Vintage Tissot und alte Uhrenwerbung

Tissot Antimagnetic: Eine Vintage Uhr mit Ecken und Kanten

Mitte der 30-er Jahre waren der Bauhaus-Stil und viereckige Uhren im Trend. Und ein Jahr Garantie sowie der antimagnetische Uhrwerk der Tissot Antimagnetic Uhren ein echtes Argument. Kein Wunder, dass dies in Anzeigenform kommuniziert werden wollte. Nur - was ist das für ein Wappen?

von | 22.09.2021

Das Aufkommen kantiger, tonneauförmiger Armbanduhr-Gehäuse in den Jahren kurz nach 1910 und die späteren Uhrenmodelle Tissot Antimagnetic oder Tissot non magnetic waren beileibe kein Zufall. Immerhin verkörperte diese Form den stärksten Kontrast zur den überlieferten, von Taschenuhren bestens bekannten runden Formen. Bis sich das Rechteck auf breiter Front etablieren konnte, gingen gleichwohl noch etliche Jahre ins Land. Aber schon Mitte der 1920-er Jahre überraschte diese Gehäuseform nicht mehr. Die schnörkellose Schlichtheit kommunizierte mit der Architektur eines Adolf Loos, Walter Gropius oder Charles‑Edouard Jeanneret, genannt Le Corbusier.

Die erste Automobilausstellung, welche 1924 in Berlin ihre Tore öffnete, belegte diesen Stil und diese gestalterische Tendenz der Ära: Es ging um funktionale Präzision, diskrete farbliche Zurückhaltung, kühlen metallischen Glanz und prägnante Konturen. Ein Jahr später, im Jahr 1925, setzte die Pariser „Ausstellung der Dekorativen Künste“ diesen Trend fort. Er kennzeichnete nicht nur Ergebnisse der angewandten Kunst sondern auch das überschäumende Lebensgefühl der so genannten „Roaring Twenties“. Schließlich beeinflusste 1932 die große internationale Architekturausstellung im New Yorker Museum of Modern Art das Gebrauchsdesign nachhaltig.

Tissot Antimagnetic

Daher verwundert es nicht, dass der Bauhaus-Stil und die Kultur rechteckiger Armbanduhren in den 1930-ern ihren Höhepunkt erlebte. Entsprechende Modelle waren an den Handgelenken der Filmstars und gesellschaftlichen Größen zu bewundern, was die Anziehungskraft der Armbanduhr zusätzlich förderte. Findige Designer passten die lang gestreckten Schalen den Rundungen des Handgelenks an, formten sie aerodynamisch wie die Tragflächen von Flugzeugen oder verliehen ihnen zur besseren Ablesbarkeit die Form eines Pultes.

Indes: Bei aller Ästhetik besaßen die rechteckigen Gehäuse ein entscheidendes Manko. Feuchtigkeit und Staub drangen speziell an den Ecken leicht ins Gehäuseinnere. Zu diesem Negativfaktor gesellte sich in den 1940-er Jahren wieder der Wunsch nach flachen oder gar ultraflachen Armbanduhren. Die rechteckigen Modelle, welche nicht verbargen, was in ihnen steckt, galten plötzlich als klobig und unzeitgemäß. Große runde Gehäuse mit abgeflachten Kanten ermöglichten in Verbindung mit relativ kleinen Werken zumindest die Fiktion geringer Höhe.

Die Nachkriegsjahre bei Tissot

Mit Beginn der fünfziger Jahre waren die rechteckigen Gehäuse fast spurlos vom Markt verschwunden. Als Ersatz bekamen die Liebhaber des Kantigen nun das Quadrat. Die abgebildete Anzeige lancierte die traditionsreiche schweizer Uhrenmarke Tissot im damaligen Trendformat gegen 1935. Neben dem Wappen der Familie Tissot-Daguette bildet sie eine stählerne Armbanduhr ab, in der das bewährte Form-Kaliber 20 von Omega tickt. Ein bewegliches Rohr auf der Aufzugswelle schützt das von 1932 bis 1938 verbaute Uhrwerk vor Staub und Feuchtigkeit.

Die Verwendung eines Omega-Rohwerks hatte übrigens gute Gründe. Auf Betreiben von Paul Tissot waren die Louis Brandt & Frère S. A. (Omega) und Tissot schon 1930 eine Interessengemeinschaft eingegangen, welche zur Gründung der Société Suisse pour l’Industrie Horlogère (SSIH) und damit in letzter Konsequenz zur heutigen Swatch Group führte. Auch der explizite Hinweis auf die amagnetischen Fähigkeiten kommt nicht von ungefähr, denn Tissot hatte bereits Anfang der 1930-er Jahre die erste Armbanduhr dieses Typs lanciert. Mit Blick auf die Zuverlässigkeit des ausgereiften Uhrwerks und die relative Widerstandsfähigkeit gegen magnetische Einflüsse war es dem 1853 gegründeten Noch-Familienunternehmen tissot ein Leichtes, zwölf Monate uneingeschränkte Garantie auf ihr zum Zeitpunkt der Anzeigenschaltung nur in begrenzten Quantitäten lieferbares Produkt zu gewähren. Wann die abgedruckten Beschränkungen endeten, entzieht sich leider der Kenntnis.

Was 1935 sonst noch geschah:

  • In der Uhr-Schweiz debütiert die monometallische „Glucydur”-Unruh aus Berylliumbronze.
  • Abschaffung der Republik und Einführung der Monarchie in Griechenland, König Georg II. kehrt zurück; der offizielle Name des Landes ist fortan „Hellas”. Persien wählt den amtlichen Namen Iran. Der British India Act macht Indien zum Bundesstaat. Ende des Langen Marschs von Mao Tse Tung in Yünan; von 130.000 Mann bleiben nur 30.000 übrig, doch Mao setzt seinen Kampf gegen das Regime von Nanking unbeirrt fort.
  • Das Komitee der 11. Olympiade (Garmisch-Partenkirchen und Berlin) entscheidet sich für Omega als Lieferanten der Präzisionszeitmesser zum Stoppen der verschiedenen Wettbewerbe im folgenden Jahr.
  • Vorstellung des 16-Millimeter-Farbfilms „Kodakchrom”.
  • Die Schweizer Uhrenindustrie produziert und verkauft rund 200.000 wasserdichte Armbanduhren; insgesamt werden in diesem Jahr stattliche 15.191.749 Uhren und Werke hergestellt. Alle mit mechanischem Uhrwerk, versteht sich.

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