Glücksfall für Junghans

Im Herbst 2009 kam es im wahrsten Wortsinn knüppeldick für Junghans. Wegen Überschuldung musste die fernöstliche Mutter Egana-Goldpfeil Insolvenz anmelden. Und damit geriet auch die deutsche Traditionsuhrenmarke in den Strudel unliebsamer Ereignisse. Glücklicher Weise zeigte die Schramberger Unternehmerfamilie Steim echtes Interesse. Nach längeren Verhandlungen nutzten Vater Hans-Jochem und Sohn Hannes die einmalige Chance. Sie übernahmen die 148 Jahre alte Uhrenmarke und brachten neues Leben in den Betrieb.

Das Produktspektrum reicht von elektronischen Funkuhren mit eigenen Uhrwerken bis hin zu sehr hochwertigen mechanischen Zeitmessern. Uhrenkosmos hat mit Dr. Hans-Jochem Steim, dem Mehrheitseigentümer der Uhrenfabrik Junghans, des Junghans Terrassenbau-Museums und der Immobilienverwaltung Geißhalde GbR gesprochen.

Uhrenkosmos: Herr Dr. Steim, Sie haben Anfang 2009 Junghans aus der Insolvenz übernommen. Hatten Sie vorher schon Bezüge zu dieser Uhrenmarke?

 Dr. Hans-Jochem Steim: Die einzigen Bezüge bestanden darin, dass unsere Firma Kern-Liebers 1983 die Federproduktion von Junghans übernommen hat. Jedoch hatte bereits mein Urgroßvater für Junghans Federn produziert.

Ist Ihnen der Einstieg in ein völlig neues Metier richtig schwer gefallen?

Genau genommen schon, denn die Banken hatten in der sehr schwierigen Zeit 2008 kein Verständnis für den Erwerb von Junghans. Aber als Ehrenbürger von Schramberg wollte ich die Traditionsmarke dennoch nicht in irgendwelche Hände gelangen lassen.

Haben Sie als echter Schramberger denn traditionsgemäß Uhren von Junghans am Handgelenk getragen?

Eher selten. Meine erste Junghans habe ich 1970 zur Promotion von meinem Vater geschenkt bekommen. Die wirkliche Schönheit der Uhren habe ich aber erst nach der Übernahme wahrgenommen.

Mischen Sie sich als Vollblut-Unternehmer in die Zusammenstellung der Uhrenkollektion und in die Gestaltung der neuen Modelle ein?

(lacht): Nicht mehr. Ich habe lernen müssen, dass mein persönlicher Geschmack nicht unbedingt mit dem übereinstimmt, was am Ende bei unseren Kunden ankommt.

Wo sehen Sie Junghans im aktuellen Preisgefüge des Uhrengeschäfts?

Junghans bedient die gehobene Preisklasse. Zu Junghans passt kein Billig, zu Junghans passt aber auch kein Teuer. Mit dieser Strategie fahren wir sehr gut.

Was hat Sie bewogen, den reichlich heruntergekommen Junghans Terrassenbau zu kaufen?

2012 hat die Firma Diehl einen Käufer für die Grundstücke an der Geißhalde gesucht und einen Investor aus München gefunden. Der wiederum hatte allerdings nicht an allen Gebäuden Interesse. Zu diesem Zeitpunkt war die Uhrenfabrik Junghans, deren Eigentümer mein Sohn Hannes und ich sind, Mieter in zwei der Industriebauten. Und so wurde uns die Möglichkeit geboten, diese zu erwerben. In diesem Zusammenhang kam das Gespräch auch auf den leerstehenden Terrassenbau, der mit den Verwaltungs- und Fertigungsräumen von Junghans Uhren verbunden ist. Nach eingehenden Verhandlungen haben wir mehrere Gebäude auf dem Areal gekauft, darunter auch den Terrassenbau.

Erzählen Sie bitte was zum damaligen Zustand des Terrassenbaus?

Ganz ehrlich gesagt war der nicht gut. Die Räume standen seit den 1990-er Jahren leer, entsprechend hatte der Zustand gelitten. Und so war es keine Frage, dass sich die Gebäudesubstanz weiter verschlechtern würde, wenn man hier nichts unternimmt. Angesichts der Bedeutung des unter Denkmalschutz stehenden Terrassenbaus eine bedenkliche Entwicklung.

Waren bei der Instandsetzung Denkmalschutz-Auflagen zu erfüllen?

Denkmalschutz-Aspekte haben bei der Sanierung eine wichtige Rolle gespielt. Hier mussten wir einen Kompromiss finden zwischen den konservatorischen Vorstellungen und den Anforderungen einer musealen Nutzung, beispielsweise was Barrierefreiheit, Brandschutz oder allgemein Sicherheit anbetrifft. Die hohe Investition in die Sanierung wurde aus Mitteln des Denkmalschutzes, von Bund, Land, Stadt und Toto-Lotto mit rund 900 000 Euro gefördert.

Ich habe lernen müssen, dass mein persönlicher Geschmack nicht unbedingt mit dem übereinstimmt, was am Ende bei unseren Kunden ankommt.

Hans-Jochem Steim

Miteigentümer, Junghans

Hatten Sie schon beim Erwerb des Gebäudes konkrete Ideen zur künftigen Nutzung?

Nein, die hatte ich nicht. Aber schon während meiner Zeit als Landtagsabgeordneter von 1996 bis 2006 war ich bemüht, eine sinnvolle Nutzung für den Terrassenbau zu finden. Meine Vorstellung, hier die Außenstelle einer wissenschaftlichen Institution anzusiedeln, ließ sich jedoch leider nicht realisieren. Also besaß ich im Jahr 2012 ein denkmalgeschütztes Industriegebäude mit der Verpflichtung, dieses zu erhalten.

Ergo war es ein glücklicher Zufall, dass Sie die Schwarzwalduhren-Sammlung des Herrn Engelmann aus Vechta kaufen konnten?

Von Zufall kann man nicht unbedingt sprechen. In der Uhrenbranche existiert ein gutes Netzwerk und so habe ich erfahren, dass Herr Engelmann seine Sammlung der Stadt Vechta als Dauerleihgabe zur Verfügung stellen wollte. Dort war auch ein Uhrenmuseum im Gespräch. Ende 2014 hat sich die Idee allerdings zerschlagen. Im Terrassenbau boten sich ideale Rahmenbedingungen für die Uhrensammlung, wir wurden uns auch schnell einig und so traten die etwa 300 Exponate ihren Weg in den Schwarzwald an.

In Schramberg gibt es an anderen Stellen ebenfalls Dokumentationen über Junghans und Uhren. In welchem Kontext sehen Sie das neue TerrassenbauMuseum?

Hier handelt es sich zweifelsohne um einen Leuchtturm in der Schramberger Museumslandschaft. Und ich bin überzeugt, dass es auch der Marke Junghans guttun wird.

 

 

Der Bericht zum Junghans Terrassenbau-Museum findet sich hier