Seit Generationen pflegt Patek Philippe die Hohen Handwerkskünste
Schönheit mit Skalpell, Pinsel oder Gravierstichel

Patek Philippe schreibt Tradition und Handwerkskunst groß. Guillochen, Gravuren, Emailarbeiten und Marketerie machen Uhren zu exklusiven Sammelobjekten. Der Präsident Thierry Stern spricht über selten gewordene Handwerkskünste bei Patek Philippe

Schönheit mit Skalpell, Pinsel oder Gravierstichel

Patek Philippe Präsident Thierry Stern

Uhrenkosmos: Wer hatte die Idee, die Hohen Handwerkskünste im Hause Patek Philippe wieder zu beleben?

Thierry Stern: Niemand, denn bei Patek Philippe haben wir die Handwerkskünste immer gepflegt. Wir mussten sie also nicht wiederbeleben. Für uns war die Pflege der traditionellen Handwerkskünste immer etwas Schönes und sehr Wichtiges. Mein Großvater hat mir seine Taschenuhr mit Emailmalerei gezeigt. Wir haben über Suzanne Rohr gesprochen, denn die war immer da, so lange ich mich zurückerinnern kann. In meinen Augen muss sie 300 Jahre alt sein. Genau genommen arbeitet sie seit mehr als fünfzig Jahren exklusiv für Patek Philippe,

Lief die Pflege der Hohen Handwerkskünste immer auf gleich hohem Niveau?

Nein, denn ich muss zugeben, es gab auch recht schwierige Jahre. Ich persönlich habe das nicht so mitbekommen, weil ich noch zu jung war. Aber der Wille war immer da, und die Produktion lief weiter. Das habe ich von meinem Vater und Großvater gehört.

Aber die Pflege die Hohen Handwerkskünste haben zwischenzeitlich eine bemerkenswerte Dynamik entwickelt. War denn früher schon Marketerie ein Thema?

Nein, eigentlich nicht. Wir haben vielleicht einige Uhrenetuis produziert. Aber bei Uhren gab es keine Marketerie. Bitte bedenken Sie, dass Patek Philippe viel kleiner war, wir nur einige wenige Email-Uhren gefertigt haben. Inzwischen sind wir gewachsen, und da können wir entsprechend mehr machen. Speziell auf dem Gebiet der Emailkunst haben wir junge Leute ausgebildet. Aber darüber hinaus pflegen wir ja auch das Guillochieren, die Gravur, das Steinesetzen und so weiter. Wir haben im Zuge des Wachstums sehr viel Energie auch auf diese verschiedenen Metiers verwendet.

Welche Kunden kaufen diese Uhren? Gehören die zum Kreis der typischen Patek Philippe Klientel?

Die meisten sind echte Patek Philippe Kunden. Viele davon sind Sammler. Es gibt aber dann noch eine andere Klientel. Ein Kunde mag zum Beispiel Löwen und er hat eine Taschenuhr mit einem Löwen gesehen. Der kommt dann vielleicht ins Geschäft und sagt, dass er zwar keine Patek besitzt, aber eben eine Passion für Löwen hat und deshalb möchte er diese Uhr kaufen. Ein anderer sagt, er sei noch jung, würde aber gerne eine Sammlung beginnen und besäße ein Faible für Email. Und der kauft sich dann eine unserer Emailuhren. Letzteres erleben wir seit einigen Jahren immer öfter. Leute sagen, dass sie die Marke Patek Philippe, die Nautilus und die feinen Uhrwerke kennen, aber eben etwas Einzigartiges und deswegen eine Emailuhr kaufen wollen. Solche Menschen wissen dann alles über Email. Sie haben sich im Internet oder in Büchern informiert. Das sind keine Uhrenkenner an sich, aber eben Liebhaber unserer seltenen Handwerkskünste. Das finde ich sehr schön. Diese Menschen sind oft jung, bringen aber sehr viel Verständnis dafür mit, wie schwer es ist, solche Uhren herzustellen. Möglicherweise werden diese Kunden eines Tages große Sammler sein. Also zusammenfassend: Es ist nicht immer der gleiche Menschentyp, der sich für diese Produkte begeistert.

Aus welchen Ländern kommen diese Kunden?

Die kommen mittlerweile aus der ganzen Welt. Früher war das anders, denn da gab es noch kein Internet, wo man sich umfassend informieren konnte. Heute ist es so, dass die Baselworld um neun Uhr öffnet und eine Minute nach neun weiß die ganze Welt, was wir Neues bieten.

Wie viele Berufe vereinigen Sie denn unter dem Dach von Patek Philippe?

Um ganz genau zu sein: Es sind 57. Wir sprechen aber nicht nur über Uhrmacher, denn ein Uhrmacher alleine kann keine Uhr herstellen. Unsere Philosophie besteht auch nicht darin, auf allen Gebieten nur die allerbesten zu beschäftigen. Ich will nicht, dass ein Mitarbeiter sein Wissen und Können für sich allein behält. Wer bei uns arbeitet, muss seine Erfahrungen weitergeben, denn auch er hat es irgendwann von jemand gelernt.

Gibt es solche sehr speziellen Leute bei ihnen?

(Lacht) Nein, denn die sind alle weg. Das sind vielleicht wirklich die Besten ihres Fachs gewesen, aber sie passen eben nicht zu uns.

Für uns ist es immer wichtig, nur wenige Exemplare anzufertigen, denn das steigert die Begehrlichkeit.

Thierry Stern

Präsident, Patek Philippe

Bei Minutenrepetitionen beispielsweise entscheiden Sie persönlich, welcher Kunde kaufen darf und welche nicht. Gibt es ähnliches bei den Rare Handcraft Uhren?

