Richemont SA im Geschäftsjahr 2020

Wer die Namen A. Lange & Söhne, Baume & Mercier, IWC, Jaeger-LeCoultre, Panerai, Roger Dubuis oder Vacheron Constantin hört, denkt beinahe automatisch an Armbanduhren, Luxusmarken und den Richemont Konzern. Cartier sowie Van Cleef & Arpels zählen intern in erster Linie als Schmuckmarken, obwohl sie auch Uhren herstellen und verkaufen. Mit Schmuck verknüpfen spontan viele auch die Marke Piaget. Dort dominieren jedoch die Uhren, weswegen dieses Mitglied des Richemont-Konzerns zu den spezialisierten Uhrenmarken zählt.

Richemont Konzern

Das Markenportfolio der Richemont SA im Jahr 2021

Richemont Konzern

Bei der börsennotierten Richemont SA endet das Geschäftsjahr traditionsgemäß am 31. März. Für den Ende Mai publizierten Geschäftsbericht 2020 verkündete man einen stattlichen Gesamtumsatz von 14,238 Milliarden Euro. Das sind acht Prozent mehr als die 13,989 Milliarden Euro im Vor-Corona-Jahr 2019.

Bei den spezialisierten Uhrenmarken gingen die Erlöse um vier Prozent von 2,980 Milliarden Euro auf 2,859 Milliarden Euro zurück. Demgegenüber legten die drei Schmuck-Maisons Buccellati, Cartier sowie Van Cleef & Arpels sogar um drei Prozent von 7,038 auf 7,217 Milliarden Euro zu. Mit anderen Worten: Dieses schmucke Trio trägt rund 52 Prozent zum Konzernumsatz bei, während es die spezialisierten Uhrenmarken lediglich auf ein Fünftel des Umsatzanteils bringen.

Finanzergebnis Richemont-Konzern 2020

Richemont SA Geschäftsjahr 2020/21 - Überblick

Richemont führt die sinkenden Umsätze unter anderen auf Sars-CoV-2 und auch die teils politische bedingten Probleme des einstmals wichtigsten Uhrenmarkts Hongkong zurück. Niedrigere Erlöse, ein höherer Goldpreis, ein stärkerer Schweizerfranken teilweise abgefedert durch einen höheren Dollarkurs und strikte Kostenkontrolle ließen das operative Ergebnis dieses Geschäftsbereichs auf nur noch 304 Millionen Euro sinken.
Die operative Marge sank bei den Uhren um 220 Basispunkte auf 10,6 Prozent. Demgegenüber konnte Schmuck trotz des Sinkens um 270 Basispunkt eine beachtliche Marge von 28,8 Prozent vorweisen. Folglich spielt das Thema Uhren im Richemont-Konzern in puncto Umsatz und Marge nur noch eine eher untergeordnete Rolle.
Vergleich Umsatz Uhren versus Schmuck Richemont-Konzern 2020

Richemont SA Geschäftsbericht 2020/21: Schmuckmaisons vs Uhrenmaisons

Wie die nachfolgenden Tabellen zeigen, schnitt das Geschäft der Uhrenmarken im Lauf der vergangenen fünf Geschäftsjahren Jahre von 2015/16 bis 2020/21 insgesamt merklich schlechter ab als jenes der drei Schmuckmaisons des Richemont-Konzerns.
Umsatz Richemont Uhrenmarken 2016 bis 2020

Umsatzentwicklung der Richemont Uhrenmarken von 2016/17 bis 2020/21 (C) Uhrenkosmos

Umsatz Schmuck bei Richemont

Umsatz der drei Richemont Schmuckmaisons 2016/17 - 2020/21 (C) Uhrenkosmos

Bemerkenswert ist freilich auch die Tatsache, dass Rolex zusammen mit der deutlich kleineren Tochter Tudor schätzungsweise mehr Luxusuhren-Umsatz generiert als Richemont oder die Swatch Group mit allen ihren verschiedenen Marken zusammen.

