Umzug in Nürnberg
Das Haus Wempe und seine engagierten Familienmitglieder kenne ich nun schon seit vielen Jahrzehnten. In dieser langen Zeitspanne durfte ich nahezu alle Geschäfte kennenlernen. Umso gespannter war ich auf die neue Juwelier Wempe Niederlassung in Nürnberg.
Nach dem Besuch lautet mein Fazit: Schon nach wenigen Minuten hatte ich das Gefühl, einen völlig neuen Wempe-Auftritt zu erleben. Heller, offener, großzügiger und vor allem mit sehr viel mehr Luft zwischen den einzelnen Marken- und Produktwelten.

Zweifellos befindet sich das inzwischen von Birgit Wangerin geleitete Ladengeschäft am Nürnberger Ludwigsplatz in einer der besten Innenstadtlagen. Sie löste Viola Brand ab, die sich nach vielen Jahren erfolgreicher Tätigkeit für Wempe in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet.
Rund 600 Quadratmeter Verkaufsfläche stehen in der neuen Wempe Boutique Nürnberg für Uhren und Schmuck zur Verfügung. Was mir sofort auffiel, war das viele Tageslicht. Große Fenster öffnen das Haus nach außen. Trotzdem hatte ich nie den Eindruck, dass Kunden bei einer Beratung auf dem Präsentierteller sitzen. Offenheit und Diskretion finden hier zu gekonnter Symbiose zusammen.

Juwelier Wempe Nürnberg: Großzügig und dynamisch
Überhaupt gefällt mir die Großzügigkeit des neuen Domizils. Nichts wirkt vollgestellt. Ich kann mich bewegen, schauen, mich setzen und in Ruhe entdecken. Das unterscheidet Nürnberg deutlich von manchem klassischen Luxusgeschäft, in dem möglichst viel Ware auf vergleichsweise wenig Fläche zu sehen ist.

Besonders gelungen finde ich das neue Schaufensterkonzept. Statt statischer Auslagen stehen dort bewegliche Präsentationselemente, die sich drehen und immer wieder eine andere Seite zeigen. Wie sehr diese Bewegung Blicke auf sich lenkt, konnte ich immer wieder beobachten. Man bleibt stehen, schaut hin und wartet fast automatisch darauf, was als Nächstes kommt. Früher stellte der Einzelhandel einen Stopper auf den Gehweg. Hier übernimmt das Schaufenster selbst diese Aufgabe.

Auch innen setzt sich dieses Prinzip fort. Uhren und Schmuck besitzen jeweils genügend eigenen Raum, gehören aber sichtbar zusammen. Bei den Uhren nimmt Rolex mit gleich zwei Cornern eine besonders prominente Stellung ein. Trotzdem wirkt das Ganze auf mich nicht wie eine Aneinanderreihung abgeschotteter Markenboutiquen.

Viele Marken unter einem Dach
Den Multibrand-Gedanken halte ich für wichtig, weil er umfassende und unabhängige Beratung ermöglicht, die nicht schon mit einer bestimmten Marke beginnt und endet. In Nürnberg können Kunden vergleichen, unterschiedliche Uhren anprobieren und vielleicht am Ende mit einem ganz anderen Objekt das Geschäft verlassen, als sie ursprünglich im Kopf hatten.
Auch der Schmuck hat deutlich Gewicht. Neben den eigenen Wempe-Marken finden sich Fremdmarken und eigene Beratungsbereiche. Bei meinem Rundgang hatte ich nicht den Eindruck, dass Schmuck hier lediglich Ergänzung zum Uhrengeschäft ist. Vielmehr gehört er gleichberechtigt zum Auftritt des Hauses.
Gefallen haben mir des Weiteren auch viele Details, welche man erst beim genaueren Hinsehen entdeckt: unterschiedliche Stoffe und Farben, wechselnde Materialien, verschiedene Raumstimmungen und großzügige Beratungsplätze. Selbst die Mitarbeiterbereiche hat Wempe sichtbar mit Anspruch gestaltet. Das mag für den Kunden zunächst nebensächlich erscheinen, sagt für mich aber einiges darüber aus, wie viel Wert ein Unternehmen auf seine Mitarbeitenden legt und letztlich auch sein Geschäft versteht.

