo neben Werken auch Zifferblätter, Gehäuse und Metallbänder entstehen, gilt bei der Tochter abgesehen von den Manufakturkalibern ein vertikales Modell mit mindestens zwei Zulieferanten für alle nötigen Komponenten. Swiss Made wird dabei groß geschrieben. Das gilt auch für die Etuis. Von Julien Faure stammen die hippen Textilbänder. Die traditionsreiche französische Weberei fertigt sie im traditionellen Jacquard-Verfahren. Und das garantiert überragende Qualität.

Weben des Armbands bei Julien Faure in Lyon

In regelmäßigen Abständen wechselt die gruppeninterne Leitung. Auf und in den Werktischen befinden sich alle Werkzeuge und Gerätschaften immer an der gleichen Stelle. Das gilt auch für die benachbarten Rolex-Ateliers. Folglich finden die Beschäftigten selbst bei kurzfristigem Wechsel des Arbeitsplatzes wohlbekannte Bedingungen vor. Barcodes und ausgefeilte Software gestatten lückenloses Verfolgen des Herstellungsprozesses jedes einzelnen Produkts. Sollten sich irgendwann Fehler zeigen, ist der Verursacher nicht nur schnell ermittelt, sondern auch erneut gefragt.

Tudor unterzieht alle Komponenten gnadenlosen Härtetets. Hier werden Textilbänder hundertfach gezogen und gewunden

Die Qualitätskontrollen sind übrigens während des ganzen Fertigungsprozesses an der Tagesordnung. Logischer Weise hat sich das finale Produkt dabei besonders akribischer Begutachtung zu unterziehen. Vor dem Einschalen mussten alle Manufakturkaliber sowie besagtes MT5813 zur Chronometer-Prüfstelle COSC. Die amtliche Bewährungsprobe ist freilich nur ein Schritt in Richtung Präzision. Wie Rolex begnügt sich auch Tudor damit nicht.

Tudor Black Bay GMT, Prüfung der Wasserdichte

Der berühmte Wassertropfen zeigt, ob sich Feuchtigkeit in der Schale befindet

Ohne Armband müssen sich die fertigen Uhren einem gnadenlosen Check mit Hilfe der gleichen Maschinerie unterziehen, welche  die Mutter für ihre Erzeugnisse nutzt. Das mehrtägige Programm umfasst Wasserdichte, Gangautonomie und natürlich die Ganggenauigkeit. Bei letzterer  gelten jedoch etwas mildere Kriterien. Eine Tudor darf täglich maximal zwei Sekunden nach- und vier Sekunden vorgehen. Und das ist deutlich strenger als die COSC erlaubt. Bekanntlich toleriert Rolex tägliche Gangabweichungen zwischen minus und plus zwei Sekunden.

Karriereschritte

Nach dem Geschilderten sollte das kontinuierlich zunehmende Interesse ernsthafter Uhrensammler und -liebhaber nicht verwundern. Inzwischen müssen potenzielle Kunden nicht nur auf ihre Rolex, sondern auch auf eine Tudor warten. Ungeachtet der deutlich gestiegenen Ansprüche bleibt der seinerzeit von Hans Wilsdorf initiierte und seitdem konsequent gepflegte Preisunterschied zu den „Oyster“-Modellen mit Kronenlogo. Eine Tudor mit Eta-Uhrwerk ist ab rund 2.000 Euro erhältlich.

Tudor “Heritage Black Bay 41”, Referenz 79540, mit dem Automatikkaliber 2824. Ca. 2.500 Euro. Dass im genhäuseinneren zugekaufte Mechanik tickt, zeigt sich am  am Schriftzug “Rotor Self Winding” im Süden des Zifferblatts

Schon etwa 1.000 Euro mehr bescheren exklusive Mechanik in der mittlerweile schwer erhältlichen „Black Bay Fifty-Eight“.

