Schweizer Uhrenindustrie Export in der Krise
Der Coronavirus hat die Uhrenindustrie befallen

Die Schweizer Uhrenindustrie leidet. Die Corona Krise hat ihre Spuren in den Januar-Februar-Zahlen hinterlassen. Asien und Afrika sind stark im Minus, Europa und Amerika hat die Krise noch vor sich. Wie tief werden die Spuren dieses Rückgangs sein?

Der Coronavirus hat die Uhrenindustrie befallen

Die Corona Krise hinterlässt ihre Spuren in den Januar-Februar-Zahlen. Asien und Afrika sind stark im Minus, Europa und Amerika hat die Krise erst vor sich. Wie tief werden die Spuren dieses Rückgangs sein?

deutliche ebenfallUhrenkrisen sind nichts Neues

Krisen gehören zur Uhrenindustrie, wie das Ticken zu einem mechanischen Uhrwerk. Und das nicht erst in diesen COVID-19-Tagen der Corona-Epidemie. Zu allem Übel gilt es überdies festzuhalten, dass es sich bei Luxusuhren um Objekte handelt, die streng genommen niemand braucht. In schwierigen Zeiten wie diesen kann man also leicht auf diesen Luxus verzichten. 

Rückblickenden Aufschluss gibt der Blick in die einschlägigen Archive:

Mächtig zu leiden hatte die eidgenössische Uhrenindustrie beispielsweise im Jahr 1876, als die erste Weltausstellung in Philadelphia zur so genannten „Amerikanischen Krise” führte. Damals musste die Uhr-Schweiz erleben, dass sie der jenseits des Großen Teichs praktizieren Präzisions-Massenfertigung kaum etwas entgegenzusetzen hatte.
In den 1930-er Jahren machte die schwere, durch den New Yorker Börsencrash aufgezeigte Weltwirtschaftskrise auch vor europäischen Produktionsstätten nicht Halt. Massiv sinkende Verkäufe und hohe Arbeitslosigkeit bestimmten das Geschehen.

Dann kam die hausgemachte Quarz-Krise der Uhren in den 1970-er Jahren. Anhaltende Mechanik-Erfolge hatten die Schweizer Uhrenfabrikanten träge und innovationsarm gemacht hatten. Der Glaube, dass an konventionellen Schweizer Uhren nichts vorbeiführe, bewirkte jenen Hochmut, der oftmals vor dem Fall kommt. Im unerschütterlichen Glauben an sich selbst vergaßen viele Unternehmer und Manager, dass die Konkurrenz niemals schläft. So trieben ausgeschlafene fernöstliche Mitbewerber schließlich viele Schweizer Hersteller mit preisgünstiger Elektronik in den Konkurs. Konnte die Schweizer Uhrenindustrie 1974 noch 91 Millionen Uhren und Werke exportieren, waren es im Jahr 1977 nur noch 70 Millionen Exemplare. Erst 1983 war mit 43 Millionen Stück die Talsohle erreicht. Der eidgenössische Weltmarkt-Anteil stürzte von stolzen 43 Prozent auf weniger als 15 Prozent ab. 

Zwischen diesen drei existenzgefährdenden Krisen ging es in chronometrischen Dingen auch sonst regelmäßig auf und ab. Im 21. Jahrhundert zeigte sich die Konjunkturanfälligkeit von Armbanduhr ebenfalls schon mehrfach. So lösten zum Beispiel die Lungenkrankheit SARS, die 9/11-Ereignisse in New York oder auch die Finanzkrise und der Zusammenbruch der Lehman-Brothers deutliche Verwerfungen im ökonomischen Gefüge aus.