Uhrenkosmos Fazit
Nach dem Besuch war für mich deshalb klar: Nürnberg ist keine bloße Vergrößerung der Verkaufsfläche von 116 auf rund 600 Quadratmeter. Vielmehr erhielt ich eine ziemlich konkrete Vorstellung, wie Wempe den stationären Fachhandel für Uhren und Schmuck künftig gestalten möchte. Mehr Offenheit, mehr Erlebnis und mehr Aufenthaltsqualität, ohne die klassischen Tugenden des Fachhandels aufzugeben. Genau diese Mischung hat mich überzeugt.
Überzeugend wirkt in diesem Zusammenhang auch, was mir Kim-Eva Wempe und ihre Tochter Chiara im Rahmen der Geschäftseröffnung über den neuen Auftritt und die Zukunft des Familienunternehmens erzählten.

Im Gespräch: Kim-Eva und Chiara Wempe mit Gisbert Brunner
GLB: Kim, Chiara ich habe es euch beim Rundgang schon gesagt: Dieses Geschäft ist für mich ein völlig neuer Wempe-Eindruck. Heller, offener, großzügiger. Wie kam es dazu?Innen
Kim-Eva Wempe: In Nürnberg kamen mehrere Dinge zusammen. Wir wollten uns hier schon lange vergrößern. Unser bisheriges Geschäft hatte eine Verkaufsfläche von 116 Quadratmetern, jetzt sind es rund 600. Dazu kam dieser Standort am Ludwigsplatz in einem wunderschönen Haus. Für uns war klar: Wenn wir in Nürnberg neu anfangen, dann richtig.
Chiara Wempe: Für mich war es auch ein besonderer Moment. Ich war selbst erst zur Eröffnung zum ersten Mal im komplett fertigen Geschäft. Obwohl ich die Planung kannte, wirkt es in der Realität noch einmal anders. Transparenz und Tageslicht verändern das Erlebnis.
Besonders auffällig sind die neuen Schaufenster. Früher war das Schaufenster eher eine Bühne für möglichst viel Ware. Jetzt passiert dort tatsächlich etwas.
Chiara: Genau das wollten wir verändern. Das Schaufenster soll nicht nur Auslage sein. Durch die Bewegung entsteht Dynamik. Man sieht zunächst eine Seite, dann dreht sich die Bühne und plötzlich öffnet sich eine andere Marken- oder Produktwelt. Das erzeugt Neugier.
Kim: Früher stellte man einen Stopper auf den Gehweg. Heute muss das Schaufenster selbst der Stopper sein. Wir haben in Dresden erlebt, dass Menschen wirklich stehen bleiben, weil sich etwas bewegt und sie wissen wollen, was auf der anderen Seite kommt. Das Schaufenster muss wieder verführen.

Gleichzeitig nimmt die Offenheit dem Geschäft nicht die Ruhe.
Kim: Das war wichtig. Wir wollten Licht und Offenheit, aber niemand soll sich bei einer Beratung wie auf einer Bühne fühlen. Deshalb sind die Sichtachsen so angelegt, dass die Menschen draußen viel vom Innenbereich der Niederlassung wahrnehmen, aber nicht direkt den Kundinnen und Kunden bei der Beratung zuschauen können.
Chiara: Und wir gewinnen Fläche. Bei klassischen Schaufenstern braucht man hinten noch einen Schaufenstergang. Das fällt hier weitgehend weg. Dadurch können wir die Fläche besser nutzen.
Wenn ich das mit der Maximilianstraße in München vergleiche, wirkt Nürnberg fast wie ein Generationssprung.
Kim: Das Grundkonzept hat sich nicht komplett verändert. Unsere Innenarchitektin schaut sich immer zuerst das Haus an: Geschichte, Proportionen, Materialien. Hier konnte sie durch die großen Fenster und das Tageslicht ganz anders spielen. Ich möchte nicht, dass unsere Niederlassungen überall gleich aussehen.
Man entdeckt tatsächlich immer wieder etwas.
Kim: Genau. Ich möchte nicht in eine Niederlassung kommen und von einem Punkt aus schon alles gesehen haben. Es darf immer noch etwas um die Ecke geben. Das hat mit Neugier zu tun, aber auch mit Geborgenheit.