In der Tudor “Black Bay Fifty-Eight”, Referenz 79030N, tickt das hauseigene Automatikkaliber MT5402. Erhältlich ab 3.090 Euro

Für bemerkenswert günstige 3.670 Euro ist die kosmopolitische „Black Bay GMT“ im „Pepsi“-Look zu haben. Mit Gliederband versteht sich. Weil man Vergleichbares in dieser Preiskategorie kaum findet, müssen die Fachhändler ihre Kunden um Geduld bitten. Die entsprechende Rolex „GMT-Master II“ kostet mehr als das Doppelte. Ein ausführlicher Vergleich der beiden Armbanduhren findet sich hier.

Links die Rolex GMT-Master II, Referenz 126710BLRO, Preis 8.400 Euro, und rechts die Tudor Black Bay GMT, Referenz 79800RB für 3.670 Euro

Gleiches gilt für den stählernen „Black Bay Chronographen“ mit Breitling-basiertem Kaliber. Man bekommt ihn für weniger als 5.000 Euro, während der „Cosmosgraph Daytona“, sofern man überhaupt einen bekommt, nach einem Investment von 11.300 Euro verlangt.

Rolex Cosmograph Daytona, Referenz 116500LN, Preis 11.300 Euro, und Tudor Black Bay Chrono, Referenz 79350 für 4.750 Euro

Nur Glückpilze kommen bei Konzessionären in den Genuss des „Black Bay Chrono All Blacks Limited Edition“. Weil die derzeit nur 1.181 Exemplare im Nu ausverkauft waren, werden im Parallelmarkt deutlich mehr als die empfohlenen 5.530 Euro verlangt.

Natürlich dürfen an dieser Stelle einige Unterschiede nicht verschwiegen werden. Anstelle von Edelstahl 904L verwendet Tudor die günstigere Legierung 316L. Kratzfeste Keramiklünetten sind ebenso wenig erhältlich wie die praktische Datumslupe. Schließlich leistet Tudor die üblichen 24 Monate Garantie, während Rolex beachtliche fünf Jahre offeriert. Das alles sollte der Entscheidung, die persönliche Rolex-Karriere mit einer Tudor zu beginnen, allerdings keinen Abbruch tun.

Ins Jahr 2020 mit neuen Preisen

Ganz zum Schluss weist der Uhrenkosmos darauf hin, dass die genannten Preise nur noch unter Vorbehalt gelten. Nach Jahren des Stillstands wird Rolex zum ersten Januar die unverbindlichen Publikumspreis um durchschnittlich 6,8 Prozent erhöhen. Eine “GMT-Master II“, egal ob “Pepsi” oder “Batman” kostet dann 9.000 Euro statt bisher 8.400 Euro. Der Preis für einen stählernen “Cosmograph Daytona” klettert von 11.300 auf 12.250 Euro. Armbanduhren von Tudor werden hingegen nur um durchschnittlich  2,8 Prozent teurer. Der “Black Bay Chrono” kostet mit Stahlband künftig 4.840 Euro. Für eine “Black Bay GMT” mit Stahlband wird der Konzessionär voraussichtlich 3.770 Euro und eine “Black Bay Fifty-Eight” mit braunem Vintage-Lederband 3.140 Euro verlangen. Die genannten Preise sind ohne Gewähr für Richtigkeit. Auf jeden Fall sind die lediglich moderaten Erhöhungen bei Tudor ein Grund mehr, den Produkten ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit zu widmen. Echte Manufakturarbeit zu diesem Preis muss man in der Uhrenszene nämlich lange suchen.

2 Bemerkungen

  1. Avatar

    Hallo Alle,

    Kann mir jemand sagen wo ich günstiger eine tudor Black Bay s&g kaufen kann als bei wempe (4.840Eu).

    Nette Grüße
    Rolf.

    Antworten
    • Gisbert L. Brunner

      Da gibt es leider kein Patentrezept, lieber Rolf Eichner. Die offiziellen Konzessionäre sind gehalten, keine Rabatte zu geben. Da hilft nur fragen. Oder mal bei Chrono24 oder bei Internethändlern wie z.B. Montredo nachschauen. Viel Glück, Erfolg und Spaß nach dem Kauf

      Antworten

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