Zifferblattausschnitt und sichtbare Unruh

Maurice Lacroix Gravity und die sichtbare Unruh

Nach Auffassung des amerikanischen Psychologen Robert Levine verkörpert das Ticken der mechanischen Uhr den Herzschlag menschlicher Kultur. So gesehen ist es logisch, dass es Uhrmachern immer wieder ein Anliegen war, jener Oszillationen vor Augen zu führen, welche die gleichförmig verstreichende Zeit in exakt definierte und damit zählbare Abschnitte unterteilt. Der Uhrenkosmos nimmt eine neue Version der Maurice Lacroix Gravity zum Anlass, der Geschichte der sichtbaren Unruh nachzuspüren.

von | 18.06.2021

Schwing- und Hemmungssystem nach vorne gedreht

Mit dem Lancement der Maurice Lacroix Gravity ging 2014 spontan eine Art déjà-vue-Erlebnis einher. Ähnliches, also Armbanduhren mit vorne wahrnehmbarem Schwing- und Hemmungssystem hatte die Uhrenwelt schon einmal gesehen und rückte nun wieder stärker ins Bewusstsein.

3 Uhren mit sichtbarer Unruh

Drei Musketiere mit sichtbarem Echappement: Breguet Classique La Tradition, 2005, Audemars Piguet Millenary 4401, 2011, und Maurice Lacroix Gravity, 2014

Zum Beispiel hatte das Swatch Group-Mitglied Breguet 2005 die hinsichtlich Ihres Designs rechtlich geschützte Breguet Classique La Tradition mit dem Handaufzugskaliber 507 DR1 an den Start gegangen. Im Jahr 2011 wiederum wurde die Audemars Piguet Millenary 4101 lanciert. Bei diesem querovalen Modell mit exzentrisch positioniertem Zeit-Zifferblatt oszilliert die sichtbare Unruh ebenfalls deutlich erkennbar auf der Vorderseite.

Maurice Lacrois Gravity am Handgelenk

Maurice Lacroix Masterpiece Gravity 2021, Referenz MP6118-SS001-115-1, 9.900 Euro

Maurice Lacroix Gravity

Diese mehr als nur gestalterischen Merkmale hatte Maurice Lacroix aufgegriffen und zur Baselworld des genannten Jahres in einer neuen Armbanduhr umgesetzt. 2021 bringt eine modifizierte Ausführung des Gravity Zeitmessers. Ihn beseelt weiterhin das Kaliber ML230.
Bei ihm handelte es sich um das 13. unter dem Dach entwickelte Uhrwerk. Für regelmäßigen Energienachschub sorgt ein Rotor-Selbstaufzug. Rund 50 Stunden Gangautonomie gewährleistet die voll gespannte Zugfeder. Aus leichtem, glattem und amagnetischem Silizium besteht wiederum die Hemmung, also das Duo aus Anker und Ankerrad. Die Unruh lässt das Unternehmen aus Glucydur fertigen. Bei der Unruhspirale handelt es sich um ein flaches Exemplar aus der thermisch stabilen Nivarox-Legierung. Die Regulierung des Gangs erfolgt mit Hilfe eines überlieferten Rückers durch Veränderung der aktiven Länge.

Maurice Lacroix Automatikkaliber ML230 Voder und Rueckseite

Maurice Lacroix Automatikkaliber ML230, Voder- und Rückseite

Infolge der Architektur des von Michel Vermot, seinem Team und der Haute Ecole Arc in Le Locle entwickelten Oeuvre präsentiert sich das komplette Schwing- und Hemmungssystem vor dem Auge des Betrachters. Stündlich sehr geruhsame 18.000 Halbschwingungen vollzieht dort der Gangregler.
Nachdem es sich um ein Werk mit klassischem Unruhschwinger handelt, wirkt es den negativen Auswirkungen der Schwerkraft in senkrechter Lage nicht kompensierend entgegen. Dazu bräuchte es bekanntlich ein Tourbillon. Insofern ist der Name Gravity in diesem Fall ein wenig verwirrend. Für ein Exemplar der Zeit-Mechanik braucht es 188 Komponenten.

