Exportzahlen der Uhrenindustrie im Zeichen des Corona-Virus

Der Corona-Virus geht der Uhrenindustrie an die Substanz

Krisen sind für die Schweizer Uhrenindustrie nichts Neues. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Jahrzehnte. Auf Durststrecken folgte bislang stets die Rückkehr zur Tagesordnung und ein erneuter Höhenflug. Aber die durch das Coronavirus ausgelöste Situation ist anders und wird die Welt stärker verändern, als es sich viele Zeit-Genossen vorstellen können.

Die Exporte der UHrenindustrie sind stark rückläufig

Die positive Stimmung ist definitiv verflogen und die Uhrenindustrie ist dank des Corona-Virus in eine veritable Krise geraten. Von einstigen Umsatzrekorden dürfte auf absehbare Zeit keine Rede mehr sein. Ganz im Gegenteil: Wenn die Uhren-Branche 2020 noch 75% ihrer Erlöse von 2019 erwirtschaftet, kann sie sich glücklich schätzen.
Im zurückliegenden Jahr 2019 erreichten die Schweizer Uhrenexporte noch einen Wert von 21,7 Milliarden Franken. Gegenüber 2018 entsprach das einer Steigerung von 2,4 Prozent. Dabei fiel das Wachstum im zweiten Halbjahr mit 3,2 Prozent mehr als doppelt so stark aus wie im ersten Semester, wo es bei 1,5 Prozent lag. Dunkle Wolken zogen jedoch schon im vierten Quartal über dem vermeintlich strahlend blauen Uhrenhimmel herauf. Infolge der politischen Verwerfungen in Hongkong und der damit verknüpften Exportrückgänge verlangsamte sich die Wachstumsrate im vierten Quartal auf lediglich 1,1 Prozent.

Vom Coronavirus war da noch keine Rede. Mittlerweile ist das anders. Sars-CoV-2 und die Angst vor einer Covid-19-Erkrankung haben die Welt fest im Würgegriff. Trotz der Shutdown-Lockerungen ist ein Ende der zerstörerischen Auswirkungen ist noch nicht einmal in Sicht.
Von Januar bis April 2020 reduzierte sich das Ausfuhrvolumen in die 30 wichtigsten Märkte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 25,9 Prozent von 6,392 auf nur noch 4,736 Milliarden Schweizerfranken. Weltweit ist ein Rückgang von 26,3 Prozent zu verzeichnen. Will heißen, die Industrie büßte Exporte in einer Größenordnung von 1,71 Milliarden Franken ein. Dabei ging es im Laufe der ersten vier Monate immer steiler bergab.

Im März 2020 hatten die Schweizer Uhrenexporte gegenüber dem Vormonat schon um mehr als 20 Prozent nachgegeben. Für April 2020 zeichnen die jüngst publizierten Zahlen ein wahrhaft düsteres Bild. Die Ausfuhren brachen um unfassbare 82,1 Prozent ein und wertmäßig verließen nur fertige Uhren für 299,3 Millionen Franken das Land.

Ein genauer Blick in die Statistik

Allerdings ist diese beängstigende Talfahrt primär auf Fabrikschließungen und Kurzarbeit in der Uhrenindustrie zurückzuführen. Was nicht produziert wird, lässt sich logischer Weise auch nicht verkaufen. Den Löwenanteil der mageren Exporte machten dabei Stahluhren aus. 219.300 ausgeführte Exemplare im Wert von 148,4 Millionen Franken bedeuten jedoch selbst bei Stahluhren ein Minus von 77 Prozent.
Mit einem Rückgang von 16,1 Prozent schlug sich der chinesische Markt noch am besten. Er absorbierte ein Drittel der ins Ausland verschickten Ware. Ein nachhaltiger Trend zum Besseren lässt sich daraus allerdings noch nicht ableiten. Niemand kennt die wirklichen Covid-Zahlen im Reich der Mitte. Sollte eine zweite Erkrankungswelle entstehen, dürfte sich diese sehr schnell in rückläufigen Zahlen niederschlagen. Vor allem ist völlig ungewiss, ob der chinesische Inlandsmarkt die Ausfälle im internationalen Tourismusgeschäft mittelfristig kompensieren kann.

