Uhrenkosmos Wochenschau

Uhrenindustrie 2024: Die Zahlen und Fakten lassen aufhorchen

Die Aktien der britischen Watches Of Switzerland Group verlieren am 18. Januar 2024 ein Drittel ihres Werts. Richemont legte im dritten Quartal seines Geschäftsjahres zu, muss aber beim geplatzten YNAP-Farfetch-Deal Federn lassen. Und das Geschäft mit CPO-Uhren läuft nicht mehr wie geschmiert. Der Ausblick der Uhrenindustrie 2024 ist alles andere als rosig.

von | 21.01.2024

Starkes Uhrenjahr 2023

Bevor wir auf die Situation der Uhrenindustrie 2024 eingehen, gilt es ein Blick auf das vergangene Jahr zu richten: Da rangierte das Vereinigte Königreich (UK) bei den Exporten der Schweizer Uhrenindustrie im Jahr 2023 an fünfter Stelle. Bezogen auf den europäischen Markt ist das Rang 1. Von Januar bis November 2023 führte das UK Uhren im Wert von 1,635 Milliarden Schweizerfranken ein. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum war das ein Plus von 9,2 Prozent.

Den ersten Platz bei den Ländern der Europäischen Union belegte Deutschland mit Importen in Höhe von 1,257 Milliarden Schweizerfranken. Das sind 5,7 Prozent mehr als 2022. Unangefochtener Import-Sieger sind die USA mit 3,817 Milliarden Franken (plus 6,5 Prozent gegenüber 2022). Die Dezemberzahlen 2023 des Verbands der Schweizer Uhrenindustrie (FHS) lagen bei Redaktionsschluss dieses Artikels noch nicht vor. Sie dürften am Ranking jedoch nichts ändern.

Watches Of Switzerland Group Kursverlauf 20240111-18

Kursverlauf der Aktien der britischen Watches Of Switzerland Group vom 11. bis 18. Januar 2024

Abwärts bei Watches Of Switzerland

Eine Meldung vom 18. Januar 2024 belegt jedoch, dass die Bäume auch im Vereinigten Königreich nicht mehr in den Himmel zu wachsen scheinen. Am Donnerstagmorgen brachen die Aktien des britischen Uhrenprimus Watches of Switzerland Group (WOSG) um ein Drittel ihres Wertes ein. Minus 33 Prozent waren die unliebsame Folge einer Meldung des Luxusuhrenhändlers, zu dem neben Watches of Switzerland auch Mappin & Webb, Goldschmiths und Mayors gehören, dass die WOSG ihre Prognose für das Geschäftsjahr 2024 deutlich absenken müsse.

Mappin & Webb

Mappin & Webb ist Mitglied der Watches Of Switzerland Group (WOSG)

Schwierige makroökonomische Bedingungen hätten die Kaufbereitschaft und Ausgaben der Verbraucher im Luxuseinzelhandel deutlich beeinträchtigt. Solches blieb natürlich nicht ohne Folgen für WOSG, den größten britischen Verkäufer von Uhren mit großen Marken wie Breitling, Bulgari, Cartier, Hublot, IWC, Omega, Rolex, TAG Heuer oder Tudor.
In Großbritannien unterhält das Unternehmen mehr als 200 Ausstellungsräume. Für den Rest des Jahres 2024 sieht WOSG im UK keine Besserung. Das Unternehmen rechnet damit, dass der Umsatz von 1,65 bis 1,7 Mrd. Pfund auf 1,53 bis 1,55 Mrd. Pfund sinken werde. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern werde für 2024 auf 8,7 bis 8,9 Prozent geschätzt.

Watches Of Switzerland Group Marken Auszug

Teil des Markenportfolios der Watches Of Switzerland Group

Watches of Switzerland Zahlen

Noch im November 2023 hatte der britische Einzelhändler, der auch Geschäfte in den USA unterhält, die Idee, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Damit wollte Watches of Switzerland seinen Umsatz und Gewinn bis zum Geschäftsjahr 2028 mehr als verdoppeln. Dazu sollten Uhren aus zweiter Hand (CPO) einen erklecklichen Teil beitragen. Mit einem wichtigen Augenmerk natürlich auf gebrauchte und zertifizierte Rolex-Uhren.

