Sinnvoller Kauf

Bevor wir auf den neuen Minerva Montblanc 1858 Monopusher Chronograph Origins schauen wollen, muss man sich in den Herbst des Jahres 2006 zurückversetzen: Der auf uhrmacherischen Luxus spezialisierte Richemont-Konzern nimmt die kleine, traditionsreiche Uhrenmanufaktur Minerva in seine Reihen auf. Die Branche zeigt sich überrascht. Neben dem Namen samt seiner 148-jährigen Geschichte gehen auch die Rechte an allen Kalibern, ein bemerkenswerter Fundus an Uhrwerken im Rohzustand, eine markante Immobilie im Jurastädtchen Villeret, Maschinen, Werkzeuge und ein reichhaltiges Ersatzteillager an die Gruppe.

Der Kauf macht natürlich Sinn, denn kein Mitglied der Richemont-Markenfamilie verfügt über eine derart hohe, weil jahrzehntelang angesammelte und sorgsam gepflegte Kompetenz auf dem Sektor mechanischer Manufaktur-Chronographen.

Wie es sich für passionierte Uhrmacher gehört, hatten die konservativen Eigentümerfamilien ihr einschlägiges Know-how von einer Generation an die nächste weitergereicht. Und ihre Nachfahren kümmerten sich um die behutsame Weiterentwicklung. Revolutionen spielten sich von 1789 bis 1799 in Frankreich oder 1848/1849 in Deutschland ab, niemals jedoch bei der Minerva. Umwälzenden Ereignissen konnte man in Villeret noch nie etwas abgewinnen. Evolution lautete die Devise.

Nicht zuletzt deshalb durften sich die Chronographen-Kaliber des Hauses Minerva über Jahrzehnte hinweg bewähren. Wer eine Uhr mit dieser Signatur kaufte, tat dies weniger aus einer Augenblickslaune heraus, sondern stets im Bewusstsein, dieses und kein anderes Produkt zu wollen. Aus den in säuberlicher Handschrift abgefassten Archivbüchern geht eine veritable Stammklientel hervor. Übrigens bezogen auch konkurrierende Marken Rohwerke aus Villeret, weil sie diese gar nicht oder zumindest selbst nicht besser machen konnten.

Rund 150 Jahre in Villeret

Relativ schnell beschrieben ist die ursprüngliche Intention der 1858 von Charles-Yvan und Hippolyte Robert in Villeret gegründeten Unternehmung: Zusammenbau von Uhrwerken der Ébauchesfabrik Fontainemelon, kurz FHF genannt. 1878 traten Charles und Georges Robert in die Fußstapfen der ersten Generation. Nachdem sich 1885 auch noch Yvan Robert hinzugesellt hatte, war das Leitungstrio komplett. Das 1887 eingeführte Markenzeichen, die V-förmig angeordneten sowie durch einen Pfeil getrennten Buchstaben RF und V stand für Robert Frères Villeret.

Brueder Robert 1909 in Villeret

Wohlstand durch Uhrenproduktion: die drei Brüder Robert 1909 in Villeret

Besagtes brüderliche Trio beschäftigten sich ab dem frühen 20. Jahrhundert auch mit der Produktion von Manufaktur-Kalibern für Taschenuhren. Den Anfang machten das 18-linige Nr. 1 mit Zylinderhemmung, hergestellt bis 1941, sowie das in 18 oder 19 Linien erhältliche Kaliber Nr. 2 mit Schweizer Ankerhemmung.

1903 folgte das 19-linige Kaliber Nr. 3, welches sich durch sehr gepflegte Ausführung auszeichnete. 1909 präsentierten die Brüder Robert ihr erstes Chronographenkaliber 19/9CH.

Dessen Größe und 6,70 mm Bauhöhe erwiesen sich Anfang der 1930-er Jahre als nicht mehr unbedingt zeitgemäß. In seine Fußstapfen trat daher ab 1931 zunehmend das nur noch 5,6 Millimeter hoch bauende Calibre 17/29.

Diese Entwicklung des Uhrentechnikers Jacques Pelot bildete die Grundlage für jene 2,26 Millimeter kleineren Chronographenkaliber MB M16.29 und MB M 16.31 (Rattrapante), welche Minerva natürlich in optimierter und verfeinerter Ausführung bis zum heutigen Tag produziert.

Minerva, Name der Schutzgöttin des Ackerbaus, der Handwerkskünste und der Wissenschaften, gelangte 1923 erstmals auf die Zifferblätter. Da nämlich erfolgte die Umbenennung in Fabrique Minerva Robert Frères S.A. Im gleichen Jahr gelangten auch Armbanduhren mit dem kleineren Chronographenkaliber 13-20 CH auf den Markt.

Eingebunden in die Entwicklung das von Jacques Pelot konzipierte Uhrwerk mit rund 29 Millimetern Durchmesser war der einschlägig erfahrene und mit Minerva befreundete Spezialist Dubois-Dépraz aus dem Vallée de Joux. Seine Produktion währte zunächst einmal bis in die 1960-er Jahre. Inzwischen feiert die Kreation im Montblanc-Minerva-Kaliber MB M13.21 sein Comeback.

Geschickter Schachzug

In den frühen 1930-er Jahren bedingte die Weltwirtschaftskrise den Rückzug der Familie Robert. Fortan lenkten besagter Jacques Pelot und der Mechaniker Charles Haussener die Geschicke. Ihr erfolgreiches Wirken äußerte sich 1936 durch die die offizielle Zeitnahme bei den Olympischen Skiwettbewerben in Garmisch-Partenkirchen und weitere Kaliber aus eigener Manufaktur.