Maurice Lacroix Gravity

43 Millimeter Stahlgehäuse: Maurice Lacroix Masterpiece Gravity

Die intendierte Sichtbarkeit der Unruh des Maurice Lacroix Masterpiece verlangte nach der Platzierung des Zeigerpaars für Stunden und Minuten sowie des zugehörigen Lack-Zifferblatts im oberen rechten Quadranten der 43 Millimeter großen Sichtboden-Schale aus Edelstahl. Separiert darunter rotiert die kleine Sekunde. Schutz gegen Wasser besteht bis zu fünf bar Druck, was ungefähr 50 Metern entspricht. Beidseitig entspiegelt ist das bombierte Saphirglas. Der Preis liegt bei 9.900 Euro. Das ist exakt so viel, wie diese Armbanduhr 2014 kostete.

Eine der frühesten Armbanduhren mit sichtbarer Unruh von Pierre Gregson von cira 1790

Womöglich die erste Armbanduhr mit vorne sichtbarer, diamantbesetzter Unruh: Armbanduhr mit sichtbarer Unruh, Pierre Gregson Paris, ca 1790

Sichtbare Unruh

Bei dieser Gelegenheit blickt der Uhrenkosmos noch kurz auf die Geschichte der Armbanduhr und dort speziell jener mit vorne sichtbarer Unruh. Sie reicht sehr viel länger zurück als viele glauben mögen. Schon im späten 18. Jahrhundert hatte  der französische Uhrmacher Pierre Gregson in Paris einen femininen Zeitmesser dieser Art fertiggestellt. Den schmückenden Charakter unterstrichen kleine Diamanten auf dem innerhalb eines kreisrunden Ausschnitts im Emailzifferblatt oszillierenden Gangregler.

Damenuhr des Uhrmachers Niello mit sichtbarer Unruh Zylinderhemmung von ca 1820

Unbekannt ist der Hersteller dieses Armbands mit integriertem Uhrwerk. Niello-Technik, Zylinderhemmung, ca. 1820

An die Ausgrabungen in Ägypten erinnerte gegen 1820 eine Damen-Armbanduhr mit Zylinderhemmung und ebenfalls von vorne sichtbare Unruh. In Mode kam dieser Typus Uhr für weibliche Handgelenke gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Genfer Spangen-Uhr mit sichtbarer Unruh von circa 1900

Genfer Spangen-Armbanduhr unbekannter Provenienz, um 1900, vorne sichtbare Unruh

Die zweifellos größte Verbreitung fanden sichtbare Gangregler zum Beginn des 20. Jahrhunderts in den so genannten Hebdomas-Uhren. Ein riesiges, die gesamte Werksrückseite überdeckendes Federhaus ermöglichte acht Tage Gangautonomie. Damit sich das Schwingen und Ticken der Unruh gut beobachten ließ, beanspruchte das Zifferblatt nur einen Teil der Vorderseite.

Ein erstes Konstruktionspatent für diese sehr beliebte und weit verbreitete Art Taschenuhr konnte Irénée Aubry entgegennehmen. Der Uhrmacher wirkte in Saignelégier, jener Ortschaft wo heute auch Maurice Lacroix zu Hause ist.

Patent der sichtbaren Unruh von Aubry und Graizely

Zwei Patente für Uhrwerke mit sichtbarem Schwing- und Hemmungsystem: Aubry 1889 und Graizely 1901

1901 erhielt Arthur Graizely das Patent für ein extraflaches Uhrwerk mit kleinem, konventionell angeordneten Federhaus und dichtbarem Echappement. Gegen 1913 erschienen erste Hebdomas-Modelle fürs Handgelenk auf der Bildfläche.

