Chrono Sapiens Oris COO Beat Fischli und das Calibre 400
ORIS COO Beat Fischli über die Entwicklung des Calibre 400: “Das war und ist ein grosses Experiment!”

Seit 2012 arbeitet Beat Fischli bei Oris als Chief Operational Officer. In dieser Funktion steuert und leitet der studierte Ingenieur seit 2015 die Entwicklungsarbeiten zum neuen Oris Calibre 400. Gisbert Brunner hat Beat Fischli ausgiebig zur Entstehung und den Hintergründen des Automatikwerks befragt.

ORIS COO Beat Fischli über die Entwicklung des Calibre 400: “Das war und ist ein grosses Experiment!”

Oris COO Beat Fischli leitete die Entwicklungsarbeiten zum neuen Calibre 400

Gisbert L. Brunner: Lassen Sie uns über das neue Calibre 400 reden, Herr Fischli. Für Oris ist es nach der Handaufzugsfamilie 110 die zweite Zündstufe. Bislang ticken die meisten Ihrer Armbanduhren mit dem zuverlässigen Kaliber Sellita SW 200. Brauchte es daneben ein eigenes Automatikwerk?

Beat Fischli: Hmmm, notwendig? Nein. Was ist schon notwendig heutzutage?

Natürlich ist bei mechanischen Uhren eigentlich gar nichts notwendig. Genau genommen handelt es sich ja um echte Anachronismen. Aber dennoch hat man bei Oris irgendwann die Entscheidung getroffen, viel Geld für eine neue Automatik-Entwicklung in die Hand zu nehmen …

Ja, das war und ist ein großes Experiment.

Wollen Sie sich mit dem Kaliber 400 eher unabhängig machen oder zielten Sie primär auf etwas Exklusives, was Mitbewerber so nicht haben?

Es handelt sich um eine Fortschreibung unserer Firmengeschichte, würde ich sagen. Sich unabhängig zu machen war kein Hauptziel. Unsere langjährige Zusammenarbeit mit Sellita bleibt bestehen. Auch Exklusivität stand bei den Überlegungen nicht ganz oben. Aber natürlich ist eine Marke mit eigenen Mechanikwerken etwas Besonderes. Und das erfüllt schon mit etwas Stolz. Was wir suchten, war ein mechanisches Werk zu schaffen, das die Bedürfnisse unserer Kunden heute anspricht.    

Eine Massenproduktion streben Sie beim Kaliber 400 also nicht an.

Wir beabsichtigen schon, dass Calibre 400 zu einem wichtigen Pfeiler unseres mechanischen Angebots wird. Ob dies dann zu einer Massenproduktion führt, wird der Markt zeigen.

Aber eine Rentabilität der Investition stellt sich doch wahrscheinlich erst nach einer bestimmten Stückzahl ein oder?

Das ist schon so, ja. Im Gegensatz zu den Kalibern 110 bis 115, die preislich anders positioniert sind, werden wir mit dem Kaliber 400 nicht in einer Nische bleiben. Bei Oris geht es jetzt wirklich um die Festigung eines werketechnisch dritten Standbeins neben Sellita und 110.

Bei der Konstruktion des Oris Kalibers 400 und bei seinen Merkmalen haben Sie sich ja eine ganze Menge überlegt. Ein neues Standardkaliber mit 40 Stunden Gangautonomie braucht doch kein Mensch.

Genau das. Es war nicht das Ziel, etwas Kompatibles zum SW 200 zu machen, ein Werk mit den gleichen Eigenschaften. Meine persönliche Meinung war immer, dass wir müssen dem Kunden etwas Besonderes bieten müssen. Nur um zu sagen, es ist ein Oris und kein Sellita Werk und dafür so und so viel mehr zu verlangen, das wird nicht funktionieren. Deshalb konnte es auch nicht unsere Strategie sein. Wir wollten uns ganz anderes positionieren. Und das hat logischer Weise auch einen höheren Preis.

