Armbanduhren und die Sekunde

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts startete die langsame aber stetige Entwicklung der Armbanduhr zum Volks-Zeitmesser. Frühe, oftmals mit einfachem Zylinderwerk ausgestattete Exemplare, welche sich hauptsächlich an technisch weniger interessierte Frauen wandten, besaßen nicht nur keine kleine Sekunde, sondern hatten oft überhaupt keinen Sekundenzeiger.

Omega Schmuck-Armbanduhr von 1925

Aus den Roaring Twenties stammt diese Schmuck-Armbanduhr von Omega. Einen Sekundenzeiger besitzt sie nicht. Warum auch? Beim zarten Geschlecht kam es in der Regel nicht auf die Sekunde an.

Kleine Sekunde

Eine kleine Sekunde und signifikante Nähe zur Taschenuhr zeigt dieses Modell der Audemars Piguet & Louis Brandt Armbanduhr mit Minutenrepetition des Jahres 1892

Für viele Fachhändler war das ihrer Überzeugung nach auch gar nicht nötig. Die Vorliebe für Armbanduhren betrachteten sie eher als Verirrung des weiblichen Geschmacks. Schließlich dominierten zu Beginn des Jahrhunderts noch die Taschenuhren und das Handgelenk wurde ob seiner exponierten Position als unpassendster Ort zur Befestigung einer Uhr angesehen.
Das Übel mangelnder Ganggenauigkeit sei für die auf dem Gebiet der Unpünktlichkeit dominierenden Frauen auch nicht sehr groß, so lautete die irrige Meinung, deshalb müssten Frauen die Uhrzeit ohnehin nicht sekundengenau ablesen können.

Krankenschwester Armbanduhr Gruen Duo Dial von circa 1930 (Bild Uhrenkosmos)

Armbanduhren mit Sekundenzeiger für berufstätige Frauen: Oben anonym mit Zylinderwerk und Zentralsekunde für Krankenschwestern zum Messen des Pulsschlags, ca. 1915. Unten eine Gruen Duo-Dial mit Baguettewerk und großem kleinen Sekundenzeiger in der unteren Hälfte des Zifferblatts. Letztere wandte sich auch an Krankenschwestern oder Ärztinnen.

Weil Frauen im Alltag jedoch konkreten Bedarf an einer Sekundenanzeige hatten, gab es gegen 1915 auch schon Damen-Armbanduhren mit Zentralsekunde. Adressatinnen waren z.B. Krankenschwestern, welche mit Hilfe des Sekundenzeigers die Pulsfrequenz ihrer Patienten feststellten.

Rolex Chronometer mit kleiner Sekunde von 1914

Rolex Chronometer mit kleiner Sekunde und amtlichem Genauigkeitszertifikat, 1914

Zu den frühen Protagonisten der Präzisions-Armbanduhr zählte zweifellos Hans Wilsdorf. Eine kleine Sekunde war für den Rolex-Gründer daher ein Muss. Ab den 1930-er Jahren gehörte sie zumindest bei Herrenarmbanduhren zum guten Ton. Und zwar aus zwei Gründen: Einmal gestattete der Sekundenzeiger die Überprüfung der Ganggenauigkeit. Zum anderen diente er als unübersehbare Funktionskontrolle. Seine unentwegte Rotation überzeugten auch Skeptiker. 

Glycine EMSA Automatik mit zentraler Sekunde von 1931

1931 lancierte Glycine diese patentierte Automatik-Armbanduhr mit Zentralsekunde. Als Basis diente ein Handaufzugswerk

kleine Sekunde

In jener Epoche spielten rechteckige Gehäuse mit Formwerk und kleiner Sekunde die überragende Rolle. Manche Fabrikanten offerierten aber auch schon Armbanduhren mit Zentralsekunde.

Kleine Sekunde Uhren von Doxa

Doxa Jubiläumskatalog 1939: Kleine Sekunde und rechteckige Armbanduhren geben den Ton an

Nachdem es noch keine speziell konstruierten Uhrwerke mit Zentralsekunde gab, verlangte die mittige Anzeige nach zusätzlichem Aufwand. Ähnlich der horizontalen Räderkupplung beim Chronographen leitete ein Rädersatz die Kraft ins Zifferblatt-Zentrum. Wie auch beim Stopper bewirkte eine kleine Friktionsfeder möglichst ruckfreie und gleichförmige Drehbewegungen.

Patek Philippe Ref 579 mit kleiner Sekunde und zentraler Sekunde

Auf Umwegen zur Zentralsekunde: Im Auftrag von Patek Philippe stattete Victorin Piguet das Manufaktur-Handaufzugskaliber 12'''-120 mit einem Zusatzmechanismus für die indirekt angetriebene Zentralsekunde aus. Er ähnelt einer Chronographenkupplung.

