Uhrenkosmos blickt zurück auf die Marke Glycine und die Geschichte des automatischem Aufzugs
Wo der Hammer schwingt

Völlig zurecht gelten die 1920-er und 1930-er Jahre als Pionierära der Automatik-Armbanduhr. Das Kaliber 35 der Manufaktur Glycine verkörperte eine ganz besondere, weil modulare Konstruktion.

Wo der Hammer schwingt

Die Glycine Automatic E.M.S.A. debütierte im Jahr 1931

Der Selbstaufzug fasst Fuß

Die neue Automatik-Armbanduhr mit der Zifferblatt-Signatur „Glycine“ hinterließ Eindruck. Entsprechend die Resonanz in der Fachpresse. „Es wäre voreilig, behaupten zu wollen, dass die Reihe der Konstruktionen von Armbanduhren mit Rüttelaufzug jetzt ihren Abschluss gefunden hätte. Die Konstrukteure sind nun einmal im Zuge, und was zur Zeit A. L. Breguets noch eine vielbestaunte Spezialausführung war und, 75 Jahre später, von A. v. Löhr ohne besonders nachhaltigen Erfolg wieder einzuführen versucht worden ist, scheint heute zum unentbehrlichen Bestandteil jeder Armbanduhr werden zu wollen“. Diese Zeilen, verfasst von einem gewissen M. L., sind auf Seite 97 der deutschen Fachzeitschrift Uhrmacher-Woche vom Juli 1932 nachzulesen.

Woher stammte diese Marke?  Sie wurde am 20. Mai 1914 von Eugène Meylan in Biel die Uhrenfabrik La Glycine aus der Taufe gehoben. Mit dem Erwerb der Chronomuri S.A. im Jahr 1930 nimmt dann die Biographie dieses absolut außergewöhnlichen Uhrwerks ihren Anfang. 1931 erfolgten die Übertragung der Selbstaufzugs-Patente sowie die Umbenennung in „Automatic E.M.S.A.“. Die vier Buchstaben standen für die in La Chaux-de-Fonds beheimatete Eugène Meylan S.A. Erst vier Jahre später, also 1935 wanderten die Patente zu La Glycine.

Trennung angesagt

Im Gegensatz beispielsweise zu Leroy und Harwood, welche den Automatic-Selbstaufzug weitgehend ins eigentliche Uhrwerk integriert hatten, zeichnete sich das Glycine Automatikkaliber 35 durch strikte Trennung aus. Mit wenigen Handgriffen lässt sich das ringförmige Aufzugsmodul (Durchmesser 26 mm, Höhe 5,7 mm) vom 19,4 mm großen und 3,55 mm hoch bauenden Basis-Handaufzugskaliber 18 abnehmen. Wie damals noch allgemein üblich, besorgt eine Pendelschwungmasse das Spannen der Zugfeder. Pufferfedern begrenzen die seitliche Auslenkung des Hammers. Eine Schaltklinke und ein Reduktionsgetriebe übertragen die Bewegungsenergie einer Bewegungsrichtung auf die Zugfeder. Dem Abreißen des Energiespeichers durch Überspannung wirkt eine ausgeklügelte Entkopplungsmechanik entgegen. Nach Vollaufzug pendelt die Schwungmasse so lange wirkungslos weiter, bis das Drehmoment der Feder unter einen definierten Wert gesunken ist. Jede Bewegung über den gesamten verfügbaren Drehwinkel dreht die Federwelle um 1/90 weiter.

Lob für die Effizienz der Glycine

Infolge der hohen Aufzugseffizienz reichen schon wenige Bewegungen des Handgelenks zum Anlaufen der daran befestigten Uhr aus. Die konventionell in der rechten Gehäuseflanke angeordnete Krone dient daher nur der Zeigerstellung. Als Glycine 1931 der Öffentlichkeit seine Automatic mit kleiner Sekunde bei „6“ präsentierte, stieß das neuartige Prinzip auf durchweg positive Resonanz.

Lob erfuhren Funktionssicherheit, Servicefreundlichkeit sowie die sorgfältige uhrmacherische Ausführung des Uhrwerks. Erhältlich war ein breites Spektrum unterschiedlicher Gehäusematerialien und -formen wie rund, tonneau- sowie kissenförmig. „Allem Anschein nach dürfte diese Armbanduhr vielen Anklang finden“, prophezeite Herr M. L. Und irgendwie sollte er auch Recht behalten. Für damalige Verhältnisse hielt sich die Glycine Automatic erstaunlich lange am Markt. Die Uhrwerke waren graviert mit „Automatic E.M.S.A.“ „Glycine Automatic E.M.S.A.“ und lediglich „Glycine“. Neben der Version mit kleinem Sekundenzeiger gab es auch eine Ausführung mit Zentralsekunde.

Prädikat sammelwürdig

Just in jenem Jahr 1932, als besagter Artikel erschien, stellte Rolex den unbegrenzt drehenden Aufzugsrotor vor. Und genau dieser verkörperte jenes Bessere, welches bekanntlich des Guten erbitterter Feind ist. Gleichwohl oder gerade deswegen ist diese Glycine Automatic für Sammler interessant. Mit etwas Glück bekommt man ein gut erhaltenes und funktionsfähiges Exemplar schon für 500 Euro.

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