Tourbillon oder nicht, das ist die Frage

Über die Frage, ob Roger Dubuis Tourbillons oder gar Doppeltourbillon wie das Roger Dubuis Excalibur Double Flying Tourbillon im Alltagsleben genauer gehen als Exemplare ohne Tourbillon, lässt sich trefflich diskutieren. Unstrittig freilich ist die Antwort. Und diese lautet nein.
Derartige Erfahrungen musste schon Patek Philippe Mitte der 1940-er Jahre machen. Da nämlich verbaute die Genfer Familienmanufaktur Tourbillons mit Hilfe des Spezialisten André Bornand in runden 30-Millimeter-Uhrwerken oder äquivalenten Form-Kalibern mit ebenfalls 702 mm² Oberfläche. In diesem Zusammenhang agierten auch André Zibach und Eric Jaccard als Regleure der wenigen Handaufzugswerke mit Ankertourbillon. Allerdings gingen ihre Produkte aus den Chronometerwettbewerb des Genfer Observatoriums nur selten als Sieger hervor. In der Regel hatten klassische Uhrwerke mit normalem Gangregler in puncto Präzision die Nase vorne.

Pro und contra Präzision

Als Audemars Piguet 1986 die Ära seriell gefertigten Armbandtourbillons einläutete, ging es weniger um überragende Genauigkeit, sondern um die Demonstration mikromechanischer Kompetenz. In diesem Sinne betrat der kleine, durch einen Zifferblattausschnitt erkennbare Wirbelwind die Bühne der Zeitmesskunst. Naturgemäß können Tourbillons ihre Vorteile, nämlich die Kompensation negativer Schwerkrafteinflüsse auf die Präzision nur in senkrechter Lage ausspielen. Waagrecht positioniert, egal ob Zifferblatt oben oder unten, wirkt die Gravitation gar nicht auf den Gangregler ein. Permanente und vor allem rasche Lageveränderungen sowie niemals auszuschließende Stöße mindern deshalb den Nutzen des Tourbillons am Unterarm. Solches musste Abraham-Louis Breguet Anfang des 19. Jahrhunderts nicht bekümmern. Dem Erfinder ging es nämlich einzig und allein um präzisere Taschenuhren.

In Sachen Ganggenauigkeit von Armband-Tourbillons bleiben die meistern Hersteller übrigens brav auf dem Boden der Tatsachen. Den Käuferinnen und Käufern diesbezüglich nachhaltige Vorteile zu versprechen, ist gewissermaßen sehr gewagt. Mannigfache Fehlermöglichkeiten beim Drehgang und die in jedem Fall zusätzliche Masse können den Kompensationsvorteil in Hängelage rasch zunichtemachen.

Jene täglich maximal zwei Sekunden, welche industriell in großen Stückzahlen produzierte Rolex-Armbanduhren von der astronomischen Norm abweichen, sind eine ungemein hohe Messlatte. Und mit relativ wenig Aufwand erfüllen selbst preiswerte Standard-Uhrwerke wie Eta 2824-2 oder Sellita SW200-1 die – gemessen an heutigen Möglichkeiten allerdings reichlich laschen . Kriterien der amtlichen Schweizer Chronometernorm.

Demgegenüber sind COSC-Zertifikate bei Armbanduhr-Kalibern mit Tourbillon eher die Ausnahme als die Regel. Zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass viele Hersteller ihre kostspieligen Tourbillon-Drehgang-Uhrwerke aus grundsätzlichen Erwägungen gar nicht erst zur 15-tägigen Prüfung schicken.

Ein Fall für zwei

Allenfalls akademischer Natur ist im Rahmen dieser Erwägungen auch die Unterscheidung zwischen klassischer, sprich beidseitiger oder nur rückwärtiger, also fliegender Lagerung des Drehgestells. Letztere vermeidet die vorderseitige Brücke und gewährleistet daher ungestörte Blicke auf das Tourbillon, nimmt jedoch keinen Einfluss auf die Präzision.