Also, das Ganze läuft in etwa so ab: Während der Baselworld kommen die Konzessionäre mit Wunschlisten zu uns was die Kunden gerne kaufen würden. Die nehmen wir entgegen. Nach Basel setzen sich meine Frau Sandrine, Jérôme Pernici und ich uns zusammen. Weil die Nachfrage unser Angebot übersteigt, schauen wir uns die ganzen Bestellungen genau an und entscheiden von Fall zu Fall. Wer im Jahr zuvor etwas bekommen hat, geht dann womöglich leer aus, denn es gibt zu viele Bewerber für diese Uhren. Wir versuchen, Kunden rund um den Globus glücklich zu machen. Und das ist mitunter sehr kompliziert. Wir haben etwa 2.000 Anfragen für rund 150 Rare-Handcraft-Uhren. Wir haben im April 2018 drei Abende in London, Paris und Genf. Da kommen unsere besten Kunden. Und die wollen ja auch etwas bestellen. Einer von zehn wird sich dann freuen können. Aber es gibt gar keine Regel, wie wir vorgehen und entscheiden. Was zählt sind Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit.

Was hier während der Ausstellung gezeigt wird, ist also noch gar nicht vergeben.

Nein, bis auf zwei Uhren. Eine geht zu einem unserer Händler in Österreich, der mir sagte, dass er das Original des abgebildeten Motivs besitzen würde und deshalb diese Taschenuhr möchte. Unter diesen Umständen habe ich dann zugestimmt.

Und die zweite?

Ein Kunde hat eine Patek gekauft, die Probleme bereitete. Als Kompensation sozusagen kann er nun eine Rare-Handcraft-Uhr erwerben.

Zum Jubiläum der Ellipse haben sie ein Modell mit graviertem und emailliertem Zifferblatt gemacht. Warum gibt es da nur so wenige Exemplare. Sie könnten doch sicher viel mehr davon verkaufen.

Für uns ist es immer wichtig, nur wenige Exemplare anzufertigen, denn das steigert die Begehrlichkeit. Die Ellipse nimmt in unserer Kollektion nur einen bescheidenen Rang ein. Zwei Prozent, nicht mehr. Andere Marken aus großen Konzernen würden sie aus der Kollektion nehmen. Das tun wir nicht. Bei diesem Modell habe ich entschieden, dass wir nur wenige Exemplare machen, denn das ist in meinen Augen die richtige Menge. Von meinem Vater und meinem Großvater habe ich gelernt, dass man mit Gefühl an die Dinge herangehen muss. Und dass man eben nicht zu viele Uhren produzieren darf. Man könnte natürlich mehr verkaufen, aber es ist für uns besser, weniger zu produzieren. Ich habe sehr viele Ideen für neue Uhren.

Ist die Zahl der von Ihnen beschäftigten Berufsgruppen im Laufe der Jahre gewachsen?

Die 57 Berufsgruppen waren bei Patek Philippe vor und nach der Krise in den 1970er-Jahren da. Und sie haben gearbeitet. Ein gutes Beispiel ist unsere Dom Pendulette. Wenn ich zurückdenke, wir hatten einmal 85 Stück auf Lager. Die sind drei Jahre lang bei uns in den Schränken gestanden, niemand wollte sie haben. Und dann waren die guten Stücke plötzlich innerhalb eines Jahres weg. Heute müssen die Kunden auf solche Rare-Handcraft-Uhren lange warten.

Wie viele Leute beschäftigen sie bei Patek Philippe mit den Rare Handcraft Produkten?

Das waren in guten wie in schlechten Zeiten immer zehn bis zwölf Leute. An dieser Zahl haben wir nie gerüttelt, denn uns ging es darum, das Knowhow im Hause zu behalten. Wir haben mit den Hohen Handwerkskünsten zeitweise Geld, aber nie Knowhow eingebüßt.

Die Leute kommen zu uns oder arbeiten für uns, weil wir die beste Qualität bei den Werken, Zifferblättern und Gehäusen bieten.

Thierry Stern

Präsident, Patek Philippe

Müssen Sie sich wegen der Handwerkskünstler in Zukunft Sorgen machen. Sterben die großen Könner irgendwann aus?

Zum Glück nicht, denn es gibt sehr viel begabte junge Leute, die wir aus- und weiterbilden können. Oft steigt die Tochter oder der Sohn in die Fußstapfen eines Elternteils. Das freut mich immer besonders. Vor zehn Jahren hatte ich manchmal etwas Bedenken. Was wird geschehen, wenn uns dieser oder jener verlässt? Aber die sind total verflogen. Es kommen immer begabte Leute nach. Man muss sich nur Zeit nehmen, um diese Menschen auszubilden und zu trainieren. Angst ist unbegründet. Wenn der beste Uhrmacher geht, kommt ein anderer, der seine Position einnimmt. So ist der Lauf der Dinge.

Patek Philippe hat den Vorteil eines weltweit überragenden Rufs. Da tut man sich definitiv leichter, als wenn es sich um eine unbekannte Marke handelt.

Da gebe ich Ihnen Recht. Die Leute kommen zu uns oder arbeiten für uns, weil wir die beste Qualität bei den Werken, Zifferblättern und Gehäusen bieten. Aber wir achten auch sehr genau und streng auf die Beibehaltung dieser Qualität. Ich bin mir sicher, dass Suzanne Rohr es ablehnen würde, für eine andere Marke Emailarbeiten anzufertigen. So verlockend kann das Angebot gar nicht sein.

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