Nürnberg ist also nicht einfach größer geworden. Es ist eine andere Vorstellung davon, wie ein Juwelier heute funktionieren soll.
Chiara: Ja, und das betrifft nicht nur die Architektur. Wir fragen uns viel stärker: Wie möchte die nächste Generation Luxus erleben? Luxus ist eben nicht nur ein Produkt. Es ist auch Atmosphäre, Kommunikation, Beratung und das Gefühl, wie man empfangen wird.
Damit sind wir bei der Rolle des stationären Handels. Kim, du hast einen Satz gesagt, der hängen bleibt: Menschen wollen zu Menschen.
Kim: Davon bin ich überzeugt. Unsere Kunden informieren sich online. Aber am Ende wollen viele das Produkt sehen, anfassen, anprobieren, vergleichen und mit jemandem sprechen, dem sie vertrauen. Wir verkaufen Dinge, bei denen Emotion, Wissen und persönliche Beziehung eine große Rolle spielen.
Und deshalb hält Wempe am Multibrand-Gedanken fest?
Kim: Absolut. Es gibt Städte und Situationen, in denen Monobrand-Boutiquen sinnvoll sind. Aber wir glauben sehr stark an die Beratung über verschiedene Marken hinweg. Wenn ein Kunde zu uns kommt, soll er nicht schon vorher wissen müssen, welche Marke es am Ende wird. Vielleicht kommt er wegen einer bestimmten Uhr und entdeckt im Gespräch etwas völlig anderes. Genau das ist Fachhandel.
Chiara: Das gilt genauso für Schmuck. Menschen wissen oft nicht exakt, was sie suchen. Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören und dann Möglichkeiten zu zeigen. Dafür braucht man Breite und Mitarbeiter, die Produkte erklären können.

Chiara, gleichzeitig kommuniziert Wempe heute sehr viel stärker sich selbst als Marke. Früher standen für mich die vertretenen Uhrenmarken stärker im Vordergrund.
Chiara: Wir wollten die Dachmarke Wempe bewusster stärken. Nicht gegen die Marken, sondern auch für sie. Denn viele dieser Marken kann der Kunde an anderer Stelle kaufen. Also muss es einen Grund geben, warum er sie bei Wempe kauft. Die Gründe sind unsere Mitarbeitenden, unser Service, unsere Geschichte, unsere Art der Beratung und auch der Spirit im Unternehmen.
Chiara, du hast gesagt: Menschen folgen Menschen.
Chiara: Genau. Hinter Wempe steht eine Familie, aber eben auch ein großes Team. Über persönliche Kommunikation können wir viel besser zeigen, was im Unternehmen passiert und wofür wir stehen. Ein Unternehmenskanal kann Informationen vermitteln. Menschen können Begeisterung und Persönlichkeit vermitteln.
Kim: Und das darf nicht aufgesetzt sein. Familie heißt bei uns nicht: Hier ist die Familie und dort sind die Mitarbeiter. Wir arbeiten miteinander. Wenn ich sehe, wie stolz das Nürnberger Team auf dieses neue Geschäft ist, dann ist das mindestens so wichtig wie jeder schöne Stein an der Wand.
Was mir ebenfalls aufgefallen ist: der Mitarbeiterbereich. Kein dunkler Raum irgendwo im Keller.
Kim: Wenn es räumlich geht, machen wir das. Die Mitarbeiter verbringen einen großen Teil ihres Tages in der Niederlassung. Natürlich sollen sie vernünftige Räume haben. Das ist Wertschätzung.

