Patek Philippe mit Weltzeitindikation (1/2)
Weltzeit-Wissen oder: Wie die Uhr von Herrn Schmidt ins Museum kam

1940 kaufte ein geheimnisvoller Herr Schmidt einen besonderen Patek-Philippe-Chronographen. Das Unikat mit Weltzeitindikation liegt heute zwar im Museum, ein Fossil ist es noch lange nicht. Der neueste Zeitmesser der Nobelmanufaktur ist eine Hommage an die Erfindung. Ein Blick in die Annalen einer bewegten Geschichte.

Weltzeit-Wissen oder: Wie die Uhr von Herrn Schmidt ins Museum kam

Für Globetrotter: Diese Patek Philippe mit Weltzeitindikation zeigt (fast) überall auf der Welt die richtige Zeit an.

Der geheime Chronograph des Herrn Schmidt

Wer dieser Herr Schmidt war, der Thierry Stern am 2. Oktober 1940 den Patek-Philippe-Chronographen mit Weltzeitindikation, Gehäusenummer 621.495 abkaufte, ist nicht bekannt. Vielleicht ein Arzt? Immerhin wies das Zifferblatt des gelbgoldenen Unikats medizinische  Skalen auf. Bestimmen konnte der Träger so die Frequenz von Pulsschlägen und Atemzügen pro Minute.

Das Besondere am Handaufzugskaliber 13-130 HU bestand jedoch in einem zusätzlichen, entgegen dem Uhrzeigersinn rotierenden 24-Stunden-Ring. In Kombination mit einer drehbaren Lünette konnte der Träger die Universalzeit ablesen. Diese wurde auf der Uhr durch 33 in den Glasrand eingravierte Städte dargestellt. Auf die Permanentsekunde bei „9“ und den 30-Minuten-Totalisator bei „3“ musste Herr Schmidt aus technischen Gründen verzichten. Dort, wo die zugehörigen Wellen normalerweise durch das Zifferblatt reichen, rotiert nämlich der Universalzeit-Ring.

Der tickende Mikrokosmos mit einem Durchmesser von 35 und einer Höhe von 11,9 Millimetern lässt sich heute im Genfer Museum von Patek Philippe bestaunen.

Der Schöpfer der Weltzeitindikation

Die kosmopolitische Zusatz-Mechanik des Werks stammt vom Genfer Louis Cottier, dem Erfinder der Weltzeituhr. Geboren am 28. September 1894, machte er eine Ausbildung zum Uhrmacher und arbeitete bis 1931 bei verschiedenen Uhrenmanufakturen. Doch die Folgen der Weltwirtschaftskrise machten den Schritt in die Selbstständigkeit notwendig.

In seinem eigenen Atelier befasste sich Cottier ausführlich mit der Konstruktion und Herstellung komplizierter Uhren. Zeitmesser mit springender Stundenanzeige, Automaten und Spielwerke hatten es dem Uhrmacher angetan. Seine besondere Passion galt jedoch den Weltzeitindikationen. Cottier entwickelte Mechanismen, mit deren Hilfe man alle 24 Zonenzeiten dieser Erde von einem Zifferblatt ablesen konnte.

76 Jahre nachdem Herr Schmidt seine Referenz 1415-1 HU kaufte, präsentiert Patek Philippe während der Baselworld wieder einen Chronographen mit Zeitzonen-Dispositiv.

Geburtsstunde der „Heure universelle“

Im Jahr 1937 stellte die Manufaktur Patek Philippe die erste Armbanduhr mit dieser revolutionären Anzeige vor: die rechteckige Rotgold-Referenz 515. Ihr 24-Stunden-Ring und die Städte auf dem Zifferblatt waren für die Greenwich Mean Time synchronisiert – Umstellung ausgeschlossen. Die noch im gleichen Jahr vorgestellte Referenz 542, die weltweit erste Armbanduhr vom Typ „Heure universelle“, mit gravierter Drehlünette litt schon nicht mehr unter diesem Problem.

Wer über eine Zeitzonengrenze hinweg reiste, musste nur der aktuelle Aufenthaltsort oder die entsprechende Zeitzone bei der „12″ platzieren. So konnte er die jeweils aktuelle Zeit für alle 24 Zeitzonen zugleich ablesen.

Vom Uhrmacher zur Patek-Philippe-Legende

1947 hatte sich Louis Cottier endgültig einen Namen gemacht. Agassiz, Rolex und Vacheron Constantin gehörten nun zu seinen treuen Kunden. Cottier vergrößerte seine Werkstatt und zog in die Rue Ancienne 20 um, wo er den größten Teil der Prototypen nach wie vor von Hand fertigte.

Bei Patek Philippe entwickelte sich Cottier zur Legende. Nach der „heure universelle“ mit außen liegender Drehlünette meldete der Uhrmacher 1948 ein weiteres Patent an: Die neue Konstruktion mit dem innen liegendem Städtenamen-Drehring wurde etwa in der 1953 lancierten Referenz 2523 HU verbaut.

Für Globetrotter, nur die Orts- oder Heimatzeit vom Zifferblatt ihrer Armbanduhr ablesen wollten, kreierte Cottier einen einfachen Verstellmechanismus. Cottier kam zugute, dass der Minutenzeiger beim Überqueren der meisten Zeitzonengrenzen nicht verändert werden muss. Hier reichte es, den Stundenzeiger schrittweise vor- oder rückwärts zu bewegen.

So brachte Patek Philippe 1959 die Referenz 2597 HS mit nur einem unabhängig verstellbaren Stundenzeiger auf den Markt. 1962 folgte ein Modell mit zwei Stundenzeigern. Einer für die Heimatzeit und der zweite (unabhängig verstellbar) für die jeweilige Lokalzeit. Daheim ließ sich das Duo zur Vermeidung von Irrtümern exakt übereinander positionieren.

Das Erbe des Louis Cottier

76 Jahre nachdem Herr Schmidt seine Referenz 1415-1 HU kaufte, präsentiert Patek Philippe während der Baselworld wieder einen Chronographen mit Zeitzonen-Dispositiv. Wie die Hommage an den großen Cottier aussieht und welche technischen Raffinessen sich die Manufaktur für ihr neues Werk hat einfallen lassen? Das und mehr stellen wir in Teil 2 zum Weltzeitindikation bei Patek Philippe vor.

>>Hier geht’s zum zweiten Artikel

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