Beginnen wir bei der Gangautonomie …

Die beträgt fünf Tage.

Dabei geht es ja nicht nur um die Gangdauer, sondern auch um eine stabilere Drehmomentkurve, oder?  

Genau. Aber die lange Gangdauer war natürlich auch ein Argument. Das kann der Rolf Studer aus seiner Sicht viel besser erläutern. Beim Handaufzug haben wir auf zehn Tage gesetzt, weil es dort Sinn ergibt. Beim Automaten findet man drei Tage inzwischen recht häufig. Wir fanden es nützlich, etwas mehr zu haben. Viele Kunden besitzen heute mehrere Uhren und tragen diese deshalb nicht regelmäßig. Der praktische Nutzen unserer fünf Tage Gangautonomie besteht also darin, dass das Werk auch nach mehreren Tagen noch tickt.

Die fünf Tage erzielen Sie mit einer dünneren Feder, anderem Federmaterial, zwei Federhäusern …

Beim Kaliber 400 spielt alles zusammen.

Verwenden Sie die neue Nivaflex-Zugfeder?

Nein. Wir nutzen kein Nivaflex-Material, sondern den Werkstoff Bioflex.

Die Eigenschaften?

Wir sind nicht die ersten, die das Material verwenden, aber in diesen Stückzahlen sind wir es schon, denke ich. Wir hatten im Zusammenhang mit der 110-er Familie schon einmal über Bioflex diskutiert, aber eigentlich keine nennenswerten Vorteile entdeckt. Beim 400 sehen die Dinge anders aus.

Wodurch unterscheidet sich die Bioflex-Zugfeder? Durch die Legierung des Federmaterials?

Die Legierung ist anders, ja. Also, Bioflex hat nichts mit biologisch oder nachhaltig zu tun. Der Name kommt ganz einfach aus der Medizinanwendung. Es handelt sich um eine lange bekannte Legierung, die aus Deutschland und der Medizinbranche kommt.

Die Federn bieten einen anderen Drehmomentverlauf?

Ja. Die Drehmomentverlaufskurve wird noch flacher. Und das hilft.

Wie lange verläuft die Kurve relativ flach?

Ein wenig mehr als vier Tage. Unserer Messkriterium im Dauerlauf ist, dass das Datum auch nach fünf Tagen noch schalten muss.

Dann haben Sie wirklich eine stabile Drehmomentkurve.

Aber das Vorgehen der Lösungsfindung und der Dimensionierung der Federn war komplett anders als beim Kaliber 110.

Sie müssen ja auch stets den Lagerdruck im Räderwerk beachten.

Genau. Das ist ein wesentlicher Faktor. Aus dem Pflichtenheft heraus starteten wir mit den Dimensionen des Werks, Durchmesser und Höhe. Da war es relativ naheliegend, mit zwei Federhäusern zu arbeiten.

Parallel oder in Serie?

In Serie. Dann entsteht eine sehr lange Feder. Gepaart mit dem Material kann sich das Ergebnis sehr gut sehen lassen.

Und die Federhäuser sind über ein Differential gekoppelt …

 Ja, so in dieser Art.

Und dann auch vorbereitet für eine Gangreserveanzeige …

Vielleicht. Irgendwann wird auf jeden Fall noch mehr kommen. So ist das Kaliber 400 ausgelegt.

Die Standardversion besitzt eine direkte Zentralsekunde, denke ich. Lässt sich auch eine kleine Sekunde realisieren?

Wir haben beides schon realisiert. Das aktuelle Kaliber 400 hat die Sekunde im Zentrum. Direkt angetrieben.

Und das Datum ist halb springend?

Sie sagen es.

Ein wichtiger Aspekt sind ja die amagnetischen Eigenschaften.