Bleibt die Erörterung des Sachverhalts, ob doppelt gedreht, also die Verwendung zweier kooperierender Tourbillons im Alltagsbetrieb am Handgelenk als Stein der Weisen gelten kann. Die Koppelung der beiden Drehgänge durch ein aufwändiges Differenzialgetriebe kompensiert die jeweils auftretenden Fehler. Zur Anzeige kommt ein Mittelwert aus beidem.

Wie auch immer: Konstruktions- und fertigungsbedingt verknüpft sich mit Tourbillons ein breites Spektrum unterschiedlicher Ansprüche. Nur dann, wenn alle mit der notwendigen Sorgfalt erfüllt werden, kann ein wie auch immer geartetes Armband-Tourbillon in der höchsten Liga der Präzision mitspielen.

Roger Dubuis Tourbillons 

Und damit kommen wir zu Roger Dubuis. Seit 1996 ist das heutige Mitglied des Richemont-Konzerns bekannt für gleichermaßen ausgefallene wie kostspielige Auftritte am Handgelenk. Zahlungskräftige Männer auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen schätzen die markante, im Jahr 2006 lancierte Linie Roger Dubuis Excalibur. Den besonderen Kick verspricht die Spider genannte Version. Der Beiname Spinne kommt in diesem Fall nicht von ungefähr. Seit 2008 beeindruckt die Genfer Manufaktur durch augenfällig skelettierte Uhrwerkskonstruktionen, deren Optik an filigrane Spinnweben erinnert. Im Gegensatz zur traditionellen Skelettierung, welche die Genfer Manufaktur bereits seit 2005 pflegt, entsteht die durchbrochene Struktur schon bei der Entwicklung und Fertigung des Rohwerks. Mühevolles Aussägen zur Schaffung der intendierten Transparenz gehört somit der Vergangenheit an.

Seit 2000 bereichern Tourbillons das Komplikationen-Repertoire von Roger DubuisBei der Manufaktur unterstreichen sie konstruktive und handwerkliche Kompetenz, die breit gefächerte Fähigkeit zu gestalterischer Innovation sowie den Mut, in puncto Design neue Wege einzuschlagen. Von überragender Ganggenauigkeit ist hingegen nicht die Rede.
Während des Genfer Uhrensalon SIHH, an dem das Unternehmen in besagtem Jahr 2000 erstmals partizipierte, debütierte die Sympathie mit bi-retrogradem ewigem Kalender. Das Roger Dubuis Tourbillon im Handaufzugskaliber RD1102 mit gut 100 Stunden Gangautonomie versteckte sich diskret im Inneren.

Kleine Roger Dubuis Tourbillon Aufstellung

2005 nahm die Geschichte des fliegend gelagerten Tourbillons im Hause Roger Dubuis mit der Golden Square Großdatum ihren Lauf. Als Uhrwerk diente das Handaufzugskaliber RD03

Im gleichen sowie dem folgenden Jahr startete Roger Dubuis eine regelrechte Tourbillon-Initiative:

  • Golden Square, Kaliber RD02SQ
  • Golden Square Fliegendes Tourbillon, Kaliber RD09
  • Much More Fliegendes Tourbillon, Kaliber RD09
  • Easy Diver Fliegendes Tourbillon, Kaliber RD05
  • Excalibur Tourbillon Minutenrepetition, Kaliber RD08 und
  • erstmals Excalibur Fliegendes Doppeltourbillon mit dem Kaliber RD01

Roger Dubuis Tourbillon

Das breite Spektrum all der darauf folgenden Tourbillon-Modelle lückenlos aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Ausführungen sprengen.  Daher beschränkt sich die Aufstellung auf ausgewählte Beispiele:

  • 2007: Excalibur Just For Kings, Kaliber RD06
  • 2009: Excalibur Fliegendes Doppeltourbillon Skelett, Kaliber RD01SQ
  • 2010: Excalibur Doppeltourbillon Springende Stunde und retrograde Minute, RD01
  • 2014: Hommage Fliegendes Doppeltourbillon, Kaliber RD100
  • 2017: Excalibur Spider Pirelli, Kaliber RD105SQ