Abgesehen von der Flaute in Großbritannien wächst das WOSG-Geschäft in den USA zwar weiterhin zweistellig. Einen mächtigen Schlag versetzte Watches of Switzerland jedoch der Kauf des größten Luxusuhren-Einzelhändlers Bucherer durch Rolex (wir hatten hierüber auf Uhrenkosmos ausführlich berichtet) im Jahr 2023. Die Auswirkungen dieser Übernahme auf die Geschäfte der WOSG werden sich erst im Laufe der Jahre zeigen.

Audemars Piguet Royal Oak Ref 15202ST Wertentwicklung Chrono24

Wertentwicklung der Audemars Piguet Royal Oak Ref 15202ST (C) Chrono24

Uhrenindustrie 2024

Diese Vorhersage für den britischen Markt deckt sich mit Erkenntnissen, welche auch deutsche Uhrenfachhändler für ihre Umsätze gezogen haben: Sollte kein Wunder geschehen, wonach es gegenwärtig aussieht, wird 2024 nach einem keineswegs berauschenden Weihnachtsgeschäft 2023 gleichfalls schwierig werden. Die Kaufzurückhaltung ist deutlich spürbar. Das zeigt sich selbst bei Produkten von Rolex. Stahluhren wird man auch künftig nicht im Schaufenster zum sofortigen Erwerb sehen. Aber die Wartelisten dürften schrumpfen.

Das trifft übrigens auch auf die ultraflachen Royal Oaks von Audemars Piguet zu. Dem Bloomberg Subdial Index zufolge ist die 2021 eingestellte Royal Oak 15202ST die am schlechtesten performende Referenz unter den 50 meistgehandelten Armbanduhren.

Audemars Piguet Royal Oak Ref 16202ST Jubiläumsmodell Wertentwicklung Chrono24

Riesige Verluste: Wertentwicklung der Audemars Piguet Royal Oak Ref . 16202ST (Jubiläumsmodell 2022) (C) Chrono24

In den vergangenen zwölf Monaten fiel der Preis am Sekundärmarkt nochmals um knapp 25 Prozent. Von den im März 2023 bei mehr als 125.000 Euro liegenden Höchstwerten ist der 1972 lancierte Stahl-Jumbo derzeit weit entfernt. Inzwischen bekommt man ihn abhängig vom Alter und Zustand teilweise für deutlich weniger als 70.000 Euro. Prozentual noch stärker abgestürzt ist das Nachfolgemodell 16202ST.

Für die allerersten Exemplare zahlten gierige Menschen mit viel Geld in der Tasche Anfang des Jubiläumsjahres 2022 noch mehr als 250.000 Euro. Inzwischen ist der Parallelmarktpreis auf unter 80.000 Euro förmlich abgestürzt. Natürlich weckt die 16202ST weiterhin Begehrlichkeit. Aber von jahrelangen Wartelisten kann in den AP-Boutiquen und -Häusern keine Rede mehr sein.
Bleibt abzuwarten, ob Ilaria Resta, die Nachfolgerin von François Bennahmias, der am 31.12.2023 seinen letzten Arbeitstag als Audemars Piguet-CEO hatte, dessen Strategie beibehält, die Zeitmesser der Familienmanufaktur nur über eigene Kanäle zu vertreiben.

Richermont Portfolio Uhren- und Schmuckmarken

Uhren- und Schmuckmarken unter dem Dach der Richemont-Gruppe

Richemont wächst …

Wenn wir schon bei Zahlen sind: In einer ad-hoc-Mitteilung ließ die Richemont-Gruppe (A. Lange & Söhne, Baume & Mercier, Cartier, IWC, Jaeger-LeCoultre, Montblanc, Panerai, Piaget, Vacheron Constantin, Van Cleef & Arpels etc.) wissen, dass der Umsatz im dritten Quartal des am 31. März 2024 endenden Geschäftsjahres bei konstanten Wechselkursen um acht, und bei tatsächlichen Wechselkursen um vier Prozent auf 5,6 Milliarden Euro wuchs. Und das trotz eines weiterhin unsicheren makroökonomischen und geopolitischen Umfelds der Uhrenindustrie 2024.