Blick in die Statistiken

Ungeachtet der politischen Wirren auf dem wichtigen Markt in Hongkong konnten die vom Verband der Schweizer Uhrenindustrie (FHS) publizierten Statistiken Anfang 2020 noch ein erfolgreiches Uhrenjahr 2019 vermelden. Das gilt jedoch primär für die Umsätze und nicht für die Stückzahlen. Gegenüber dem ebenfalls schon erfolgreichen Jahr 2018 kletterten die Ausfuhren auf 21,7 Milliarden Schweizerfranken. Das entspricht einem Plus von 2,4 Prozent. Mit 3,2 % war das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte doppelt so hoch wie in den ersten sechs Monaten (+1,5%). Allerdings flachte sich die Wachstumsrate im vierten Quartal 2019 nicht zuletzt auch wegen der instabilen politischen Situation in der ehemaligen Kronkolonie mit lediglich 1,1 Prozent schon deutlich ab.
Ende 2019 zeichneten sich dann bereits das Gespenst des neuartigen Coronavirus und seine Auswirkungen im Reich der Mitte ab. Mit voller Wucht traf der anfangs vornehmlich in China grassierende SARS-CoV-2 die Schweizer Uhrenindustrie jedoch erst Anfang 2020: Ausgelöst durch das Schließen vieler Geschäfte stürzten die Exporte von 211,2 Millionen Franken (Dezember 2019) auf 161,2 im Januar und nur noch 73,3 Millionen Franken im Februar. Im zweiten Monat des Vorjahres hatte die Eidgenossenschaft noch Uhren im Wert von 151,2 Millionen Franken nach China ausgeführt. Die Zahlen für Hongkong: 211,2 Millionen Franken im November 2019. In den anschließenden Monate fielen sie auf 186,3, 185 und 142,6 Millionen Franken.
Ein Jahr zuvor, im Februar 2019 hatte Hongkong noch Produkte im Wert von 245,7 Millionen Franken importiert.
Glücklicherweise konnte die Schweizer Uhrenindustrie im Januar 2020 (1,790 Milliarden Schweizerfranken) gegenüber dem Vorjahresmonat (1,632 Milliarden) noch ein schönes Plus von 9,7% erzielen. Umso heftiger war der Absturz.

Umdenken ist angesagt

Bei der Präsentation des optimistisch stimmenden Jahresberichts 2019 sprach die FHS noch von einem kommenden Jahr „der Konsolidierung auf hoher Ebene“. Dass dem wohl nicht so sein wird, lassen die weltweiten Exportzahlen für den Monat Februar erahnen. Sie reduzierten sich um gut 160 Millionen von 1,759 auf 1,597 Milliarden Schweizerfranken. Im März 2020 ist es vermutlich noch deutlicher abwärts gegangen. Die Publikation entsprechender Zahlen erfolgt am 21. April.

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass der Rückgang ein massiver ist. So hat Rolex als unangefochtene Nummer Eins der Schweiz seine Uhrenproduktion zunächst einmal vom 17. bis 27.März 2020 ausgesetzt. Hublot und Patek Philippe sind dem guten Beispiel zum Wohle der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefolgt.

Apropos Patek Philippe: Distribution über die digitalen Kanäle waren hier bislang kein Thema. Geschlossene Fachgeschäfte und Umsatzdruck haben nun jedoch zu einem Umdenken geführt. Wer sich trotz der Krise noch eine schöne Uhr von Patek kaufen möchte, kann die bei Bucherer und Wempe erstmals im Internet kaufen. Zu ergänzen wäre allerdings, dass auch im Internetshop nicht alle Modelle erhältlich sind. Die Wartezeiten für manche Modelle lassen sich also so nicht umgehen.

