Friedrich II grüßt bei Lang & Heyne

Lang & Heyne Friedrich II Remontoir – das Unikat Prototyp 00

Am 27./28. Mai 2022 versteigert Phillips in Hongkong den Prototyp 00 der Lang & Heyne Friedrich II Remontoir mit springender Sekunde und Emailzifferblatt. Was es mit dieser Armbanduhr auf sich hat, erläutert der Uhrenkosmos.

von | 15.05.2022

Aus Sachsen für die Welt

Die neueste Kreation aus Dresden-Radeberg heißt Lang & Heyne Friedrich II Remontoir. Wer sich ein wenig mit der Biographie und Philosophie des kleinen Uhr-Unternehmens beschäftigt hat weiß sehr genau, dass es seine Zeitmesser nach sächsischen Herrschern benennt. Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg hatte 1676 in Gotha auf Schloss Friedenstein das Licht der Welt erblickt.
Der den höfischen Prunk liebende Regent setzte sich selbst ein Denkmal durch den Bau des Schlosses Friedrichsthal in seiner Geburtsstadt. Weitere 100.000 Taler aus seinem Privatvermögen nutzte er zum Kauf der numismatischen Sammlung des Fürsten Anton Günther von Schwarzburg-Arnstadt. Der 1732 in Altenburg verstorbene Regent erwarb sich jedoch auch Anerkennung durch wohltätiges Handeln.

Remontoir heißt Aufzug

Etwas schwieriger gestalten sich die Dinge beim Begriff Remontoir. Übersetzt aus dem Uhrmacher-Französisch meint der Fachbegriff zunächst einmal nichts anderes als jenen Aufzug, der mechanischen Zeitmessern die fürs Ticken nötige Energie zuführt. Das kann bei stationären Zeitmessern durch das Anheben eines Gewichts geschehen oder bei tragbaren Uhren durch das Spannen der Zugfeder. So weit, so gut. Aber nun beginnen sich die Geister in gewisser Weise zu scheiden.

Das Spannen der Zugfeder kann unter anderem durch Betätigen eines Drückers, durch Drehen oder selbsttätig per Schwungmasse geschehen. Bei Uhrwerken gibt es den Remontoir en vue, was nichts anderes heißt als sichtbarer Aufzug. Bei ihm zeigen sich Sperr- und Kronrad beim Blick auf die Rückseite des Uhrwerks. Der Remontoir en demi-vue besagt, dass Sperr- und Kronrad unter einer rückwärtigen Brücke angeordnet sind. Des Weiteren kennen Uhrmacher den Remontoir auxiliaire. Dahinter verbirgt sich zum Beispiel bei Pendeluhren ein kleiner Hilfsaufzug mit Gegengesperr, welcher Stillstand beim Hochziehen des Gewichts verhindert.

Im Fall der neuen Lang & Heyne Friedrich II meint die Dresdner Uhrenmanufaktur dagegen einen Remontoir d’égalité oder Gleichmäßigkeitsaufzug. Selbiger wirkt dem Nachlassen des Zugfeder-Drehmoments im Laufe des verfügbaren Energiepotenzials entgegen. Mit seiner Hilfe soll am Steigrad zur Aufrechterhaltung einer tunlichst gleichförmigen Schwingungsamplitude des Gangreglers stets die gleiche Kraft zur Verfügung stehen. Uhrmacher sprechen auch vor einer Konstantkraft-Vorrichtung, die optimalem Isochronismus ungemein dienlich ist.

Manufakturkaliber VI-1

Im Fall 33 Millimeter großen und 4,9 Millimeter hoch bauenden Handaufzugskalibers VI-1 findet sich letztere direkt auf dem Ankerrad.