Wertschätzung zeigt sich für mich auch im Service. Ich habe mir kürzlich eure Uhrenwerkstätten im denkmalgeschützten Hamburger Kontorhaus Stubbenhuk angesehen. Das ist eine Dimension, die der Kunde vorn oft gar nicht wahrnimmt.
Chiara: Service ist ein entscheidender Teil von Wempe. Das Produkt hört für uns nicht mit dem Verkauf auf. Gerade bei Uhren ist die Werkstattkompetenz enorm wichtig. Auch sie ist ein Grund dafür, warum jemand eine Uhr bei uns kauft und nicht einfach irgendwo.
Zurück nach Nürnberg. Wie wichtig ist Schmuck in diesem neuen Haus?
Chiara: Sehr wichtig. Nürnberg war immer ein starker Schmuckstandort für uns. Wir haben hier einen eigenen Bereich mit eigenem Schmuck und Fremdmarken. Dazu kommt unsere neue Designsprache.
Die neue Linie fällt auf, weil sie nicht versucht, everybody’s darling zu sein.
Chiara: Das ist auch nicht das Ziel. Wir sagen gern „simple shapes with an edge“. Die Grundform kann klar sein, aber sie braucht etwas Eigenständiges. Beim Armreif war die technische Umsetzung eine Herausforderung, weil wir kein gewöhnliches Scharnier wollten. Gutes Design versteht man auf den ersten Blick – und entdeckt beim zweiten mehr.
Kim: Und dann braucht man auch den Mut, etwas zu machen, bei dem nicht alle sofort sagen: Das ist gefällig. Wenn ein Stück Persönlichkeit verlangt, kann das sehr spannend sein.

Muss eine Verkäuferin oder ein Verkäufer heute Uhr und Schmuck gleichermaßen beherrschen?
Chiara: Grundsätzlich kann bei uns jeder beides verkaufen. Gleichzeitig gibt es Spezialisten: Schmuck- und Diamantbotschafter sowie eigene Markenbotschafter für die einzelnen Uhrenmarken. Niemand kann in jeder Tiefe alles wissen. Deshalb kombinieren wir breite Beratung mit Spezialwissen.
Du, Chiara, und dein Bruder Scott seid bereits im Unternehmen. Wie teilt ihr euch die Aufgaben?
Chiara: Momentan haben wir beide denselben Titel im Business Development. Eine starre Aufteilung gibt es noch nicht. Vieles läuft über Projekte und Interessen. Die zentrale Frage ist: Wie muss Wempe sich entwickeln, damit das Unternehmen auch für die nächste Generation relevant bleibt?
Das Schaufenster der Zukunft ist so ein Projekt.
Chiara: Genau. Ebenso die Weiterentwicklung unserer eigenen Produkte und unserer Kommunikation. Wir wollen nicht Tradition gegen Moderne ausspielen. Die Frage ist: Was ist an Wempe wirklich wertvoll und muss bleiben – und was muss sich verändern, damit es auch in zehn oder zwanzig Jahren noch relevant ist?
Kim: Jede Generation muss ihren eigenen Beitrag leisten. Mein Vater hatte seine Vorstellungen davon, was ein guter Juwelier sein muss. Ich hatte meine. Und jetzt kommen Chiara und Scott mit ihren Gedanken. Wenn man als Familienunternehmen nur bewahrt, wird man irgendwann zum Museum.


Mein Eindruck nach diesem Eröffnungstag der neuen Juwelier Wempe Boutique in Nürnberg: Stationärer Handel hat dann Zukunft, wenn er mehr bietet als Ware.
Kim: Das würde ich sofort unterschreiben. Eine Niederlassung muss einen Grund liefern, warum Menschen kommen wollen.
Chiara: Und warum sie wiederkommen wollen.
Dann ist Nürnberg vielleicht weniger ein neues Geschäft als eine ziemlich klare Ansage, wohin Wempe will.
Kim: Damit kann ich sehr gut leben.






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