Eine Abwärtsspirale

Weitaus spannender ist jedoch die Frage, wie sich die Dinge nach dem Zurückfahren der Ausgangsbeschränkungen gestalten werden. In Europa und den USA werden die überaus wichtigen China-Touristen wegen massiver Reise-Restriktionen wohl noch für längere Zeit, vielleicht sogar im ganzen Jahr 2020 ausbleiben. Profitieren könnten unter anderem Südkorea und Japan.
So oder so vertreten Analysten die Auffassung, dass der negative China-Effekt im Verlauf des aktuellen Jahres rund zwanzig Prozent betragen wird. Nach Schätzungen der Boston Consulting Group wird der globale Markt für persönliche Luxusgüter, zu denen neben Bekleidung, Handtaschen, Accessoires und Juwelen logischer Weise auch hochwertige Uhren gehören, 2020 um 20 bis 25 Prozent von 350 auf nur noch 260 bis 280 Milliarden Euro schrumpfen.
In seiner Funktion als leitender Analyst für die Luxusgüterbranche beim Schweizer Bankhaus Vontobel prophezeit René Weber folgendes: „Bereits im ersten Quartal dieses Jahres dürfte der Umsatz der Schweizer Uhrenindustrie um mehr als 30 Prozent sinken.“

Bereits im ersten Quartal dieses Jahres dürfte der Umsatz der Schweizer Uhrenindustrie um mehr als 30 Prozent sinken.

René Weber

Analyst, Bankhaus Vontobel

Ein Kampf ums Überleben

Die Großen und Mächtigen der Uhrenbranche, zu denen die großen Gruppen Kering, LVMH, Swatch und Richemont gehören, werden das verschmerzen. Deutlich problematischer ist die Situation allerdings bei kleinen, oft inhabergeführten Herstellern zu sehen. Thilo Mühle von Nautische Instrumente Mühle Glashütte etwa stellt sich die Frage, ob und wann die potenziellen Kunden angesichts drohender Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Inflation wieder Lust verspüren, sich eine neue Armbanduhr zuzulegen. Mit dieser Einschätzung dürfte der Geschäftsführer der Familienmanufaktur Mühle-Glashütte nicht allein stehen. Aber auch andere deutsche Hersteller wie etwa Nomos, Tutima, Junghans, Sinn oder Sattler werden sich fragen, ob sie mit ihrer Einschätzung der kommenden Monate richtig liegen und ob das Kapital reicht.

Frelich gibt es auch Anlass zur Hoffnung. So steht zu erwarten, dass spätestens nach der Entwicklung wirksamer Medikamente und Impfstoffe auch ein Nachholeffekt im Uhrenmarkt eintritt. Auf persönlichen Luxus kann man zwar grundsätzlich verzichten. Aber, und das hat die Vergangenheit bewiesen: Dauerhaft lässt sich die Liebe zu den schönen Dingen des Lebens nicht vollständig unterdrücken.

Uhrenmarkt im Wandel

Indessen wird die Komplexität des gegenwärtigen Uhrenmarktes auch nach einer Rückkehr zur Normalitäterhalten bleiben. Die Gründe hierfür sind vielfältig:
Schon seit längerem leidet die Schweiz unter der anhaltenden Stärke des Franken. Nicht verhehlen lassen sich des Weiteren die Auswirkungen eines stark wachsenden Gebrauchtuhrenmarktes. Als dritter Faktor gesellt sich das veränderte Konsumverhalten des Generation Y (1981 bis 1995) und Generation Z (ab 1995) hinzu. Damit verbunden sind starke Digitalisierung und steigendes Gesundheitsbewusstsein, welches die Verkäufe von Smartwatches dank einschlägiger Funktionen beschleunigte. In nur wenigen Jahren machte dies Apple zum dominierenden Produzenten von Smartwatches. Diese Vormacht ist so stark, dass das Verkaufsvolumen der Apple Uhren größer ist, als dies aller Schweizer Uhrenproduzenten zusammen. Ob sich dies in Folge der Produktionsausfälle in China ändert, wird sich im Laufe des Jahres 2020 zeigen. Zu erwarten ist es wohl eher nicht.

Die Stückzahlen sind unter Druck

Im Zuge dessen darf ein weiterer Aspekt keinesfalls in Vergessenheit geraten: Trotz steigender Umsätze sank die Stückzahl der 2019 aus der Schweiz exportieren Armbanduhren gegenüber dem Vorjahr um 3,1 Millionen oder minus 13,1 Prozent auf nur noch 20,6 Millionen Exemplare. Dies ist ein historisch niedriges Volumen und liegt sogar unter dem der Finanzkrise im Jahr 2009. Im bereits erwähnten Jahr hatten 21,7 Millionen Armbanduhren im Wert von 13,2 Milliarden Franken die eidgenössischen Fertigungsstätten verlassen. Das waren 17 Prozent weniger als im Jahr 2008. Selbst 1983, am Höhepunkt der Quarzkrise, war der Rückgang der Stückzahlen nicht so dramatisch.