 

Nachdem die Unruh dieses Uhrwerks mit 2,5 Hertz oszilliert, bewegt sich der Sekundenzeiger in Fünftelsekundenschritten vorwärts. In diesem Sinne haben Chef-Konstrukteur Jens Schneider und sein Team eine technisch aufwändige Zusatz-Mechanik geschaffen, bei der eine Speicherfeder mit jeder Halbschwingung ein wenig mehr Energie in sich aufnimmt. Selbige gibt sie schrittweise so an die Hemmung ab, dass der kleine Sekundenzeiger analog zu einer Quarzuhr akkurate Sprünge vollzieht.

Nach gut 24 Stunden sollte die Haupt-Zugfeder des Uhrwerks mit Remontoir en vue manuell gespannt werden, was bei der sächsischen Qualitätsarbeit freilich mehr Lust als Last bereitet. Das ist freilich nur die eher konventionelle Seite exzellenter Dresdner Uhrmacherkunst. Progressiv präsentiert sich hingegen das Gestell dieses Kalibers.

Titan-Gestell

Erstmals finden für Platine, Brücken und Unruhkloben mittelhartes Titan Reinheitsgrad 2 Verwendung. Der leichte, aber hoch belastbare und sehr korrosionsbeständige Werkstoff konfrontierte die Handwerker mit sehr spezifischen Herausforderungen. Zum einen ging es darum, überlieferte Fertigkeiten und Methoden zu adaptieren und zweckentsprechend zu modifizieren. Der matte Glanz resultiert aus dem Sandstrahlen der Oberfläche mit Keramikperlen. Aufwändig mit Holz und Polierpaste polieren Spezialisten die Kanten.

 

Schlechtes Reibungsverhalten des Materials verlangt nach spezifischen Lagern. Jene für Federhaus und Aufzugswelle bestehen bei diesem Kaliber aus Bronze. Natürlich ist der Unruhkloben wie gewohnt manuell graviert. Eine Schwanenhals-Feinregulierung dient dem exakt dosierten Verstellen des Rückers. Er wirkt auf die aktive Länge der blauen Unruhspirale mit hoch gebogener Endkurve ein.

Lang und Heyne Friedrich II Remontoir Prototyp 00 Rueckseite

Blick durch den Sichtboden der Lang und Heyne Friedrich II Remontoir Prototyp 00 auf das Kaliber VI-1. Erkennbar sind drei verschraubte Chatons zur Lagerung der Getriebekette. Ein Diamant-Deckstein auf dem Lager der Unruhwelle ist Ehrensache.

Lang & Heyne Friedrich II Remontoir

Nur ein einziges Mal gibt es bei Lang & Heyne den Prototyp 00 mit zweiteiligem Emailzifferblatt. Eine neuartige Technologie gestattet hierbei das präzise Schneiden zweier hochglanzpolierter Emailscheiben, die auf einem Metallträger fixiert werden.

 

Da sich diese Scheiben nicht erneut brennen lassen, wurden sie mit hochwertigem Lack bedruckt. Von Hand mit Super-LumiNova ausgelegt ist die Indexierung. Handgefertigte Lanzen-Leuchtzeiger stellen die Stunden, Minuten und Sekunden dar.

Schutz bis zu drei bar Wasserdruck bietet ein 39,2 Millimeter messendes und 10,7 Millimeter hoch bauendes Sichtboden-Gehäuse aus Edelstahl. Am Handgelenk hält es ein eigens kreiertes stählernes Milanaise-Armband mit Schmetterlings-Faltschließe.Seine besondere Ausführung gestattet das richtige Einstellen der Länge.

Auf normalem Weg über den hiesigen Fachhandel lässt sich diese exklusive Armbanduhr nicht erwerben. Bei Phillips Auction gelangt das zusammen mit The Lavish Attic Hong Kong entwickelte Unikat des Protyp 00 am 27./28.05.2022 als Los 933 unter den Versteigerungs-Hammer.

 

Auf den Auktionspreis dieses Unikats darf man gespannt sein. Daran, dass er gut fünfstellig ein wird, bestehen aber seitens des Uhrenkosmos keine Zweifel.

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