Ein echtes Jammertal ist Hongkong als ehedem größter Uhrenimporteur. Dorthin flossen 2019 beachtliche 12.3 Prozent aller Schweizer Uhrenexporte. Übers Jahr reduzierten sich die Ausfuhren jedoch bereits um 11,4 Prozent auf 2,659 Milliarden Franken. 2020 kann sich zu einem echten Desaster auswachsen. Beim Coronavirus schlägt sich die ehemalige Kronkolonie zwar erstaunlich gut, Anlass zur Sorge bietet stattdessen die politische Situation mit den von der chinesischen Regierung erlassenen Sicherheitsgesetzen. Diese haben das Potential, dem Finanzplatz Hongkong echten langfristigen Schaden zuzufügen. Um 83,2 Prozent weniger Uhrenimporte im April lassen deshalb nichts Gutes ahnen. Noch schlechter steht Japan mit minus 85,9 Prozent da. Wirklich aufstöhnen lassen die Zahlen der von Sars-CoV-2 besonders hart getroffenen USA. Im vergangenen Jahr importierte der weltweit zweitgrößte Markt 11,1 Prozent aller Schweizer Uhr-Erzeugnisse. Das Wachstum lag dabei bei ausgezeichneteten 8,6 Prozent. Wegen der späten amerikanischen Reaktion auf das Coronavirus gingen die Exporte während der ersten vier Monate 2020 auch lediglich um 10,7 Prozent von 746 auf 666 Millionen Franken zurück. Nach dem heften Auftreten von Corona ergab sich dann im April ein Einbruch von beachtlichen 86,4 Prozent. Die Auswirkungen der Corona-Krise mit mehr als 40 Millionen Arbeitslosen und und wirtschaftlich ungewissen Aussichten lassen für die kommenden Monate nichts Gutes erwarten.
Der deutsche Markt importierte von Januar bis April insgesamt 29,1 Prozent Schweizer Uhren. Im zurückliegenden Monat April schrumpften die Einfuhren nach Deutschland jedoch auch um 82,1 Prozent

Gibt es für die Uhrenindustrie nach der Corona-Krise ein Zurück zur Normalität?

Nach der Öffnung fast aller Ladenlokale kann in deutschen Landen von wirklicher Aufbruchstimmung noch nicht die Rede sein. Interessierte Kunden kommen zwar. Aber viele suchen nach Aussagen eines bekannten Juweliers hauptsächlich die bereits vor der Krise kaum erhältlichen Zeitmesser der Marken Patek Philippe und Rolex. Und hier sind die Lagerbestände nach dem wochenlangen Produktionsstopp verständlicher Weise weiterhin gering bis nicht existent. Ein Vorteil des deutschen Marktes ist allerdings, auch das ist aus dem Handel zu vernehmen, besteht in vielen heimischen Kunden. Insofern lässt sich das Ausbleiben kaufwilliger Touristen im Gegensatz beispielsweise zum Nachbarland Schweiz etwas leichter verkraften.

Speziell in den touristisch attraktiven Regionen Luzern und Interlaken sieht es momentan reichlich düster aus. Zwar hält die heimische Kundschaft ihren Juwelieren auch hier weiterhin die Treue. Aber im Vergleich zu der Menge an Schweizer Uhren, die ausländische Besucher kaufen, ist das Verkaufsvolumen der Schweizer Kunden nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Offizielle Zahlen sind nicht bekannt, aber die Verkäufe in den beiden Tourismus-Hochburgen sind wegen des Ausbleibens asiatischer Besucher um schätzungsweise 85 bis 90 Prozent gesunken. Und daran wird sich womöglich so schnell nichts ändern, wie Jörg Baumann, seines Zeichens Marketingchef des unangefochtenen Juwelier-Marktführers Bucherer zu verstehen gibt: „Die internationalen Kunden, mit denen wir einen Großteil des Umsatzes machen, bleiben eventuell noch länger aus.“ Ob sich die missliche Situation mit Kurzarbeit überbrücken lässt, steht gegenwärtig in den Sternen. Mitbewerber Juwelier Gübelin, mit einem geschätzten Jahresumsatz von 250 Millionen Franken auch nicht gerade klein, hat sich etwa bereits von sieben Führungskräften getrennt, denn geringere Umsätze und schlankere Strukturen machen einige Positionen künftig entbehrlich.

Fakt ist, die Krise in der Uhrenindustrie ist da. Noch bleibt abzuwarten, ob die Arbeitslosenzahlen in der Schweizer Uhrenindustrie auf längere Sicht das extrem hohe Niveau der späten 1970-er Jahre erreichen wird. Indessen sprechen aktuell 6,3 Prozent Erwerbslose im Segment der Uhrenindustrie schon jetzt eine deutliche Sprache. Abgesehen von Gastronomie und Hotellerie verzeichnet in der Eidgenossenschaft kein anderer Wirtschaftszweig derart viele Beschäftigungslose. Dies ist jedoch nicht ungewöhnlich. Im Bereich der Luxusgüter und der Luxusindustrie sind Uhren seit jeher besonders krisenanfällig. Eine allgemeine Verunsicherung potenzieller Kunden und auch die Angst vor wirtschaftlichen Verwerfungen beeinträchtigt das Kaufinteresse schnell und deutlich.