3D-Animation des Roger Dubuis Doppelten Fliegenden Tourbillons Kaliber RD 100

Wirbelnde Innovationen 2020

Typische Marken-DNA ist auch der 2020 virtuell vorgestellten Excalibur Twofold wiederum mit dem Manufakturkaliber RD01SQ zu Eigen. Imposant präsentiert sich die Lünette aus exklusiver, im Zusammenhang mit Luxusarmbanduhren noch niemals verwendeter Mineralverbundfaser. Das ultraweiße Material besteht zu 99,95 Prozent aus Siliziumdioxid. Als weitere Premiere kann ein patentiertes Verfahren gelten, welches jeden Winkel der oberen Platine bei Dunkelheit 60 Prozent länger als üblich leuchten lässt. Schließlich besteht das Armband aus speziellem FKM-Kautschuk. LumiSuperBiwiNova verleiht ihnen gleichfalls lumineszierende Eigenschaften.

Im Zuge der Watches & Wonders 2020 stellte Roger Dubuis in Shanghai die mit edlen Steinen vollgepackte Excalibur Superbia vor. Ihr durchbrochen gestaltetes Handaufzugs-Innenleben mit Fliegendem Doppeltourbillon basiert logischer Weise auf dem bewährten RD01SQ und nennt sich RD108SQ. Der Inbegriff von Luxus und Exzess, ausgedrückt durch 600 weiße Diamanten und blaue Saphire, schlägt mit stolzen 872.500 Euro zu Buche.

Roger Dubuis Excalibur Double Flying Tourbillon

Deutlich günstiger, nämlich für 285.000 Euro gibt es aktuell zwei verschiedene Ausführungen der Excalibur Double Flying Tourbillon mit dem aus 319 Komponenten assemblierten Skelett-Kaliber RD108SQ. Bei 37 Millimeter Durchmesser baut das Handaufzugswerk exakt sieben Millimeter hoch. Die in den fliegend gelagerten Drehgestellen agierenden Gangregler oszillieren jeweils mit drei Hertz. Folglich vollziehen sie pro Stunde 21.600 Halbschwingungen. Anstelle der edlen Steine trägt das Werkgestell samt Brücken und Kloben eine keramikbasierte NAC-Beschichtung. Auf diese Weise entsteht beim Betrachten ein besonderer dreidimensionaler Effekt. Zur Herstellung der beiden Tourbillon-Käfige verwendet Roger Dubuis Titan für den unteren und eine Kobalt-Chrom-Legierung für den oberen Teil. Gegenüber dem RD01SQ klettert die Gangautonomie von etwa 48 Stunden Gangautonomie auf circa 72 Stunden. Bei genauer Betrachtung stellt sich heraus, dass das vordere Spinnennetz über dem offenen Federhaus keine tragende Funktion mehr besitzt. Als dekoratives Element schwebt es sozusagen über dem Energiespeicher.

Zur Wahl stehen beim Roger Dubuis Excalibur Double Flying Tourbillon acht Exemplare der Referenz RDDBEX0819 mit 45 Millimeter großem und 13 Millimeter hohem Weißgoldgehäuse, welches bis 100 Meter Wassertiefe dem nassen Element widersteht. Das 3D-Armband lässt Roger Dubuis aus Kalbsleder fertigen. Die gleich dimensionierte Alternative RDDBEX0920 verfügt über eine Rotgoldschale. Auch hier beschränkt sich die Edition auf acht Exemplare.

Alle Uhren entstehen nach Maßgabe des neuen Genfer Siegels, welches bekanntlich auch die Ganggenauigkeit beinhaltet. Ihm zufolge darf die Uhr pro Woche nicht mehr als eine Minute falsch gehen. Aber bei dieser spektakulären Uhr interessieren sich Uhrenliebhaber sicher mehr für das spektakuläre Design der Uhr und des skelettierten Uhrwerks.   

Roger-Dubuis-Kaliber-RD01SQ-versus-RD-108SQ-Uhrenkosmos-GLB

Es lebe der Unterschied: Roger Dubuis Kaliber RD01SQ (links) versus RD108SQ