Super seltener Super Graph Chronograph von Enicar

Enicar Super Graph Mk II: Für Schützen und andere Sportler

Im illustren Spektrum der Enicar Chronographen besitzt die Enicar Super Graph Mk II die Rolle eines Außenseiters. Und das macht diese markante Vintage-Armbanduhr außerordentlich selten. Entstanden sind wohl nur maximal 500 Exemplare. Das ist die Geschichte dieses wertvollen Chronographen und daran kann man das Modell erkennen.

von | 18.02.2022

Wieso Sherpa?

Der Fremdwörterduden kennt keine Enicar Sherpa. Aber den Sherpa definiert das Wörterbuch als „Lastträger bei Expeditionen im Himalajagebiet arbeitender Angehöriger eines tibetanischen Volksstammes“. Somit ergibt es Sinn, dass die Uhrenmarke Enicar einst einen Teil ihrer sportlichen Uhrenlinien Sherpa taufte.
Verständlicher Weise hat der Himalaja als weltweit höchster Gebirgszug schon immer ambitionierte Bergsteiger aller Nationen in seinen Bann gezogen. So nahm im Jahr 1956 etwa ein Schweizerisches Expeditionscorps die Strapazen auf sich, die Berge Mount Everest und Lhotse im Massiv aus Fels und Eis zu erobern.​

Am Handgelenk trugen die Teilnehmer Automatik-Armbanduhren der Manufaktur Enicar. Konkret handelte es sich um wasserdichte Modelle mit kräftigen Bandanstößen. Ihr schwarzes Zifferblatt besaß markante Leuchtziffern und ‑zeiger. Besonders ins Auge stach die wuchtige, Zentralsekunde, denn sie diente den Abenteurern auch als rasch wahrnehmbare Funktionskontrolle des Uhrwerks.

nicar Sherpa Mount Everest Lhotse 1956 Anzeigen

Natürlich bewarb Enicar nicht 1956 die von Ultrasonic Armbanduhren begleitete Expedition

Weil sich die Zeitmesser als äußerst zuverlässige Begleiter am Handgelenk erwiesen hatten, nannte Enicar seine Sportuhren fortan Sherpa.

Geschichte der Enicar Uhren

Die Biographie der Manufacture d’Horlogerie Enicar SA startete bereits am 1. Oktober 1913 mit Ariste Racine. In La Chaux‑de‑Fonds rief der Uhrmacher eine Fabrikationsstätte für Ankeruhren der Größen 4  bis 17 Linien ins Leben. Am 6. Januar 1914 erfolgte die Registrierung der Uhrensignatur. Die Wahl des Wortes Enicar resultiert aus der Tatsache, dass sich Jules Racine der Ältere seinen Familiennamen für Uhren schon 1870 hatte schützen lassen.

Also machten Ariste und seine Frau Emma Racine-Blatt aus der Not eine Tugend. Wenn man Racine von hinten nach vorne liest, ergibt sich jenes Wort Enicar, welches fortan die Zifferblätter, Gehäuse und Werke von Millionen Uhren zierte. In den besten Zeiten produzierte das 1918 aus Platzgründen nach Legnau bei Biel übersiedelte Familienunternehmen jährlich mehr als 600.000 Zeitmesser.​

Die Enicar Produktionsstätte in Legnau im Jahr 1960

Die Enicar-Fabrikationsstätte in Legnau, 1960-er Jahre

Das Aus brachte die Quarz-Revolution. Ihr hatte Enicar wie viele andere Mechanik-Manufakturen einfach nichts entgegenzusetzen. Das unrühmliche Ende konnte auch die Belieferung von Piloten der Japan Airlines, Scandinavian Airlines (SAS) oder Swissair ab den 1960-er Jahren mit GMT-Armbanduhren nicht abwenden.

Enicar Anzeige Jet Graph um das Jahr 1964

Piloten nutzten Enicar

Selbige besaßen einen zusätzlichen 24-Stunden-Zeiger. Erhältlich waren sie einmal als Sherpa Jet mit dem hauseigenen Automatikkaliber AR1146C. Alternativ dazu gab es den Jet Graph mit zugekauftem Handaufzugs-Chronographen vom Kaliber Valjoux 724 GMT. Möglicher Weise war Enicar die erste Uhrenmarke, welches dieses Chrononographenkaliber mit kosmopolitischer Zusatzfunktion verwendete.