Die internationalen Kunden, mit denen wir einen Großteil des Umsatzes machen, bleiben eventuell noch länger aus.

Jörg Baumann

Marketing Leitung, Bucherer 1888

Übertragen lassen sich die tristen Prognosen auch auf Frankreich, Italien und Spanien, wo ein maßgeblicher Teil der Fachgeschäfte stark von gut gelaunten und einkaufswilligen Urlaubsreisenden lebt. Wie viele Juweliere und Fachgeschäfte am Ende die Krise überleben, ist offen. und eine allgemeine Prognose zum Geschäft mit chronometrischem Luxus bleibt schwierig.

Niemand kann sagen, wann wir eine Normalisierung der wirtschaftlichen Aktivität erleben werden. Andere Volkswirtschaften werden es wahrscheinlich schwer haben, China nachzueifern. Wir könnten 12, 24 oder 36 Monate mit schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen vor uns haben.
Vielleicht ist das zu pessimistisch, aber wer weiß

Johann Rupert

Chairman, Richement SA

Dank des Corona-Virus wird für die Uhrenindustrie der Kunde noch mehr König

Natürlich werden sich die großen Marken auch künftig behaupten. Rolex und Patek Philippe können in gesicherter Position abwarten. Bei LVMH und Kering steuern Uhren ohnehin nur einen geringen Teil zu Gesamtumsatz bei. Gegenwärtig notiert der Aktienkurs von Richemont um ca. 30 Prozent niedriger. Hier wirkt jedoch der weniger anfällige Schmuckbereich kompensierend. Außerdem federn steigende Onlineverkäufe die Folgen ausbleibender Touristen und zeitweiliger Ladenschließungen ein wenig ab. Im kürzlich abgelaufenen Geschäftsjahr kletterten die Internet-Erlöse immerhin von 16 auf 19 Prozent des Gruppenumsatzes. Auf beiden Gebieten ist die nahezu vollständig vom Uhrengeschäft abhängige Swatch Group weniger gut aufgestellt. Seit Mitte 2018 hat sich der Aktienkurs von 498,10 Schweizerfranken auf unter 200 Schweizerfranken mehr als halbiert. Schuld sind unter anderem eine starker Fokus auf fernöstliche Märkte, der Umgang mit Eta-Kunden und auch das Fehlen einer zugkräftigen Smartwatch.

Es klingt hart, aber wie in der Textilindustrie werden sich Insolvenzen bei manchen Uhrenfabrikanten wohl nicht vermeiden lassen. Nicht alle der in den vergangenen Jahrzehnten wie Pilze aus dem Boden geschossenen Marken werden das missliche Geschehen und die wirtschaftliche Schlechtwetterphase überleben. Für die Protagonisten ist das traurig. Aber Geschäftsmodelle, die vorwiegend auf zahlungskräftige, mitunter aber auch recht unkritische Enthusiasten zielen, sind nicht unbdingt zukunftssicher.

Nicht wenige Luxus-Manager werden sich im Zuge der gegenwärtigen Uhrenkrise auch die Frage gefallen lassen müssen, ob es richtig war, angestammte Uhrenmärkte wie beispielsweise Europa zunehmend unter ferner liefen zu betrachten. An zahlungskräftigen Kunden mangelt es in Deutschland nicht. Aber das Interesse an Tourbillons in allen möglichen Schattierungen zum Beispiel hält sich hierzulange eben in Grenzen. Und gelegentlich gewinnt man als außenstehender Chronist den Eindruck, dass Produktverantwortliche in Ermangelung anderer Ideen letzten Endes doch wieder auf eine neue Tourbillon-Armbanduhr setzen. Nur,  ist es erforderlich, dass Marken, die vor zwanzig Jahren noch nicht wussten, wie man das Wort Tourbillon buchstabiert, heutzutage mindestens eines offerieren? Gewiss nicht!
Fraglich ist auch die Strategie mancher Hersteller im obersten Luxussegment, hauptsächlich die Liga der Highnetworth individuals (HNWI) anzupeilen und finanziell durchaus gut gestellte Uhrenliebhaber eher links liegen zu lassen.
Das Coronavirus wird die Uhrenindustrie und die uns umgebende Welt heute wie in naher Zukunft drastisch verändern. Seine Auswirkungen bleiben aller Voraussicht nach sogar für eine deutlich längere Zeit spürbar. Insofern scheint ein gerüttelt Maß an Demut gegenüber allen Kundinnen und Kunden angebracht. Nur wer für viele Kunden und Zielgruppen Uhren zu bieten hat, wird von entsprechend vielen Kunden als attraktives Angebot wahrgenommen werden.

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