Hebdomas Uhren von Graizely & Co 1913 und Gintz Patent 1915 mit sichtbarer Unruh

Zwei Hebdomas Armbanduhren: links Graizely & Co., 1913, rechts Gintz Patent, 1915

In den 1930-er Jahren überraschte Girard-Perregaux die Damenwelt mit einer rechteckigen Armbanduhr. Beim Blick aufs Zifferblatt sah die Trägerin der Uhr zugleich auch den kleinen Gangregler und seine Halbschwingungen.

Vintage Uhr von Girard-Perregaux mit Zifferblattauschnitt aus den 30er Jahren

Ausdrücklich für Damen: rechteckige Armbanduhr mit sichtbarer Unruh von Girard-Perregaux, 1930-er Jahre

Obwohl wegen der schädlichen UV-Strahlung technisch nicht unbedingt sinnvoll, gehört es bei den ab 1986 seriell gefertigten Armband-Tourbillons zum guten Ton, das Drehgestell unübersehbar vor Augen zu führen. Während Patek Philippe und Omega ihren Drehgang in den 1940-er Jahren verbargen, präsentierte ihn die Uhrenmarke Lip Besançon bei einem Unikat mit 7¾ x 11-linigen Formwerk in einem großzügig bemessenen Zifferblattausschnitt. Als Audemars Piguet 1986 das weltweit erste Serien-Tourbillon fürs Handgelenk auf den Markt brachte, war das Drehgestell natürlich zu sehen. Dem schlossen sich nahezu alle Marken an, die in den folgenden Jahren Armbanduhren mit dieser Komplikation vorstellten.

Armband-Tourbillons von Lip Besancon und Audemars Piguet

Armband-Tourbillons von Lip, Besancon, 1940-er Jahre, und Audemars Piguet, 1986

Zurück zu normalen Unruhschwingern. Irgendwann in den 1960-er Jahren stellte Luxor die Referenz 752 mit Handaufzugswerk vor. Erhältlich war sie unter anderem mit der Signatur Brilux oder Beyer Zürich.

Luxor Armbanduhr, Handaufzug und sichtbare Unruh, Referenz 572, Versionen Beyer Zürich und Brilux, ca. 1965

Selten und daher auch schwer zu bekommen: Luxor Armbanduhr, Handaufzug und sichtbare Unruh, Referenz 572, Versionen Beyer Zürich und Brilux, ca. 1965

Auf der Suche nach Andersartigem entwickelten Peter C. Stas und Sellita-Chef Miguel Garcia in den frühen 1990-er Jahren die Idee, das beliebte Automatikkaliber Eta 2824 augenfällig zu modifizieren. Gucklöcher in Hauptplatine und Zifferblatt führten 1994 zum rechtlich nicht geschützten und daher rasch nachgeahmten Frédérique Constant-Bestseller Heart Beat.

sichtbare Unruh

Neuzeit-Pionier der sichtbaren Unruh: Frédérique Constant erste Heart Beat von 1994 und die Heart Beat Manufaktur. Handaufzugskaliber FC-910, 2004

Damit schließt sich der Kreis. 2004 trat das junge Genfer Unternehmen durch eine selbst entwickelte Heart Beat ins Stadium der Manufaktur. Auch ohne Tourbillon führt das Handaufzugskaliber FC-910 den Herzschlag der menschlichen Kultur vor Augen.

Zu den Manufakturen, die solches ebenfalls traditionsgemäß tun, gehört übrigens auch Greubel Forsey. Im Jahr 2016 sorgte dort die Armbanduhr Signature 1 für Aufsehen.

Greubel Forsey Signature 1 Video 

Die sichtbare Unruh fasziniert und das offene Zifferblat geben der Uhr eine sehr technische Optik. 

Greubel Forsey Armbanduhren mit Einblick

Armbanduhren mit Einblick: Greubel Forsey kann eine ganze Menge davon vorweisen.

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