Uhrenverkaeufe Richemont und Top Marken Schweiz 2020

Uhrenverkäufe Richemont und andere Schweizer Top-Marken im Jahr 2020 (Zahlen geschätzt)

Richemont 2020/2021

Mitte 2020 sorgten dann einerseits hohe Gehälter und Bonuszahlungen in der höchsten Führungsebene des Richemont-Konzerns und das Verlangen nach coronabedingter Mäßigung bei den normalen Beschäftigten für einige Schlagzeilen in der Presse. Für die 6 Top-Mitarbeiter im Konzern kletterte ihr Einkommen in Summe um ein Drittel von 30 auf 41 Millionen. Hingegen mussten einfachere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Kürzungen bis zu 50 Prozent hinnehmen. Von wem auch immer veranlasst, musste Richemont Personalchefin Sophie Guieysse hierfür die Verantwortung übernehmen und ihren Hut nehmen.

Aktienkurs von Richemont SA

Seit Mitte 2021 nur Richtung oben: der Aktienkurs der Richemont SA

Ungeachtet dessen und aller Sars-Cov-2-Probleme hat sich der Preis für Richemont Aktien seit Oktober 2020 fast verdoppelt. Der Wert des Unternehmens ist auf etwa 50 Milliarden Euro geklettert. Diese positive Entwicklung verdankt das von Johann Rupert als Chairman geleitete Unternehmen weniger seinen Uhrenspezialisten, als Cartier und Van Cleef & Arpels. Speziell in China und den USA erfreuen sich die beiden Schmuckgrößen nach einer pandemiebedingten Kaufzurückhaltung einer rasant steigenden Nachfrage.
Johann Rupert Richemont Konzern

Johann Rupert kann sich über den steigenden Aktienkurs der Richemont SA nur freuen

Am Uhrensektor bemängeln Branchenkenner schon seit längerem die geringe Dynamik eines Teils der auf dieses Metier spezialisierten Marken. Wer sich die Entwicklung der Schweizer Luxusuhrenindustrie während der vergangenen Jahre ansieht, erkennt beständiges Absinken der Marktanteile. Böse Zungen in der Branche behaupten sogar, dass es etlichen Technikern und Uhrmachern in der Gruppe an Innovationsfähigkeit, Produktkreativität und Risikobereitschaft mangele.

Beredtes Beispiel ist etwa das Zukunftsthema Silizium. Den Versuch, das Automatikkaliber BM 12-1917 mit einer Silizium-Unruhspirale auszustatten, musste Baume & Mercier schon nach kurzer Zeit aus rechtlichen Gründen wieder aufgeben.

Baume & Mercier Clifton Baumatic

Nur kurz am Markt: Baume & Mercier Clifton Baumatic mit dem exklusiven Twinspir-Kaliber BM 12-1975

Nachdem sich die Produkte besagter Richemont-Marken speziell in China weiterhin sehr gut verlaufen, stechen die Probleme in der Konzernzentrale noch nicht so gravierend ins Auge.
Den erfolgreichen Richemont-Uhrenmaisons tut es sehr weh, dass sie von anderen mit schlechter Leistung so nach unten gezogen werden und sie diese ständig mitschleppen müssen.
ungenannter Richemont-Insider

Oder doch, wie die jüngste Personalie verdeutlicht? Obwohl die Richemont SA als börsennotiertes Unternehmen kursrelevante Änderungen publizieren müsste, wurde die Demission von Chabi Nouri nach fünf Jahren am Ruder von Piaget bislang nicht offiziell kommuniziert. Auch intern hab es nur eine kurze Mitteilung über diesen Wechsel.
Chabi Nouri

Seit 1. Juni 2021 nicht mehr Piaget-CEO: Chabi Nouri

Ans Tageslicht kam die Angelegenheit durch einen Bericht des französischen Portals Miss Tweed, welches sich seinerseits auf eine interne Note der Richemont-Gruppe berufen hat.

2016 hatte die ehemalige Marketingchefin den langjährig tätigen Philippe-Léopold Metzger als CEO abgelöst. Wenig später nahm Catherine Alix-Renier die Spitzenposition bei Jaeger-LeCoultre ein. Beide Damen verdankten ihren Aufstieg letzten Endes Chairman Johann Rupert, der im Jahr 2016 unüberhörbar verkündet hatte, dass er „weniger graue Männer und weniger graue Franzosen“ in Führungspositionen seines Imperiums sehen wolle.

Superflach - Piaget Altiplano

Piaget Altiplano, 2010, Kaliber 1208P

flach - Bulgari Octo Finissimo Tourbillon

Bulgari Octo Finissimo Tourbillon Automatic, 2018, Foto GLB

Konkretes über die Entlassungsgründe ist nicht zu erfahren. Wahrscheinlich werden solche auch in Zukunft nicht genannt. Gemunkelt wird eine Halbierung des Piaget-Umsatzes von ehemals schätzungsweise 700 Millionen Schweizerfranken.