Technisch gesehen sicher. Vom Gesamtpaket, das wir dem Kunden bieten, ist das ein Element von dreien. Die hohe Gangautonomie ist eines, die amagnetischen Eigenschaften das zweite und zehn Jahre Garantie das Dritte.

 Zehn Jahre Garantie ist eine Menge.

Das motiviert sicherlich manche Kunden, sich diese Armbanduhr zu kaufen. Diese lange Garantie resultiert aus der gesamten Konstruktionsarbeit, von der Grundkonzeption bis zur Auslegung jeder einzelnen Komponente.

Zehn Jahre bietet momentan niemand bei einem Serien-Uhrwerk.

Das ist so, ja. Und wir verlängern ja auch die Serviceintervalle auf zehn Jahre. Wir sagen, am besten ist es, das Werk ins Gehäuse einzubauen und zehn Jahre in Ruhe laufen zu lassen.

Sie haben sicher auch an der Hemmung gearbeitet. Die konsumiert einen großen Teil der verfügbaren Energie.

Ja, so ist es. Aber der Magnetismus spielte auch eine Rolle. Wir haben unendlich viele Konfigurationen getestet und uns bei der Hemmung schließlich für leichtes und vollkommen amagnetisches Silizium für den Anker und das Hemmungsrad entschieden

Oris Calibre 400 bestehen Anker und Ankerrad aus leichtem und völlig amagnetischem Silizium

Beim Oris Calibre 400 bestehen Anker und Ankerrad aus leichtem und völlig amagnetischem Silizium. Extrem glatte Oberflächen erübrigen eine Schmierung. Ein Beitrag zur Verlängerung der Serviceintervalle auf zehn Jahre.

In Sachen Magnetismus ist es ja mit der Hemmung nicht getan.

 Ja. Alles beginnt mit der Konstruktion und dort bereits mit der Materialwahl außerhalb des Assortiments. Und dann kommt natürlich auch das Assortiment selber. Im Kaliber 400 sind etwa 30 Komponenten, die Steine, Platine und Brücken nicht mitgezählt, aus nicht magnetischem Material. Aus verschiedenen Metallen, Kupferlegierung natürlich, aber auch Spezial…

 Nickel?

Ja, hat es auch. Und speziell eine Legierung, die in der Zerspanung sehr, sehr unbeliebt ist.

Titan auch?

Titan nein, haben wir nicht. Aber Phynox, eine Legierung mit sehr guten Eigenschaften, die aber in der Zerspanung sehr, sehr mühsam ist …

Für die Hemmung verwenden Sie Silizium, weil es total amagnetisch ist …

Silizium war in Bezug auf Magnetismus reine Nebensache. Unser Hauptfokus richtete sich darauf, dass wir das Werk schlussendlich möglichst gut, mit möglichst geringem Aufwand durch die Montage und Reglage durchbringen wollen. Da müssen wir nichts nachjustieren. Und das merken wir jetzt auch beim Hochfahren der Produktion.

Und die Spiralen …

… sind aus Metall. Aber wir fertigen die Achsen von Anker, Hemmungsrad und Unruh aus nicht magnetischem Material.

Für den Rotor verwenden Sie ein Gleit- und kein Kugellager. Wie viel Schock hält das aus?

Wir haben fünf oder sechs Mal nacheinander mit 5000 G getestet. Völlig problemlos.

Darf ich fragen, welche Vorteile Sie jetzt im Gleitlager sehen gegenüber einem Kugellager?

Hier kommen wir zu jenen Aspekten, welche schlussendlich zu zehn Jahren Garantie führen. Unsere Service-Erfahrungen lehren, dass die häufigsten Probleme, warum eine Uhr zu Reparatur kommt aus den Umkehrrädern und dem Kugellager resultieren.

