Eine ungewöhnliche Automatikuhr

Moritz Grossmann Atum Hamatic: Da hängt der Hammer!

Das Kaliber 106.0 in der roségoldenen Moritz Grossmann Atum Hamatic ist anders als das, was man aus der Selbstaufzugsszene kennt. Genau das macht für anspruchsvolle und hinreichend zahlungskräftige Liebhaber den Reiz der Marke wie des Modells aus. Das gilt es über die ungewöhnliche Lösung zu wissen.

von | 16.06.2021

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Moritz Grossmann: etwas für Kenner

Mit der Moritz Grossmann Atum Hamatic kehrt der Hammeraufzug ans Handgelenk zurück. Doch wer war der Namensgeber? A. Lange & Söhne kennt man gut, Nomos, Mühle und Glashütte Original ebenso. Etwas anders sieht es bei Moritz Grossmann aus. An den großen Glashütter Uhrmacher, eine vielseitige Koryphäe im wahrsten Wortsinn, erinnern sich nur wenige Zeit-Genossen.

Das ist kein Wunder. Die Geschichte seiner 1854 im abgeschiedenen Glashütte gegründeten Firma währte nur bis 1885. Neben Präzisionswerkzeugen und Gangmodellen umfasste ihre Produktion hochwertige Präzisionspendeluhren, Marinechronometer und sehr feine Taschenuhren. Nebenbei hielt der polyglotte Tausendsassa Vorträge, schrieb für in- und ausländische Fachzeitschriften und verfasste bemerkenswerte Bücher.

Ein Mann mit Verantwortung

Erwähnenswert ist auch sein soziales Engagement: die Gründung der Deutschen Uhrmacherschule in Glashütte und das Bemühen um eine Eisenbahnverbindung von Dresden ins eher einsame Müglitztal. Am 23. Januar 1885 hielt Moritz Großmann in Leipzig ein Referat über „Die Einführung der Weltzeit“. Kurz danach raffte ihn ein Hirnschlag hinweg. Bei der Überführung des Leichnams nach Glashütte säumten mehr als tausend Menschen den Straßenrand.

Seiner angesehenen Manufaktur half das indes nicht. Nach seinem Tod verschwand sie quasi spurlos von der Bildfläche. Bis zur Wiederbelebung des Namens im Jahr 2008 durch Christine Hutter lebte Großmann nur in den Köpfen und Sammlungen eines kleinen, aber feinen Kreises von Liebhabern Glashütter Uhrmacherkunst weiter. Heute geht die Marke mit Modellen wie der Universalzeit oder der XII Birthday Edition ihre eigenen Wege.

Die zehn mm große Grossmann-Unruh mit vier Masse- sowie zwei Regulierschrauben im klassischen Pfeilerwerk mit 2/3-Platine teilt die Zeit in Sechstelsekunden-Abschnitte

Moderne Automatik im alten Stil

Zu Lebzeiten von Moritz Grossmann gab es schon Taschenuhren mit Selbstaufzug. Im Gegensatz zu A. Lange & Söhne entwickelte und baute er selbst aber keine. Also blieb die Lancierung des ersten Automatikwerks mit dieser Signatur seinen Nachfolgern vorbehalten. Sie stellten während der Baselworld 2018 das wie üblich etwas anders gestaltete Kaliber 106.0 vor.

Als Basis diente den Konstrukteuren ein klassisches Pfeilerwerk mit 2/3-Platine, 31,6 Millimetern Durchmesser und 4,1 Millimetern Bauhöhe. Die Teilung der Zeit in Sechstelsekunden-Abschnitte, also 21.600 Halbschwingungen pro Stunde, übernimmt eine zehn Millimeter große Grossmann-Unruh mit vier Masse- und zwei Regulierschrauben im Zusammenspiel mit einer Ankerhemmung.

Das fein dosierte Verstellen des Rückerzeigers und damit der aktiven Länge der Breguetspirale erledigt eine Madenschraube à la Großmann. Mit von der Partie sind ein Unruhstopp zum präzisen Einstellen der Uhrzeit und der bekannte Drückermechanismus. Er schaltet nach dem Zeigerstellen zurück und erlaubt bei Bedarf das manuelle Spannen der Zugfeder per Wippenaufzug. Das Energiebündel speichert Kraft für maximal 72 Stunden Gangautonomie.

Neu mit Tradition: die Hammerautomatik

Einerseits neu und ungewöhnlich, andererseits sehr traditionsverhaftet präsentiert sich die „Hamatic“. Sie führt in eine vergangene, unter Kennern nicht ganz unumstrittene Epoche des automatischen Aufzugs. Um 1770 wird Abraham-Louis Perrelet der Selbstaufzug für Taschenuhren zugeschrieben. Ob er mit Rotor oder seitlicher Schwungmasse arbeitete, ist bis heute strittig. Breguet, Cox, Dussault, Jaquet-Droz, Loehr, Romilly und andere setzten jedenfalls auf von Pedometern abgeleitete Pendelschwungmassen.

Bei Armbanduhren griff Rolex 1931 die Idee des unbegrenzt drehenden Rotors auf. Wasserdichter Patentschutz hinderte die Konkurrenz mehr als zehn Jahre daran, mit Aegler und Wilsdorf gleichzuziehen. Also verwendete sie nolens volens die überlieferten Hammeraufzüge in unterschiedlichen Ausprägungen. Dieses System nutzte auch Audemars Piguet 1986 beim ersten seriell gefertigten, ultraflachen Armband-Tourbillon. Moritz Grossmann beschert ihm nun ein weiteres Comeback. „Hamatic“ ist denn auch nichts anderes als ein Kürzel des sperrigen Worts Hammeraufzugsautomatik.

So arbeitet das Kaliber 106.0

Selbige lässt sich durch den Sichtboden der 41 Millimeter messenden Moritz Grossmann Atum Hamatic mit Edelmetallgehäuse studieren. Auch im vorderen Zifferblattausschnitt links und rechts der kleinen Sekunde findet beim Tragen einiges an Bewegung statt. Die für den Energienachschub zuständige Pendelschwungmasse arbeitet in beiden Bewegungsrichtungen. Gegenüber ihrem Drehpunkt zwischen Unruh und Federhaus sitzt der unverzichtbare Massekörper.

Die kinetische Energie gelangt über eine Hammerfeder, zwei links und rechts am Werk befestigte Klinkenhebel sowie ein Reduktions-, Freilauf- und Sperrrad zum Federhaus. Schnelle, sehr kraftvolle Bewegungen dämpft und begrenzt ein System aus Fangschieber und festen Endanschlägen.

324 Komponenten braucht es für ein Exemplar des Kalibers 106.0, darunter 39 funktionale Steine. Drei davon sind in verschraubten Goldchatons gefasst. Exklusivität wie diese hat ihren Preis: Mit Roségoldgehäuse kostete die Moritz Grossmann Atum Hamatic zur Lancierung 44.800 Euro, daneben gab es eine Weißgold-Version. 2020 ergänzte die Manufaktur die Familie um die Hamatic Vintage.

Moritz Grossmann Atum Hamatic mit Roségoldgehäuse

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