1940 trat der Uhreningenieur André Frey, ein Neffe von Jacques Pelot in die Geschäftsleitung ein. 2000 veräußerte die dritte Generation der Familie Frey Minerva an Emilio Gnutti. Weil sich der italienische Investor mit dem Kauf finanziell übernommen hatte, konnte Richemont die Traditionsmarke 2006 relativ günstig erwerben.

Die Entscheidung, wie es mit ihr weitergehen sollte, verlangte nach gründlicher Überlegung und Fingerspitzengefühl. Eine der Handlungsoptionen wäre die Integration als eigenständige Solistin ins Richemont-Orchester gewesen. Alternativen sahen Minerva im Rampenlicht eines synergetischen Partnerschaftsmodells mit einem der angestammten Richemont-Mitglieder.

Bei denen war die Begehrlichkeit allerdings nicht sonderlich hoch. Etablierte Manufakturen wie Jaeger-LeCoultre, Lange & Söhne, Vacheron Constantin oder Piaget brauchten aus technischer und historischer Sicht keine Minerva. Bei IWC und Panerai passte die Marke auch nicht zwangsläufig ins Konzept. Ganz anders sah es bei Montblanc aus. Hier verknüpfte sich mit Minerva unter anderem eine echte Aufwertung des Werkeportfolios, die Bewahrung überlieferter Handwerkskünste und eine Fortschreibung der eindrucksvollen Biographie.  

Mit seinen Boutiquen besaß Montblanc schon potenzielle Verkaufspunkte für Zeitmesser der obersten Liga. Sicher ist aber auch, dass wir beim Entscheidungsprozess, in den viel persönliches Herzblut pro Montblanc einfloss, zur Erkenntnis kamen, dass den Zuschlag eine Konzernmarke bekommen muss, für die Minerva das tollste emotionale Geschenk verkörpern würde, welches Richemont jemals gemacht hat. Nur bei Montblanc selbst hielt sich die spontane Freude eher in Grenzen. Unmittelbar begeistert zeigten sich nur einige. Aber der Appetit kommt bekanntlich mit dem Essen. Der Zuwachs an uhrmacherischem Profil überzeugte nach und nach auch die anfänglichen Skeptiker. Und irgendwann waren dann alle begeistert.

Norbert Platt, ehemaliger Richemont-CEO

Montblanc 1858 Monopusher Chronograph Origins

Aus dieser Begeisterung für die mittlerweile bestens integrierte und allseits akzeptierte Uhrenmarke Minerva, sozusagen das “Geschenk” des ehemaligen Richemont-CEO Norbert Platt, ist der neue Montblanc 1858 Monopusher Chronograph Origins Limited Edition 100 erwachsen. Er gehört zu den neuen Montblanc Modellen des Jahres 2021 und gelangt in einer Auflage von 100 Exemplaren auf den Markt.

Gestalterisches Vorbild ist eine 46 Millimeter große Stahl-Armbanduhr aus den 1930-er Jahren, seinerzeit ausgestattet mit dem opulenten Handaufzugskaliber 19/9CH. Das Original bot Piloten oder anderen Militärs zeitliche Orientierung und Hilfestellung zugleich.

Nachdem das einstige Handaufzugskaliber 19/9CH ausgelaufen ist, verbaut Montblanc in der gleich großen und 14,5 Millimeter hohen Bronzeschale das aus 252 Komponenten assemblierte Manufakturkaliber MB M 16.29. Sein Durchmesser beträgt 28,4, seine Bauhöhe 6,3 Millimeter. Stündlich vollzieht die 14,4 Millimeter messende Schraubenunruh mit beachtlichen 59 mgcm² Trägheitsmoment und die zugehörige Breguetspirale gemächliche 18.000 Halbschwingungen. Folglich lassen sich Zeitintervalle bis auf die Fünftelsekunde genau messen. Nach Vollaufzug stehen etwa 50 Stunden Gangautonomie zur Verfügung.

Montblanc-Minerva-Handaufzugskaliber-MB-M16.29-mit-tragenden-Teilen-aus-Neusilber.jpg

Die tragenden Teile des Uhrwerks mit konsekutiver Ein-Drücker-Steuerung für die Funktionen Start, Stopp und Nullstellung, klassischem Schaltrad und horizontaler Räderkupplung bestehen aus Neusilber. Durch einen Saphirglas-Sichtboden lassen sich traditionsreiche Mechanik und die uhrmacherische Sorgfalt bei ihrer Realisation bewundern.

Sozusagen als Hommage an überlieferte Taschenuhren verfügt die Bronzeschale über einen zusätzlichen Titan-Scharnierboden. Dem Handgelenk zugewandt ist eine dreidimensional wirkende Abbildung des Kopfes der Göttin Minerva.

Hierfür verwenden die Handwerker in Villeret Montblanc zunächst eine innovative Laser-Gravur. Laser erzeugt auch das anfangs einfarbige Finish. Schließlich führt lasergenerierte Oxidation zum gewünschten Farbeffekt.

Die Innenseite des massivem Klappbodens trägt die Inschrift  „Ré-édition du chronographe militaire Minerva des années 1930 doté d’un calibre fait main dans la pure tradition horlogére suisse”  (Neuauflage eines Minerva Militärchronographen aus den 1930-er Jahren, ausgestattet mit einem handgefertigten Kaliber nach Schweizer Uhrmachertradition).

Vor der Lieferung muss das bis drei bar wasserdichte Oeuvre den strengen Montblanc Labortest 500 durchlaufen und bestehen. 

Zu haben ist der eindrucksvolle Montblanc 1858 Monopusher Chronograph Origins Limited Edition 100 Referenz 128506 für 30.000 Euro.