Enicar Sherpa Graph,  Aqua Graph und Jet Graph Bild Uhrenkosmos

Enicar Sherpa Graph, Enicar Aqua Graph und Jet Graph

Chronographen von Enicar

Apropos Chronographen: Diesem Thema hatte sich Enicar schon gegen 1945 zugewandt. Die sportlicheren, in mehreren Generationen offerierten Sherpa Chronographen sollten Konkurrenzprodukten von Breitling, Heuer und auch Rolex ab 1960 Paroli bieten. Die ersten Ausführungen besaßen einen klassischen Glasrand ohne Gravur. Gegen 1963 brachte Enicar deutlich markantere Graph-Modelle mit skalierter Lünette auf den Markt. Den Anfang markierte nach gegenwärtigem Kenntnisstand der Super Graph, gefolgt von Jet Graph und dem Aqua Graph. Zu ihren äußeren Merkmalen gehörte ein hoch belastbare wasserdichtes Stahlgehäuse vom Typ Kompressor.​

Jim Clark und sein Enicar Sherpa Chronograph am Handgelenk

Liebte seinen Enicar Sherpa Graph abgöttisch: der britische Rennfahrer Jim Clark

Neben der skalierten Lünette besaßen diese Enicar Zeitmesser einen roten Drehring mit Pfeilspitze. Nachdem sich dieser auch unbeabsichtigt relativ leicht verstellen lässt, hält sich die Zuverlässigkeit als Merkhilfe jedoch in Grenzen.

Eingefleischte Liebhaber der augenfälligen Enicar Chronographen stört das freilich nicht. In Laufe der Jahre ist die Fangemeinde kontinuierlich gewachsen. Noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts krähte kaum ein Hahn nach diesen Vintage-Armbanduhren. Seitdem geht es im Beliebtheits-Ranking und logischer Weise auch mit den Preisen kontinuierlich nach oben.

Enicar Super Graph

2000 gab es bei Auktionen Dr. Crott kein Gebot für den Enicar Super Graph. Der Mindestpreis lag bei umgerechnet 500 Euro.

Enicar Super Graph

Zu den gesuchten Enicar-Chronographen gilt der Mitte 1966 lancierte Enicar Super Graph Mark II. Das bis zu zehn bar druckdichte EPSA-Kompressorgehäuse der Referenz 072-02-02 misst für damalige Verhältnisse bemerkenswerte 40,6 Millimeter. Sein Boden verfügt über einem Bajonett-Verschluss. Insgesamt trägt der mit dem hochwertigen Handaufzugskaliber Valjoux 72 ausgestattete Chronograph am Handgelenk ca. 14 Millimeter auf.

Das Kaliber Valjoux 72 der Enicar Super Graph Mark II

Blick auf das Handaufzugskaliber Valjoux 72 im Inneren des Enicar Super Graph Mark II

Die Skalierung des dunkelgrau beschichteten und in beiden Richtungen drehbaren Aluminium-Glasrands reicht im Gegensatz zum Aqua Graph von 60 bis 0. Nachdem die Beschichtungs-Technologie vor mehr als 50 Jahren noch nicht den gegenwärtigen Standards entsprach, waren Abrieb und Beschädigungen der Lünette an der Tagesordnung. Auch der integrierte rote Drehring litt bei rauerem Umgang mit dieser Armbanduhr.

Enicar Super Graph Mark II

Der Enicar Super Graph Mark II Sherpa 300

Den signifikanten Auftritt des Enicar Super Graph unterstreichen ferner die paddelförmig ausgeführten Leuchtzeiger für Stunden und Minuten sowie der mit einem roten Punkt versehene Chronographenzeiger. Die radioaktive Leuchtmasse verfehlte ihre langfristige Auswirkung auf den Zustand von Zifferblatt und Zeiger ebenfalls nicht.

Mit der Genese des Enicar Super Graph verknüpfen sich allerlei Mutmaßungen. Damals kreierte und fertigte Enicar seine Stopper für ganz unterschiedliche Zielgruppen. An Renn- und Rallyefahrer wandte sich der Sherpa Graph. Wassersportler bediente die Manufaktur mit dem Aqua Graph. Piloten und Kosmopoliten kamen bei Jet Graph zu ihrem Recht.

Der Gehäuseboden derEnicar Super Graph Mark II Sherpa 300 von ca. 1967

Bis zu 300 Fuß oder 100 Meter reicht die Wasserdichte der Sherpa 300 Schale des Enicar Super Graph Mark II

Für Schützen und andere Sportler

Vertraute mit der Szene gehen davon aus, dass die Entwicklung des  Enicar Super Graph im Zusammenhang mit dem Schießsport erfolgte. Und zwar womöglich gemeinsam mit dem Pistolenschützen Ludwig Hemauer (1917 – 2006). Bei den Olympischen Sommerspielen 1964 in Tokio partizipierte der Schweizer beim Wettbewerb über 50 Meter Distanz. Der zusammen mit Enicar-Technikern gestaltete Super Graph Mark I galt somit als Schützenuhr. Auch Italiener sollen die Stopper im Zuge mehrerer Schieß-Weltmeisterschaften getragen haben. Darüber hinaus adressierte ihn Enicar an Trainer, Schiedsrichter, Radfahrer, Schwimmer und sonstige Athleten.

Sicherer sind sich Experten hinsichtlich der Stückzahlen des super seltenen Enicar Super Graph Mark II. Bis in die 1970-er Jahre hinein entstanden wohl höchstens 500 Exemplare. 2000 konnte ein gut erhaltenes Exemplar bei Dr. Crott Auktionen für umgerechnet 500 Euro nicht an den Mann gebracht werden. Inzwischen erbringen diese Chronographen in weniger gutem Zustand über 10.000 Euro.

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