Aus der rein persönlichen Sicht von Uhrenkosmos hat Piaget jedoch wichtige Aspekte der eigenen Uhrentradition sträflich vernachlässigt. Die konsequente Pflege und Weiterentwicklung des Ultraflachen war ein unbestrittenes Verdienst Philippe-Leopold Metzgers. Wer die Entwicklungszeiten komplexer mechanischer Uhrwerke kennt, weiß sehr genau, dass die erreichten Weltrekorde auf das Konto des vorherigen COEs gehen.

Philippe Leopold Metzger

Vor Chabi Nouri CEO bei Piaget: Philippe Léopold Metzger pflegte und entwickelte das Thema ultraflache Uhrwerke weiter.

Allerdings blickte auch Metzger stark nach Osten und auf das margenstärkere schmückende Element durch die Bestückung der Uhren mit Edelsteinen. So kam, was kommen musste. Mit der ultrafachen Octo Finissimo-Linie übernahm Bulgari innerhalb weniger Jahre die Führung. Fortan avancierte das Mitglied der LVMH-Gruppe auf breiter Front zum Synonym für Ultraflach.

Dem konnte Piaget selbst mit einer Extremleistung wie Altiplano Ultimate nichts entgegensetzen. Sinnvoll wäre es gewesen, die Linie Piaget Polo S in Sachen flacher Innenleben weiterzuentwickeln und mit dem nötigen Marketingaufwand gegen die Bulgari Octo Finissimo antreten zu lassen. Allerdings wurde in der jüngeren Vergangenheit den Rückfragen, mitunter auch Bedenken vieler fachlich versierten Autoren wenig Beachtung geschenkt.

Weltrekorde im flachen Uhrenbau einiger Bulgari Octo Finissimo Modelle

Mit sieben Flachheits-Weltrekorden stahl Bulgari auf diesem Gebiet dem Richemont-Mitglied Piaget die Show

Natürlich trug auch die Corona-Pandemie ihren Teil zum Rückgang der Umsätze bei. Andererseits gibt es innerhalb der Richemont-Uhrengruppe durchaus engagierte und ambitionierte Manufakturen, die ihre Erlöse selbst im schwierigen Jahr 2020 gegenüber 2019 deutlich steigern konnten. Diese Marken zeichnen sich jedoch weniger durch kurzfristige Umsatzsprünge aus. Stattdessen setzen diese Marken verstärkt auf den Faktor Kontinuität und die Generierung eines verlässlichen Kundenkreises. 
Jérôme Lambert

Jérôme Lambert, hier in seiner Zeit als Montblanc CEO

Dem Vernehmen nach soll Chabi Nouri künftig Richemont-Konzernchef Jérôme Lambert als „strategische Beraterin” zur Seite stehen.

Ob es sich bei ihrem Nachfolger Benjamin Comar nur um einen der grauen Franzosen handelt, oder einen Macher, der Piaget in eine andere Richtung lenkt, wird sich zeigen. Vielleicht war sein Wechsel von der LVMH-Gruppe, wo er die hochpreisige Schmuckmarke Repossi geleitet hatte, zu Richemont von längerer Hand vorbereitet. Jedenfalls ist Comar dort schon im Herbst vergangenen Jahres ausgeschieden.
Vor dem italienischen Schmucklabel war Comar für Chanel tätig. In Genf und La Côte-aux-Fées wird der neue Mann an der Spitze seine Visionen und Kreativität recht schnell unter Beweis stellen müssen. Es bleibt also spannend, was mit Piaget passieren wird.

Benjamin Comar

Benjamin Comar, hier noch bei Chanel

Weitere personelle Maßnahmen im Hause Richemont sind derzeit noch nicht bekannt. Aber es ist davon auszugehen, dass Johann Rupert und Jérôme Lambert mit dem sich seit längerem angedeuteten Wechsel von Chabi Nouri zu Benjamin Comar nur den Anfang machten. Der Sommer 2021 dauert noch eine Weile und es könnte durchaus sein, dass im Falle von Umsatz-Misstönen weitere Musiker im Richemont Konzern-Orchester über kurz oder lang ihr Instrument am Ausgang des Konzertsaals abgeben müssen