Das Wachstum generierte Richemont in beinahe allen Regionen, vor allem jedoch in Japan, Asien-Pazifik sowie Nord- und Südamerika. Die Einzelhandels-Aktivitäten (Markenboutiquen) legten sogar um elf bzw. sechs Prozent zu.

Love de Cartier Armreif

Beim Schmuck verzeichnete die Richemont-Gruppe in dritten Quartal des Geschäftsjahrs 2023/2024 dem größten Zuwachs. Hier Love de Cartier Armreif

Die stärkste Zunahme ist dem Schmuck-Maisons wie Cartier und Van Cleef & Arpels mit zwölf bzw. sechs Prozent zu verdanken. Durch das bemerkenswerte Plus verbesserte sich die Nettoliquidität der Gruppe auf 6,8 Milliarden Euro.

Geplatzter Farfetch YNAP Deal

Der Deal zwischen der Richemont-Tochter YNAP und der notleidenden britischen Online-Plattform Farfetch ist geplatzt

… und verliert

Schon am 18, Dezember hatte Richemont ebenfalls in einer ad-hoc-Mitteilung einen herben Rückschlag bei der Verwirklichung seiner Pläne für eine globale digitale Luxusplattform verkünden müssen. Und zwar beendete der Genfer Uhren- und Schmuckkonzern einen geplanten Deal mit Farfetch. Die Pläne sahen vor, dass Richemont 47,5 Prozent seines fortwährend negativ operierenden Onlinehändlers Yoox Net-a-Porter (YNAP) an den britischen Online-Marktplatz veräußert.

Im Gegenzug hätte Richemont Farfetch-Aktien bekommen sollen. Aber die tiefgreifenden finanziellen Probleme bei Farfetch vereitelten das Geschäft. Nicht zustande kam außerdem der Verkauf von 3,2 Prozent der YNAP-Anteile an die in Dubai angesiedelte Symphony Global. Durch diese beiden Transaktionen hätte Richemont seine Mehrheit an YNAP aufgegeben und diese defizitär agierende  Handelsplattform interessanter gemacht für französische Mitbewerber wie LVMH oder auch die weniger bedeutsame Kering-Gruppe.

Diese Intentionen sind nun Schnee von gestern. Nachdem der südkoreanischen E-Commerce-Gigant Coupang die finanziell angeschlagene Farfetch erwirbt und deren Aktien von der Börse nimmt, müssen sich Johan Rupert und seine Richemont-Gruppe in Sachen Internethandel neu orientieren. Die Vereinbarungen zur Einführung der Farfetch Platform Solutions (FPS) durch die meisten Richemont-Maisons und YNAP wurden gekündigt. Die bei Farfetch reichlich vorhandenen Technologie-Kompetenzen in Sachen Onlinehandel stehen nicht mehr zur Verfügung.

Überdies muss Richemont lt. eigenen Angaben voraussichtlich verschmerzen, dass die im November 2020 von der Farfetch Limited an Richemont ausgegebene vorrangige Wandelanleihe in Höhe von 300 Millionen US-Dollar nicht zurückgezahlt wird. In den Büchern von Richemont belief sich der Wert dieser Anleihen zum 30. November 2023 auf 218 Mio. Euro.

Gegenüber Farfetch hat Richemont keine finanziellen Verpflichtungen. Einstweilen operieren die Richemont Maisons weiterhin auf ihren eigenen Plattformen. Richemont wird jedoch alternative Optionen in Betracht ziehen, um seine Vision eines Luxury New Retail (LNR) zu realisieren. So möchte man den wachsenden Omnichannel-Bedürfnissen der luxusaffinen Klientel bestmöglich gerecht werden.

 

 

Yoox Net-A-Porter-Tragetasche

Yoox Net-A-Porter muss unter dem Dach der Richemont-Gruppe weiterhin alleine zurechtkommen

Uhrenindustrie 2024

Nach einer einem erfolgreichen Aufschwung nach Corona rechnet die Uhrenindustrie 2024 nun mit einem deutlichen Umsatzrückgang. Bild KI

Kommentare zu diesem Beitrag

3 Kommentare

  1. Wieder einmal ein interessanter Artikel, der einen guten Überblick über die aktuellen Entwicklungen in der Uhrenindustrie gibt, die Hintergründe beleuchtet und sie perfekt verdichtet.

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