Jérôme Lambert und Montblanc
„Wo füllt man da die Tinte rein?“

Unterschätzen Sie die Hamburger nicht! Die Traditionsmarke zeigt, wie sie sich, geführt von den richtigen Händen, vom Schreibtischtäter zum Big Player im Segment der Luxus-Uhren verwandelt hat. Fast noch spannender als der spektakuläre Aufstieg als Marke sind die Preise der Zeitmesser. Höchste Zeit, sich das alles einmal genauer anzuschauen.

„Wo füllt man da die Tinte rein?“

Der Mann hat eine Vision! Wie man eine Uhrenmanufaktur erfolgreich nach oben führt, hat Lambert bei Montblanc bewiesen.

Hamburger mit zweitem Standbein

„Unsere ersten Planungen beliefen sich auf rund 12.000 Armbanduhren verschiedener Referenzen. Und – soweit ich mich erinnere – haben wir dann auch tatsächlich alle verkauft.“ meinte Norbert Platt nach dem Lancement der ersten Uhrenkollektion während des Genfer SIHH 1997. Auf die Frage eines Journalisten, wo man da denn die Tinte einfülle, ging der damalige von Montblanc- und spätere Richemont-CEO nicht weiter ein. Er hatte seine Hausaufgaben gemacht, und blickte zuversichtlich nach vorne.

Hochzeit mit Minerva bringt Kaliberkompetenz

Anschließend ging es zügig nach oben. Schon in verflixten siebten Jahr knackte Montblanc, was von den anfänglichen Skeptikern stark bezweifelt worden war, die magische Marke von jährlich 100.000 Uhren. In allen fanden sich mechanische und elektronische Eta-Kaliber. Hochrangige Manufaktur-Kompetenz brachte die Vermählung der Uhrensparte mit Minerva im Jahr 2006. Durch die Entwicklung der 2008 vorgestellten „Rieussec“-Kaliber demonstrierten die Hamburger mit Schweizer Uhrenstandbein auch jede Menge eigene Kaliber-Kompetenz.  Auf diese Weise wandelte sich Montblanc innerhalb von nur zehn Jahren vom reinen Etablisseur zum bemerkenswerten Globalplayer. Mitleidsvolles Lächeln und Spott sind längst von den Gesichtern verschwunden.

Der Neue packt an und bringt den Wandel

Seit Juni 2013, als Jérôme Lambert für auch für mich völlig überraschend von Jaeger-LeCoultre zu Montblanc wechselte, ist in Hamburg und den eidgenössischen Produktionsstätten ein deutlicher Kulturwandel zu spüren. Zunächst hatte man den ehrgeizigen und unermüdlich schaffenden Manager mit durchaus gespannten Gefühlen erwartet. Aber der damals 43-Jährige ging zügig mit klaren Visionen und einer detaillierten Schwachstellenanalyse ans Werk. Gut zweieinhalb Jahre später kann der zielstrebige Franzose beachtliche Erfolge melden.

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass wir in unseren Boutiquen einmal Wartelisten für Uhren führen müssen.

Jérôme Lambert

CEO, Montblanc

So heißt es Ende September 2015 in Hongkong. Und er meinte speziell die kosmopolitische „Heritage Spirit Orbis Terrarum“ mit innovativer und deshalb auch patentierter Weltzeitindikation und einem heißen Preis.

Warum nach oben, wenn‘s auch nach unten passt

Apropos Preise: Bei diesen demonstriert Montblanc eindrucksvoll und mittlerweile auch von zahlreichen Mitbewerbern bestaunt, dass es nicht nur permanent nach oben gehen muss. Den Anfang machte bereits die während des SIHH 2014 vorgestellte „Meisterstück“-Linie. Hierbei handelte es sich um eine Synthese aus klassischem Design und bezahlbaren Komplikationen. Manufaktur-Mechanik kann und darf man bei einem immerwährenden Kalender für rund 10.000 Euro logischer Weise nicht erwarten. Das gilt auch für einen Jahreskalender in der „Heritage Chronometrie“- Kollektion. Mit Edelstahl-Gehäuse kostet er rund 6.000 Euro. Aber wer sich ein wenig mit Uhren beschäftigt, weiß das gebotene Preis-Leistungs-Verhältnis richtig einzuschätzen. Gegen eine robuste Eta-Automatik gepaart mit zuverlässiger Zusatz-Mechanik entweder von Dubois-Dépraz (Kalendarien) oder aus dem eigenen Haus (Orbis Terrarum und Dual Time) gibt es partout nichts einzuwenden.

„Wer will, der kann“ lautet das Motto

Was zählt, ist die Relation zwischen Preis und Leistung. Dazu Jérôme Lambert: „Wer will, der kann. Wir müssen und wollen die finanziellen Vorstellungen der Kunden und ihr Wissen um komplizierte Uhren in Übereinstimmung bringen. Die gründliche Analyse zeigt viel Potenzial in der Bandbreite zwischen 3.000 und 10.000 Euro. Uns war daran gelegen, in diesem Bereich eine neue Begeisterung für besondere Kalendarien und Zeitzonen-Dispositive schaffen. Was unser Erfolg auch bestätigt. Mit etwas Mut und konsequenter Arbeit können wir auch zum SIHH 2016 neuartige Produkte offerieren. Mit unserer Initiative haben wir schlichtweg eine neue Angebotswelt aus der Taufe gehoben.“

Dass auch die schreibende Zunft die Lambert`sche Philosophie goutiert, zeigt sich, so der CEO, daran, „dass immer öfter Menschen mit einer Zeitschrift in der Hand eine Boutique oder ein Fachgeschäft betreten und die dort abgebildete Montblanc Uhr kaufen möchten.“ Die wachsende Anerkennung resultiert aber auch aus einer Vielzahl selbst entwickelter und produzierter Uhrwerke, die im „Exotourbillon Minute Chronograph“, im „Tourbillon Cylindrique Geospheres“ oder dem „1858 Chronograph Tachymeter“ ticken.

Ein Risiko bleibt: Damenuhren

Die gelebte chronometrische Begeisterung hat mittlerweile auch Frauen erfasst. „Damenuhren sind eine heikle Angelegenheit. Man kann total richtig aber auch völlig daneben liegen. Der Grat dazwischen ist sehr schmal.“ Aber feminine Kreationen wie „Bohème“ haben den Nagel tatsächlich auf den Kopf getroffen. „Bei manchen Modellen wie dem schmückenden ewigen Kalender sind wir derzeit quasi ausverkauft. Auch das hätte ich vor zwei Jahren noch nicht erwartet.“ Womit bewiesen wäre, dass Visionen, Kreativität, Mut, Fingerspitzengefühl, knappe Kalkulation und Qualitätsbewusstsein im kompetitiven Uhrenbusiness tatsächlich Flügel verleihen können. Mit Jérôme auf der linken Seite im Cockpit hat Montblanc inzwischen richtig abgehoben. Aber die unverzichtbare Bodenhaftung blieb trotzdem erhalten, wie die während des SIHH 2016 vorgestellten Uhren unterschiedlichster Natur beweisen.

Unter dem Zifferblatt stecken 160 Jahre Entwicklungsgeschichte im Kaliberbau

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