Aus diesen Zahlen lässt sich andererseits unschwer errechnen, dass der Durchschnittspreis ab Fabrik deutlich gestiegen ist. Der Wertzuwachs um 2,4 Prozent auf 21,68 Milliarden Schweizerfranken ist vor allem der Ausfuhr von 90.000 mechanischen Armbanduhren mit einem Exportpreis von mehr als 3.000 Franken zu verdanken. Dabei dominierten Zeitmesser mit Edelmetall- oder Stahl-/Gold-Gehäusen.
Uhren mit Quarzwerken und stählernen Uhrengehäusen hatten hingegen das Nachsehen. Besonders betroffen war der Absatz preisgünstiger Armbanduhren mit einem Exportpreis von bis zu 200 Franken. Deren Ausfuhr war schon in den drei Jahren zuvor kontinuierlich zurückgegangen. 2019 betrug das Minus beachtliche 2,6 Millionen Stück.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Einzelhandels-Verkaufspreise in der Regel um den Faktor zwei bis drei höher liegen als die hier angegebenen Exportpreise!

 Niemals aufgeben

Aus diesen Zahlen könnte man den vorschnellen Schluss ziehen, dass die Schweiz auf dem Gebiet preisgünstiger Quarzuhren ihre Existenzberechtigung gegenüber der fernöstlichen Konkurrenz eingebüßt hat. Ganz so pessimistisch sollte man die Situation jedoch nicht sehen. Weitgehend automatisierte Präzisionsfertigung und hohe Produktivität können den lohnbedingten Standortnachteil durchaus kompensieren. Ähnliches gilt übrigens auch für deutsche Fabrikanten. Es wäre schlichtweg sträflich, dieses breite Marktsegment auf dem Altar edler Luxusarmbanduhren für eine zahlungskräftige Klientel zu opfern.

Bei der Vorstellung neuer Produkte halten sich die Luxusmarken derzeit übrigens zurück. Der Coronavirus beherrscht die Schlagzeilen. Auch die ambitionierten Genfer Uhrentage “Geneva Watch Days” mit ihren bisher feststehenden Teilnehmern Breitling, Bulgari, DeBethune, Gerald Genta, Girard-Perregaux, MB&F, Ulysse Nardin und Urwerk wurden zwischenzeitlich von Ende April auf einen neuen Termin, vom 26. bis 29. August 2020 verschoben. Angesichts der abgesagten Baselworld und Watches & Wonders erwartet die Lenkungsgruppe der „Geneva Watch Days“ die mögliche Teilnahme weiterer 15 bis 20 Uhrenmarken.

Es gibt also durchaus Anlass zur Hoffnung und zu einer Wiederkehr des Marktes. Zur aktuellen Krisensituation und die Auswirkungen auf Bulgari lässt CEO Jean-Christophe Babin, einer der Initiatoren dieser Genfer Uhren-Tage wissen: „Die Folgen lassen sich gegenwärtig noch nicht absehen. In China hat sich für uns die Lage innerhalb von acht Wochen wieder nahezu normalisiert. Die Verluste waren sehr groß, aber nur über einen kurzen Zeitraum. Wenn sich das in Europa und den USA so wiederholen würde, wäre das wohl der glimpflichste Ausgang.“
Womit wir einmal mehr bei der Erkenntnis wären, das auf jede Krise ein mehr oder minder starker Aufschwung erfolgt. 

In China hat sich für uns die Lage innerhalb von acht Wochen wieder nahezu normalisiert

Jean-Christophe Babin

CEO, Bulgari

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