Zentrale Sekunde

Zunehmende Beliebtheit führte dazu, dass ab Mitte der 1930-er Jahre mehr und mehr Werkehesteller ihre Basiskaliber mit kleiner Sekunde mit einer indirekten Zentralsekunde ausstatteten. Logischer Weise kostete der Antrieb außerhalb des eigentlichen Kraftflusses Kraft. Das wiederum beeinträchtigte sie Unruh-Amplitude und den Isochronismus.

Eta Handaufzugskaliber 960 - 961 kleine oder zentrale Sekunde aus dem Jahr 1942

Kamen 1942 auf den Markt: die Eta Handaufzugskaliber 960 mit kleiner und 961 mit indirekter Zentralsekunde

Zu Beginn der 1940-er Jahre beschäftigten sich die Konstrukteure daher verstärkt auch mit direkt angetriebener Zentralsekunde. 

Eta Kaliber mit zentraler Sekunde

Bahnbrechend: Kaliberfamilie Eta 1080 mit direkt angetriebener Zentralsekunde

Zukunftsweisende Kaliberfamilie der Eta

In Gestalt des Handaufzugskalibers 1080 präsentierte der Rohwerkefabrikant Eta 1944 ein wegweisendes  Uhrwerk. Seine Bedeutung für die Produktpalette unterstreichen die 22-jährige Produktionsdauer und und die immense Menge von knapp sechs Millionen Exemplaren der Kaliberfamilie, zu der u.a. auch das größere 1081 und Versionen mit anhalt- aber nicht nullstellbarem Sekundenzeiger gehörten. Durch Addition einer beidseitig wirkenden Schwingmasse entstand 1950 die 5,9 mm hohe Version 1256 Etarotor

Doxa mit direkt angetriebener Zentralsekunde des ETA Kalibers 1147 aus dem Jahr 1947

Doxa Armbanduhr mit direkt angetriebener Zentralsekunde, circa 1947. Mit 38 Millimetern besitzt das Stahlgehäuse für damalige Verhältnisse beachtliche Dimensionen. Wegen des mittig drehenden Sekundenzeigers fallen nur 26,6 mm Werksdurchmesser des vom Kaliber 1080 abgeleiteten 1147 nicht auf. Eine Stoßsicherung besitzt dieses Uhrwerk noch nicht.

Doxa Armbanduhr Kaliber Eta 1080

Diese Doxa Armbanduhr von etwa 1950 besitzt ein 33 Millimeter großes Doublégehäuse. Ihr Handaufzugskaliber 1080 mit direkter Zentralsekunde verfügt bereits über eine Incabloc-Stoßsicherung.

Mit früheren Handaufzugswerken hatte das von Heinrich Stamm und seinem Team völlig neu konstruierte Eta 1080 nur noch wenig gemein. Die üblichen Brücken und Kloben suchte man vergebens. An ihre Stelle trat rückwärtig ein signifikanter dreieckiger Räderwerkskloben. Ferner montierten die Uhrmacher unter dem Zifferblatt einen Minutenrad-Kloben.
Der Antrieb des Minutenrads direkt vom Federhaus und die gleichfalls direkt angesteuerte Zentralsekunde entwickelten sich in den 1950-er Jahren quasi zum Standard. Beim ansonsten baugleichen Kaliber 1081 wuchs der Durchmesser von 23,3 auf 26,6 Millimeter. Auf dem gleichen Konstruktionsprinzip basierte beispielsweise die 1945 lancierte Kaliberfamilie 1100 mit 26,6 Millimetern Durchmesser.

Kaliberfamilie Eta 1100 1945 - 1967

1945 stellte Eta die größere, konstruktiv aber vom 1080 abgeleitete Kaliberfamilie 1100 vor. Vom Handaufzugskaliber Eta 1100 entstanden bis 1962 insgesamt 1.596.690 Exemplare.

Automatikkaliber Eta 1256 1950 bis 1960 scaled

Auf dem extrem erfolgreichen Handaufzugskaliber Eta 1080 basiert auch die Automatikversion Eta 1256 mit direkt angetriebener Zentralsekunde. Die Produktion währte von 1950 bis 1960. Im laufe dieser Zeitspanne entstanden 1.350.731 Exemplare.

Die Ausstattung mit 17, 19 oder 21 funktionalen Steinen, die Art des Rückermechanismus und die Dekoration des Uhrwerks definierten die jeweiligen Eta-Kunden.  

Zentraler Sekundenzeiger der Fludo Armbanduhr Kaliber 1081

Fludo Armbanduhr mit anhaltbarer Zentralsekunde, Kaliber 1081 Stop, ca. 1952

Im dritten und letzten Teil dieser Geschichte geht es um aktuelle Automatik-Armbanduhren mit Eta-/Sellita-Kalibern und kleiner Sekunde.