Daher zieht das Kaliber 400 nur einseitig auf …

… ja, das erspart die Umkehrräder. Und wir haben kein Kugellager. Letzteres neigt zum Blockieren. Ein zweiter wichtiger Leitfaden war die gesamte Kraftübertragung. Wir haben die zwei Federhäuser und agieren mit möglichst kleinem Drehmoment. Komponente für Komponente haben wir sehr detailliert konstruiert und für die Räder eine spezielle Verzahnung gewählt. Am Ende erreichten wir beim Kaliber 400 einen Gesamtwirkungsgrad von 85 Prozent. Das ist sehr viel, denn der Standard liegt bei 70. Und der Verschleiß tendiert bei diesem Uhrwerk gegen null. Und das ermöglicht die lange Garantie.

Wie viele Teile brauchen Sie für ein Kaliber 400?

Da gibt es verschiedene Zahlen, je nachdem wie Sie zählen. Für die Assemblage braucht es 67.

Aber da zählen Sie auch Baugruppen …

Bei diesen 67 hat es schon über 20 Schrauben. Wenn ich die Zahl der einzelnen Komponenten nehme, die entweder direkt in die Endmontage gehen oder in die Vormontage, sind wir schon bei 93. Und wenn wir noch die Steine zählen, dazu die Stifte und so weiter, kommen wir auf 135.

Für ein Automatikwerk ist das immer noch wenig.

Stimmt

Ich sage immer, was nicht da ist, kann nicht kaputt gehen.

Eben. Wir haben kein Kugellager, wir haben keine Umkehrräder. Aber bei diesen 135 hat es immer noch die eine oder andere als Ganzes zugelieferte Baugruppe dabei. Wenn wir die auch noch zerlegen würden, dann landen wir vielleicht bei etwa 150 Teilen.

Haben Sie das Pflichtenheft gemeinsam entwickelt?

Wir haben aus technischer Sicht begonnen und einen ersten Entwurf erstellt, was wir gern machen würden. Das Ganze haben wir mit der Geschäftsleitung auch aus der Marketingsicht durchleuchtet. Was macht Sinn? Weil es keine Kopie eines SW 200 werden sollte, wählten wir den größeren Durchmesser. Das Werk passt bis zu 38 Millimeter Gehäusedurchmesser und gestattet designtechnisch ideale vernünftige Proportionen. Natürlich spielten die Kosten auch eine große Rolle. Schritt für Schritt für Schritt haben wir dann das grüne Licht erhalten.

Beat Fischli, nach dem Kaliber 110 eine ganz andere Herausforderung, würde ich meinen..

Die Herausforderung bei der Konzeption eines komplett neuen Werks besteht nicht nur darin, eine Liste von Funktionen zu erstellen, um dann nach Lösungen dafür zu suchen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, ein Werk zu bauen, das im gesamten Zeitraum, den Sie als Service-Intervall angeben, konstant und zuverlässig funktioniert.

Etwa 1.000 Euro mehr als ein Pendant mit dem Sellita SW 200 finde ich persönlich sehr akzeptabel. Vor allem auch mit Blick auf zehn Jahre Garantie und Serviceintervalle. Das muss man ja auch einbeziehen. Ein Kundendienst, den man nach fünf Jahren eigentlich machen sollte, kostet schätzungsweise 300 Euro. Also rechnen sich die Mehrkosten über kurz oder lang.

Der Rest ist Freude.

Vor allem für Menschen, die Spaß haben an derart Exklusivem. Ein Kaliber 400 ist halt doch etwas anderes als ein weit verbreitetes und unzähligen Marken verbautes SW 200.

Sellita erhebt einen ganz anderen Anspruch. Eta ebenfalls. Das sind solide Motoren mit guter Qualität und Zuverlässigkeit zu einem ansprechenden Preis. Wie bei vielem im Leben, bei der Restaurantwahl, bei der Auswahl des Autos mit welcher Motorisierung und welcher Ausstattung. Will ich Grundbedürfnisse befriedigen oder den Liebhaber ansprechen? Das ist einfach etwas anderes. 

Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

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